Kabbalah

Prolog - Shiva

Vor dem Blitz gab es eine halbe Sekunde vollkommenen Friedens.
Dann kam er, und sein Gleißen war dem Licht tausender Sonnen ebenbürtig. Trotz der Schutzbrillen brannte sich ein negatives Nachbild in die Iris seiner Schöpfer. Einige behaupteten später, es hätte Wochen gedauert bevor der gleißende Fleck vor ihren Augen verschwunden war. Ein kleines Mädchen berichtete später einem Zeitungsreporter, den Lichtblitz gesehen zu haben. Sie war seit ihrer Geburt blind und lebte über zweihundert Kilometer vom Ort der Explosion entfernt.
Noch vor der Druckwelle konnte man erkennen, wie die gigantische, pilzförmige Wolke sich wie eine drohende Faust in den Himmel reckte. Einige dünne Schleierwolken wischte diese Faust vom Firmament, wie lästige Spinnweben.
Dann kam die Druckwelle und hüllte ihre Schöpfer in heißen Staub, gefolgt von dem ohrenbetäubenden Brüllen der Detonation. Sand wurde gespuckt und man rieb sich die verklebten Augen.
Das Werk war getan – Sie hatten es geschafft. Der Ausgang des Krieges war entschieden. Einer nach dem anderen kletterten sie aus dem provisorischen Bunker.
Robert Oppenheimer betrachtete sein Werk. Der Staub hatte sein Gesicht aschfahl gefärbt. Doch Bainbridge war sich nicht ganz sicher. Vielleicht war Oppie auch nur übel - wie ihm selbst. Als Oppie schließlich zu sprechen begann, erübrigte sich das Rätselraten:
»Ich wurde zum Tod, den Zerstörer der Welten«, murmelte er. Oppie pflegte immer solche Sachen zu sagen.
So war er nun mal. 
»Shakespeare?« fragte Bainbridge nachdem sie wieder eine Weile geschwiegen hatten. Oppie schüttelte den Kopf. Er starrte immer noch auf die gigantische Wolke.
»Nein. Das ist eine Stelle aus den Bhagawadgita.«
Bainbridge erinnerte sich Dunkel davon gehört zu haben. Ein Hindutext. Er schüttelte den Kopf. Falsch, Oppie. Aber er traute sich noch nicht, es auszusprechen. Oppie hatte diesen Augenblick des Triumphs verdient.
So schwiegen sie wieder und starrten ungläubig auf das orangene Inferno. 
»Du irrst dich« sagte Bainbridge schließlich. Oppenheimer sah ihn verdutzt an. Julius Robert Oppenheimer pflegte sich nicht zu irren. Ein mächtig großer Beweis dafür reckte sich gerade vor Ihnen in den Himmel New Mexikos.
Bainbridge musste grinste. Doch es war das verzerrte Grinsen eines Mannes, der gerade erfuhr, dass die Erde gegen alle Behauptung wohl doch eine Scheibe war - Und er den ersten Schritt über den Rand getan hatte.
»Wir alle sind nun Hurensöhne, Oppie.« sagte er. 
Oppenheimer sah in Bainbridges Augen und bemerkte darin eine Veränderung. Vor einer Minute hatten sie noch jungenhaft und aufgeregt gewirkt. Jetzt waren sie nur müde und alt. Oppenheimer nickte. Er selbst fühlte einerseits Erleichterung und Euphorie …aber auch Trauer.
»Ja«, sagte er schließlich. »Ich glaube, du hast vollkommen Recht, Ken. Das sind wir.«

Niemals zuvor, wie in diesem Augenblick, war der Mensch den Ewigen so nah gewesen.
Und damit war etwas so Ungeheuerliches geschehen, dass diese etwas verspürten, was sie schon längst vergessen glaubten...

Zorn.

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Hope

Hope Evans saß auf einer der Bänke nahe dem Springbrunnen im ›The Grove‹ Einkaufszentrum und weinte.
Die Kühle des Pazifiks kroch langsam von der Küste heran. Hope fröstelte und wischte sich die Tränen aus den Augen. Sie blickte auf die spiegelglatte Wasserfläche vor sich. Es war schon weit nach Mitternacht und das lustige Fontänenspiel des Brunnens schon lange verebbt.
Wohin soll ich gehen, wohin soll ich fliehen?
Ihre Gedanken kreisten seit Stunden nur um diese Frage.
Nett, Hope. Wirklich nett. Und wenn wir schon mal dabei sind … WOHER kommst Du?
flüsterte die Stimme in ihr.
Sie kam aus New York. Soviel wusste sie.
Okay, Hope. Du kommst aus New York. The Big Apple, The city that never sleeps. Aber aus welchem Bezirk? Queens Brooklyn? Das Village? Upper Westside?
Ich weiß es nicht, antwortete Hope ihrer inneren Stimme wahrheitsgemäß.
Na schön, Hope. Man kann schon mal vergessen woher man kommt. Ich meine, verdammt … Viele Menschen verbringen ihr ganzes Leben damit, zu vergessen, woher sie kommen.
Aber ich will mich doch erinnern!
So? Willst du das wirklich, Hope? Und was machst du dann hier in L.A.?
»Ich lebe hier«, flüsterte sie leise.
Ahso, Darling. Du lebst hier. Nun, was hat dich denn hier in das sonnige Kalifornien geführt? Möchtest du dieses Geheimnis vielleicht mit deiner inneren Stimme teilen?
Du kennst die Antwort, entgegnete Hope der Stimme.
Natürlich, kenne ich die Antwort, aber ich möchte, dass du es aussprichst.
Hope begann wieder zu weinen.
Ich will nicht.
Oh, da kullern wieder die Tränchen! Scheint so, als kämen wir der Sache langsam auf den Grund, findest du nicht? Also, warum bist Du hier?
»Wegen der Stille.«, flüsterte Hope. »Der weißen Stille.«

Bevor sie wagte die Augen zu öffnen, lauschte sie.
Nichts.
Die Welt war still.
Schließlich öffnete sie ihre Augen und bereutes es sofort. 
Dunkelheit umfing sie. Ihr Atem rasselte. Keine Luft. Sie hustete. Mehliger Staub verklebte ihr Rachen und Nase und brannte in den Augen. Sie hustete erneut und hatte einen metallenen Geschmack im Mund.  Mühsam versuchte sie, unter dem Taxi hervor zu kriechen und stieß sich den Kopf. Der Fahrer hatte die Wagentür aufgelassen. Sie wand sich unter dem Taxi hervor. Der Fahrer war nicht mehr da. Sie rieb sich vorsichtig die verklebten, juckenden Augen, machte es durch das Reiben aber erst einmal nur schlimmer.
Als das Brennen nachließ versuchte sie sich zu orientieren.
Die Welt war weiß und still. Nicht ein einziger Laut war zu hören.
Plötzlich fiel ihr wieder ein, was gerade geschehen war.
Die Türme. Sie hatten in Flammen gestanden. Und dann... dann waren sie eingestürzt. Erst der Eine, dann der Andere. Einfach so.
Du musst hier weg.
Ja. Du hast Recht, Stimme. Ich muss hier weg.
Nein. Ich meine, Du musst hier weg! Du musst die Stadt verlassen. Sofort.
Warum? Was ist los?
Du bist in Gefahr.
Ich bin noch am Leben. Zählt das nicht? Die ganze Welt ist weiß und still und ich bin noch am Leben.
Ja. Noch. Aber jetzt musst Du gehen. Los. Geh. Beweg Deinen süßen Hintern aus der Stadt.
Wer bist Du?
Dieselbe Frage könnte ich Dir stellen, Babe. Kennst Du die Antwort darauf?
Sie versuchte sich zu erinnern. Natürlich kannte sie die Antwort. Ihr Name war …
»Mein Gott«, flüsterte sie. »Wer bin ich?«
Jetzt reden wir tacheles, Mädchen.
Sie konnte sich nicht mehr an ihren Namen erinnern. Aber dafür an etwas, dass in ihrem Inneren etwas rührte. Eine sanfte Resonanz wie bei einer Gitarrensaite. Es war der Widerhall eines Gedichts. Oder vielleicht war es auch ein Lied. Sie wusste es nicht. Sie wusste nur, dass es wichtig  war.
»Wohin soll ich, wohin flieh ich?« Sie sagte es leise. Ihre Stimme war noch kratzig vom Staub. Dann machte sie einen Schritt nach vorn, ihre Sneaker versanken darin.
Das alles passiert nicht wirklich, dachte sie. Ich träume. Ich träume ich bin auf dem Mond. Vielleicht auf der dunklen Seite des Mondes, in einer vergessenen, verlorenen Stadt.
Doch sie war nicht auf dem Mond. Sie sah ein Straßenschild: Trinity
Nein. Auf dem Mond gab es keine Straßen mit dem Namen Trinity. Sie war in New York City. Riesige Schmetterlinge regneten vom Himmel. Es dauerte einen Augenblick, bis sie realisierte, dass es nur hunderte lose Blätter waren. Legal Size. Ein neongelber Post-It Zettel landete vor ihren Füßen, wie ein verirrter Zitronenfalter. In schnörkeliger Handschrift stand darauf:

Bin kurz weg
Hope.


»Hope.« flüsterte sie. Ein schöner Name. Nicht nur wegen seiner Bedeutung.
Hoffnung …
Ihre Augen brannten, doch es kamen keine Tränen. Sie betrachtete den Zettel eine Weile. Dann ging sie weiter. Richtung Süden. Vielleicht fuhr noch eine der Fähren.
Außerdem hatte die Stimme Recht. Sie musste hier weg. Sie war in Gefahr. Vielleicht sollte sie wirklich die Stadt verlassen. Doch wohin sollte sie dann gehen? Sie kramte in den Taschen ihrer Jeans. Sie trug nichts bei sich. Keinen Schlüssel, kein Handy, keine Brieftasche - Nichts. Dann ertaste sie einen kleinen, festen Gegenstand in ihrer rechten Hosentasche. Sie holte in hervor.
Es war ein kleiner Schlüssel mit einer eingravierten Nummer. Ein Schließfach-Schlüssel. Doch zu welchem Schließfach gehörte er? Plötzlich wusste sie es. Sie konnte sich nicht an ihren eigenen Namen erinnern, doch sie wusste jetzt, wohin sie gehen musste. Weitläufig umging sie das Trümmerfeld, das schon bald als 'Ground Zero' ins Gedächtnis der Welt eingeschrieben werden würde, und marschierte nach Norden in Richtung Midtown.

Vom Financial District war sie den Broadway hinauf bis zur Fith gelaufen. Dann hatte sie sich Richtung Osten gehalten und über die 42. Straße das Grand Central Terminal erreicht.
Die Stimmung in der Central Station war gedämpft und ängstlich. Eine Kathedrale der Trauer. Trauben von Menschen hatten sich um die Großbildschirme versammelt und vereinzelt wurde geschluchzt und geweint. In all den Jahren die sie (vermutlich) in New York verbracht hatte, war sie nie Zeuge von einer solchen Szenerie geworden.
Die New Yorker standen dicht in Gruppen gedrängt. Viele weinten. Einige hielten sich verloren aneinander fest. Alle wirkten sie wie gelähmt.
Hope, wie sie beschlossen hatte sich temporär zu nennen, bahnte sich einen Weg durch die Menschenmenge und ging zu dem Bereich der Schließfächer. Nach einigem Suchen fand sie schließlich das Richtige: E103.
Sie zitterte. Vielleicht würde sie hier eine Antwort auf ihre Fragen finden.
Vorsichtig öffnete mit dem Schlüssel das Fach und sah hinein. Dazu musste sie sich auf die Zehenspitzen stellen. Ein brauner Briefumschlag. Letter Size. Sie nahm ihn, riss ihn auf sah hinein.
Ein dickes Bündel Dollarnoten. Eine Kreditkarte. Visa Card. Ein Sozialversicherungsausweis. Ein kalifornischer Führerschein. Das Passbild zeigte ein lächelndes, junges Mädchen. Man könnte sie schön nennen.
Eigenlob stinkt, dachte sie.
Das Foto zeigte ihr Gesicht. Große, wache Augen, eine feine Nase und schmale, aber wohlgeformte Lippen.
Sie sah auf den Namen und ihr wurde schwindelig.
Hope Evans.
(Bin kurz weg, Hope.)
(Wohin soll ich, wohin flieh ich?)
»In was bin ich hier hineingeraten?«, dachte sie laut. Sie griff nach dem Bündel Dollarnoten. Es war dick. Sie zählte kurz durch. Sie kam auf knapp dreiundzwanzigtausend Dollar. Wer immer dieses Schließfach gemietet hatte, er sorgte vor.
Und wenn du es selbst warst?, dachte sie. Sie konnte sich nicht erinnern. Aber sie war sich sicher, noch nie soviel Geld auf einem Haufen gesehen, geschweige denn besessen zu haben. Sie würde es herausfinden. Doch jetzt musste sie erst einmal weg von hier
(Wohin soll ich, wohin flieh ich?)
Die Stimme hatte Recht. Sie ging zum Ticketschalter und kaufte sich kurz entschlossen eine Fahrkarte nach Kalifornien.

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