Level Zero

San Francisco was the last city Lisa Arnold thought she would die.
Blood ran down her forehead. It was her own. A lot of it.
She was naked, cuffed and gagged, lying on the greasy diamond plate floor of the van.
Right beside her was Phil. Her display was broken and glowed in the darkness like radium.
Lisa was not sure if she was beyond repair.
 Well, they were fucked anyway.
 
Lisa heard a fog horn in the distance and the rhythmic banging of expansion gaps in the road.
They were on a bridge in the Bay. Which one, she not had the faintest idea of.
The van stopped. Someone climbed from the passenger seat and was humming »San Francisco«. The someone opened the side door of the van. Behind the someone Lisa recognized a red painted handrail through the fog:
Golden Gate Bridge.
The name of the someone was Spyder. Lisa labelled him that way, because he wore a tracksuit of that brand.
When Lisa had first met Spyder his suit was pristine white. Now it was soaked with blood. Spyder looked like Liam Gallagher in the slaughterhouse. He even wore these fucking round shades. His manners corresponded with his appearance:
 »Time to say goodbye, cunt.« With this he grabbed Phil. Lisa tried to scream.
 »This is exactly your problem, cunt. Your bloody fixation for unnecessary technical gadgetry.«
He held the cell - which was so much more than a regular phone - in front of her face like a hand puppet:
 »Say goodbye, Phil.« he said with a girlie voice.
Then he threw the cell with an impressive pitch over the balustrade. The display of the cell glowed once more in the dark like a firefly, then it was swallowed by the fog. 
 »NNNNNNNNnnnnnnnnnnn!« Lisa screamed. Tears ran down her cheek. Phil did not deserve a death like this. Not after all they had been through. Lisa ignored the pain, rebelled, turned herself on her back, tucked up her legs and kicked Spyder in the stomach with all she had left.
 »Ungh.« said Spyder and fell.
A giant paw hit Lisa hard on the head. She blacked out for a moment. When she was back she felt she was being effortlessly lifted up.
Damn. She had forgot about Donkey Kong.
He was Spyder times three. In every dimension.
Donkey Kong must have drove the van.
Shit.
Someone grabbed Lisa by her hair.
 »This is it, cunt. Time's up.« hissed Spyder. Hopefully she broke some of his ribs.
She wanted to spit him in the face despite her gag. But she was lifted in the air again by Donkey Kong. He threw her over the handrail like a bag of laundry.
 Phil, I'm coming, Lisa thought. She fell fast through the wall of fog. The dark water below awaiting her.
 We were really fucked.

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Level One

alles was lebt, bewegt sich
@barbmorgenstern

 Ich saß wie üblich im Quetzal Internet Café in meiner Lieblingsecke, trank einen Triple-Espresso und wartete auf meinen 11 Uhr Termin.
Es war der erste Termin an diesem Tag … Ich brauche meinen Schönheitsschlaf.
Auf Grund meiner Tätigkeit arbeite ich oft bis spät in die Nacht.
Ich studierte den Nachrichten-Feed auf dem iPad, den ich mir selbst aus den unterschiedlichsten Quellen zusammengestellt hatte - zumeist Technologie-Nachrichten. Die Meldung des Tages war natürlich die Hacker-Attacke auf die sweepr.net Internet-Plattform.
Sie haben vermutlich auch ihre virtuellen Leichen dort vergraben, stimmts?
In der vergangenen Nacht war aus dem Bereich der Bay ein so genannter DoS-Angriff auf die Server von sweepr.net erfolgt.
Unbekannte hatten ihre Datenpakete als die von sweepr.net getarnt und in deren Namen an die Rechner von Millionen Usern eine Anfrage gesendet. Brav und dem Internet-Protokoll entsprechend hatten die Rechner der User auf die Anfrage geantwortet. Als Antwortadresse war jedoch nicht die Adresse der Unbekannten eingetragen, sondern eben die von sweepr.net, was dazu geführt hatte, dass die Internet-Plattform durch die millionenfache Bombardierung mit Antworten auf die angeblich legitime Anfrage in die Knie gezwungen worden war.
Der Angriff war so massiv erfolgt, dass es sogar zu einem kurzzeitigen Abschalten der Dienste von sweepr.net geführt hatte. Die Auswirkungen dieses Angriffs hatte ich in der Nacht selbst zu spüren bekommen. Eigentlich hätte ich ein paar Aufträge von Klienten zu erledigen, musste diese jedoch nach der Abschaltung von sweepr.net vertrösten. Es dauerte Stunden bis die Jungs unten in Mountain View wieder alles im Griff hatten. Erst dann konnte ich meine Aufträge abarbeiten, die vertraulichen Daten der Klienten auf sweepr.net sichern und mich anschließend erschöpft schlafen legen.
Ich lehrte meine Tasse, dann tippte ich auf die Twitter-Applikation auf dem berührungsempfindlichen Schirm des iPad. Das kleine Programm öffnete sich und ich aktualisierte mit einem Satz meinen Status: 
Sitze im Quetzal Café und warte auf eine Klientin.
Normalerweise pflege ich nicht den Cyberspace über meinen Alltag zu informieren. Meine Privatsphäre ist mir äußerst wichtig. Doch mit Hilfe dieses Tweets, den man einmal ins Internet gestellt auf normalen Wege nur sehr schwer aus dem allwissenden Gedächtnis des weltweiten Computernetzwerkes löschen kann, würde ich meinem 11 Uhr Termin beweisen, wie gut die Algorithmen meines selbstentwickelten Webcrawlers funktionierten.
Mit Hilfe eines solchen autonom operierenden Löschprogamms war es mir möglich den eben verfassten Tweet (wie man diese kurzen  Status-Meldungen nannte) aus dem Internet zu tilgen, ohne dabei jedwede Datenspur zu hinterlassen.
Wobei dies natürlich nicht ganz der Wahrheit entspricht. Ein Restrisiko bleibt immer. Doch eine Löschung von 99,99% aller Daten war beachtlich genug und für meine übliche Klientel mehr als ausreichend.

Die Uhrzeit in der Statusleiste des iPad sprang von 10:58 auf 10:59. Ich warf einen Blick durch die großen Fenster nach draußen. Auf der Ecke gegenüber, vor der ›Internationalen Schule für Kosmetik‹ stand eine hochgewachsene, schlanke Blondine. Sie überprüfte den Sitz ihrer Hochsteckfrisur in der Schaufensterscheibe des Instituts. Sie schien zufrieden mit sich zu sein - und das konnte sie auch.
Ich musste schmunzeln. Sie sah ein bisschen aus wie Kim Novak in Vertigo. Sie trug ein hellgraues Kostüm und elegante, teure Schuhe.


Bishop hatte mir immer eingebläut, dass man besonders auf die Schuhe der Klienten achten sollte. »Je teurer die Schuhe, desto liquider der Klient.« pflegte er zu sagen.
Ich war mir ziemlich sicher, dass es sich bei Kim Novak um meine neue Klientin handelte.
Und sie trug teure Schuhe.
Falls sie noch nicht selbst darauf gekommen sind: Ich betreibe eine Identitäten-Agentur.
Ich spüre im Auftrag meiner Klienten deren virtuelle Spuren im Internet auf und modifiziere oder beseitigte diese Spuren - ganz nach Wunsch des Klienten.
Wie sie ja wissen, wird das die Welt umspannende Internet durch soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook immer engmaschiger.
Immer mehr Menschen begannen das Internet zur sozialen Interaktion zu nutzen. Die Datenflut an Informationen steigt dabei ins Unermessliche. Der neue, gefährliche Faktor dieser Entwicklung ist die Verknüpfung der einzelnen Dienste miteinander. 
Eine einmal achtlos im Netz hinterlassene Information in Wort, Bild oder Ton kann noch Jahre später auf einer anderen Plattform oder einem Portal wieder auftauchen, mittels weiterer Daten ergänzt und in kaum vorhersehbare und unerwünschte Beziehungen zueinander gebracht werden. 
Ein unscharfes Foto von einer betrunkenen Studentin die mit einer Kommilitonin halbnackt herumalbert, konnte Jahre später der inzwischen Anwältin gewordenen Frau den potentiellen Richterposten kosten, da das Foto in Kombination eines Eintrags im Blog der Kommilitonin und den GPS-Daten des Fotos die Anwältin eindeutig identifizierten. Dies war eines der harmloseren Beispiele von unachtsam hinterlassenen Datenspuren.
Zum ihrem Glück hatte die Anwältin jedoch mich mit der Beseitigung der ungeliebten Daten beauftragt.
Mit Hilfe meines fleißigen Webcrawlers dem ich den bescheidenen Namen Excalibur verpasst hatte, tilgte ich erfolgreich die komprimierenden Daten-Spuren aus dem Internet.
Nur wenig später saß meine Klientin auf dem Richterstuhl.


Mein Gespür für den Umgang mit Informationstechnologien habe ich schon recht früh entdeckt. Entsprechend gefördert wurde ich durch meine Mutter, Universitätsprofessorin und Leiterin einer exklusiven Denkfabrik der Regierung. Sie ist eine geborene Reisfeld.
Ja, genau. Sie ist eine von den Reisfelds. Ihr Vater - mein Großvater - war Curt Reisfeld, der so klug war, dass ein Richard Feynman ihn ab und zu um Rat fragte. Nun, meine Mutter ist auch nicht auf den Kopf gefallen. Doch sie glänzte - wie mein verstorbener Vater - den überwiegenden Teil meiner Kindheit mit Abwesenheit. Daher blieb mir viel Zeit, die ich nur zu gern vor dem Computerbildschirm verbrachte.
Ich stellte fest, das Computer im Gegensatz zu Menschen ihre Versprechungen immer einhielten. Statt mit Puppen zu spielen, programmierte ich daher schon mit vier Jahren kleine Oden an meine Mutter in BASIC:
10 PRINT »FUCK U, MOM!«
20 GOTO 10
(Zur Erklärung meiner Wortwahl: Wenn man in dem Alter bereits mit einem BASIC Interpreter umgehen kann, dann stellen die Kinderschutz-Einstellungen einer Set-Top-Box für das Kabelfernsehen keinerlei Herausforderung dar.)
Doch irgendwann geht auch die glücklichste, verdorbene Kinderzeit vorbei und ich musste mich der harten, kalten Realität stellen: Ich war nicht der einzige bindungsgestörte Nerd im Silicon Valley.

Einer meiner engsten Freunde war ein Junge mit Namen Rich. Nomen war in diesem Fall im übrigen kein Omen - Richs Eltern waren für Silicon Valley Verhältnisse bettelarm. Doch er war fast so schlau wie ich und hatte eine grandiose Idee: Er wollte ein Internet im Internet bauen. Eine sichere, geschlossene Wohnanlage für Geheimnisse, die im Gegensatz zu Facebook, Myspace und dem ganzen Rest des Internets nicht die Daten von Usern ausspähte, sondern diese mit Klauen und Zähnen verteidigte.
Es gab nur ein kleines Problem. Rich war ein guter Kommunikator, aber ein ziemlich lausiger Code Monkey.
Doch er hatte ja mich. Wir schlossen einen Pakt. Ich half ihm, den Code für seine geschlossene, virtuelle Wohnanlage zu schreiben und er gab mir dafür Anteile an dem Aktienvermögen, dass wir mit seiner Idee irgendwann gemeinsam zu erwirtschaften hofften.
Richard war Fußball-Fan und so taufte er sein geistiges Kind ›sweepr.net‹ - nach den aus der Mode gekommenen Ausputzern in der Abwehr.
Ja, sie haben richtig gehört. Sweepr-Fucking-Dot-Net. Ich bin Gründungsmitglied Nummer Zwei von einer der erfolgreichsten Internetfirmen aller Zeiten.
Rich, den sie wohl eher als Richard Baxter kennen, wurde mit sweepr.net superreich und superberühmt. Mich hingegen kennt man eigentlich nur als diejenige, die dem superreichen, superberühmten Richard Baxter an die Gurgel gesprungen ist.

»Was soll das?« fragte ich und starrte auf das Blatt Papier vor mir. Auf dem blitzblanken Glastisch schien es in der Luft zu schweben.
Der Anwalt legte einen Stift auf das Blatt Papier. Es war ein goldener Kugelschreiber. Seine Spitze zeigte auf eine Linie auf dem Blatt unter der ganz klein mein Name stand.
»Wir sind der Ansicht das eine Neubewertung ihrer Position in der Struktur von sweepr.net …« begann der schmierige Anwalt.
»Ich habe nicht sie gefragt.« fuhr ich ihn an. »Rich, was soll das?«
Rich saß neben Mr. Rechtsverdreher. Beide saßen mir in dem klinisch reinem Konferenzraum gegenüber. Rich trug wie der Anwalt einen Anzug.
Einen Anzug! Unglaublich. So war Rich früher nicht rumgelaufen. Er trug keine Flip-Flops wie Mark Zuckerberg. Meistens lief er Barfuß herum. Ich warf einen flüchtigen Blick auf seine Füße. Sie waren in teures italienisches Leder gehüllt. Seit er dieses Supermodel Katherine Williams kennengelernt hatte, war Rich nicht mehr derselbe. Der Yoko-Ono-Effekt hatte bei ihm eingesetzt. Es musste so sein. Anders konnte ich mir dieses Scheißdokument vor mir auf dem Tisch nicht erklären.
Schade, dachte ich. Wir waren eine so gute Band gewesen.
»Du bist einfach kein Teamspieler, Peewee.« sagte Rich kühl.
Ich hielt den Kopf schief und sah Rich in die Augen.
»Obwohl ich lesbisch bin, fühle ich mich von Dir gerade richtig in den Arsch gefickt, Rich.«
Der Anwalt verzog das Gesicht und hob abwehrend die Hände. »Bitte, Miss Russell, seien wir doch alle …«
»Klappe, Anwalt.« sagte ich scharf. »Peewee. Unterschreib einfach. Wenn du es nicht tust, dann bekommst du gar nichts.«
»Wir hatten einen verfickten Pakt, Rich!« schrie ich ihn an.
»Wir sitzen nicht mehr zu Dritt in meiner Garage, Peewee.« erwiderte er. »Wir sind jetzt ein globales, ständig expandierendes Unternehmen. Verdammt, wenn wir so weiter wachsen werden wir in drei Monaten wahrscheinlich größer als Google sein!«
»Wie schön für dich, Rich.« Er seufzte.
»Womit wir wieder beim Ausgangspunkt unseres Gespräches sind, Peewee. Alles muss immer nach deinem Kopf gehen. Katherine sagt auch, dass …«
Weiter kam er nicht. Ich weiss nicht warum die Erwähnung von Katherine ‚Die Göttin‘ Williams mich so in Rage versetzte. Vielleicht lag es daran, dass Rich offenbar Tisch und Bett miteinander verband, indem er Katherine in den Kreis seiner Berater mit einbezog.
Wie auch immer. Ich sprang auf und stürzte mich auf ihn. Der Anwalt wollte mich aufhalten. Daraufhin trieb ich dem Arsch seinen goldenen Kugelschreiber in den Handrücken.
Dann wandte ich mich Rich zu. Ich glaube kaum, dass ich die Kraft dazu gehabt  hätte ihn zu erwürgen.
Der Richter sah das leider anders.
Verhaftung. Fristlose Kündigung. Anklage wegen schwerer Körperverletzung. Astronomische Anwaltskosten. Ein Vergleich der mich vor dem Gefängnis bewahrte. Sozialstunden. Aufsammeln von Müll am Straßenrand.
Zum Schluss bekam ich eine lächerliche Abfindung, die zusammen mit meinen Ersparnissen  gerade so meine Ausgaben deckte.
Vielleicht hätte ich doch das Scheißpapier unterzeichnen sollen.

Niemand im Valley wollte mich nach dem Vorfall mit Baxter mehr einstellen. Die IT-Welt war ein Dorf. Schon einen Tag nach dem Vorfall galt ich im Netz als gemeingefährliche Coding-Diva und Querulantin. Gerüchte-Blogs wie der berühmt-berüchtigte Valleywag gaben mir den Rest.
Eine so tiefe Datenspur konnte nicht mal mein Weltklasse-Webcrawler verwischen.
Eine zeitlang lebte ich sprichwörtlich von der Hand in den Mund. Ich war zu stolz um mich mit meinen Problemen an jemanden zu wenden.
Erst als ich den Schritt in die Selbstständigkeit wagte, besserte sich meine Situation. Im Grunde hatte ich gar keine andere Wahl. Also machte ich aus der Not eine Tugend und gründete die Identitäten-Agentur Wega5.
Der Name stammt aus einer Wahnvorstellungen meiner mittlerweile vollkommen verrückt gewordenen Mutter.
Schnell baute ich mir einen kleinen Kundenstamm auf - überwiegend Menschen die wie ich nichts zu verlieren hatten - und nach ein paar Monaten war ich ganz gut im Geschäft. Fast jeder der Digital Natives im Valley hatte ein, oder zwei virtuelle Leichen im Keller, von denen er wünschte, sie würden sich in Luft auflösen. Und mit meinem magischen Schwert, geschmiedet aus komplexen Codezeilen war ich gern bereit zu helfen - nach Zahlung einer kleinen Aufwandsentschädigung natürlich.

Die attraktive Frau mit den teuren Schuhen betrat das Café und sah sich um. Sie entdeckte mich, lächelte mir zu und kam auf direktem Wege zu meinem Tisch.
Touchdown. Frenetischer Jubel der Menge, dachte ich.
»Miss Russell?« fragte die Frau. »Höchstselbst.« antwortete ich. »Und sie sind?«
»Richtig. Ich hatte mich in meiner Email noch gar nicht richtig vorgestellt. Ich heiße Rachel. Rachel Garrett.« Sie hielt mir ihre schmale Hand mit perfekt lackierten Fingernägeln hin. Ich schüttelte sie mit meinen abgekauten Krallen. Der Händedruck der Frau war sanft und trocken.
»Es freut mich das Sie Zeit für mich finden konnten, Miss Russell. Darf ich?« Sie deutete auf den Stuhl gegenüber.
»Natürlich.« antwortete ich. Rachel nickte, setzte sich mit beachtlicher Anmut und lächelte mich mit ihrem perfekt geschminktem Gesicht freundlich an. Ich bedauerte nun irgendwie die eigene Morgentoilette auf ein Minimum beschränkt zu haben, nur um noch ein paar Minuten mehr Schlaf zu bekommen. Ich räusperte sich.
»Nun, was kann die Agentur Wega5 für Sie tun, Miss Garrett?«
Rachel lachte. Es war klares, freundliches Lachen. Ich hob überrascht die Brauen.
»Warum lachen Sie?«
»Bitte verzeihen Sie, Miss Russell. Ich glaube ich hatte einfach eine zu romantische Vorstellung von einer Identitäten-Agentur. Zu viele Filme der Schwarzen Serie vermute ich. Ich hatte nicht erwartet, dass wir uns so konspirativ in einem Internet Café treffen.«
Nein, dachte ich. Das ist nicht der Grund. Ich war gut darin Gesten und Mimik eines Menschen zu interpretieren. Rachel log. Ich beschloss diese Erkenntnis zunächst für mich zu behalten.
»Alles was ein guter Agent heutzutage braucht ist ein Zugang zum Internet und ein wenig Erfahrung im Data-Mining. Das ist schon der ganze Zauber.« erklärte ich.
»Ich glaube, Sie stellen Ihr Licht unter den Scheffel, Miss Russell. Ich habe ein paar Erkundigungen in der Szene eingeholt. Die einstimmige Meinung ist, dass Sie die Beste sind, wenn man unangenehme Wahrheiten aus dem Internet tilgen möchte.«
»Ist das so?« fragte ich unschuldig. Doch mir stellten sich die Nackenhaare auf. Erkundigungen. Das war nicht die Sprache einer Frau, die ein paar Tweets mit ihrer Affäre aus dem Netz löschen wollte.
»Mit wem haben sie denn gesprochen, als sie ihre Erkundigungen eingeholt haben?«
Rachel rückte ein wenig näher.
»Nun, Martin Bishop zum Beispiel hat Sie in den höchsten Tönen gelobt.«
Ich hielt den Kopf schräg und schwieg. Dann nickte ich stumm.
Die Karten lagen auf dem Tisch.
Ich packte das iPad in meine Crumpler-Tasche, stand auf, legte mir den Tragriemen der Tasche über die Schulter und reichte zum Abschied Rachel die Hand. 
»Hat mich gefreut, Miss Garrett.« sagte ich.
»Was soll das?« fragte diese. Ihre Mienenspiel war von echter Verblüffung kaum zu unterscheiden.
Ich zuckte nur mit den Schultern.
»Ich arbeite nicht für die Feds. Aus Prinzip.«
Kim Novak/Rachel starrte mich einen Augenblick lang an. Dann seufzte sie wie jemand der aus einem unbequemen Paar Schuhe stieg. Plötzlich änderte sich ihre Haltung und ihre Gesichtsausdruck nahm eine professionelle Ernsthaftigkeit an. Ihre offenbar echte Identität einer Regierungsbeamtin kam nun zum Vorschein. Sie zückte einen Dienstausweis. Darauf stand kein Name, nur ein Akronym ... oder genauer: Ein Apronym.
»R.E.A.C.T?« las ich laut und hob die Brauen. »Das ist witzig. Warum nennt Ihr Euch nicht gleich S.H.I.E.L.D?«
»Ich vermute die Lizenzgebühren an Marvel Comics waren dem Staat Kalifornien zu hoch.« antwortete die Frau, ohne eine Miene zu verziehen. Ich schüttelte bedauernd den Kopf. 
»Schön, klug und doch bei den Sturmtruppen.« Ich tippte mir an eine imaginäre Hutkrempe. Haben Sie noch einen schönen Tag.«
Die Regierungsbeamtin stellte sich mir in den Weg.
»R.E.A.C.T. steht für Rapid Enforcement Allied Computer Team. Ich kann Ihnen versichern, Miss Russell - Wir sind die Guten. Mein Boss möchte sich nur mit Ihnen unterhalten.«
Martin Bishop hatte mir mal geraten Menschen nicht zu vertrauen, die von sich behaupteten ›Die Guten‹ zu sein. Plötzlich hörte man das Knattern eines sich nähernden Hubschraubers.
»Oh.« bemerkte ich. »Die Guten reisen neuerdings in schwarzen Helikoptern?«
Rachel lächelte. »Ihre Paranoia bezüglich Autoritäten ist ja noch schlimmer als in Ihrer Akte angegeben.«
»Ich habe eine Akte?!« fragte ich.
Rachel seufzte. Eine Haarsträhne hatte sich aus ihrem Haararrangement gelöst. Sie strich sie zurück und musterte mich wie eine geduldige Grundschullehrerin. »Natürlich haben sie eine Akte. In einem Punkt haben Sie recht. Dieser Hubschrauber ist unser Transport. Er wird uns auf dem Dach dieses Gebäudes aufnehmen.« Sie bugsierte mich sanft aber bestimmt in Richtung des Lastenaufzugs im hinteren Teil des Cafés.
»Warum ich?« erkundigte ich mich, als der Aufzug schwerfällig nach oben kletterte.
»Wie ich schon sagte, Miss Russell ... Sie wurden uns empfohlen.«

Als wir das Parkdeck auf dem Dach erreichten, war der Hubschrauber bereits gelandet. Es war ein Bell 206 und trug das Emblem der California Highway Patrol. Diese Tatsache trug nicht besonders zu meiner Beruhigung bei.
»Worauf warten Sie? Steigen sie schon ein!« rief Rachel vor der imposanten Geräuschkulisse der Rotoren und wies auf die geöffnete Seitentür. Wiederwillig kletterte ich in das Innere.
Hinter dem Piloten gab es vier Sitzplätze. Rachel und ich nahmen auf den Sitzen direkt hinter dem Piloten platz. Uns gegenüber saßen zwei Männer. Einer war offenbar ebenfalls Regierungsbeamter und trug ein schwarzen Anzug. Der andere Mann war älter. Er hatte das graue Haar zu einem Zopf gebunden, hatte einen Vollbart und trug einen blaues Baumwollhemd, altmodische Khakihosen und Handschellen.
»Hallo Kleines« begrüßte der Mann mich mit einem schiefen Lächeln.
Ich brauchte einen Augenblick um die Tragweite der Situation zu erfassen.
»Hallo.« erwiderte ich dann knapp. Der Mann war Martin Bishop.
Der Hubschrauber erhob sich elegant vom Parkdeck, stieg auf und flog dann in Richtung Süden, was mir logisch erschien. Soweit ich mich erinnerte, operierte die R.E.A.C.T. Task Force aus dem Silicon Valley heraus. Das Ziel ihrer Reise lag also vermutlich in Cupertino oder Campbell.
Ich musterte Bishop, den alten doppelzüngigen Mistkerl, der mich offenbar an die Behörden verpfiffen hatte. Dieser hielt meinem Blick stand.  Er lächelte. »Schön dich wiederzusehen, Kleines.«
»Fahr zur Hölle!« zischte ich. Der Mann im Anzug, der neben Bishop saß musste grinsen. Bishop lächelte nicht mehr. Er sah mich sorgenvoll an und beugte sich vor. Der Mann neben ihm berührte ihn am Arm und schüttelte den Kopf. Bishop seufzte und lehnte sich wieder zurück. Nun musste er lauter sprechen:
»Ich habe Ihnen nichts erzählt, Kleines. Sie wussten bereits alles über dich, was es zu wissen gab.« Ich ignorierte ihn, verschränkte die Arme übereinander und studierte die Ameisenpfade der Highways unter uns.
»Was wollen die von uns, Bishop?« fragte ich nach einer angemessenen Zeit des Schmollens.
»Sie werden es zu gegebener Zeit erfahren.« erwiderte Rachel, bevor Bishop etwas erwidern konnte. Sie zückte ein Mobiltelefon, welches ich anhand der Größe als ein abhörsicheres Satellitentelefon identifizierte.
»Garrett hier. Nummer Drei haben wir ebenfalls. Wir fliegen jetzt zurück … Gut … ETA 23 Minuten.« Sie beendete das Gespräch und nickte dem Mann im Anzug zu: »Nummer Eins ist schon von Ort.«
»Gut.« erwiderte der Mann im Anzug.
Ich  musste schmunzeln. Der Mann im Anzug sah fragend mich an.
»Was ist so witzig?!«
»Was wollt Ihr Typen von Rhyzkov, Bishop und mir?«
»Wie kommen sie darauf …« begann der Mann im Anzug. Ich unterbrach ihn.
»Einfache Deduktion. Ich bin Nummer Drei und ›ebenfalls an Bord‹. Martin ist der zweitbeste Hacker der Welt, also ›Nummer Zwei‹. Und Sergej Rhyzkov ist bekanntermaßen die Nummer Eins.«
Martin Bishop grinste und schüttelte bewundernd den Kopf. »Ich habe Ihnen gesagt, sie ist die Beste.«
»Ich hoffe sehr, dass sie damit recht haben, Mr. Bishop.« sagte Rachel Garett ruhig. Der besorgte Ton in ihrer Stimme ließ Bishop verstummen.
»In unser aller Interesse hoffe ich wirklich, dass sie recht haben.«

Neun Stunden zuvor.
Aus den übergroßen Boxen der Boombox dröhnte Soulja Boys Turn My Swag On. Sie hatten die Wagen am Parkplatz abgestellt und waren runter zum Strand gewandert, hatten Holz gesammelt, ein Feuer gemacht und dabei in aller Ruhe einen Joint geraucht. Die Cops kontrollierten hier in Kirby Cove relativ selten, ebenso die Park Ranger. Der Platz war eigentlich perfekt. Nur die Waschbären nervten.
Sie lungerten in einiger Entfernung im Unterholz. Ihre neugierigen Augen glühten im Schein des Feuers wie die von Jawas in den Star Wars Filmen.
»Hey, Mann.« sagte eines der Mädchen zu Morrison. Malcom konnte sich wegen der Dröhnung nicht an den Namen des Mädchens erinnern. Aber sie hatte einen geilen Arsch - und schliesslich war es das, was zählte.
»Häh?« fragte Morrison, der viel zu beschäftigt war die linke Brust des Mädchen zu kneten, als wäre sie aus Brotteig.« Das Mädchen zog Morrisons Hand aus ihrem T-Shirt und drehte seinen Kopf in Richtung ihrer märchenhaften Entdeckung.
»Da liegt ne Meerjungfrau, Mann.«
»Häh?« fragte Morrison, der nur verwirrt seine Hand betrachtete. Sie führte immer noch knetende Bewegungen aus.
»Da …« sie deutete mit ihren langen Fingern ein Stück den Strand runter.
»Wenn ichs doch sage. Da liegt ne Meerjungfrau am Strand.«
»Was erzählst Du denn hier für ne verschissene Scheiße? Meerjungfrauen gibt es nicht. Das ist sonne verschissene Disney Propaganda-Scheiße.«
Wenn Malcom zuviel rauchte, neigte er zu Fäkalsprache. Dennoch blickte er in die Richtung in der das Mädchen gezeigt hatte.
Tatsächlich. Da lag etwas am Strand.

Finsternis.
Finsternis und Sand.
Finsternis, Sand und das sanfte Schlagen der Wellen.
Das war es also? Das war der Tod.
Nein.
Das hier war nicht der Tod.
Das hier … war einfach nur … ein … Strand.
Sie lag auf einem Strand. Salziges Wasser umspülte ihre Beine. Ihre Arme waren über ihren Kopf gestreckt und immer noch mit dem Kabelbinder gefesselt.
Sie erinnerte sich nur bruchstückhaft:
Der Sturz hatte vielleicht fünf, sechs Sekunden gedauert. Noch in der Luft hatte sie die Beine angezogen, war durch ihre Arme gestiegen und war gestreckt ins Wasser eingetaucht. Das von ihr ungeliebte Turmspringen in der Ravenwood Privatschule hatte sich also doch einmal als nützlich erwiesen.
Dennoch fühlte es sich an, als hätte Sie einen Schraubensalto in ein leeres Becken vollzogen. Vom Aufprall benommen, versank sie sekundenlang in der eiskalten Finsternis. Dann ging ihr die Luft aus und sie strampelte sich wieder an die Oberfläche. Sie sog die kalte Luft ein und versuchte in Richtung Ufer zu schwimmen.
Nach ein paar Minuten, die ihr wie Stunden vorkamen spürte sie, wie ihre Kraft schwand und dann … ja … was war dann geschehen?
Finsternis.
Kalte Finsternis hatte sie umfangen und ihren Mund und ihre Lungen gefüllt.
Und nun … lag sie hier am Strand … und war am Leben.
Finsternis macht kein Ende mit mir, und das Dunkel will vor mir nicht verdeckt werden.
Sie hatte Keiko damals ins Gesicht gelacht, als sie wie üblich die Bibel zitiert hatte. Doch die verfickte Reisfresserin hatte recht behalten. Sie hatte Lisa besser gekannt, als sie sich selbst.
Finsternis macht kein Ende mit mir.
(Erkennst du nun endlich an, was du bist, Tochter?)
Nein. Das konnte nicht sein.
Doch welche andere Erklärung gab es für die Tatsache, dass sie noch lebte?
Ein menschliches Wesen hätte die Folter und die Vergewaltigung überstanden. Vielleicht auch noch den Sturz von der Golden Gate Bridge überlebt, wenn auch schwer verletzt.
Doch das Wasser ...Wie hatte sie das schwarze, kalte Wasser überlebt?
So kalt.
(Du kennst die Antwort. Akzeptiere deine Bestimmung.)
Halte dein blödes Maul, Mutter. Ich muss nachdenken.
Das Dunkel will vor mir nicht verdeckt werden.
Konnte es sein? Durfte es sein, dass ihre manipulierende durchgedrehte Bestie von Mutter all die Jahre doch recht gehabt hatte? Das sie nicht eine verrückte religiöse Eiferin war, sondern einfach nur das, was sie immer und immer wieder gepredigt hatte?
(Erkenne, was du bist, Tochter.)
Oh, Gott, dachte Lisa.
Ja, Mutter. Ich erkenne, was ich bin.
Etwas hartes wurde Lisa in die Seite gedrückt. Es war nicht kalt. Kein Metall.
Holz. Ein Baseballschläger.
»Scheiße. Die ist hin.« sagte eine Stimme.
»Echt? Meinst Du?« fragte eine zweite Stimme.
Eine Pause.
»Und wenn nich?«

Was nun folgte, war die Verkettung unglücklichen Verhaltens auf beiden Seiten. Malcom, der vor den Mädchen nicht als Angsthase dastehen wollte, schlug mit dem Baseballschläger ein wenig fester in Lisas Seite, als ursprünglich von ihm intendiert. Lisa wiederum stufte diesen Schlag als Bedrohung ein. Sie rollte sich plötzlich zur Seite und hielt den Holzschläger mit beiden Händen fest.
»Hey, lass meinen Knüppel los!« beschwerte sich der verblüffte Malcom. Die Mädchen mussten kichern. Malcoms Überraschung wuchs, als Lisa ihm den Schläger ihm mit einer blitzschnellen Bewegung entriss. Dann schleuderte sie das Holz in die Luft. Nach einer zweieinhalbfachen Drehung landete das Griffende des Baseballschlägers in ihren immer noch gefesselten Händen.
»Was fürne verfickte …« sagte Malcom noch, dann stieß Lisa das breite Ende des Schlägers so heftig ins Malcolms Gesicht dass Splitter seines Nasenbeins in sein Gehirn eindrangen. Malcoms Knie klappten zusammen wie eine Strandliege und er war bereits tot, als er mit dem Gesicht voran in den Sand stürzte.
Die Mädchen schrien auf. Morrison, vollkommen stoned, wieherte wie ein Pferd.
»Voll cool. Voll auf die Zwölf!«
Ich weiß jetzt, was ich bin, dachte Lisa und stand langsam auf. Sie riss den Kabelbinder der ihre Hände fesselte so leicht auseinander, als wäre er aus Papier. Dann nahm sie den Baseballschläger und ging auf den immer noch lachenden Morrison zu. Im Mondlicht erinnerte Lisa mit ihrer nackten Haut und ihr nassem Haar an Botticellis Geburt der Venus. Nur der Baseballschläger in ihrer Hand störte das Bild.
Morrisons Lachen endete abrupt als Lisa es ihm aus dem Gesicht schlug. Seine vorderen Zähne beschrieben einen Bogen und leuchteten im Schein des Feuers kurz auf wie Sternschnuppen - dann waren sie im Dunkel verschwunden.
Jetzt rannten die Mädchen los. Sie wussten, es ging um ihr Leben.
Die erste erwischte Lisa recht schnell. Sie packte das Mädchen bei den Haaren, umfasste sie mit der anderen Hand von hinten und brach ihr mit einer schnellen Bewegung das Genick.
Das zweite Mädchen schaffte es bis zu den Wagen. Sie öffnete gerade die Tür des Mustangs, als sie der von Lisa geworfene Baseballschläger am Kopf traf. Sie taumelte, blieb jedoch auf den Beinen, da sie sich instinktiv an Tür und Motorhaube festklammerte.
Dann war Lisa bei ihr.
»Bitte.« flehte sie wimmernd. »Tu mir nichts!«
Lisa umfasste ihren Kopf mit den Händen. Sie wollte etwas sagen, doch da fiel ihr auf, dass ihre Lungen immer noch voll Wasser waren. Sie würgte und spie dem Mädchen brackiges Seewasser entgegen.
Das Mädchen verzog angewidert das Gesicht.
»Noch gestern« begann Lisa krächzend zu sprechen. »hätte ich dir kein Haar gekrümmt.«
Es wäre eine humane Geste gewesen, dem Mädchen nichts zu tun.
Doch leider wusste sie nun, was sie wirklich war …
Finsternis macht kein Ende mit mir, und das Dunkel will vor mir nicht verdeckt werden.
»Pech für dich.« sagte Lisa und drückte ihre Daumen tief in die Augenhöhlen des Mädchens. Das Mädchen schrie. Lisa drückte ihre Daumen tiefer hinein und der Schrei des Mädchens endete abrupt. Sie brach zusammen wie Marionette, deren Fäden zerschnitten waren.
»Wirklich, Pech.« murmelte Lisa und begann in aller Ruhe das Mädchen zu entkleiden.

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