Captain America - The Winter Soldier - Der aufsässige Held

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Eine Retrospektive der Superhelden Filme des ›Marvel Cinematic Universe‹. Basierend auf den Artikeln von Matt Goldblatt im Collider Magazin, April 2015.

›Iron Man 3‹ ignorierte vollkommen die Meta-Erzählung des Marvel Filmuniversums. ›Thor - The Dark World‹ hielt weitestgehend Abstand davon. ›Captain America - The Winter Soldier‹ hat es unwiderruflich verändert. Es ist der erste und einzige Film der Phase Zwei des Marvel Filmuniversums, dass die Zukunft dieses Universums vollkommen umgestaltet hat. Der Film fand nicht nur in Gestalt von Captain America (Chris Evans), die richtige Figur dafür, sondern stellte ihr auch mit Black Widow (Scarlett Johansson) die richtige Nebenfigur zur Seite. Diese setzte im Film die Beziehung fort, deren Fundament bereits in ›The Avengers‹ angelegt wurde, und die ihr gestattete, ein eigenes Profil zu entwickeln(Im Gegensatz zu ihrem bescheidenen Debüt in ›Iron Man 2‹). Somit musste Black Widow nicht wieder in der Versenkung verschwinden, bis man sie wieder für ›Avengers - Age Of Ultron‹ benötigen würde.
Auch wenn der Film die Furcht von Staat und Bevölkerung vor den Superhelden nicht direkt thematisiert, so zeigt er doch, dass S.H.I.E.L.D. sich trotz des Sieges der ›Avengers‹ in New York zukünftig nicht alleinig auf Superhelden verlassen will, sondern wegen der Machtlosigkeit gegenüber Schlachten mit Ausserirdischen wie in New York, weiterhin fleißig Waffen entwickelnund bauen lässt.
Die Thematik vom Bau von ›sogenannten‹ Verteidigungswaffen ist passend gewählt, denn Captain Americas Waffe der Wahl ist sein Schild, ein klassisches Symbol der Verteidigung.
Auch wenn ein Leitmotiv des Films die Spanne zwischen Sicherheit und Privatheit ist, so ist der eigentliche Konflikt des Films die Problematik, wie man Menschen (auch vor sich selbst) am besten beschützt.
›The Winter Soldier‹ geht immer wieder auf den Umstand ein, dass ›Captain America‹ zwar ein Supersoldat ist — dieser sich aber nicht als plumpe Waffe von seinen Vorgesetzten instrumentalisieren lässt. Captain America ist der ideale Staatsbürger in Uniform. Er fällt seine eigenen Urteile und wird fuchsteufelswild, wenn er erfährt, dass die Geiselbefreiung, an der im ersten Akt beteiligt ist, inszeniert wurde, damit Nick Fury an geheime Informationen gelangen kann.
Eine Waffe dient dazu, gebraucht zu werden. Doch Steve Rogers lässt sich nicht als solche von S.H.I.E.L.D. gebrauchen.

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Der ›Winter Soldier‹ (Sebastian Stan) selbst, ist der genaue Gegenentwurf zum ›aufrechten Soldaten‹ (Und erfüllt damit ebenfalls die bekannte Marvel Trope des Antagonisten als Zerrbild des Protagonisten). Obwohl die Figur zunächst nur die Funktion des Bösewichts inne hat, die auf Grund ihrer gemeinsamen Vergangenheit den Protagonisten an den entscheidenden Handlungswendepunkten straucheln lässt, erlangt sie als Symbol eine wesentlich größere Bedeutung für die Handlung. Zu Beginn von ›Winter Soldier‹ versucht Steve Rogers immer noch seinen Platz und seine Identität in der ›schönen neuen Welt‹ zu finden, und muss mit dem Umstand fertig werden, dass ›sein‹ Amerika sich in 70 Jahren grundlegend verändert hat — und das nicht nur immer zum Besseren.
(In den ›Avengers‹ lässt Joss Whedon ihn sagen: »Ich habe gehört wir haben den Krieg gewonnen - Man hat mir aber nicht erzählt was wir verloren haben.«)
Im Vergleich dazu hat ›Bucky‹ seine Identität bereits vollkommen eingebüßt. HYDRA hat ihn auf eine stumpfe, geistlose Waffe reduziert. Er ist ebenso unmenschlich und emotionslos wie die Helicarrier, die HYDRA unbedingt über den Staaten installieren will.
Während Captain America als Protagonist mit dem Winter Soldier als Antagonisten wieder ein dunkles Zerrbild des Protagonisten vorgehalten wird, bemühen sich die Drehbuchautoren Christopher Markus und Stephen McFeely und die Regisseure Anthony und Joe Russo dazu, wann immer es ihnen möglich ist, die zentralen Themen des Films nicht ausser Acht zu lassen. Dieses Bemühen darf man angesichts der vorherrschenden Mentalität bei den Kreativen der Blockbuster-Fabrikation gar nicht hoch genug einschätzen.
Selbst der überwiegende Teil der Filme des Marvel Filmuniversums zeichnen sich nicht durch eine stringente Thematik oder der Etablierung eines einheitlichen Stils in jeder Sequenz aus. Das klingt harsch, soll es aber gar nicht sein. Aber dies ist einer der Gründe, warum ›The Winter Soldier‹ so aus der Masse der Filme der Marvel Studios hervorsticht. Das, was Joe Johnston mit dem ersten ›Captain America‹ begonnen hatte, den Superhelden-Film durch ein realistischeres Setting zu erden, wird im ›Winter Soldier‹ konsequent und brillant weiterentwickelt.

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›Winter Solider‹ ist durchgängig klug gestaltet und Szenen wie die Verfolgungsjagd mit Nick Fury (Samuel L. Jackson) und Captain Americas Kampf in einem gläsernen Fahrstuhl, sind nicht nur phantastisch choreografierte Action-Sequenzen, sondern sie stehen auch als Stellvertreter für die Thematik der Paranoia, wenn im Fall von Nick Fury Polizisten — und im Fall von Steve Rogers S.H.I.E.L.D. Agenten — plötzlich die Bedrohung darstellen. Nicht nur im Marvel Filmuniversum ist es eine Seltenheit, dass solche Sequenzen neben Kämpfen zusätzlich über einen narrativen Subtext verfügen.
Geschickt streuen die Russo Brüder alle möglichen Hinweise ein, dass S.H.I.E.L.D. zu einer untragbaren staatlichen Behörde verkommen ist, deren moralisches Vorgehen mehr als fragwürdig geworden ist.
Das Emblem von S.H.I.E.L.D. ist denn auch nicht mehr rund, sondern trägt nun scharfkantige, militaristische Züge.
Captain Americas Kostüm hat sein intensives Weiß und Roteingebüßt, und ist nun aus einem blassen Blau und Silber. In der Anfangssequenz hat sein Schild ebenfalls seine intensive Farbe verloren. Das Symbol des Captain America ist zu einer reinen Waffe verkommen. Und nur der Mann Steve Rogers, der dieses Schild schwingt, ist noch in der Lage dazu, eigenständig zu denken und die zweifelhaften Handlungen seiner Vorgesetzten in Frage zu stellen.

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 Der Grund für die moralische Standfestigkeit der Hauptfigur Captain Americas gegenüber einer möglichen Verrohung liegt in seinem Idealismus begründet. Es nützt natürlich auch, einem Gutmenschen wie Steve Rogers, eine Pragmatikerin wie ›Black Widow‹ an seiner Seite zu wissen, die ihm dabei hilft die defizileren Aspekte ihrer Agenten-Tätigkeiten zu vollziehen (Kein Aspekt ihrer Missionen ist irgendwie unlauter, aber die moralischen Doppeldeutigkeiten von S.H.I.E.L.D. Agenten beherrscht sie — im Gegensatz zu Cap — spielend).
Steve Rogers ist und bleibt in jeder Situation moralisch integer. Und dies hilft dem Film dabei, nicht die Bodenhaftung zu verlieren.
Diese — fast schon altmodisch zu nennende — schwarzweiße Sicht von Gut und Böse macht die moralische Grauzone, in der sich Captain America bewegt, nur noch sichtbarer.
In letzter Konsequenz muss die Handlung aber dann die Graubereiche schwarz färben um klar zu stellen: Ja, es ist böse und falsch, wenn der zweite Antagonist des Films, Alexander Pierce (Robert Redford), menschenverachtend argumentiert: »Man rettet 7 Milliarden, indem man 20 Millionen opfert.«
Der Film macht deutlich, dass die amerikanische Außenpolitik im Marvel Filmuniversum nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem darin bestand, dass die USA mit brachialer Gewalt ihre Interessen ohne Rücksicht durchgesetzt haben.
(Man könnte argumentieren, dass diese Vorgehensweise nicht nur für das Marvel Filmuniversum zutrifft.)
Im MCU hat die CIA zwar nicht versucht, Staatsoberhäupter im Mittleren Osten auszuschalten, um die amerikanischen Ölinteressen zu wahren, aber es existiert dennoch eine klare (und offenbar von den Drehbuchautoren gewollte) Verbindungslinie, wenn man betrachtet, wie die HYDRA-Organisation den ›Winter Soldier‹ dazu missbraucht, den Fortgang der Geschichte nach ihren Vorstellungen zu justieren (Es wird dabei sogar die Hypothese aufgestellt, dass Nazi-Wissenschaftler direkten Einfluß auf die Innen- und Außenpolitik Amerikas nahmen).
Rhodey (Don Cheadle) hat Tony Stark (Robert Downey Jr.) in ›Iron Man 3‹ erklärt, dass der Terrorist ›Mandarin‹ ein ›amerikanisches Problem‹ sei. Aber das ist Unsinn. ›Captain America - The Winter Solider‹ macht klar, dass das eigentliche Problem Amerika selbst ist. Eine durchaus ketzerische Botschaft, die hübsch verpackt als Superhelden-Film transportiert wird.

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Eine Phase, in der das amerikanische Kino kritisch auf die dubiosen Machenschaften des eigenen Landes in In- und Ausland geblickt hat, gab es bereits in den 70er Jahren in Form des Verschwörungs-Thrillers. Dieses Genre entstand als eine direkte Folge des von Amerika dubios geführten Vietnam-Krieges. Und genau dieses Genre wollten die Marvel Studios mit dem ›Winter Solider‹ bedienen, um zu zeigen, dass man dem Genre des Superheldenfilms mit Anleihen aus anderen Genres bereichern kann. Robert Redford wurde auch genau deshalb mit der Rolle des Alexander Pierce betraut. Redford sollte dem Film nicht nur seine schauspielerische Gravitas verleihen, sondern als Referenzpunkt zu seiner Rolle in dem Verschwörungs-Thriller »Die Drei Tage des Condor« aus dem Jahr 1975 dienen.
Aber es gibt einen bedeutenden Unterschied zwischen einem Kassenschlager wie ›The Winter Soldier‹ und einem Verschwörungs-Thriller. Der Film der Russo Brüder kann so viele Referenzen dieses Genres zitieren wie es will, letztendlich kann ein moderner Superheldenfilm nicht in die Fußstapfen eines ›Die Drei Tage des Condors‹ treten, denn per se endet die Handlung eines Superheldenfilms hoffnungsvoll.
(Man könnte argumentieren, dass die Filme von Marvels Comic-Konkurrenten DC mit ihrer düstereren Grundstimmung sich mehr in Richtung der Verschwörungs-Thriller lehnen, aber selbst der epische Kampf von ›Superman‹ (Henry Cavill) und General Zod (Michael Shannon) im dritten Akt von Zack Snyders ›Man Of Steel‹ (2013) endete mit einem Happy-End.)
Echte Verschwörungs-Thriller, besonders die aus den 70er Jahren, ertrinken fasst im Pessimismus. Die staatlichen Institutionen sind zu mächtig, um von einem Individuum gestoppt werden zu können. ›The Winter Soldier‹ ist angefüllt mit spektakulären Action-Sequenzen, die die Botschaft übertragen, dass staatliche Paranoia zu einer Eskalation von Gewalt führt. Doch genau diese Sequenzen sind es auch, die das Publikum begeistern und mitreißen sollen. Echte Verschwörungs-Thriller sind zumeist stille Filme, die einer Eskalation von Gewalt aus dem Weg gehen, da Gewalt in diesen Filmen immer bedeutet, die Machtlosen unter den Mächtigen leiden sehen zu müssen.

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›The Winter Solider‹ bleibt trotz all seiner Anklänge an ein verschwundenes Genre ein eskapistisches Märchen. Und die Marvel Studios möchten nicht, dass man aus einem ihrer Märchen niedergeschlagen (oder radikalisiert) entlassen wird. Die einfache (und märchenhafte) Lösung ist daher, dass der gesamte militärisch-industrielle Komplex niedergerissen werden muss, um die demokratische westliche Welt zu bewahren. Eine bewundernswerte, aber leider auch zutiefst naive Vorstellung. Da S.H.I.E.L.D. bis aufs Mark mit HYDRA verbunden ist, muss alles aufgelöst werden und alle schmutzigen Geheimnisse dieser Organisationen werden, wie in unserer Welt dies mit Hilfe Wikileaks geschehen ist, im Internet öffentlich gemacht.
In einem Verschwörungs-Thriller der 70er Jahre rettet niemand die Welt. Das Schicksal der Welt in eine Hand voll von aufrechten Staatsbürgern in Uniform zu legen, um es mit einer geheimen und korrupten Armee aufzunehmen, ist die Realitätsflucht die uns ›The Winter Soldier‹ liefert. Und der Film tut dies auf beachtenswert gut gemachte Art und Weise.
›The Winter Solider‹ beschert dem Marvel Filmuniversum die erste große Erschütterung. Keiner der Filme der Phase Zwei des Filmuniversums hatte die Folgen der Schlacht um New York so konsequent weitergedacht. (›Avengers - Age Of Ultron‹ wird diese Entwicklung fortsetzen) S.H.I.E.L.D. konzentriert sich nicht darauf eine weitere Alien Invasion zu verhindern und niemand lässt eine Bemerkung fallen wie z.B. »Hey, erinnert ihr euch an dieses magische Zepter von Loki? Weiß einer, wo wir das Ding hingelegt haben?« (Diese, durchaus berechtigten, Fragen werden erst in ›Avengers - Age Of Ultron erschöpfend geklärt).
Dieser Film konzentriert sich auf die Frage, wieviel Macht man im Marvel Universum dem militärisch-industriellen Komplex zugestehen will. Aber diese Fragen werden mit dem Hintergrund der Schlacht um New York geführt. Daher ist die Auflösung der Agentenorganisation S.H.I.E.L.D., die seit ihrem Beginn mit ›Iron Man‹ immer eine gewichtige Rolle in diesem Filmuniversum gespielt hat, so bedeutsam.

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Man kann kritisieren, dass der Höhepunkt des Films im Grunde nur eine Steigerung des Höhepunkts in ›Captain America - The First Avenger‹ war. Es gibt jetzt mehrere parallele Handlungsebenen, aber im Grund bekämpft Captain America nur wieder ein Zerrbild seiner selbst. In einer fliegenden Festung, die zerstört werden muss, bevor diese eine amerikanische Metropolezerstört.
Diese Form der Klimax ist die repetierende Form in Phase Zwei des Marvel Filmuniversums. Ein gigantisches Etwas vollführt eine spektakuläre Bruchlandung.
Dennoch überwiegen bei ›Captain America - The Winter Soldier‹ die zahlreichen positiven Errungenschaften der Handlung die Ermüdungserscheinungen durch sich wiederholende Tropen.
Der Film ist der bis dato einzige, der die Landschaft des Filmuniversums grundlegend neu formt — und das gilt für die zukünftigen Filme bis hinunter zu der bisher vom Publikum verschmähten Fernsehserie »Agents Of S.H.I.E.L.D. (Die erst durch die Ereignisse von ›Winter Soldier‹ aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht, und aus oberflächlichen Figuren und lauen Handlungssträngen sich dannzu bisher ungeahnten Höhen aufschwingen wird.)
›Iron Man 3‹ und ›Thor - The Dark World‹ machen Spaß, nutzen aber nicht die Möglichkeiten die die Meta-Erzählung des Marvel Filmuniversums offeriert.
Es gibt ein paar Anspielungen hier und da, aber für das große Ganze bleiben diese Filme folgenlos.
Bisher hatten die Filme der Phase Zwei seine Helden diese Meta-Erzählung missachten, verlassen oder verändern lassen. Der letzte Film von Phase Zwei würde die berechtigte Frage stellen: »Was zum Teufel macht eigentlich Helden zu Superhelden?«