Guardians Of The Galaxy - Die abgedrehten Helden

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Eine Retrospektive der Superhelden Filme des ›Marvel Cinematic Universe‹. Basierend auf den Artikeln von Matt Goldblatt im Collider Magazin, April 2015.

Wenn die Werbung eines angekündigten Films, anstelle der Namen des Regisseurs oder des Produzenten die des produzierenden Studios nennt, dann ist dies für gewöhnlich ein schlechtes Zeichen. Aber die Marvel Studios bilden hier erneut die Ausnahme von der Regel. Ähnlich wie das (ebenfalls zum Disney Konzern gehörige) Animations-Studio Pixar, ist das Marvel Logo zu Beginn eines Films zu einer sicheren Bank geworden. Wenn also das Plakat für »Guardians Of The Galaxy« verkündet: »Von den Machern von Iron Man, Thor, Captain America und Die Avengers«, dann macht das Hoffnung auf einen guten Film.
Und der Zusatz: »Ist hier noch was zu retten?« spiegelt die respektlose Einstellung des neuen Films wieder, ist aber auch zugleich ein Bekenntnis des Marvel Studios zu einem Film, der in den 1980er Jahren durchaus für sich selbst hätte bestehen können, aber in der heutigen Filmlandschaft den Rückhalt eines der größten Unterhaltungsmarken benötigt, um überhaupt produziert zu werden.


Die Marvel Studios haben diesen Rückhalt nicht nur gegeben um einen x-beliebigen Superheldenfilm zu ihrem Portfolio hinzuzufügen, sondern gerade, um von diesem ausgetretenen Pfad des Superheldenfilms abzuweichen. So entstand eine klassische Weltraumoper im Stil von »Star Wars« und »Serenity«, die aus dem Stand heraus die gelungene Dynamik eines Teams in den Vordergrund stellt. »Guardians« ist auch derjenige Film des Marvel Filmuniversums, der am wenigsten mit den vorangegangenen Filmen im Zusammenhang steht. »Guardians Of The Galaxy« zeigt nur vereinzelte Puzzleteile von Elementen, die dem Zuschauer bereits durch die vorherigen Filme bekannt waren, wie z.B. der Tesseract (Avengers) oder den Aether (Thor 2) und lässt die Protagonisten auf zwei Figuren treffen, die man bisher nur aus den so genannten Stinger-Szenen am Schluß besagter Filme her kannte: Der Figur des »Sammlers« (Benicio Del Toro) und Thanos (Josh Brolin).

Bis auf diese bereits vorherig etablierten Elemente hieß es für die Marvel Studios: »Gehe zurück auf Los.« Die »Guardians Of The Galaxy« entstammen zwar wie die vorherigen Superhelden auch dem Comic Universums Marvels, war aber dem Kinopublikum noch weniger bekannt als Iron Man sechs Jahre zuvor.

Aber das gewachsene Vertrauen des Publikums in das Marvel Filmuniversum war groß genug, dass sie eine Kinokarte für einen Film kauften, in dessen ersten Minuten die Mutter eines kleinen Jungen an Krebs stirbt, derselbe Junge dann von Außerirdischen entführt wird, und dann 25 Jahre später dieser Junge, mittlerweile zu einem jungen Mann herangewachsen, auf einem fremden Planeten herumspaziert und dabei »Come and Get Your Love« auf seinem antiquierten Walkman (einer frühen Form eines iPods) hört.
Es ist schon verblüffend wie sehr das Publikum auch im Konsum von Filmen eine immer größer werdende Markentreue gegenüber gigantischen gesichtslosen Konzernen entwickelt hat, die Mittels ihrer Produkte und massiver Werbung eben diese Treue zuvor geschickt befördert haben. Aber genau so ein Konzern hat in Form der Marvel Studios diesen außergewöhnlichen Film in Auftrag gegeben und ihn in die Hände von Regisseur James Gunn gelegt, der in seinem vorherigen Film seiner Hauptfigur eine Rohrzange in die Hand legt, um jemanden damit halb tot zu schlagen.
»Guardians of the Galaxy« ist die bisher reinste Form einer gelungenen Konversation zwischen den Marvel Studios und einem ihrer Auftragsregisseure. (Auf Platz Zwei ist hier sicherlich nun auch »Ant-Man« zu nennen, aber davon mehr in einem späteren Kapitel.) In »Guardians« wimmelt es nur so von sonderbaren Kreaturen, einer liebevollen, außergewöhnlichen Ausstattung, coolen Kostümen usw. Aber stilistisch fügt sich der Film dennoch nahtlos in das bisher gezeigte Marvel Filmuniversum ein. Alles wirkt sauber und ordentlich, selbst die grimmigsten Orte. Und sollten die Figuren des Films irgendwann einmal an die Seite von Erdlingen aus dem Marvel Filmuniversum treten, würde dies filmisch nicht allzu verstörend wirken.

Doch der eigentümliche Stil des Films stammt eindeutig von Regisseur James Gunn. Der Film hat weder die Düsternis von Gunns vorherigen Werke noch deren aggressive Verdrehtheit. 
Aber die für Gunns Filme typische Respektlosigkeit und Verschrobenheit scheint immer in »Guardians« durch. Es ist ein Film über Außenseiter, gemacht von einem Aussenseiter. Und man kann Gunns ganze Sympathie für diese Verliererfiguren in jeder Szene spüren. Gunn erfreut sich mehr an Elementen die diese Figuren zu Außenseitern macht, als an denjenigen, die sie 'cool' wirken lassen sollen.
Man muss sich vor Augen führen, wie sehr »Guardians« vor seiner Premiere als großes Risiko für die Marvel Studios gesehen wurde. Diese Risikoeinschätzung stammt von einem Hollywoodsystem, dass glaubt das es sicherer wäre ein Brettspiel als Filmvorlage zu verwenden, als einen Film über eine Bande sonderbarer Außerirdischer an ausgefallenen Spielorten. Wie gesagt, hier half die Macht der Markenbindung. »Guardians Of The Galaxy« ist jedoch nicht diese Marke. Marvel ist diese Marke. Und Marvel hat auf einen Film gesetzt der nicht wirklich abseitig ist, aber eindeutig einen außergewöhnlichen Sonderfall für die Marvel Studios darstellt.

Und dieser Sonderfall erstreckt sich nicht nur auf den Humor oder die Handlung des Films, sondern vor allem auch auf die Besetzung. Gunn glaubte von Anfang an an Chris Pratt, einem leicht übergewichtigen Schauspieler, der trotz eines strengen Fitnesstrainings seine liebenswürdige Art beibehielt. Der Wrestler David Bautista hatte bereits einige Filme gedreht, doch darin nie eine so außergewöhnliche Figur wie die des Drax interpretiert. Zoe Saldana war die sicherste Bank für Gunn, da sie schon in den Science-Fiction Filmen Avatar und Star Trek bewiesen hatte, eine starke Actionheldin zu verkörpern. Bradley Cooper, einer der aktuell größten Stars in Hollywood, wurde sogar dazu gebracht seine Stimme einem Waschbären mit herabgesetzter Impulskontrolle zu verleihen. Und dann ist da diese sonderbare Figur eines sprechenden Baums, der nur drei Wörter spricht und diese dann aber mit sehr viel Gefühl -- Dank der nuancierten Interpretation dieses stark beschränkten Vokabulars von Action-Star Vin Diesel.
»Guardians Of The Galaxy« ist ein Film der zu gleichen Teilen irgendwie sonderbar und zugleich wohlig behaglich wirkt. Der Zuschauer wird mit den Protagonisten in Weltraum-Gefängnisse und planetengroße Riesenschädel geworfen und kann sich an zahlreichen, außerirdischem Kreaturen ergötzen. Aber dann gibt es auch die Figuren wie Möchtegernheld Star-Lord, die einem den Mittelfinger zeigen, Musik von K-Tel hören und mit reichlich Chuzpe herumstolzieren. Es ist ein Film, der das Zeug dazu hat ein Klassiker bei den Zehnjährigen zu werden und der einen Witz darüber macht, dass das Innere des Raumschiffs des Helden mit überall mit Ejakulat besprenkelt ist. Man muss sich angesichts dieser Absurditäten wirklich darüber wundern, dass dieser Film einen so phänomenalen Erfolg an der Kinokasse hatte - und nicht nur, weil im Film ein sprechender Waschbär auftritt.

»Guardians Of The Galaxy« reicht weit über die von Marvel instituierten Grenzen des Superhelden-Genres hianus. Die Figuren handeln durchaus heroisch, aber nicht aus den üblichen Gründen für moralisches Handeln. Alle Figuren verfügen über Individuelle Fähigkeiten, aber nicht in dem Maße, dass diese sie über die anderen Bewohner ihrer kosmischen Welt erheben. Der Waschbär Rocket kann gut Dinge in die Luft jagen. Gamora verfügt über Implantate, die sie zu einer fähigeren Attentäterin machen. Star-Lord ist clever und Drax verfügt über physische Kraft. Diejenige Figur, die einem Superhelden im klassischen Sinne am nächsten kommt, ist der wandelnde Baum Groot, der über außergewöhnliche und machtvolle Fähigkeiten verfügt.
Wenn man jedoch die Antagonisten betrachtet, dann kehrt Marvel wieder zu der etablierten Unterdurchschnittlichkeit zurück. »Guardians Of The Galaxy« verfügt über gleich vier uninteressante Bösewichte. Korath (Djimon Hounsou) ist ein wenig nützlicher Helfershelfer. Nebula (Karen Gillan) ist ein wenig interessanter, wegen ihres schwesterlichen Konkurenzverhaltens zu Gamora. Dann ist da Ronan (Lee Pace) dessen böswillige Motivation so gut wie keinerlei Sinn ergibt. Ronans Motivation repetiert die des aus »Thor - The Dark World« bereits bekannten Bösewichts Malekith: »Meinem Volk wurde unrecht getan!« Doch im Falle von Ronan macht diese Motivation noch weniger Sinn als für Malekith, da Malekith zumindest (teilweise) über ein Volk verfügte, dass ihn unterstützte. Ronan hingegen verfügt noch nicht einmal über Unterstützer aus den eigenen Reihen. Er ist ein fanatischer Kree-Einzeltäter. Dem Zuschauer wird ausgiebig erklärt, dass nicht eine einzige Person des Kree-Imperiums Ronans kriegerischen Eifer teilt und ein gigantischen Raumschiff besteigen würde, um auf dem Planeten Xandar Unheil anzurichten. Anstatt der Kree wird Ronan von den Sakaaran unterstützt. Eine gesichtslose Alien-Rasse, die Drax mit der treffenden Umschreibung 'Pappsoldaten' versieht und der wiederkehrenden Marvel-Trope des Kanonenfutters entsprechen, die ohne moralischen Tadel für die Helden um die Ecke gebracht werden dürfen.

Und dann ist da noch Thanos, von dem man mittlerweile den Eindruck gewinnen könnte, dass der größte Bösewicht des Marvel Filmuniversums zugleich auch der uninteressanteste ist. Es ist verständlich, dass der Thanos-Handlungsbogen nicht in jeden der bisherigen Filme des Marvel Filmuniversums gepasst hat. Aber mittlerweile gibt es zehn Filme des Marvel Filmuniversums und in keinem dieser Filme stellt Thanos eine ernsthafte Bedrohung für die Protagonisten dar. Thanos verfügt mutmaßlich über zwei der sogenannten Steine der Unendlichkeit und wenn dem so ist, so ist dies immer noch ein Geheimnis. Es ist auch gut möglich, dass er keiner dieser Steine besitzt, was noch schlimmer wäre. Bewertet man sein Verhalten auf Grund von »Guardians« dann muss man fast von letzterem ausgehen.
Der MacGuffin von »Guardians Of The Galaxy«, das sogenannte »Gestirn« enthält einen der Steine der Unendlichkeit. Dennoch vergibt Thanos die Beschaffung dieses für ihn wichtigen Schmuckstücks einfach so an einen seiner Untergebenen. Wenn man einer möglichen Handlungslogik folgen möchte, dann könnte es sein, dass Thanos nicht davon weiß, dass das Gestirn einen der Steine der Unendlichkeit enthält. (Doch das ist unwahrscheinlich, da dann nicht klar wäre, warum er das Gestirn unter allenUmständen in die Finger bekommen muss.) Vielleicht will Thanos auch, dass Ronan den im Gestirn verborgenen Stein der Unendlichkeit für ihn testet oder er hatte einen anderen, noch unbekannten Grund, warum er nicht Gamora und/oder Nebula zuerst losschickt, um den Stein zu beschaffen. Wie dem auch sei, keiner dieser möglichen Erklärungen finden sich in dem Drehbuch wieder. Wenn Ronan den Stein der Unendlichkeit an sich nimmt lautet die Drohung von Thanos darauf: »Ich würde die Richtung deines momentanen Kurses überdenken.« Ronan unterbricht daraufhin frech die Unterhaltung mit seinem Gönner. Bei Thanos handelt es sich vorgeblich um den größten anzunehmenden Bösewicht im gesamten Marvel Filmuniversum, und er wirkt, zumindest in seiner bisherigen Manifestation, erstaunlich schwach und inkompetent.

Der Auftritt von Thanos in »Guardians Of The Galaxy« ist das einzige Mal in den Filmen der Phase Zwei des Marvel Filmuniversums, in dem dessen übergeordneter Handlungsbogen einen Schritt weiter geführt wird, anstatt ihn im Erzählraum der »Avengers« zu belassen. Wie jeder andere bisherige Versuch den Handlungsbogen um Thanos außerhalb einer »Stinger« Szene voranzubringen (So geschehen in den »Avengers«), wirkt auch die Szene in »Guardians« recht überflüßig. Das Gestirn ist im Grunde nur ein MacGuffin und es wäre sicherlich möglich gewesen dessen Bedeutung in die Handlung zu integrieren, ohne damit einen halbherzig gezeichneten Antagonisten, der irgendwann einmal an Bedeutung gewinnt, zu etablieren.
Hinzu kommt, das die Persönlichkeit des Films eindeutig von James Gunn herrührt, die Handlungsstruktur aber eindeutig von den Marvel Studios vorgegeben wurde. Die Marvel Studios müssen wirklich lernen, wie sie die Klimax im dritten Akt ihrer Handlung hinbekommen. Man kommt wohl nicht um eine Konfrontation zweier verfeindeter Parteien vorbei, aber warum um Himmels willen muss jedes Mal ein gigantisches Raumschiff auf eine Planetenoberfläche einschlagen? (So bereits zuvor geschehen in Thor - The Dark World und Captain America - The Winter Soldier.) Dies wurde in vorangehenden Kapiteln bereits moniert, aber es ist schon verwunderlich, dass ein und derselbe Höhepunkt in drei aufeinander folgenden Marvel Filmen verwendet wird.
Marvel Comics bezeichnet sich selbst gern als das »Haus der Ideen« und die Marvel Studios sollten sich schleunigst von ihrem Schwesterunternehmen in der Planung der Klimax ihrer Filme beraten lassen. Diese vorhersehbaren und stumpfsinnigen Handlungselemente sind besonders in einem Film ärgerlich, der ansonsten so unterhaltsam und abgedreht ist wie »Guardians Of The Galaxy.«

Obwohl die Marvel Studios weiter wachsen und das Studio bereits Filme bis zum Ende der Dekade angekündigt hat, fühlt sich »Guardians Of The Galaxy« als die gelungene Kulmination von dem, was die Marvel Studios mit einem abgehalfterten Schauspieler in der Rolle eines zweitklassigen Superhelden vor sechs Jahren begonnen hatten. Die Filme des Marvel Filmuniversums sind weit davon entfernt perfekt zu sein, und der Weg von »Iron Man« zu »Guardians Of The Galaxy« war sicherlich kein einfacher. Aber es war ein aufregender Weg. Es war eine Reise die angeleitet wurde von Humor, Wagnissen und einer ehrlichen Liebe zu ihren filmischen Figuren. Damit ist es nicht die schlechteste Art und Weise ein Filmuniversum zu kreieren.