Thor - The Dark World - Der vielschichtige Held

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Eine Retrospektive der Superhelden Filme des ›Marvel Cinematic Universe‹. Basierend auf den Artikeln von Matt Goldblatt im Collider Magazin, April 2015.

Wenn ›Iron Man 3‹ eine Auszeit von dem Marvel Filmuniversums war, dann ist ›Thor - The Dark World‹ ein Weckruf sich dem Filmuniversum wieder zu widmen. In diesem Film bot sich für die Marvel Studios die Gelegenheit sich Freiheit zu nehmen den Charakter von Thor (Chris Hemsworth) zu erweitern. Das Publikum wurde bereits in der ersten ›Thor‹ Verfilmung und in den ›Avengers‹ mit der Figur vertraut gemacht. Es wusste, wie die Welt Asgards funktionierte — und sie wollte mehr davon sehen. Betrachtet man ›Thor - The Dark World‹ aus der Perspektive des ›World Building‹, der Ausschmückung der im Film kreierten Welt, dann ist der zweite ›Thor‹ Film ein großartiges Werk, das jede Menge gut gemachter exotischer Handlungsschauplätze, Kostüme und ein geschicktes Spiel mit mehrdimensionalen Räumen bietet, die, trotz schwacher Handlung, reichlich für Unterhaltung sorgen.
›Thor - The Dark World‹ repetiert den ersten ›Thor‹ Film dahingehend, dass er ein neues bedrohliches ›Anderes‹ ins Rennen schickt. Anstelle von ›Laufey‹ und den Frostriesen ist es dieses mal Malekith (Christopher Eccleston) und seine dunklen Elfen.
Wie schon bei ›Thor‹ beginnt der Film mit einem Prolog des Göttervaters Odin, der davon berichtet, wie böse die Dunklen Elfen sind, aber von den ›noblen Streitkräften Asgards‹ besiegt wurden.  Der Film macht sich nicht Mühe zu erklären wer die Dunklen Elfen sind. Einst haben sie das Universum beherrscht, dann haben sie an Macht verloren. Sie besitzen keinerlei Kultur und der Grund warum man sie bekämpfen sollte ist, dass sie die ›Dunkelheit‹ bringen wollen, was vermutlich den Tod für alle bedeutet, mit Ausnahme der Dunklen Elfen, weil sie den Begriff ›Dunkelheit‹ ja bereits im Namen tragen.

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Mit diesem achten Film im Marvel Filmuniversum erringt Malekith den Spitzenplatz als schwächsten Marvel Bösewicht. Wenn die Figur wenigstens erklären würde: »Mein Volk hat einst das Universum beherrscht und ich werde es nun für sie zurückerobern!« Aber in der kriegerischen Auseinandersetzung im Prolog des Films opfert Malekith seine eigenen Männer, um selbst zu entkommen. Also warum sollten diese ihm dann weiterhin die Treue halten? Was macht Malekith zu einen so herausragenden Anführer? Er ist ein Bösewicht, weil er bedrohlich aussieht und er alles um sich herum zerstören will. Zum Glück für Malekith stolpert Jane Foster (Natalie Portman) über den sogenannten ›Äther‹. Das einzige Ding was Malekith braucht, und genau zum richtigen Zeitpunkt, denn die Zeit der ominösen ›Zusammenkunft‹ ist Nahe.
Die schwache Handlungsstruktur des Films zieht sich bis in die Mitte des zweiten Akts. Recht unbeholfen entledigt sich das Drehbuch der Figur des Hogun (Tadanbou Asano) und erinnert uns nicht weniger holprig, daß Jane Foster eine Astrophysikerin ist, die einem Kerl hinterher trauert, den sie vor zwei Jahren nur kurz kennengelernt hat. Dann muss der Zuschauer die Trope »Da gibt es einen Bösewicht der eingekerkert wurde, damit er ausbrechen kann um Chaos zu stiften« ertragen.
Doch sympathische Figuren, lustige Dialoge und eine prachtvolle Ausstattung retten den dahin dümpelnden Handlungsverlauf.

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Dankenswerterweise wechselt die Handlung so schnell wie möglich den Schauplatz. Auch wenn dies zur Folge hat, dass Jane Foster dadurch nur noch mehr zu einer ›Jungfrau in Nöten‹ wird, die all ihr wissenschaftliches Equipment links liegen lässt, kaum dass sie wieder mit ›Thor‹ zusammen sein kann. Dies bietet der Handlung die Möglichkeit, die Erde zu verlassen und die phantastische Welt von Asgard weiter zu vertiefen.
Das sorgt nicht nur dafür, dass die Agentenorganisation S.H.I.E.L.D. in den Hintergrund rückt (die zu diesem Zeitpunkt, wie man in einer Folge der Serie ›Agents of S.H.I.E.L.D. miterleben kann, noch existiert), sondern sorgt auch für neue und interessantere Entwicklungen der Handlung.
›Thor - The Dark World‹ ist ebenfalls ein gutes Beispiel dafür, wie ein Film sich in das Marvel Filmuniversum einfügen, und dennoch Alleinstellungsmerkmale aufweisen kann. Die verschiedenen Gewerke des Films - von der Musik, über die Ausstattung, bis zu den Kostümen - sind großartig. Alles baut auf der visuellen Bildsprache von Regisseur Kenneth Branagh aus dem ersten ›Thor‹ Film auf. Der Regisseur von ›Thor - The Dark World‹, Alan Taylor fügt unterhaltsame Erweiterungen, wie Schutzschilde, Raumschiffe und ähnliches hinzu, um der herrschaftlichen Ästhetik von Asgard eine Prise von Science-Fiction-Stilmitteln hinzuzufügen.
Wirft wird man den Filmen des Marvel Filmuniversums vor, visuell zu einheitlich zu wirken. Doch in diesem Film ist beispielsweise die Szene der Bestattung von Thors Mutter Frigga, etwas, was in keinem anderen Film des Filmuniversums so funktionieren würde. Und das nicht nur auf inhaltlicher Ebene, sonder vor allem wegen der Stimmung und der überbordenden Ausstattung.

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Die verschiedenen Handlungsstränge verschmelzen schließlich zu einem kohärenten Ganzen, wenn endlich Asgard erreicht wird und Loki (Tom Hiddleston) die Bühne betritt. ›Thor‹ ist zwar die titelgebende Figur des Films, aber seit dem vorherigen ›Thor‹ Film ist klar, dass die Figur des ›Loki‹ ebenso wichtig für die Handlung ist, wie der Held des Films. Hinzu kommt, dass es sich bei Lokis Erzählstrang nicht um eine einfache ›Erlösungsgeschichte‹ handelt. Die Figur des Loki sucht nicht nach Erlösung. Sie sinnt immer noch nach Rache.
Chris Hemsworth zeigt auch in seiner dritten Verkörperung der Figur des Thor wahre Spielfreude. Thor hat sich als Figur sichtlich weiterentwickelt. Er ist verantwortungsbewußter und erwägt die mögliche Rolle des Königs mit viel Bedacht. Aber während Jane Foster nur  schmückendes Beiwerk ist, die ein paar gute Dialogzeilen hat (Und der man auch weiterhin nicht abnimmt, dass sie ein Liebesbeziehung zu Thor unterhält  — auch wenn sie sich am Ende des Films schützend über ihren Geliebten wirft.), bleibt die Figur nur eine Randerscheinung im Vergleich mit Loki.
Der Film wirkt schon wesentlich interessanter, wenn Loki nur auf dem Rücksitz eines fliegenden Bootes zugegen ist, und nicht dann, wenn er die Beziehung von Jane und Thor verhandelt.
Aber selbst nachdem Loki die Szenerie von ›The Dark World‹ (vorläufig) verlässt, bleibt der Film weiterhin spontan und ansprechend. Thor kehrt zwar zusammen mit Jane Foster auf die Erde zurück, doch das hemmt nicht mehr den Fortgang der Handlung. Die Folgen der ›Zusammenkunft‹ verwandeln das irdische Greenwich in einen magischen Ort, der den Zuschauer das Fernbleiben von der opulenten Kulisse von Asgard verschmerzen lässt. Das Wechselspiel zwischen den verschiedenen Dimensionen bilden dabei ebenfalls ein so interessante Kulisse, wie sie innerhalb des Marvel Filmuniversums nur in einem ›Thor‹ Film stattfinden kann. Der epische Kampf zwischen Malekith und Thor ist bis dato einzigartig und unterstreicht das Können des Marvel Studios, Action mit Humor zu verbinden.

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Hier brilliert der Film und deutet das Gelingen des Experiments des Marvel Filmuniversums an, indem er die unverwechselbaren Aspekte seiner Charaktere in eine übergeordnete Handlung einbettet. (Man könnte sogar in der Rückschau sagen, dass dies in ›Thor - The Dark World‹ besser gelingt, als in ›The Avengers - Age Of Ultron‹.)
›The Dark World‹ behandelt nichts in direkter Verbindung zum Marvel Filmuniversums, (S.H.I.E.L.D. findet keinerlei Erwähnung. Und auch kein weiter er Charakter des Filmuniversums triff auf - bis auf das Cameo von Chris Evans in seiner Rolle als Captain America. Doch ›The Dark World‹ wirkt mehr wie ein Teil des Filmuniversums, als dass es es aktiv vermeidet, wie es zuvor bei ›Iron Man 3‹ der Fall gewesen war.)
›Thor - The Dark World‹ beweist, dass alle Filme dieser Reihe Teil einer größeren Meta-Erzählung sind. Und wenn auch die Handlungssträngen nicht direkt in Verbindung treten (Niemand erwähnt die Explosion der amerikanischen Air Force One in ›Iron Man 3‹ und niemand in ›Captain America - The Winter Soldier‹ erwähnt, dass ein gigantisches Raumschiff eine Bruchlandung in London vollzogen hat), der Stil und die Charaktere selbst wirken nun stringent.
Wie dem auch sei — Dies bedeutet jedoch nicht den Verzicht auf den ermüdenden Rückgriff auf schon bekannte Tropen. Da wäre die bereits erwähnte Ähnlichkeit der eindimensionalen Antagonisten Laufey und Malekith zu nennen. Wieder gibt es eine Invasion von Ausserirdischen (wenn auch in kleinerem Umfang wie in den ›Avengers‹) und wieder gibt es den Absturz eines gewaltigen Raumschiffes zu bestaunen.
Und es ist auch ein wenig beunruhigend, dass dies noch mindestens zweimal in Phase Zwei der Filmreihe geschehen wird, nämlich in ›Wintersolider‹ und ›Guardians Of The Galaxy‹.
Es bleibt zu hoffen, dass Marvel für die kommenden Filme aufregendere klimaktische Höhepunkte in Petto hat.

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Wie bereits sein Vorgänger ›Thor‹ erlaubt sich ›Thor - The Dark World‹ ein paar heftige Schnitzer (Das Universum wird durch ein paar, mit ›Wissenschaft‹ gepimpte, Speere gerettet), aber wenigstens gelingt es dem Film die richtige Balance zwischen seiner eigenen Narration und der des sich erweiternden Filmuniversums zu finden. Und das wird sogar bei der sogenannten ›Stinger‹-Szene, nach dem Abspann des Films, fortgeführt, die eine Überleitung zum Film ›Guardians Of The Galaxy kreiert. Der Film hat seinen Stand mehr in der Welt der Science-Fiction als in der überbordenden Fantasy-Welt Asgards, er entflieht schnell den Geschehnissen auf der Erde und schafft mit beeindruckenden Kulissen großartige Szenerien, die aber durch die richtige Portion Humor und Selbstironie gebrochen werden, so dass die Ausserirdischen Abenteuer für den Zuschauer nicht all zu weltfremd wirken. (Eine Aufgabe, die der Humor in  ›Guardians Of The Galaxy‹ später mit Bravour meistern wird).
Ein Teil dieser positiven Effekte ist sicherlich einer Erweiterung des Budgets geschuldet, aber auch auf der narrativen Ebene macht der Film im Vergleich zu seinem Vorgänger einen gewaltigen Schritt vorwärts, sei es bei den Charakteren, der Handlung oder des Filmuniversums selbst.
Wie dem auch sei — ›Thor - The Dark World‹ ist nicht ganz von dieser Welt. Der Film nutzt diesen Umstand um eine Erweiterung des Marvel Filmuniversums zu bieten, anstatt den Fokus auf eine Welt zu richten, in der die Agentenorganisation S.H.I.E.L.D. Sich anschickt die Geschicke der Welt mit Hilfe von Superhelden zu lenken. Das Universum selbst zu retten bleibt die Aufgabe des ausserirdischen Weltraumgotts Thor.
Die irdische Welt im Marvel Filmuniversum zu retten ist die Aufgabe eines Soldaten. Marvels nächster Film wird dies, verhüllt in der Gestalt eines 70er Jahre Verschwörungsthrillers, zeigen.

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