Methoden & Schneeflocken

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Ich habe eine zeitlang im Filmmuseum Düsseldorf gearbeitet. In der dortigen Ausstellungen gibt einen Raum, der die Anfänge Filmgeschichte illustriert. Die Gebrüder Lumière haben die ersten Filmaufnahmen dazu genutzt das Alltagsleben festzuhalten. Der Illusionist Georges Méliès hingegen verwandte das neue Medium dazu noch verblüffendere Illusionen für sein Publikum zu erzeugen.
(Der Film Hugo Cabret von Martin Scorsese ist im übrigen eine tiefe Verbeugung vor dem Zauber von Méliès).
Ich persönlich stand immer mehr auf diejenigen Filmemacher, die uns verzaubern wollten. Star Wars, Mission Impossible 3 und Guardians of the Galaxy spazieren eindeutig in den Fußstapfen von Méliès.
Was hat das nun mit dem Schreiben eines Romans zu tun? Nun, beim Schreiben gibt es auch zwei Schulen.

Die Struktur-Methode

Die Struktur-Methode verlangt, dass man seine Geschichte sehr organisiert mittels einer Gliederung strukturiert. Neben dem Plot müssen auch die Figuren ausgearbeitet und die Heldenreise komplett geplant sein.
Der Vorteil dieser Methode ist, dass man sich nicht im Dickicht seiner eigenen Geschichte verlieren kann. Zu jeder Zeit, weiß man, was zu tun ist und was passieren muss.
Der Nachteil ist, dass man sehr viel langweilige Vorarbeit leisten muss, bis man zu eigentlichen Schreiben kommt, was demotivierend sein kann.

Die Wünschelruten-Methode

Die andere Schule ist die, der z.B. Stephen King angehört. Ausgehend von einer guten Idee und Eröffnungszene schreibt man drauf los, und wartet, wohin die Geschichte einen, wie bei einer Wünschelrute, führt.
Der Vorteil dieser Methode ist, dass man sofort anfangen kann. Kein lästige platten. Man schreibt einfach drauf los!
Der Nachteil dieser  Methode ist, dass man ›falsch Abbiegen‹ kann und irgendwann nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll. Zudem kann einem die trügerische Freiheit zu schreiben, was man will, dazu bringen, dass man im Angesicht der unendlichen Möglichkeiten, wie die Geschichte weitergehen soll, verzweifelt.

Das Beste aus zwei Welten - Die Schneeflocken Methode

Nun, es gibt eine Methode, die versucht beide Methoden miteinander zu verknüpfen. Sie stammt von Randy Ingermanson und nennt sich Snowflake Methode, also die Schneeflocken-Methode.
Herr Ingermanson scheint ein kleiner Mathe-Nerd zu sein. Seine Methode erfolgreich einen Roman zu schreiben, beruht auf der Koch-Kurve des schwedischen Mathematikers Helge von Koch.
Mit der Koch-Kurve hat Koch als einer der ersten ein sogenanntes fraktales Objekt beschrieben. Fraktale find ich total cool. Aber ich bin ja auch ein Nerd. Falls sie kein Nerd sind, und gerade dabei sind geistig auszusteigen, hier die kurze und knappe Idee Ingermansons, wie man mit der Schneeflocken Methode seinen Roman schreibt:

  1. Wie bei einem Fraktal, beginnen Sie ihre Geschichte mit einer ganz einfachen Form: Mit einem einzigen Satz, der maximal aus 15 Wörtern bestehen sollte. Nehmen sie sich dafür maximal eine Stunde Zeit.
  2. Nach dem ersten Satz, der den Roman beschreibt, schreiben sie einen Absatz, der den Roman beschreibt. Auch hierfür brauchen sie nur eine Stunde. Ein Satz für den Hintergrund, drei Sätze für die drei Widerstände, die der Held in der Geschichte überwinden muss und einen Satz für das Ende der Geschichte.
  3. Im nächsten Schritt beschreiben sie ihre Figuren. Ihre Figur braucht
    • Einen Namen,
    • Eine Geschichte,
    • Einen Konflikt, 
    • Ein Ziel, 
    • Eine mögliche Lösung für ihren Konflikt und
    • Eine große Veränderung
  4. Jetzt machen sie aus ihrem Absatz von Schritt Zwei vier Absätze, die (wäre hätte es gedacht?) Akt 1, Akt 2 Teil 1 und 2 und Akt 3 ihres Romans entsprechen (Damit kennen sie sich doch schon aus, oder?)
  5. Erweitern sie die Charakter Beschreibung von Schritt Drei. Für jeden Charakter schreiben sie alles in eine Tabelle. Schreiben sie alles auf, was ihnen wichtig ist und notieren sie, welche Rolle die Figur im Handlungsverlauf spielt. (Als Hilfestellung stelle ich mir das ganze als Wikipedia Seite für eine Figu vor.)
  6. Jetzt nehmen Sie die Vier Absätze aus Schritt Vier und erweitern jeden Absatz jeweils auf eine Seite. Jetzt müsste sich das ganze schon wie ein stringenter Handlungsverlauf anfühlen. Und dabei kommen ihnen bestimmt auch neue Ideen für ihre Geschichte.
  7. Jetzt sind wieder die Charaktere dran. Nehmen sie sich eine Woche Zeit um die Tabellen ihrer Charaktere zu überarbeiten. Legen sie den Focus dabei auf die Veränderungen, die ihre Figur im Handlungsverlauf durchmacht.
  8. Jetzt wird es aufwendiger. Benutzen Sie die vierseitige Fassung ihrer Akt-Struktur aus Schritt Sechs und erstellen eine Tabelle.
    • In die erste Spalte schreiben sie alle Szenen der jeweiligen Akte untereinander. Pro Szene schreiben sie einen Satz.
    • In die nächste Spalte die Sicht ihrer Figuren auf die jeweilige Szene, so wie es ihnen sinnvoll erscheint.
    • In die dritte Spalte schreiben sie was genau in dieser Szene geschieht, also den Subtext der Szene.
  9. Im vorletzten Schritt erweitern sie die kurze Szenenbeschreibung um einige Absätze. Wenn ihnen schon Dialoge in den jeweiligen Szenen einfallen, fügen sie diese auch schon mit ein. In diesem Schritt werden ihnen bereits alle Ungereimtheiten auffallen. Überprüfen Sie, welche Szenen eventuell unnötig sind, oder den zügigen Fortschritt im Handlungsverlauf stören. Wenn dies zutrifft, raus damit!
  10. Und der letzte Schritt ist gemacht: Jetzt geht es ans Schreiben!

Versuchen wir das ganze mit einem Beispiel. Im folgenden wende ich die ersten vier Schritte (oder man könnte es auch Iterationen nennen) mal auf MI:3 an:

1. Die Geschichte in einem Satz

Ein Spion muss einen gefährlichen Waffenhändler unschädlich machen und gleichzeitig seine Tätigkeit vor seiner Verlobten verbergen, um diese zu schützen.

2. Die Geschichte in einem Absatz

Ein ehemaliger Top-Spion muss einen letzten Auftrag ausführen, bevor er mit seiner Verlobten ein neuen Leben beginnen kann. Der Top-Spion muss eine Kollegin aus den Fängen eines gefährlichen und sadistischen Waffenhändler befreien und diesen unschädlich machen. Gleichzeitig muss er seine Geheimdiensttätigkeit vor seiner Verlobten verborgen halten, um diese vor seinem alten Leben zu beschützen. Doch das ist leichter gesagt, als getan …

3. Die Hauptfigur

Name - Ethan Hunt

Geschichte - Ethan ist ein ehemaliger Top-Spion. Er hat sich gerade mit seiner Freundin Jules verlobt, die von Ethans Vergangenheit nichts weiss.

Konflikt - Ein alter Freund bittet Ethan um Hilfe. Ein     ehemaliger Schützling von Ethan, Lindsey, ist von einem gefährlichen Waffenhändler Owen Davian entführt worden. Ethan muss sich entscheiden. Hilft er seinem Schützling oder kehrt er seinem alten Leben endgültig den Rücken?

Ziel - Ethan möchte ein ruhiges, normales Leben mit seiner Verlobten führen.

Mögliche Lösung - Ethan nimmt den Auftrag nicht an. Doch damit würde er seinen Schützling Lindsey den sicheren Tod ausliefern. Ethan ist eine Mensch mit festen moralischen Grundsätzen, Das kann er nicht zulassen. Ethan muss beide Welten - sein altes und sein neues Leben irgendwie unter einen Hut kriegen.

Große Veränderung - Owen Davian tötet Lindsey. Aus Rache nimmt Ethan den Waffenhändler Owen Davian gefangen. Dieser kann fliehen und rächt sich wiederum an Ethan, indem er Ethans Verlobte Jules entführt.

4. Die Geschichte in vier Absätzen

1. Akt Ethan Hunt, ehemaliger Geheim-Agent der Regierungsbehörde Impossible Mission Force (IMF) feiert gerade seine Verlobung mit der schönen Jules, als sein Freund und ehemaliger Kollege Musgrave ihn um einen letzten Auftrag bittet. Ein ehemaliger Schützling Ethans, die junge Agentin Lindsey ist von dem skrupellosen Waffenhändler Owen Davian entführt worden. Ethan und seinem Team gelingt es, Lindsey zu befreien, aber bevor sie sich darüber freuen können, explodiert in Lindseys Kopf eine winzige Sprengkapsel und tötet Lindsey.

2. Akt - Teil I. Nach Lindseys Tod will Ethan Owen Davian zur Rechenschaft ziehen. Zusammen mit seinem Team gelingt es ihm mit viel Geschick Owen Davian bei einer Gala Veranstaltung im Vatikan dingfest zu machen. 
Aus Rache für Lindsey bedroht Ethan Davians Leben. Dieser schwört nun im Gegensatz Ethan Rache. Er wird jemanden Wichtigen in Ethans Leben weh tun.

2. Akt - Teil II. Zurück in Amerika wird Ethan und sein Team beim Transport des Gefangenen Owen Davian brutal angegriffen. Davian wird befreit. Ethan wird von seinem Chef beschuldigt, hinter der Befreiung von Davian zu stecken. Ethan wird verhaftet, kann aber fliehen. Da erhält er einen Anruf von Davian: Er hat seine Drohung war gemacht und Ethans Verlobte Jules entführt. Ethan soll für Davian eine gefährliche Waffe mit dem Codenamen ›Hasenpfote‹ (Ein typischer McGuffin - Was das ist später) in Shanghai stehlen, wenn nicht, wird Jules sterben.

3. Akt. Ethan gelingt das scheinbar Unmögliche: Er stiehlt die ›Hasenpfote‹. Doch anstatt Ethan mit Jules Befreiung zu belohnen, tötet Davian Jules vor den Augen von Ethan.
Ethan ist am Boden zerstört. Es stellt sich heraus, dass sein alter Freund und Kollege Musgrave hinter allem steckt. Er hat die ganze Zeit mit Davian zusammengearbeitet. Und Jules ist nicht tot! Die tote Frau war eine Mitarbeiterin von Davian in der Maske von Jules. Ethan gelingt es, Musgrave K.O. Zu schlagen und sich zu befreien. Mit Hilfe eines loyalen Teammitglieds findet er Jules, und ficht einen ungleichen Kampf mit Davian aus, da dieser in Ethans Kopf ebenfalls eine todbringende Sprengkapsel aktiviert hat. Trotz dieser Hindernisse gelingt es Ethan Davian zu töten. Doch er muss selbst durch einen Stromstoss ›sterben‹, um die Kapsel in seinem Kopf zu deaktivieren. Während Ethan nach dem Stromschlag ›tot‹ ist, gelingt es Jules Musgrave zu töten und die ›Hasenpfote‹ an sich zu bringen. Es gelingt Jules Ethan wiederzubeleben. Ethan wird rehabilitiert und das junge Paar kann (mittlerweile verheiratet) in die wohlverdienten Flitterwochen fahren. 

Wenn Sie die ersten vier Schritte auf ihre Geschichte angewandt haben, werden ihnen die nächsten Schritte schon bestimmt leichter fallen. Das ganze lehnt immer noch stark in Richtung Struktur-Methode, allerdings fängt man schon von Schritt eins an zu Schreiben. Schritt 1 kann später für den ›Pitch‹ der Geschichte gegenüber einem Verleger oder als Kurzbeschreibung für die Amazon Seite dienen. Schritt 2 ist prima als Klappentext. Schritt 3 ist prima für die Wikipedia Seite des jeweiligen Charakters. Schritt 4 hilf einem selbst, die Drei-Akt-Methode beherrschen zu lernen.
Alles ist also durchaus auch später von Nutzen und nicht umsonst geschrieben.