Und wieder ist es Nacht - Helden haben es auch schwer

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Wir haben etabliert, dass die ›Heldenreise‹ ein gutes Grundgerüst für eine spannende und unterhaltsame Geschichte sein kann. Unser Protagonist, unsere Hauptperson der Handlung, also unser Held (oder natürlich Heldin) ist ebenfalls gewissen mythologischen Strukturen unterworfen. Unser Held muss im Laufe der Geschichte eine Entwicklung durchmachen. In der klassischen Heldensage ist der Held ein ziemlich langweiliger Kerl. Es gibt keine Entwicklung. Daher sind Filme über Superman oder die Jedi-Ritter so schwierig. Wenn der Held omnipotent, also unbesiegbar ist, sind Konflikte, die den Helden in Schwierigkeiten bringen, kaum zu finden. Eine interessante Figur hat Brüche oder dunkle Seiten, Narben oder schlimme Erfahrungen, die sie menschlicher machen.

Daher funktioniert meiner Meinung nach der Held in Joe Johnstons Captain America - The First Avenger (2011) auch besser als Zack Snyders Superman in ›Man Of Steel‹ (2013).
Beide Figuren sind ›Boy Scouts‹, brave Pfadfinder. Durch und durch gut. Mit Captain America kann sich der Zuschauer identifizieren, da wir ihn im ersten Akt als den schmächtigen Steve Rogers erleben, den jeder Rüpel mühelos verprügeln kann. Wir alle haben uns schon einmal schwach und hilflos gefühlt. Wir können uns mit Steve Rogers identifizieren. Wir fühlen mit Steve Rogers mit, wenn er Captain America wird. Der Ausserirdische Kal-El in Davd S. Goyers Drehbuch zu ›Man Of Steel‹ wird als zögerlicher Held porträtiert. Sein Leben lang muss er seine enormen Kräfte zum Schutz anderer und sich selbst unter Kontrolle halten. Kal-Els/Clark Kents Adoptiv-Vater macht ihm das immer wieder klar. Das ist interessant und wir können uns auch damit identifizieren. Wir lernen von unseren Eltern, dass wir unsere instinktiven Triebe zur Gewalt nicht ausleben dürfen. Auch wenn die ich das Eimerchen von meinem Spielkameraden in der Sandkiste haben will, darf ich ihm nicht einfach die Schaufel über den Schädel ziehen, um mein Ziel zu erreichen. So gehen vernunftbegabte Menschen nicht mit einander um. Umso enttäuschender ist der Showdown zwischen Superman und dem Bösewicht General Zod. Die beiden prügeln sich im Grunde wie zwei Kinder in der Sandkiste. Mit dem Unterschied, dass während ihres Kampfes in einer Großstadt auf Grund ihrer unglaublichen Kräfte tausende von Menschen sterben. Das Ende hinterlässt einen schalen Beigeschmack. Goyer wollte uns einen unfertigen, noch unkontrollierten Superman zeigen, um der Figur eine Entwicklung zu ermöglichen. Doch im Gegensatz zu Steve Rogers in ›Captain America‹ wirkt Superman als Figur dadurch passiv. Und wenn er endlich aktiv wird, dann in einer so übertriebenen Weise, dass nicht mehr mit ihm mitfiebern kann, wenn er gegen General Zod antritt.
Ein Held muss also eine nachvollziehbare Entwicklung in der Geschichte durchleben, um eine interessante Figur zu sein.
Wenn wir unserer Akt-Struktur folgen, durchlebt unser Held folgende Phasen:

1. Akt - Waise

2. Akt Teil I - Wanderer

2. Akt Teil II - Krieger

3. Akt - Märtyrer

Im ersten Akt ist unser Held eine ›Waise‹, ein unbeschriebenes Blatt.

  • Luke Skywalker ist eine Bauernjunge der auf dem Wüstenplaneten von Tatooine vom Kampf gegen das Imperium träumt.
  • Harry Potter lebt in seiner Kammer unter Treppe und wundert sich, warum er anders ist als andere.
  • Steve Rogers ist ein schmächtiger junger Mann, der unbedingt wie seine Freunde in den Krieg gegen die Achsenmächte ziehen will.

Im ersten Teil von Akt 2 begibt sich der Held auf ›Wanderschaft‹.

  • Luke macht sich zusammen mit Obi-Wan Kenobi auf die Suche nach Prinzessin Leia.
  • Harry Potter macht sich auf den Weg nach Hogwarts.
  • Steve Rogers zieht als Captain America in den Krieg, doch nicht um zu kämpfe n, sondern um Kriegsanleihen zu verkaufen und zur Truppenunterhaltung.

Im zweiten Teil von Akt 2 wendet sich das Blatt. Unser Held wird endlich aktiv. Er wird zum ›Krieger

  • Luke Skywalker befreit die Prinzessin aus dem Gefängnis im Todesstern.
  • Harry Potter macht sich mit seinen Freunden Ron und Hermine auf, den Stein der Weisen zu finden.
  • Steve Rogers versucht den Bösewicht ›Red Skull‹ zu stellen.

Im dritten Akt muss der Held sich opfern. Er wird zum ›Märtyrer‹. Er ›opfert‹ sich, zum Wohl seiner Freunde. Zur Belohnung trägt er den Sieg davon und geht gestärkt und gereift aus der Erfahrung hervor.

  • Luke Skywalker setzt sein Leben aufs Spiel um den Todesstern zu zerstören. In einer Zeremonie wird er dafür von der Prinzessin mit einer Auszeichnung belohnt.
  • Harry Potter stellt sich zum ersten Mal Voldemort entgegen. Trotz der Macht Voldemorts gelingt es Harry den Bösewicht (vorerst) in die Flucht zu schlagen.
  • Steve Rogers bringt den Nurflügler des ›Red Skull‹ zum Absturz, um New York vor der Zerstörung zu bewahren. Er überlebt und erwacht 70 Jahre später in unserer Zeit, um als gereifter Held neue Abenteuer zu erleben.