Iron Man 3 - Der dekonstruierte Held

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Eine Retrospektive der Superhelden Filme des ›Marvel Cinematic Universe‹. Basierend auf den Artikeln von Matt Goldblatt im Collider Magazin, April 2015.

Die zweite Phase des Marvel Filmuniversums beginnt mit einem Film, der streng genommen kein Marvel Film ist. Der Film beginnt mit dem bereits etablierten Marvel Studios Logo und folgt chronologisch den Ereignissen von ›The Avengers‹. Aber ›Iron Man 3‹ ist bei näherer Betrachtung ein Shane Black Film, der als Hauptdarsteller die Figur des ›Iron Man‹ (Robert Downey Jr.) hat. Anstatt das, nach ›The Avengers‹ neu geordnete Marvel Filmuniversum zu vertiefen, vollzieht ›Iron Man 3‹ eine gewaltige Rolle rückwärts und ignoriert weitestgehend die Ereignisse von Joss Whedons Ensemblefilm und sogar der vorhergehenden Iron Man Filme.

Nach einem Prolog, der den Zuschauer in das Jahr 1999, eine Zeit eines sorg- und rücksichtslosen Tony Stark, zurückführt, versucht der Film ein wenig auf die Ereignisse von ›The Avengers‹ einzugehen. Tony Stark leidet nach seiner Nahtod-Erfahrung, in der Schlacht um New York im Film ›The Avengers‹, am posttraumatischen Stresssyndrom. Der Film führt diesen Umstand nicht besonders weit aus, sondern nutzt ihn nur, um zu erklären: »Ja, wir geben zu, es gab eine Schlacht um New York.« Der Film gibt streckenweise nur wenige Hinweise auf den Handlungsverlauf der ›Avengers‹, oder geht auf die gesellschaftlichen Folgen der nur kurz zurückliegenden Invasion der Aliens ein.
Der Zuschauer beobachtet Tony Stark bei dem, was Tony Stark immer tut. Das drumherum des Marvel Filmuniversums (und die sich darin befindenden, weiteren Superhelden) spielen keinerlei Rolle.

Wenn Tony Stark sich mit seinem Freund Rhodey (Don Cheadle) über den Schurken ›Mandarin‹ unterhält, dann  wird er von Rhodey unterrichtet: »Der ist kein Fall für Superhelden. Der ist ein Fall für Amerika!« Diese Zeile verdeutlicht den schmalen Grat auf dem die Fortsetzungs-Filme einzelner Helden des Marvel Filmuniversums sich nun bewegen. Sie müssen — wie in Gestalt des Mandarin — ein größeres Spektakel liefern, aber die geschilderten Konflikte dürfen die Fähigkeiten eines einzelnen Superhelden nicht übersteigen. Aber wenn dieser Mandarin eine amerikanische Angelegenheit ist, wäre es dann nicht vielleicht eine gute Idee ›Captain America‹ für deren Bekämpfung hinzuziehen?

Die Figur des ›Mandarin‹ in ›Iron Man 3‹ ist im Grunde ein Abziehbild von Osama Bin Laden. Aber im Film wird nicht durchdekliniert, was wäre, wenn sich Superhelden der Liste der meistgesuchten Verbrecher des FBI annehmen würden. Aber ganz so unrealistisch ist die Szenerie von ›Iron Man 3‹ dennoch nicht. Es ist durchaus nachvollziehbar, warum Tony Stark in diesem Film allein handelt. Immerhin liegt es in seinem Charakter zu tun und zu lassen, was er will. Der Film nutzt den Erzählstrang der posttraumatischen Belastungsstörung dahingehend, dass Tony Stark eben nicht Hilfe bei den anderen Avengers sucht und dadurch auf sich allein gestellt ist. Aber Tony Stark wird erst zu einem aktiven Helden in der Erzählung, als er — selbstsüchtig wie er nun einmal ist — persönlich von den Taten des Mandarin betroffen ist.
In einem Interview mit Marvel.com erläutert Marvel Studios Chef Kevin Feige, dass er wollte, das Tony Stark in ›Iron Man 3‹ wieder auf Anfang gesetzt wird, damit er sich durch den Schopf seiner eigenen Genialität aus dem Sumpf der Konflikte des Films befreien muss. Das hatte allerdings zur Folge, dass das Marvel Filmuniversum in ›Iron Man 3‹ auf die Ausgangsposition zurückgesetzt wird und Tony Stark auf jede Person (mit Superkräften) oder Organisation (S.H.I.E.L.D.) verzichten muss, die ihm möglicherweise helfen könnte.

 Diese Vorgabe ist auch der Grund, warum der Film so stark polarisiert. Der erste ›Iron Man‹ Film versprach uns (in Gestalt von Nick Fury (Samuel L. Jackson) ein größeres Universum von Superhelden. ›The Avengers‹ zeigt dem Zuschauer immerhin schon die Invasion von Ausserirdischen. ›Iron Man 3‹ spielt in weiten Teilen des zweiten Aktes in Rose Hill, Tennessee.  Black inszeniert einen Film, der das Marvel Filmuniversum in weiten Teilen entweder aktiv umgeht, oder die Tatsache seiner Existenz vollkommen ignoriert. Der Schlachtplan der Marvel Studios - und trotz des Inputs von Regisseuren und Drehbuchautoren ist und bleibt auch dieser Film nur ein Puzzleteil eines Franchise - für die zweite Phase des Marvel Filmuniversum beginnt mit ›Iron Man 3‹ damit, dass zum Großteil alles dekonstruiert wird, was in den sechs Film zuvor mühevoll etabliert wurde.

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Und so kommt es, dass ›Iron Man 3‹ weniger wie ein Film des Marvel Filmuniversums, sondern mehr wie ein typischer Film von Shane Black wirkt. Vor ›Iron Man 3‹ hat Black nur einen Film selbst inszeniert, den von Kritikern und Publikum gleichermaßen geschätzten ›Kiss Kiss, Bang Bang‹ (2005). Obwohl der Film eine eigene Bildsprache entwickelt, kommt Blacks Persönlichkeit vor allem in seiner Rolle als Drehbuchautor zum Tragen. Das Drehbuch von ›Iron Man 3‹, dass Black zusammen mit Drew Pearce verfasste, enthält alle für Shane Black typischen Merkmale: Witz, Komik und Subversion. Und Black lässt den Film aus persönlicher Vorliebe an Weihnachten spielen, obwohl der Film schon im Mai in die Kinos kam.

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Es wir klar, dass sich Black nicht vor den Marvel Karren spannen ließ. Er diktiert der Handlung des Films seine Bedingungen und diese beinhalten nicht die Agentenorganisation S.H.I.E.L.D oder das Vorhandensein weiterer Superhelden im Marvel Filmuniversum. Black ist gewillt einige herausragende, und dem Genre entsprechenden, Action-Sequenzen zu inszenieren. Aber die eigentliche Grundlage der Erzählung bilden Bonmots, die ebenso viel Biss besitzen, wie die Action des Films selbst. Filme des Marvel Studios sind normalerweise Filme, die in einer Welt spielen die angefüllt sind mit Superhelden. Black hat jedoch viel mehr Spaß daran Tropen des Action-Kinos zu verwenden, wie zum Beispiel die des namenlosen Helfershelfer der sich dafür entscheidet lieber zu kündigen, als im Dienst für de Bösewicht zu sterben.

Und dann geht Black noch einen Schritt weiter und überrascht den Zuschauer mit einer überraschenden Wendung im Film, die den Bösewicht Mandarin betrifft.
Für eingefleischte Fans der ›Iron Man‹ Comics war es Blasphemie, dass der Erzfeind des ›Eisernen‹ nur ein verwirrter, abgehalfterter Theaterschauspieler sein sollte.
Doch Black und die Marvel Studios sagten dazu nur: »Was solls?« Im Marvel Filmuniversum war die Figur des Mandarin noch nicht implementiert worden und dem Regisseur war diese Form der Heiligenverehrung nur suspekt. Black wollte mit dieser Interpretation einen Kommentar über die Bildsprache des modernen Terrorismus abgeben (wie oberflächlich und inkonsequent dieser Kommentar dann auch immer ausgefallen sein mag).
›Iron Man 3‹ ist der respektloseste Sprössling des Marvel Filmuniversums, womit der Film seinem Protagonisten damit nur mehr entspricht.

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Diese flapsige Haltung des Films muss man bewundern. Er behält sie selbst in seinen schlechtesten Momenten bei. Der Film schert sich nicht darum, dass es sich bei den ›bösen Jungs‹ des Films um kriegsversehrte Veteranen handelt. Der Film verlangt auch vom Zuschauer zu glauben, dass der Junge Harley (Ty Simpkins) Tony Stark nicht augenblicklich erkennt. Zieht man die offensichtliche Nichtexistenz von S.H.I.E.L.D. in diese Beobachtung mit ein, dann könnte man zu dem Schluß gelangen, dass die Handlung von ›Iron Man 3‹ erst nach den Ereignissen von ›Captain America: The Winter Soldier‹ spielt. Black kümmert sich auch nicht besonders um die innere Logik der Funktion der ›Iron Man‹ Rüstung. Jeder der Rüstungen wird durch den Arc Reaktor in Tony Starks Brust angetrieben, somit kann der Anzug nie seine Energie verlieren. Aber das Fehlen der Energie der Mark XVII Rüstung ist ein wichtiger Wendepunkt im Film, wenn auch somit eine grobe Fahrlässigkeit seines ansonsten so genialen Protagonisten.

Trotz dieser offensichtlichen Lücken in der Handlung und die Missachtung der Metahandlung, bleibt ›Iron Man 3‹ ein sehr unterhaltsamer Film, besonders wenn man den erzählerischen Stil von Shane Black mag.
Zeilen wie: »Sie haben eine Minute (zu Leben). Füllen sie sie mit Worten.« sind typische Kreationen von Black. Der Film balanciert mit seiner Gewaltdarstellung gefährlich nahe der ›Freigabe ab 18 Jahren‹ und beschreitet den bisher dunkelsten Pfad des Marvel Filmuniversums. Black scheut sich nicht Tode in Nahaufnahmen zu inszenieren und seinem Protagonisten Zeilen in den Mund zu legen wie »Wir schaffen unsere eigenen Dämonen«.

Die zweite Phase des Marvel Filmuniversums startet damit mit einem Ausreißer (Und endet auch so mit dem nicht weniger subversiven, aber gefälligeren ›Ant-Man‹).
Man könnte argumentieren, dass die Marvel Studios zu Beginn der Phase Zwei nicht genau wussten, wohin die Reise gehen sollte. Aber diese Betrachtung ist gegenüber Marvel nicht ganz fair. Der große Schlachtplan des Filmuniversum existierte bereits, aber jedem Autoren und Regisseur gab das Studio Spielraum innerhalb dieses Schlachtplans. Letztendlich hat Studio-Chef Kevin Feige das letzte Wort.

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Für Fans des Marvel Filmuniversums, die sehen wollten, wie diese Welt nach den Ereignissen nach dem ersten ›Avengers‹ Film aussah, war ›Iron Man 3‹ eine Enttäuschung. Diese Erwartungshaltung der Fans war durchaus berechtigt. Dennoch sollte man ›Iron Man 3‹ und seinem Regisseur die Nichterfüllung dieser Erwartungen nicht vorwerfen. Diese Kritik der Fans macht jedoch deutlich, dass die Kreation einer Meta-Erzählung sich nicht mit allen erzählerischen und filmischen Stilmitteln des Spielfilms deckt. Wenn ein Film aus der Meta-Erzählung ausschert, erschwert es die konstruktive Erweiterung des Filmuniversums. Wenn das Marvel Filmuniversum also nun eine solche Meta-Erzählung ist und Phase Eins der Filmreihe die Konstruktion ihres Fundamentes beschreibt, dann könnte man ›Iron Man 3‹ als ersten Film der Phase Zwei als einen Film beschreiben, der dieses Filmuniversum wieder dekonstruiert. Dieses Dekonstruktion folgt jedoch den Regeln jeder narrativen Struktur. Der 2. Akt jeder Erzählung zeichnet ein düsteres und bedrohlicheres Bild. Damit muss man ›Iron Man 3‹ als einen gelungenen Beitrag zum Marvel Filmuniversum bewerten.