Iron Man 2 - Der Held als Baustelle

Eine Retrospektive der Superhelden Filme des ›Marvel Cinematic Universe‹. Basierend auf den Artikeln von Matt Goldblatt im Collider Magazin, April 2015.

›Der unglaubliche Hulk‹ hatte gezeigt, dass das Marvel Film Universum, das sogenannte ›Marvel Cinematic Universe‹ (MCU) in seiner Anfangsphase eine hoffnungslos unterversorgte Baustelle war. ›Iron Man 2‹ legte das vorherrschende Chaos eines jungen Studios frei, dass verzweifelt versuchte ein Filmuniversum zu schaffen, während es dabei noch versuchte einen eigenständigen Film zu drehen, der seinem Protagonisten einen wasserdichten Handlungsbogen und die Entwicklung seines Charakters bescheren sollte.
Beide Vorhaben gelingen dem Film nicht besonders gut. Nicht das dies viel ausmachte. Der Film spielte über 650 Millionen US-Dollar weltweit ein und landete auf Platz Drei der erfolgreichsten Filme des Jahres 2010 in den USA.
Das Publikum wollte mehr von Tony Stark (Robert Downey Jr.) sehen und wollten mehr von dem wundersamen Marvel Zauber, von dem der erste Film so gesprüht hatte.
Das Studio hatte mit beiden Erwartungen hart zu kämpfen.

Was nun folgt wird sich vielleicht wie eine lange Litanei gegen den Film ›Iron Man 2‹ anhören, aber wenn Sie bis zum Ende lesen, werden auch die größten Verdienste des Films doch noch aufgezeigt.

›Iron Man 2‹ ist kein guter Film. Man kann sich den Film ansehen, aber er ist ein Wrack, keine Havarie. Der Grund dafür liegt daran, dass der Film versucht gleich drei Geschichten auf einmal zu erzählen:

  • Zunächst ist da das Thema ›Vermächtnis‹.
  • Dann leidet Tony Stark an einer Palladium Vergiftung die droht, ihn schleichend umzubringen.
  • Und es wird versucht die Geschichte zu erzählen, wie der militärisch-industrielle Komplex versucht, die Rüstung des ›Eisernen‹ (So der deutsche Titel des Comics ›Iron Man‹) in die Finger zu bekommen und ob es in Ordnung geht, dass ein Egomane, der sich vor niemanden rechtfertigen muss, die Geschicke der Weltbefriedung zu überlassen.

Und dann sind da noch die weiteren Brotkrumen, die gelegt werden müssen, um den ›Avengers‹ Film vorzubereiten. Ein Übel, fürwahr, aber ein notwendiges Übel.

Jeder einzelne der drei Erzählstränge in ›Iron Man 2‹ könnte einen eigenen Film tragen. Nachdem der Zuschauer miterlebt, wie der Russe Ivan Vanko (Mickey Rourke) seine eigene Version des Mini-Arc Reaktors (die Energiequelle, die Tony Starks ›Iron Man‹ Rüstung mit Energie versorgt) konstruiert, sehen wir Tony Stark, wie er seine mittlerweile weltberühmte Rüstung anlegt, um die Stark Expo - Eine Ausstellung technischer Innovationen - in New York zu eröffnen.
Tony Stark hat mit seiner ›Iron Man‹ Rüstung eine der mächtigsten Waffen der Welt geschaffen und führt sie nun in einem Showact vor - inklusive leicht bekleideter Showtänzerinnen - und erklärt der Welt, dass die Expo nicht seine Egomanie zum Gegenstand hätte, sondern: »Es geht um unser Vermächtnis.«

»Vermächtnis« als Thema eines Films ist kein schlechtes Konzept. Ein Vermächtnis war bereits die Motivation im ersten Film. Tony Stark wollte nicht, dass sein Vermächtnis die von ihm produzierten Waffen würden, die in falsche Hände gerieten und womöglich auch amerikanische Soldaten getötet haben. Er ist willens sich selbst in Gefahr zu bringen, um den Kurs seines Vermächtnisses an die Welt zu ändern. An seiner Arroganz hat dieser Kurswechsel jedoch nicht gerührt - im Gegenteil: Sie ist so gar noch gewachsen.
Vanko als ›Sünden der Vergangenheit‹ in den Erzählstrang zum Thema ›Vermächtnis‹ zu bringen, verstärkt diesen Strang der Geschichte, denn er bringt Tony dazu sich der Beziehung und die Gefühle gegenüber seinem Vater zu stellen.
Wie gesagt - allein die gründliche Bearbeitung dieses Erzählstrangs hätte genügt, um einen kohärenten Film mit einer starken Aussage zu schaffen.

Stattdessen stellt der Film weder die Arroganz seines Protagonisten in Frage (Sie bleibt einfach eine liebenswerte Eigenschaft) noch wird die Frage nach der Gefahr gestellt, die von einem einzelnen Mann mit so viel Macht, wie Tony Stark  sie besitzt, ausgeht.
Die Regierung der Vereinigten Staaten befürchtet nur ein neues Wettrüsten, wenn Technologie einer Rüstung wie die von ›Iron Man‹ in die Hände potentieller Kriegsgegner fällt. Sie stört sich nicht daran, dass ein Milliardär sie besitzt und damit tut, was ihm gefällt. Es wird nicht als Bedrohung inszeniert wenn Tony Stark während einer Kongressanhörung aufsteht und erklärt er habe: »Erfolgreich den Weltfrieden privatisiert.«
Damit manifestiert sich Tony Stark erneut als ein Held aus der Denkschule von Ayn Rand, die das Individuum über alles, inklusive der Gesellschaft stellt.
Wenn die Frage des Wettrüstens im Film allerdings ernsthaft gestellt worden wäre, würde das Tony Stark zu der Frage führen, ob es überhaupt möglich ist eine Waffe wie die ›Iron Man’ Rüstung zu konstruieren, ohne die Welt zu einem gefährlicheren Ort zu machen. Wenn jedoch das Wettrüsten  als Konsequenz aus Tony Starks Handeln als ›Iron Man‹ resultiert, wie gelingt es Stark dann den eingetretenen Pfad seines Vermächtnisses als Waffenhändler zu verlassen?
Doch ›Iron Man 2‹ ist nicht an der Klärung dieser Frage interessiert. Der Film behandelt nur das Risiko, dass die Energiequelle der ›Iron Man‹ Rüstung, der Arc Reaktor, in falsche Hände gerät, was diesen, aus dem ersten ›Iron Man‹ bekannten, Erzählstrang nur repetiert anstatt ihn weiter zu vertiefen.

Der Antagonist des Films, Ivan Venko, führt die Tradition der Marvel Studios fort, einen hervorragenden Schauspieler (wobei Rourkes Spiel hier wenig überzeugt. Der einzige Regisseur der bisher eine herausragende Leistung aus Rourke heraus kitzeln konnte, war Darren Aronofsky) auszuwählen und ihm die Rolle eines schwachen Bösewichts zu verpassen. Vanko ist der perfekte Schurke für einen ›Trailer Movie‹. Sein Habitus ist beeindruckend und er hält einen netten kleinen Monolog über Blut und Haie und dass er Gott bluten lässt - und alles davon kann man bereits im Trailer bewundern.
Doch wenn man dann den ganzen Film rezipiert, sieht man einen Schauspieler der es immens übertreibt, sich nur über seinen Vogel (!) beschwert und die meiste Zeit des Films in einer Fabrikhalle hockt.

Dann ist da der Erzählstrang mit Tony Starks Vater. Der Film versucht diesen aus den Fäden Vaterkomplex, Palladium Vergiftung und S.H.I.E.L.D. zu knüpfen — und löst ihn schließlich durch einen ungeschickt platzierten Deus Ex Machina. Wie sich herausstellt, hat Starks Vater Howard (John Slattery) bereits in den 70ern die Technologie entwickelt, die sein Sohn vor den Folgen seiner bedrohlichen Krankheit heilen kann. Das einzige Rätsel, dass Tony für die Lösung seines Problems entschlüsseln muss, entpuppt sich als eine Schatzkarte, die sich in der Hinterlassenschaft seines Vater verbirgt und hat absolut nichts mit Tonys eigenem Vermächtnis zu tun.

Dies zeigt auf, dass ›Iron Man 2‹ ein Film ist, der sich mit nichts wirklich beschäftigen will. Es dauert fast 20 Minuten bis irgendetwas von Bedeutung in dem Film vor sich geht. Es werden zahlreiche Erzählstränge und Charaktere eingeführt, aber der Film lässt einen zentralen Konflikt vermissen. Erst als Tony Stark und Ivan Vanko in Monaco während eines Autorennens aufeinander treffen, nimmt die Erzählung an Fahrt auf.
Bis dahin hatte der Film ein paar lustige Momente, aber keiner der Erzählstränge wird vorangetrieben, denn der Film ist in seiner Grundstruktur ein einziger, zögerlicher Kompromiss.

Comic Fans wird schnell klar, das Regisseur Jon Favreau mit ›Iron Man 2‹ den Comic ›Demon in A Bottle‹ aus dem Jahr 1979 adaptieren wollte, aber nicht durfte. Diese Comic-Erzählung zeigt Tony Starks Kampf mit seinem Alkoholismus und war, für seine Zeit, eine erstaunlich erwachsene Darstellung der Drogen-Problematik in einem Superhelden-Comic.
Es überrascht wenig, dass Marvel Studios eine Problem damit hatte, seinen erfolgreichsten Superhelden im Stall auf den düsteren Pfad eines Alkoholiker-Dramas a la ›Leaving Las Vegas‹ zu schicken.

Die Lösung dieses tonalen Dilemmas ist, das Tonys Palladium Vergiftung als Platzhalter für seinen Alkoholismus herhalten muss: Es ist eine Erkrankung, die ihn schleichend tötet, er ist davon abhängig und er ist nicht in der Lage eine Heilung dafür zu finden.
Der Handlungsstrang wird angereichert, indem Tony Stark sich auf seiner Geburtstagsfeier betrinkt und sich in ein Gerangel mit seinem Freund Rhodey/›War Machine‹ (Don Cheadle) gerät. Tiefer als diese Szene darf Favereau Tony Stark nicht in den Abgrund seiner dunklen Seite blicken lassen. Und es als Handlungsstrang nicht genug um einen ganzen Film zu tragen, besonders einen Film der dezidierte Action-Sequenzen benötigt. Das Gerangel zweier Männer in ›Iron Man‹ Rüstungen ist nicht besonders aufregend inszeniert und wird durch Rob Base und DJ E-Z’s ›It Takes Two‹ wenig gelungen untermalt.

Fazit: Der ›Vermächtnis‹ Erzählstrang ist halbherzig ausgeführt und der ›Demon in a Bottle‹ Erzählstrang hat keinen Biss, da er nun auf einem Element aus dem Periodensystem basiert und nicht auf einem ernsthaften Drogenproblem.
Und die Probleme gehen weiter, denn wir haben einen ›Iron Man‹ Film, indem für den Großteil des Films kein ›Iron Man‹ auftaucht. ›Iron Man 2‹ hat große Schwierigkeiten damit seinen titelgebenden Superhelden in seine Rüstung zu bekommen.
›Iron Man‹ hatte davon gehandelt, wie Tony Stark die ›Iron Man‹ Rüstung konstruiert hat. Doch ›Iron Man 2‹ weiß mit dieser Rüstung nichts anzufangen, und wie man sie einsetzt. Der Zuschauer bekommt eine coole neue Koffer-Rüstung zu sehen und die neue Rüstung hat ein Dreieck als Arc Reaktor, anstelle eines Kreises (und der leuchtende Kreis sieht besser aus - aber natürlich muss für die Hardcore Fans der Comic-Verweis eines Dreiecks erhalten bleiben).

Und dann ist da noch das ›Avengers‹ Problem. Zur Zeit der Produktion von ›Iron Man 2‹ wusste Marvel, dass der Avengers Film Realität werden würde. Es ist nicht vollkommen klar, ob Kevin Feige damals genau wusste, wie er die geplante Zusammenkunft der Superhelden zu arrangieren hatte, aber er wusste sicherlich, dass die, bereits in den zwei vorhergehenden Filmen eingeführte, Agenten-Bundesbehörde S.H.I.E.L.D. einen größeren Raum einnehmen musste. Daher gibt es in ›Iron Man 2‹ mehr von Nick Fury (Samuel L. Jackson) und zusätzlich wird S.H.I.E.L.D. Agentin Natasha Romanoff (Scarlett Johansson) eingeführt.
›Iron Man 2‹ merkt man die Schwierigkeiten an, diesen Organisation in die vorhandenen Erzählstränge einzufügen.
(Thor wird diese Aufgabe, zu erklären was für Aufgaben S.H.I.E.L.D. in dem Marvel Universum hat, besser umsetzen) Nick Fury macht ein paar coole Sprüche und Agentin Romanoff ist schmückendes Beiwerk.
Mit der Ausnahme von Agent Coulson (Clark Gregg) wirkt die Einfügung der S.H.I.E.L.D. Elemente wie eine Titelkarte im Abspann auf der steht: »Sie werden Iron Man in den Avengers wiedersehen!«

Und alle Erzählstränge kulminieren schließlich in einer Wiederholung des letzen Aktes von ›Iron Man‹, nur vollgestopfter.
Anstelle von einem roboterhaften Gegner, bekämpft ›Iron Man‹ nun einen Haufen davon und liefert sich mit ihnen einen relativ unaufgeregten Luftkampf über dem Expo Gelände.
Der Höhepunkt dieser Action-Sequenz ist die Auseinandersetzung mit dem ›Endgegner‹ Vanko, ein antiklimatischer ›Zwei gegen Einen‹ Kampf.
All das hat nichts mit den Erzählsträngen ›Vermächtnis‹ oder ›Wettrüsten‹ zu tun. Stark und Rhodey bedienen sich einer Kriegslist und Vanko sprengt sich schließlich selbst in die Luft.
Kein Vergleich zum Höhepunkt von ›Iron Man‹ indem Tony Stark bereit ist sein Leben zu opfern, um den ›Iron Monger‹ zu besiegen.

Die Auflösung des Films hat im Grunde gar nichts mit ›Iron Man‹ selbst zu tun. Der Film endet mit dem müden Gag, dass Senator Stern (Garry Shandling) Stark eine Medaille an die Brust heftet und ihn ein Arsch nennt. Das ›echte‹ Ende folgt in der Mitte des Abspanns: Agent Coulson findet den Hammer vom Donnergott ›Thor‹ in der Wüste von New Mexico, dessen Film erst ein Jahr später in die Kinos kommen sollte.

Vor der Premiere von ›Iron Man‹ veröffentlichte das ›Onion News Network‹ einen satirischen Artikel darüber, dass der Trailer zu ›Iron Man‹ nun als Film adaptiert worden sei. Der Artikel beschreibt treffend die Obsession der Fans zu Trailern und wie diese mittlerweile als wichtiger angesehen werden als der Rest des Film Marketings.

›Iron Man 2‹ wirkt in der Tat wie ein Trailer, der in einen Film adaptiert worden ist. Der Film enthält genügend Material von ›coolen‹ Momenten, um diese in einnehmende zweieinhalb Minuten zu komprimieren. Da ist der ›Blut im Wasser‹ Monolog von Vanko, Tony Stark, wie er seine ›Koffer-Rüstung‹ anlegt, Tony Stark, wie er in einem riesigen Donut einen Donut verdrückt, Scarlett Johansson, die einfach sexy Scarlett Johansson ist und ›Iron Man‹ und ›War Machine‹ wie sie Seite an Seite kämpfen.

Wenn man alle Erzählstränge von ›Iron Man 2‹, die Handlung und die Charaktere weglässt und nur diese Handvoll von Szenen betrachtet, hat man auf einmal einen aufregenden Film, von dem der Zuschauer mehr sehen will.

Aber so schlecht auch immer ›Iron Man 2‹ auch ist, ihm kommt eine zentrale Rolle in der Entwicklung von Marvel zu. Es ist ein perfektes Beispiel dafür, was man in einem Film nicht tun sollte. Der Film wirkt hastig, aufgeblasen, unstet und ungenau. Der Film versucht die ›Magie‹ des ersten Films wieder aufzugreifen, doch schafft es nur Robert Downey Jr. Robert Downey Jr. zu sein. Und selbst das gelingt dem Film nicht ganz, denn Downey ist nicht der herausragendste Schauspieler in diesem Film. Diesen Titel erhält eindeutig Sam Rockwell als Justin Hammer, eine Ausformung der Marvel Trope, in der der Antagonist nur eine dunkler Abklatsch des Protagonisten ist.

Und obwohl Marvel an seinen Tropen auch in den kommenden Filmen der ›Phase Eins‹ seiner Filmreihe festhalten sollte, so würden die beiden nächsten Filme eine bessere Balance zwischen Handlung, Struktur und Vorbereitung des ›Avengers‹ Films finden.

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