Daredevil (2015)

Als bekannt wurde, dass auf Grund des Erfolgs von Marvels Blockbuster Film ›Avengers‹ eine Fernsehserie, um den im Film (wie sich dann später herausstellt angeblich) getöteten Shield Agenten Phil Coulson (Clark Gregg), vom Sender ABC produziert werden sollte, hegten die Fans große Erwartungen. Das Marvel Cinematic Universe (MCU), wie das transmedial zusammenhängende, fiktionale Universum, dass von Marvel Produzenten Kevin Feige initiiert wurde, genannt wird, sollte sich nun also auch in das Fernsehen hinein ausdehnen.
Doch die Serie enttäuschte (zunächst). Erst als sie die Ereignisse der zweiten Verfilmung der Comicfigur Thor in Thor - The Dark World und schließlich die Ereignisse des zweiten Films mit der Figur Captain America in Captain America - The Winter Soldier aufgriff, stellte sich bei Zuschauern und Kritik eine wohlwollendere Haltung gegenüber der Serie ein. Die in der Mitte von Staffel Zwei von ›Agent’s Of Shield‹ ausgestrahlte, nur acht Folgen umfassende Serie ›Agent Carter‹ erweiterte den Zeitstrahl des MCU in die Vergangenheit hinein, denn sie beschrieb die Erlebnisse von Agent Carter nach Ende des Zweiten Weltkriegs auf ihrem Weg zur ersten Direktorin von SHIELD auf wesentlich gekonntere Weise, als es die langatmige Serie Agents Of SHIELD bisher vermochte.
Als Marvel dann einen Deal mit dem Video Streaming Dienst Netflix ankündigte, schossen die Erwartungen wieder in ungeahnte Höhen, hatte Netflix doch mit Eigenproduktionen wie ›House Of Cards‹ und ›Orange is the New Black‹ bewiesen, dass sie qualitativ hochwertige Serien kreieren konnten, die den bisherigen Platzhirschen im amerikanischen Bezahlfernsehen, HBO und Showtime, in Qualität nicht nachstanden.
Die erste Serie der Kollaboration zwischen Marvel und Netflix ist die Serie ›Daredevil‹, über den gleichnamigen Superhelden. ›Anwalt bei Tag, Vigilant bei Nacht‹ ist die Tagline. Eine blinder Anwalt, der als Kind durch einen Unfall mit toxischen Substanzen sein Augenlicht verlor, dessen übrige Sinne aber dadurch auf übermenschliche Weise verstärkt wurden, kämpft des Nachts in dem New Yorker Stadtteil Hells Kitchen gegen das organisierte Verbrechen. Wie jeder Comicheld ist der blinde Anwalt Matt Murdock (Charlie Cox) ein Reduktion auf das Wesentliche. Eine klassische Heldenfigur mit Tragik und Pathos. Doch bereits Christopher Nolan hat mit seiner Batman Filmreihe (mal mehr, mal weniger) erfolgreich gezeigt, dass man einer plakativen Heldengeschichte eine durchaus anspruchsvolle Erzählung abringen kann. Daredevil gelingt dies als erste Marvel Fernsehserie ebenfalls meisterhaft. Alle Figuren sind realistisch ›gezeichnet‹. Selbst die als ›lustiger Sidekick‹ gestaltete Nebenfigur, Murdocks Anwaltspartner Foggy Nelson, wurde mehrdimensional entwickelt. Und kein Held in einem klassischen Drama kann glänzen, wenn der Gegenspieler nicht ebenfalls brillant und übermächtig ist. Der Verbrecher Boss Wilson ›Kingpin‹ Fisk (kongenial gespielt von Vincent D’onofrio) ist ein würdiger und gefährlicher Gegner. D’Onofrio spielt den Kingpin als schüchternen, schlummernder Vulkan, der, wenn er denn ausbricht, schon mal einen Widersacher kraftaufwendig mittels einer Autotür köpft. (Die Szene aus Folge Drei ist so unangenehm und verstörend, wie sie klingt).
Hervorzuheben sind auch die fantastisch agierenden weiblichen Protagonisten. Da ist zunächst die ehemalige Klientin und spätere Mitarbeiterin von Murdock und Nelson, Karen Page. In den Comics als Sekretärin und Damsel in Distress missbraucht, spielt diese Karen Page (Deborah Ann Woll) eine echte eigenständige Figur mit eigenem, wehrhaftem Kopf. Gleiches gilt für die Nachtschwester Claire Temple (Rosario Dawson) die sich zwar von Murdock retten lässt, die undankbare Rolle des moralischen Kompasses spiel muss, aber zu gegebener Zeit auch mit einem Baseballschläger umzugehen weiß.
Mit Daredevil sind die Superhelden im Fernsehen endgültig den Strumpfhosen entwachsen und keine Unterhaltung für Kinder mehr. Die Bemühungen des anderen großen Comicverlages DC, die Serien Arrow, The Flash und bald auch Supergirl können Daredevil nicht das Wasser reichen. Wie zuvor das Genre des Science Fiction mit Serien wie Battlestar Galactica bewiesen haben, kann Genreunterhaltung im Fernsehen etwas ernsthaftes über den Zustand unserer Welt aussagen. Die Welt des MCU (und damit die unsere) ist mit Wundern wie magischen Hämmern (oder in unserer Welt mit Smarten Uhren und selbstfahrenden Autos) erfüllt, sie ist aber auch eine gefährliche Welt, sich langsam zersetzende Welt, wo Demokratie auf dem Altar des Kapitalismus geopfert wird und die Konsequenz davon nicht nur Klassen- sondern auch brutale Faustkämpfe sind.
Die Botschaft der Serie ist aber auch: Man kann etwas gegen die durch die One Percent ausgelöste Entropie der Welt etwas tun. Durch Kooperation können scheinbar übermächtige Gegner, seien es nun Konzerne oder Verbrecherbosse oder korrupte Staatsdiener in die Knie gezwungen werden.
Vielleicht ist es nur Zufall, dass gerade ein roter Held aus der Arbeiterklasse die bisher beste Arbeit abliefert. Vielleicht ist Daredevil auch nur der richtige Held in der richtigen Zeit.