Der unglaubliche Hulk - Der schwache Held

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Eine Retrospektive der Superhelden Filme des ›Marvel Cinematic Universe‹. Basierend auf den Artikeln von Matt Goldblatt im Collider Magazin, April 2015.

›Der unglaubliche Hulk‹ ist ein mittelmäßiger Film. Und er ist einer der bedeutsamsten Filme des Marvel Filmuniversums, des sogenannten ›Marvel Cinematic Universe‹, kurz MCU.
Es ist ein Film den man nur als ›Teil eines Ganzen‹ beschreiben kann. ›Der unglaubliche Hulk‹ unterscheidet sich so dermaßen von den übrigen Marvel Filmen, dass sein eigener Charakter schon wieder als besonders zu bezeichnen ist. Als eigenständiger Film (wie auch später der zweite Teil von Iron Man und auch der zweite Film der Avengers) ist der Film unauffällig, aber als Teil des MCU bleibt er erstaunlich bedeutsam.

Schon im Vorspann hechelt der Film durch die Herkunftsgeschichte des Protagonisten, womit der er zugleich eine Fortsetzung und ein ›Neustart‹ der Geschichte des Hulk einläutet. Niemand erinnert sich gern an den ›Hulk‹ aus dem Jahr 2003. Und der Zuschauer muss auch nicht erneut durch den ganzen Prozess der Entstehungsgeschichte geführt werden. Allerdings fühlt sich der Zuschauer überrumpelt, wenn der Film uns über die Biographie von Bruce Banner (Edward Norton) vor seiner Verwandlung in das grüne Monster und seine Beziehung zu Betty Ross (Liv Tyler) nur unzulänglich informiert. Betty Ross fungiert hier nur als schmückendes Beiwerk und nicht als vielschichtiger Charakter. (Um ehrlich zu sein, ist es Marvel erst bei ›The Return Of The First Avenger (2013) gelungen glaubhafte und interessante weibliche Figuren zu zeigen. Somit bestätigt ›Der unglaublich Hulk‹ nur dieses Defizit.)

Anstatt also die Hauptfigur des Bruce Banner dem Zuschauer interessant nahe zu bringen, verlauft uns der Film die freudlose Geschichte eines Helden auf der Flucht. Banner ist eine gequälte Persönlichkeit. In einer alternativen Fassung des Filmanfangs sehen wir Banner sogar, wie er auf einer abgelegenen Bergspitze versucht sich mit einem Kopfschuss das Leben zu nehmen, bis schließlich der Hulk aus ihm herausbricht und die Pistole mit bloßen Händen zerquetscht.
Was den Hulk von den anderen Mitgliedern des Marvel Teilchenzoos unterscheidet, ist, dass er keinerlei Interesse an seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten besitzt. Banner will nicht der Hulk werden. Das Beste was die Figur tun kann, ist das Monster in sich einzusperren. Wenn es erst einmal ausbricht, unterliegt das Monster keinerlei Kontrolle mehr.
Das ist kein Heldentum, sondern Verzweiflung. Nicht gerade die richtige Thematik um sie in einen lustigen Action Film zu packen.

Die Schwere des Sujets manövriert den Regisseur Louis Leterrier in eine schwierige Lage. Insbesondere, da der Hauptdarsteller Edward Norton über die Ausrichtung des Films mit Marvel im Clinch lag. Das Studio wollte, dass sich die Geschichte  des Films mehr auf die mit Action geladenen Handlungspunkte stützen sollte, was zum Problem bei einem Film werden kann, dessen Protagonist möglichem Ärger aus Schutz für sich und seiner Umwelt lieber aus dem Weg geht.
Der Film wirkt dadurch, dass er sich auf Banners inneren Dämon, den Hulk stützen will, paradox. Denn der Hulk ist genau der Teil des Protagonisten, den er an sich selbst am meisten hasst.
Der Film versucht Sympathie für Banners Dilemma aufzubauen, doch dieser kann sein Alter-Ego nicht den ganzen Film über verleugnen. Das Publikum, und auch Marvel, sehnen sich nach dem zerstörerischen Geist aus der Flasche, insbesondere nach dem Erlebnis der eher einschläfernden Interpretation des ›Hulk‹ in Ang Lees gleichnamigen Film.

Die beste Szene des Films ist eine, in der zwischen der  emotionale und der gewalttätigen Seite des Protagonisten zu einem Patt kommt, der Hulk sich beruhigt und in einer Höhle während eines Gewittersturms ein wenig Zeit mit Betty an seiner Seite verbringt.
Hier ist der Hulk nicht länger ein Monster sondern nur ein riesiges Kind, dass sich gegen empfundene Aggression mit Wut zur Wehr setzt. Er beschimpft sogar den donnernden Himmel und kann nur durch Liebe und Mitgefühl beruhigt werden.

In diesen Moment des Films ist Betty nicht mehr die Geliebte des Helden, sondern wirkt eher wie eine mütterliche Figur. Da Betty mit so schwachem Strichen skizziert worden ist, besitzt die Figur die dafür notwendige Flexibilität. Zuvor sehen wir, dass diese Frau sich bereits einen neues Leben nach ihrer Beziehung mit Bruce Banner aufgebaut hat. Sie hat einen neuen Freund (Ty Burrell) - und lässt diesen augenblicklich links liegen, als Banner wieder in ihr Leben tritt. Dies wirkt ein wenig herzlos, aber Betty existiert eh nur als Figur, um Bruce Banners Bedürfnisse zu befriedigen, die Gefühle des Hulk zu kanalisieren und ihren Vater, General Ross (William Hurt) in die Schranken zu weisen. Die Figur der Betty gibt durch ihre dünne Charakterisierung nicht genug her, um sie über diese Aufgaben hinaus gedeien zu lassen.

All diese Bausteine - das schwierige Verhältnis zu den gewalttätigen Ausbrüchen des Protagonisten, die niederschmetternde Erzählung von einem Helden der sich am liebsten seiner Heldenhaftigkeit berauben will und eine Liebesbeziehung die nie ausgelebt werden darf, da die gesteigerte Herzfrequenz Bruce Banners den Hulk hervorrufen würde - sind Elemente einer traurigen Erzählung die zugleich unterhaltsam sein will. Letterier wirft auf der Tonebene jede Menge bedeutungsschwangere Musik in die Szenerie, damit sogar der Blick durch ein Mikroskop spannender als üblich erscheint. Doch der Stil des Films wirkt blass und düster. Der sprichwörtliche Lichtblick ist eine Szene in der der Hulk auf dem Campus einer Universität sein Unwesen treibt. Doch das helle Tageslicht ist nicht da, um die Stimmung des Films zu heben, sondern um dem Zuschauer einen klaren Blick auf den Hulk zu verschaffen, wie er um sich schlägt.

›Der unglaublich Hulk‹ kam nur zwei Monate nach ›Iron Man‹ in die Kinos - doch die beiden könnten in ihrer Machart nicht weiter voneinander entfernt sein. ›Iron Man‹ ergötzt sich an allem was der Film tut. ›Der unglaubliche Hulk‹ liebt seine Action-Sequenzen, doch lässt danach gleich wieder den Kopf hängen. (Im ganzen Film werden weniger als fünf Witze gemacht). ›Iron Man‹ verfügt über ein perfekt besetztes Ensemble. Keiner der Schauspieler im ›Hulk‹ fühlt sich ›richtig‹ an, mit Ausnahme vielleicht für Tim Blake Nelson in der Rolle des ›Verrückten Wissenschaftlers‹ Samuel Sterns.
›Iron Man‹ zelebriert die Entwicklung des Protagonisten zum Helden, ›Der unglaubliche Hulk‹ begräbt diese in seinem Vorspann. Nicht ein einziger Schauspieler aus ›Der unglaubliche Hulk‹ tritt erneut in einem anderen Marvel Film wieder auf. (Das Studio überlegte Edward Norton für ›The Avengers‹ zu verpflichten, verwarfen jedoch schnell wieder diese Idee, weil sie zu viele Reiberein mit dem schwierigen Norton befürchteten. Die wesentlich bessere Wahl als Neubesetzung für den ›Hulk‹ fiel dann auf Mark Ruffalo).
›Der unglaubliche Hulk‹ ist noch nicht einmal vom gleichen Studio produziert, wie ›Iron Man‹. (›Hulk‹ ist der einzige Marvel Film, der von Universal vertrieben wird).
Aber das Wichtigste: ›Der unglaubliche Hulk‹ ist ein nur mäßig humorvoller Film.

›Der unglaubliche Hulk‹ ist aber auch kein besonders schlechter Film. Niemand aus dem Ensemble spielt wirklich seine Rolle wirklich schlecht. Die Action-Sequenzen sind im Grunde gut gemacht und der Film zeigt eine wichtige Entwicklung in der Historie des Protagonisten. Der ›Hulk‹ in diesem Film verfügt über wesentlich mehr Persönlichkeit als in der vorherigen Interpretation von Ang Lee.
Ein Teil dieser Persönlichkeit ist dem Fortschritt bei den digitalen Spezialeffekten geschuldet, aber man kann auch beobachten, dass Leterrier hart daran gearbeitet hat der Figur des Hulk mehr Tiefgang und kreative Momente zu verleihen, zum Beispiel wenn der Hulk die Teile eines Polizeifahrzeugs als ›Boxhandschuhe‹ verwendet.
Die Entwicklung des ›Monsters‹ ist dem Film ebenso wichtig wie die Entwicklung der Figur des Bruce Banner. Banner durchläuft einen wichtigen Handlungsbogen, in dem er lernt, dass es für den Dämon in seinem Inneren keine Heilung gibt und er mittels dieses Dämons durchaus etwas Gutes bewirken kann, wenn er den Hulk gezielt gegen eine Bedrohung richtet. Er lernt, dass er selbst dafür verantwortlich ist, den Hulk zu kontrollieren - und diese Erkenntnis wird später wieder in Erscheinung treten wenn Banner in ›Avengers‹ sagt: »Ich bin immer wütend.«. Aber Joss Whedon wird die Weiterentwicklung des Hulk Charakters ignorieren, wenn er Bruce Banner den Avengern gestehen lässt, dass er bereits einen Selbstmordversuch hinter sich hat. Diese Beichte macht im nachhinein nicht viel Sinn, wenn man am Ende von ›Der unglaubliche Hulk‹ Banner mit einem Grinsen in die Kamera blickt und damit zeigt, dass er mit seinem inneren Dämon Frieden geschlossen hat.

Dennoch gibt es einige Hinweis, sowohl in der Narration als auch in Form von Tropen, die diesen mit den anderen Marvel Filmen verbindet. Es wird schnell deutlich, dass die Anspielungen auf S.H.I.E.L.D und Stark Industries mittel Nachdrehs und Postproduktion hinzugefügt worden sind.(Einige dieser Verweise erkennt man zum Beispiel auf Computer Bildschirmen und einigen Nahaufnahmen). Die Szene nach dem Abspann mit Tony Stark (Robert Downey Jr.), die offensichtlich am Ende der Dreharbeiten von ›Iron Man‹ produziert wurde und die Ankunft der ›Rächer Initiative‹ ankündigt, war ein großer Erfolg beim Publikum.
Marvel setzt mit Emil Blonsky (Tim Roth) auch hier die Vorgehensweise fort, einen schwachen Abklatsch der Heldenfigur als Bösewicht zu kreieren. Blonsky fungiert hier als ein Zerrbild von Banner. Er ist ein Mann der für ein Mehr an physischer Kraft bereit ist sich Genversuchen zu unterziehen und wird zum ›Superschurken‹ ›Abonimation‹ (Missgestalt - Ein weiterer Marvel Trend: Dem Bösewicht einen ›treffenden‹ Namen für sein Auftreten zu verleihen).

Durch diese vernachlässigbaren Hinzufügungen und Verweise reiht sich ›Der unglaubliche Hulk‹ dennoch nicht in den Kanon der anderen Marvel Filme ein. Der Film bleibt das vernachlässigte Stiefkind des MCU und wurde im Jahr 2008 ebenso an der Kinokasse stiefmütterlich behandelt, als er, eingezwängt zwischen den Kassenschlagern ›Iron Man‹ und ›The Dark Knight‹, vom Publikum links liegen gelassen wurde.
Als Fazit bleibt der Film ›Der unglaubliche Hulk‹ nur als Zwischenstück für die anderen Filme des Marvel Filmuniversums - er selbst bleibt nahezu bedeutungslos zurück und ist der einzige Film des MCU den man als ›unbefriedigend‹ bewerten muss.

In dieser Phase ihrer Entwicklung versucht Marvel nun ihr Filmuniversum in einem Drahtseilakt zu gestalten, und versucht dabei verzweifelt die Balance zu halten, um ihre ambitionierten Pläne in die Tat umzusetzen.
Doch die wirklichen Probleme, die die Kreation eines Filmuniversums mit sich bringt, würden erst mit dem nächsten Film so richtig beginnen.

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