Und wieder ist es Nacht - Der erste Satz

erste-satz.jpg

Der erste Satz eines Romans ist wichtig. Extrem wichtig. In meinen ersten Manuskripten hatte ich dies noch nicht bedacht. Ich fing einfach an und machte mir keine großen Gedanken darüber. Zu dieser Zeit war ich noch Student und kaufte mir daher Bücher nur Mängelexemplare auf den Grabbeltischen vor den Buchhandlungen. Mehr als ein, zwei Euro wollte und konnte ich nicht für ein Buch investieren. Um mir einen schnellen Überblick zu verschaffen, ob ein Buch interessant war, schlug ich die erste Seite auf und las den ersten Satz.
Hier ein Beispiel für ein Buch, dass ich wahllos aus meinen Bücheregal gezogen habe und dessen erster Satz mich nicht so vom Hocker haut:

Ebenso riesig wie einsam, sah das Ding aus wie ein großer zusammengefaltete Schirm, mit drei Zylindern so lang wie Fußballplätze, die um den vorderen Teil eines kilometerlangen Plastikbalkens gebündelt waren; noch nicht von jenem Staub verdunkelt, der allmählich das Universum verdunkelt, erstrahlte es es im Licht des schneebedeckten Planeten darunter.
Terry Bisson - Mars Live (1990)

Der Satz ist nicht vollkommen schlecht, (Die Übersetzung ist auch nicht die Wucht. Besonders stört mich dabei die Doppelung von ›verdunkelt‹) aber er lädt auch nicht gerade dazu ein mehr von dieser Geschichte zu hören. Sie könnten da anderer Meinung sein, aber damals hätte ich dieses Buch vom Grabbeltisch  wieder zurückgelegt. (Und wie kommt es dann in Ihr Bücherregal, Herr Heinke? Nun, es wurde mir empfohlen. Und das ganze Buch ist auch gar nicht so schlecht, aber der Burner ist es auch nicht.)

Eine Mrs. Rosa Ortiz fand die Leiche. Gewöhnlich verließ sie bei Sonnenaufgang das Haus, aber an diesem Morgen war sie noch früher dran.
Die Tage vor Los Alamos - Joseph Kanon (1997)

Schon viel besser. Der erste Satz: ›Eine Mrs. Rosa Ortiz fand die Leiche.‹ macht mich neugierig und führt mich zum nächsten Satz. Stephen King wurde mal gefragt, wie er seine Romane schreibt. »Ein Wort nach dem anderen.« war seine knappe Antwort. Das gilt aber auch umgekehrt. Wir als Leser entdecken eine Geschichte ebenfalls Wort für Wort, Satz für Satz. (Ja, klar. Das man nennt für gewöhnlich ›Lesen‹ Herr Heinke! Und sie haben recht. Aber sie wissen, was ich meine.) Wir müssen dazu verführt werden die Geschichte weiterzulesen. Im ersten Satz eine Leiche unterzubringen ist schon mal nicht schlecht. Aber es geht auch anders:

Ich warne: Was Sie hier zu lesen beginnen, ist voller Unklarheiten und beantworteter Fragen. Am Ende wird es nicht säuberlich verpackt, alles gelöst und zufriedenstellend erklärt. Jedenfalls von mir nicht.
Die Körperfresser kommen - Jack Finney (1954)

Finney geht hier sehr geschickt vor. Jemanden zu warnen weiterzulesen bringt einen schwachen Geist wie mich dazu natürlich weiterzulesen. Gleichzeitig bleibt der Erzähler bescheiden und sagt, dass er jedenfalls nicht in der Lage ist auf alles eine Antwort zu geben. Klingt wie ein Mensch, mit dem Mann ein Bier trinken gehen könnte. Und man würde ihm zuhören. Schwupps ist man am Haken.

Kommen wir nun zu meinem absolutem ersten Lieblingssatz. Er kommt nicht schon Herrn Shakespeare oder Herrn Goethe, sondern von einem Herrn Namens Heinlein:

Ich hatte also diesen Raumanzug. Und das kam so: »Dad«, sagte ich, »ich will zum Mond.«
»Gewiss«, antwortete er und vertiefte sich wieder in sein Buch. Es war Jerome K. Jeromes Drei Mann in einem Boot, das er wahrscheinlich auswendig kannte.

Die Invasion der Wurmgesichter - Robert A. Heinlein (1958)

Ein Junge kommt in den Besitz eines Raumanzuges. Alles fängt mit einem Gespräch des Jungen mit seinem Vater an. Der Junge sagt, dass er zum Mond will. Der (belesene) Vater antwortet nur »Gewiss«.
Mit nur sechsundzwanzig Worten bin ich mitten drin im Leben eines Jungen und seines Vaters. Ich weiss etwas über seinen Träume und etwas über die Beziehung zu seinem Vater. Und der Junge hat einen Raumanzug! (Okay, ich wollte selbst immer einen Raumanzug. Aber um Astronaut zu werden, war ich immer zu unsportlich.)
Heinlein verwendet hier einen Trick, den man in Hollywoodfilmen einen ›Cold Open‹ nennt. Die meisten Filme von J.J. Abrams beginnen mit einem Cold Open. ›Mission Impossible 3‹ oder ›Star Trek‹. Mehr davon im nächsten Kapitel.