Captain America - Der ideale Held

Eine Retrospektive der Superhelden Filme des ›Marvel Cinematic Universe‹. Basierend auf den Artikeln von Matt Goldblatt im Collider Magazin, April 2015.

Die Postmoderne verbietet die Existenz eines ›reinen‹ Superhelden. Um eine postmoderne, komplexe Figur zu kreieren bedarf es einer inneren Zerrissenheit. Und ohne diese Komplexität kann nie ein sinnvolle Entwicklungsgeschichte für eine Figur geschaffen werden. Die Folge ist eine langweilige Figur, die in einem langweiligen Film vor sich hin agiert.
In den meisten Fällen trifft diese Annahme zu. Aber in einem Film-Terrain, dass angefüllt ist mit Superhelden die gequält mit ihren inneren Dämonen ringen und mit der Frage was moralisch vertretbar ist, erhebt sich ›Captain America - The First Avenger‹ höflich von seinem Platz und erklärt: »Hier ist unser Gutmensch.«
Die Figur des Steve Rogers (Chris Evans) steht in einem starken Kontrast zu Iron Man (Robert Downey Jr.) und Thor (Chris Hemsworth). Sie ist keine überhebliche Figur die nun mürrisch die Last der Verantwortung tragen muss. Rogers ist selbstbewusst, aber bescheiden, stark aber schüchtern und  auf eine schon fast übertriebene Art und Weise grundanständig. Er ist nicht nur die eine fehlende Figur die Marvel für die Entwicklung seines Filmuniversums brauchte, sondern das Genre des Superheldenfilms an sich seit Christopher Reeves Interpretation der Figur des ›Superman‹ schmerzlich vermissen ließ.

Wie schon zuvor die Figur des ›Thor‹ ist die Figur des ›Captain America‹ dem (europäischen) Publikum nur schwer zu verkaufen. Die Figur ist untrennbar mit der Zeit seiner Entstehung, dem Zweiten Weltkrieg verknüpft und ist eine Melange aus Patriotismus, Propaganda und amerikanischer Kriegseuphorie. Die Figur war etwas, was Amerika zur damaligen Zeit benötigte. Aber wie kann man in unserer Zeit die Figur eines naiven Gutmenschen akzeptieren, der sich in den Farben der amerikanischen Flagge kleidet? Wie kann eine solche Figur heutzutage nicht hoffnungslos antiquiert wirken?
Wie konnte Marvel mit dieser rückwärtsgewandten, revisionistischen Figur die Zukunft seines Filmuniversums gestalten?

Die Marvel Studios hätten mit ›Captain America‹ den Weg einschlagen können, den sie zuvor mit ›Thor‹ bereits gegangen waren. Sie hätten die Figur in unsere Realität verpflanzen und damit greifbarer gestalten können. Die Figur des ›Captain‹ hätte sich dann den Gegebenheiten unserer Zeit anpassen müssen. Dies hätte auch eine Abkürzung auf den Weg zu den ›Avengers‹ bedeutet. ›Captain America‹ hätte damit als Vorfilm zu den ›Avengers‹ gedient, in den man mehr von der Agentenorganisation S.H.I.E.L.D. hätte integrieren können. Wie ›Thor‹ hätte ›Captain America‹ mehr Erfüllungsgehilfe der Metaerzählung, als eigenständiger Film sein können.

Stattdessen ging das Studio erneut ein Risiko ein. Es wurde die Entscheidung getroffen, die Handlung des Film in die Zeit des Zweiten Weltkriegs zu verlegen, was dazu führte, dass ›Captain America‹ eine ähnlich isolierte Position im MCU einnahm wie vor ihm nur ›Iron Man‹ und ›Der unglaubliche Hulk‹. ›Cap‹ war nicht in der Lage mit einem der anderen Helden im Marvel Filmuniversum zu interagieren. Somit fokussierte sich die Handlung alleinig auf diese Figur, abgesehen von dem notwendigen Prolog und der ungeschickt angefügten Szene am Schluss des Films.
Das Publikum musste sich Wohl oder Übel auf ›Captain America‹ einlassen und Marvel war zu diesem Zeitpunkt auch endlich in der Lage, die Geschichte des ›First Avengers‹ adäquat umzusetzen.

Dieser Film findet gerade so die richtige Balance zwischen Realitätsanspruch und phantastischer Heldensaga.
In diesem Film gibt es weder Konzentrationslager, noch, grauenhaften Opfer oder sehr viele Nazis. Der Film vertraut auf das kollektive Wissen der Weltgemeinschaft, dass Krieg eine schlechte Sache ist und das eine fiktive Unterorganisation der Nazis, die sich ›Hydra‹ nennt und von einem Wahnsinnigen namens ›Red Skull‹ (Hugo Weaving) angeführt wird, ebenfalls sehr, sehr böse ist. Der Zweite Weltkrieg wird hier nur als Genre behandelt. Und als solches behandelt ›Captain America‹ dieses geschichtliche Setting ebenfalls.

Dies ist der erste brillante Schachzug des Films. Er akzeptiert das Setting des Zweiten Weltkriegs, verwehrt sich jedoch jeder Form des Hurra-Patriotismus, wenn er Steve Rogers sagen lässt, dass er als Soldat niemanden töten will, er mag es nur nicht, wenn Menschen andere Menschen herumschubsen. Es ist eine klassische David gegen Goliath Geschichte, in der die Figur des Steve Rogers bereits vor der Einnahme des ›Supersoldaten-Serums‹ ein anständiger, moralisch gefestigter junger Mann ist, und dessen innere Stärke durch das Serum nur nach Außen gekehrt wird.
Dieser Entwurf des ›Captain America‹ ist vollkommen abgekoppelt von fahnenschwenkendem Nationalismus.

›Cap‹ ist kein ›Übermensch‹. Auch nach der Wandlung vom hässlichen Entlein in den schönen Schwan bleibt er ein schüchterner Junge, der sich nur auf dem Schlachtfeld wohl zu fühlen scheint. Dennoch ist er mehr als reine Projektionsfläche des idealen amerikanischen Helden. Regiesseur Joe Johnston versteht es in kleinen Szenen zu zeigen, dass ›Cap‹ neben Muskeln und Mut auch eine gehörige Portion Grips mitbekommen hat. Doch dies sind nur kleinere ›Schwächen‹ in der sonst makellosen Heldengestalt.
Erscheint die Figur ›Captain America‹ also als uninteressant, weil er keinen Tiefgang besitzt?

Der Film hat, wie gesagt, den genialen Schachzug begangen die Figur als ein Ideal zu etablieren. (Und über diese idealisierte Figur macht sich der Film selbst lustig, wenn Steve Rogers als ›Captain America‹ zunächst nur im Rahmen einer Bühnenshow auftreten darf um den Erwerb von Kriegsanleihen anzupreisen).
In der Realität kann eine idealisierte Figur wie ›Captain America‹ nicht existieren. Aber es ist erfrischend zur Abwechslung einmal eine Superheldenfigur auf der Leinwand zu erleben, zu der man aufblicken kann; die nicht in der menschlichen Unvollkommenheit verankert ist.
Es musste ein Gegengewicht zu den bisherigen Heldenfiguren geschaffen werden und ›Captain America‹ liefert dies, indem der Film eine altmodische ›Hau drauf‹ Geschichte im Stil der ›Serials‹ der 30er und 40er Jahre abliefert.

Johnston als Regisseur zu wählen war erneut eine gute Entscheidung von Marvel. Sein Werk, besonders sein Gesellenstück ›The Rocketeer‹ zeigt seine Fähigkeit einen Film vor historischer Kulisse modern wirken zu lassen, ohne damit auf  postmodernen Zynismus zurückfallen zu müssen.
Der Film bombardiert das Publikum mit Klischees wie Laserwaffen, übertriebenen Bösewicht-Verstecken, einem überzeichneten Antagonisten und einem furchtlosen Protagonisten, ohne jedoch dabei verstaubt oder vollkommen überzeichnet zu wirken.
Am Beispiel der kämpfenden Truppe um ›Captain America‹, dem ›Howling Commandos‹ wird durch deren ethnische Diversität deutlich, dass das amerikanische Heldenideal nicht nur auf den Schultern der weißen Mittelklasse ruht.

Es ist erstaunlich zu sehen, an wie vielen Punkten des Handlungsverlaufs ›Captain America‹ hätte scheitern können. Stattdessen schreitet die Handlung wie ein gutgeöltes Uhrwerk voran. Marvel hat die richtige Balance zwischen der Figurenentwicklung, den Anleihen der Comicvorlage (Die schrittweise Entwicklung des ›Captain America‹ Kostüms ist im Film sehr geschickt gelöst), dem visuellen Marvel Stil, der eigenen Bildsprache des Regisseurs und Anknüpfungspunkten für den bevorstehenden ›Avengers‹ Film gefunden, ohne dass der Film nennenswert ins Stocken gerät.

Im Bezug auf bekannte Tropen schlägt ›Captain America‹ eine Brücke zwischen vergangenen und kommenden Handlungswendungen des Marvel Filmuniversums.
Es gibt immer noch einen Antagonisten der nur nach Macht strebt. Und man kann an dieser Stelle die Leistung von Hugo Weaving nicht hoch genug loben, den der ›Red Skull‹ ist ansonsten so blass wie jeder bisherige Marvel Bösewicht (bis auf Loki). Der Film wiederholt auch die Trope »Der weise Wissenschaftler/Mentor, der sterben muss, um den Helden die Motivation für den Übergang in den nächsten Akt zu ermöglichen« Und - wie üblich - gibt es im letzten Akt einen Faustkampf ›Mann (Protagonist) gegen Mann (Antagonist)‹, wobei der Antagonist wieder nur ein Zerrbild des Helden repräsentiert. Natürlich gibt es auch das ›noble Opfer‹ des Helden, bei dem ›Captain America‹ zugegebenermaßen — und im Gegensatz zu ›Iron Man‹ und ›Thor‹ auch wirklich etwas verliert und sich nicht nur vorgeblich opfert, um dann doch intakt oder reparabel daraus hervorzugehen.

In ›Captain America‹ treten erstmals Handlungswendungen auf, die in zukünftigen Marvel Filmen — mit Ausnahme von ›Iron Man 3‹ — immer wieder in Erscheinung treten.
Es ist der erste Marvel Film, in der sich der Protagonist einer ganzen Armada von Gegnern stellen muss, anstatt nur gegen den Antagonisten vorzugehen. Außerdem ist dies der erste Marvel Film, in der die Trope der ›Tickenden Zeitbombe‹ im Kampf gegen den Antagonisten zum Einsatz kommt.

›Captain America - The First Avenger‹ ist das letzte fehlende Teil im Puzzle der ›Avengers‹. Die Abschlussszene in ›Iron Man‹ hatte zuletzt gezeigt, wie man elegant auf den bevorstehenden ›Avengers‹ Film aufmerksam machen sollte.
Alles, was danach folgte wirkte künstlich hinzugefügt.
In ›Captain America‹ macht die Epilog-Szene vollkommen Sinn, denn sie zeigt, wie ›Captain America‹ aus seinem Schlaf im ewigen Eis im Prolog des Films, erwacht.
Der eigentliche Schlusspunkt des Films ist ein kleiner Junge, der, mit einem Deckel einer Mülltonne als Schild, ›Captain America‹ nachspielt.
Doch der darauf folgende Epilog war nötig, um ›Cap‹ mit den kommenden ›Avengers‹ Film zu verknüpfen.

Marvels Überlegung, ›Captain America‹ mit einer Erweckungsszene in, von S.H.I.E.L.D gestellter, falscher Kulisse enden zu lassen, fühlt sich ein wenig falsch an. Zudem kommt die mächtige Geheimdienstorganisation nicht besonders gut weg, da ›Cap‹ den Bluff sofort durchschaut.
Aber trotz dieses Missgeschicks trifft der Film die richtige bittersüße Note, wenn Steve Rogers am Ende nur knapp verkündet, dass er zu Spät zu seiner Verabredung mit Peggy Carter (Haley Atwell) kommt.
›Cap‹ war bereit sein Leben zu geben — und musste am Ende zumindest die Hälfte davon opfern.

Mit ›Captain America - The First Avenger‹ standen für Marvel nun alle Figuren auf dem Spielbrett.
Der hoch gesteckte Plan eines Filmuniversums war bereits weit gediehen. Fünf Filme hatten den nun folgenden großen Wurf vorbereitet.
Er sollte sich (nicht nur in barer Münze) auszahlen.

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