The Avengers - Helden als Mehrwert

Eine Retrospektive der Superhelden Filme des ›Marvel Cinematic Universe‹. Basierend auf den Artikelen von Matt Goldblatt im Collider Magazin, April 2015.

»Die Idee war, eine Gruppe von außergewöhnlichen Leuten zusammen zu bringen und zu sehen, ob sie zu etwas größerem werden können.« erklärt Nick Fury (Samuel L. Jackson) der Gruppe von Superhelden, nachdem ihr Gegner Loki (Tom Hiddleston) geflohen ist und eine niedergerungene Truppe zurücklässt.
Derselbe Grundgedanke steckte hinter den Überlegungen von Marvel für den Film ›Marvel’s The Avengers‹. Wenn ›Iron Man‹ einen neuen Weg für Superheldenfilme geebnet hat, dann vermochte ›The Avengers‹ einen neuen Pfad für die Blockbuster Maschinerie Hollywoods aufzuzeigen.
Das Marvel Studio zeigte mit diesem Film, dass ein Superheldenfilm wesentlich epischer angelegt sein konnte, als bisher angenommen.

Die Last dieser Heldensaga wurde jemanden auferlegt, der bis dato drei Genre-Serien (Buffy - Im Bann der Dämonen, Firefly und Dollhouse) und eine, an der Kinokasse gefloppte, Weltraumoper (Serenity) inszeniert hatte.
Marvel hatte diesen Jemand bewusst gewählt. Er wich von dem Marvel Erzählschema ab, indem er durch seinen eigenen, besonderen Stil die Superheldenfiguren, die, aus ihren von anderen Regisseuren und Drehbuchautoren gestalteten Erzählsträngen heraus, nun in diesem Film zusammenfanden, und sie zu einer kohärenten Gruppe zusammenfügte.
Joss Whedon war der ungeeignetste Kandidat, um die Leitung eines multimillionen Dollar teuren ›Blockbusters‹ zu übernehmen — und viele glaubten, dass er dieser Aufgabe nicht gewachsen sein würde.

Zur Freude aller, lagen Whedons Kritiker vollkommen daneben. In der Rückschau ist klar, dass der Film jemanden benötigte, der die Wirrungen von narrativen Strukturen, ein großes Ensemble an Akteuren, die Superhelden-Mythologie, und vor allem die Inszenierung von Humor virtuos beherrschte.
›The Avengers‹ ist produktionstechnisch ein Monstrum. Aber es ist ein Monstrum mit einem Lächeln auf dem Gesicht, dass manchmal ins Straucheln gerät, dem es aber gelingt die Erzählstränge einiger Protagonisten aus den vorhergehenden Filmen fortzusetzen und von anderen Protagonisten sogar zu vertiefen.
›The Avengers‹ war das erste Mal, dass Marvel einen Autorenfilmer die Leitung überließ. Und Whedons Individuelle Stimme sorgt für das harmonische Ganze..

Doch gerade an seinen Außenrändern, plätschert der Film dahin. Besonders nach mehrmaliger Sichtung kann man die Eröffnungsszene des Films nur schwer ertragen. Sie stürzt den Film nicht gänzlich in den Abgrund, aber sie steht repräsentativ für alles, was dieser Film nicht ist.
Die Szenerie tu Beginn wirkt billig, die Handlung wirkt planlos und Whedons Dialog ist noch hölzern.
Wenn, wie im Film vorgegeben, Zeitdruck herrscht, würde Nick Fury wohl kaum seiner rechten Hand Maria Hill (Cobie Smulders) zuraunen: »Solange die Welt noch nicht untergegangen ist, verhalten wir uns so, als würde sie sich weiterdrehen.«, sondern einfach verkünden: »Tun sie, was ich sage.«
Die Eröffnung von ›The Avengers‹ wirkt erstaunlich mittelmäßig angesichts der folgenden Einführungsszenen der Figuren und den Beginn der eigentlichen Handlung.

Doch nach dieser leidigen Eröffnungsszene schnurrt der Film wie geölt. Geschickt baut er auf den Fundamenten der vorherigen Filme auf und führt jeden Protagonisten kurz ein. Whedon zeigt, dass Black Widow (Scarlett Johansson) ruhig in ›Iron Man 2‹ hätte fehlen können, denn die Entwicklung der Figur beginnt im Grunde mit diesem Film. Whedon zeigt in der ersten Szene mit Black Widow, wie diese geschickt in einer Verhörsituation vorgeht, — eine Eigenschaft die sie später im Film gegen Loki einsetzen wird — indem sie ihrem gegenüber glauben macht, dass er die Kontrolle über sie hat — nicht umgekehrt. In ›The Avengers‹ wird die Intelligenz und Scharfsinn der Figur Black Widow gezeigt, bevor sie auch mit ihrer Kampfkunst brilliert.
Diese Reihenfolge ist wichtig, denn alle ›Avengers‹ sind gute Kämpfer. Ihre Individuellen Eigenschaften - und Eigenheiten sind es, die die Figuren in ihrem Aufeinandertreffen für das Publikum interessant machen, und worauf der Film sein Hauptaugenmerk legt.

Whedon beachtet in seinem Drehbuch, dass diese Gruppe von aussergewöhnlichen Menschen nicht zusammenpasst. Diese Superhelden sind nicht die ›X-Men‹, die alle gemeinsam genetische Veränderungen seid ihrer Pubertät durchlaufen haben. Es gibt einen Milliardär, einen Halbgott, einen Supersoldaten aus dem Zweiten Weltkrieg, eine Spionin, einen Attentäter und … einen Hulk.
Der Zugewinn des Films ist nicht das ›Mehr‹ an Figuren (Und in allen anderen Bereichen hat der Film von allem ›Mehr‹, doch dazu später), sondern das er eine vollkommen neue Dynamik durch die Interaktion der Figuren im Gegensatz zu ihren Einzelfilmen entwickelt. Jede Fortsetzung eines Films ergibt einen Mehrwert. Whedons Wagnis bestand darin, eine Gruppe von Figuren zusammenzustellen, die jeder für sich einen Film allein tragen konnten, und könnten.

Der antagonistische ›Endgegner‹ des Films sind weder die ausserirdischen Chitauri, noch ist es Loki. Es sind die ›Avengers‹ selbst. Whedon gelang es der Gruppe von Superhelden eine eigenen Handlungsbogen zu verleihen, anstelle sich auf die Handlungsbögen jedes einzelnen in der Gruppe zu verlassen.
Iron Man (Robert Downey Jr.), Thor (Chris Hemsworth) und Captain America (Chris Evans) haben ihre eigenen Handlungsbögen. Und all diese Erzählstränge werden fortgesetzt, indem sie auf die Erzählstränge von Nick Fury, Hulk (Mark Ruffallo), Black Widow und Hawkeye (Jeremy Renner) treffen.
Der dritte Akt von ›The Avengers‹ birst über vor Action-Sequenzen, aber der dramatische Höhepunkt ist die Szene im Labor an Bord des fliegenden Flugzeugträgers, des Helicarrier, in der sich alle Beteiligten anschreien.

Dies ist der fragile Dreh- und Angelpunkt in der Mitte des Films. Erwachsene Menschen, mit nachvollziehbaren Ansichten, die durch Lokis Manipulationen auf eine direkte Konfrontation zusteuern.
Lokis Vorgehen hat, wie im Fall von Hawkeyes Gedankenkontrolle, mal weniger, und im Fall der übrigen Mitglieder, mal mehr Finesse.
Auch wenn es interessant ist zu beobachten, wie ›Iron Man‹ und ›Thor‹ miteinander streiten, so ist dieser Ringkampf nicht nur für das Vergnügen des Publikums inszeniert. Er liegt der Erzählung und der Motivation der Figuren zugrunde. Würde dies fehlen, bekämpften sich dann nur auf sinnlose Weise zwei digitale Spielzeugfiguren. (Wie es z.B. Beim Duell zwischen Superman und General Zod in Jack Snyders ›Men Of Steel‹ der Fall ist)

Der ›Avengers‹ Film hätte als ein alleiniges Action-Spektakel nicht funktioniert. Wenn Marvel einen Regisseur angeheuert hätte, dem Handlung und Figurenentwicklung gleichgültig gewesen wären und der nur auf Action-Sequenzen gesetzt hätte, wäre dem Film, Dank der Erfolge der vorherigen Marvel Filme, sicherlich immer noch ein finanzieller Erfolg beschieden gewesen.
Aber Marvel hatte auch immer die Entwicklung ihrer Superhelden-Charaktere im Blick. Und das nicht nur aus dem offensichtlichen Grund, dass die verwendete Sorgfalt auf Figurenzeichnung sich für den Film als Kunstwerk auszeichnet, sondern dass interessante, vielschichtige Figuren für das Publikum eine größere Anziehungskraft entwickeln. Phantastische, digitale Materialschlachten verschwinden wieder schnell aus dem Gedächtnis des Publikums. Menschliche Momente handelnder Figuren bleiben dagegen hängen. (Hätte diese Vorgabe  George Lucas in der Star Wars Prequel-Reihe beherzigt, wäre dem Publikum einiges an Leid erspart geblieben)

Kaum jemand mag sich noch an die Handlung des dritten Teils der Transformers Reihe, ›Transformers - Die dunkle Seite des Mondes‹, erinnern. Es gab einige Action-Sequenzen und der Film hat einen Haufen Geld damit gemacht. Man kann sich aber kaum an Handlungselemente in den Action-Sequenzen erinnern. Der Grund dafür liegt daran, dass diese einfach konstruiert sind und den Rezipienten daher vollkommen kalt lassen. Die digitalen Effekte waren für ihre Zeit sicherlich ansehnlich und es wurde viel Aufwand auf ihre Produktion verwandt. Aber sie sind beliebig und austauschbar. Die kinematographische Version von billigem Fast Food. Der Transformers Film hat sicherlich eine Menge Spielzeug verkauft, — und im Film selbst flog davon einiges in digitaler Form in die Luft — der Rest landet auf dem Abfallhaufen der Filmgeschichte.

Auch die ›Avengers‹ bieten fast ein Zuviel an Action-Sequenzen. Von dem Angriff auf den Helicarrier in der Mitte des Films bis zur Schlacht in New York im dritten Akt, fehlt der Narration fast die Luft zum Atmen.
Es gibt eine Handvoll ruhigerer Szenen zwischen Lokis Flucht und dem Öffnen des Portals über der New Yorker Skyline — und das war es dann auch schon mit den Ruhephasen.
Dieser dritte Akt des Films ist ein chaotischer Sturm voll digitaler Gewalt. Das wäre ermüdend und langweilig, wenn es nicht so verdammt unterhaltend wäre. Und das Publikum wird in diesem letzten Drittel des Films nicht durch die zahlreichen digitalen Effekte, oder den kaum überschaubaren Grad der Zerstörung unterhalten (Diese fehlerhafte Annahme hat ›Men Of Steel‹ begangen). Hinter all den digitalen Effekten und dem ohrenbetäubenden Sound fiebert das Publikum mit Figuren mit. Und das Verhalten dieser Figuren diktiert den Rhythmus der Action-Sequenzen — nicht umgekehrt.

Es ist eine passende Konstellation wenn die beiden arrogantesten Superhelden des Marvel Filmuniversums, ›Iron Man‹ und ›Thor‹ im zweiten Akt aufeinander treffen. (Obwohl in der mittlerweile berühmten ›Shakespeare im Park‹ Szene die Figur ›Thor‹ versucht den moderierenden ›Captain America‹ mit einem Hammer-Schlag zu töten. ›Thor‹ kann zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, dass das Schild von ›Captain America‹ diesen vor dem sichern Tod bewahrt.)
Mann muss auch die Plansequenz im dritten Akt, die alle kämpfenden Superhelden durch eine Einstellung verknüpft, bewundern, die mit dem Gag endet, das der ›Hulk‹ ›Thor‹ mit einem Seitenhieb aus dem Filmbild katapultiert.
Und natürlich ist die Vignette köstlich, wenn der Hulk den Wut schäumenden Loki an den Beinen packt und ihn wie eine lästige Spielzeugpuppe zu Boden schlägt. Diese Szene manifestiert Marvels Trend in dieser ersten Phase seiner Filmreihe, einer zünftigen Keilerei im Dritten Akt eines Films nicht aus dem Weg zu gehen.

Vignetten wie diese machen ›The Avengers‹ zu einem großartigen und unvergesslichen Film, der nach wiederholtem Anschauen sogar noch besser zu werden scheint (Gleiches gilt im übrigen für Whedons ansonsten schwächere Fortsetzung). Das Publikum jubelt jedes Mal, wenn der ›Hulk‹ Loki verdrischt.
Aber man muss auch anerkennen, dass der Film sich, neben jede Menge spaßiger Gewalt, Explosionen und Zerstörung, die Mühe macht, zu zeigen, dass seine Protagonisten versuchen unschuldige Leben zu retten. (Womit wir als Gegenbeispiel wieder beim dritten Akt von ›Man Of Steel‹ wären).

Man könnte als Gegenargument anführen, dass ›The Avengers‹ nur ein weiterer, beliebiger ›Blockbuster‹ aus der Hollywood-Wurstfabrik ist, der nur seine Machart markttauglich variiert.
Aber der Mehrwert des Films generiert sich nicht durch das Motto ›Größer ist besser‹. Im Fall von ›The Avengers‹ hat ein Filmstudio alles auf eine Karte gesetzt und sich zugleich damit inhaltlich definiert.

Dieser Film ist ein Marvel Film, nicht ein Action-Reißer, der das Publikum niederwalzt. Dieser Film macht Spaß, bleibt trotz seines genretypischen Weltuntergangsszenarios optimistisch und ist großspurig inszeniert. Und großen Anteil an der erfolgreichen Umsetzung dieser Elemente hat Joss Whedon, aber eben auch das Studio, dass ihn für diese Aufgabe engagiert hat.
Wenn der Film auch weit davon entfernt ist perfekt zu sein, so besänftigt er jedoch selbst hartgesottene Comic-Fans (vielleicht mit der Ausnahme des Journalisten und Podcasters Andy Ihnatko) und unterhält zugleich den Kinobesucher, der zuvor nicht einen einzigen Film der ersten Phase des Marvel Filmuniversums gesehen hat.

Die fünf, den ›Avengers‹ vorhergehenden Filme haben nicht nur die Funktion gehabt neue Charaktere einzuführen. Sie ermöglichten Marvel auch herauszufinden, wie man eine großangelegte Meta-Erzählung kreiert, wie es noch niemand zuvor in der Geschichte des Kinos versucht hat.
Hätte Marvel gewagt ›The Avengers‹ als ersten Film zu produzieren, wäre das Studio sicherlich kläglich gescheitert. Nicht nur, weil dann wichtige Figuren im Film noch nicht ausgearbeitet worden wären, sondern auch deshalb, weil Marvel dann noch nicht zu ihrem eigenen Stil gefunden hätte (so, wie es zuvor vielleicht nur Walt Disyney und das Zeichentrickstudio Pixar geschafft hat).  
Nach sechs Filmen hatte das Publikum nun die definitive Kenntnis darüber gewonnen, was einen Film der Marvel Studios ausmacht.

Die Filme der ersten Phase des Marvel Filmuniversums hatten sich an die Grenzen ihrer Belastbarkeit verbogen (und wie im Fall von ›Iron Man 2 auch darüber hinaus), um ›The Avengers‹ Wirklichkeit werden zu lassen.
Der Zuschauer musste zahlreiche Szenen in den Filmen durchleben, die im Grunde nur verkündeten: ›Die Avengers kommen!‹
Nun war diese bunte Truppe von unterschiedlichen Superhelden in einem Film zusammengekommen, hatten brav und mit Bravour die Welt vor dem Untergang gerettet und nun gingen diesesHelden wieder ihre getrennten Wege.
Phase Eins der Marvel Filmreihe hatte erzählt, wie die Helden zusammenfanden. Phase Zwei würde vier verschiedene Lösungswege anbieten, wie die Helden sich wieder auseinander dividieren.
Der erste Lösungsweg: Einfach das Marvel Filmuniversum vollkommen zu ignorieren.

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