Epilog

Als der Schmerz sie wieder rief, war Katherine nicht zum Lächeln zumute.
Ich hatte mich schon gefragt, ob du je wiederkommst, begrüßte sie ihn.
Fast ein Jahr war vergangen. Katherine war aus ihrem Anwesen aus- und in Andys Haus eingezogen.
Sie vermisste dort nichts.
Machst du dir da nicht etwas vor?, fragte der Schmerz.
Nein. Eigentlich nicht.
Andys Schulter heilte gut und auch die Wunden des letzten Sommers auf Katherines Seele verblassten immer mehr.
Die Nachricht vom plötzlichen Verschwinden ihres Vaters schmerzte sie mehr, als sie vermutet hatte, doch auch nicht so sehr, dass es ihr Zusammensein mit Andy trübte.
Doch in ihrem Innern spürte sie, dass diese Phase der Ruhe und Zufriedenheit nur ein Zwischenspiel war.
Wenn sie etwas von Parker Daley gelernt hatte, dann war es die Erkenntnis, dass sie dem Schmerz nicht entfliehen konnte.
So genoss sie die Zeit und ließ ihren alten, neuen Geliebten in dem Glauben, dass ihr Glück von nun an für immer andauern würde.
Vor drei Monaten hatte Andy eine neue Sekretärin eingestellt und seine Praxis wieder aufgenommen.
Katherine hatte begonnen zu fotografieren. Etwas, was sie immer schon tun wollte, wozu ihr aber lange der Mut fehlte.
Mittlerweile hatte sie einige Ausstellungen in kleineren Galerien gehabt. Eine in Boston war sogar ein richtiger Erfolg geworden.
Andy glaubte, dass sie es um ihretwillen tat, doch in Wirklichkeit wollte sie etwas erschaffen, was ihn an sie erinnern sollte.
Dies wurde ihr nun klar, als sie sich sein Hemd überstreifte.  
Er schlief. Sein Atem ging ruhig und gleichmäßig.
Machs gut, mein Herz, dachte sie, sah ihn noch einmal kurz an und verließ das Haus.
 

Es war mehr aus Vergesslichkeit und Trägheit geschehen. Irgendwie hatte sie die Pille vergessen und jetzt war ihre Periode mehr als eine Woche überfällig. Kein Grund zur Beunruhigung, redete sie sich ein, doch dann wurde ihr morgens schlecht und sie wusste, dass sie schwanger war.
Sie wusste es einfach.
Nur um sicher zu gehen, fuhr sie in die Stadt und erstand im Safeway einen Schwangerschaftstest.
Heute früh, nachdem Andy in die Praxis gefahren war, hatte sie dann den Test gemacht.
Schwanger, stand unmissverständlich auf der digitalen Anzeige.
Mit dieser Gewissheit war der Schmerz zurückgekehrt.
Alles würde nun von Neuem beginnen.
Sie würde Andy ein Kind gebären und ihr ohnehin schon perfektes, kleines Glück noch perfekter machen. Und dann, irgendwann mal, würde sie die beiden wieder an den Schmerz verlieren.
Das konnte sie nicht zulassen, auch wenn das bedeutete, Andy in ein weiteres Unglück zu stürzen.
Das alles musste ein Ende haben.
Es war besser so.
 

Er drehte sich herum und tastete nach ihr.
Doch ihre Seite des Bettes war leer.
»Kath?«, murmelte er leise. »Kath?«, rief er ein wenig lauter.
Er setzte sich auf.
Einen Moment lang glaubte er noch, alles sei in Ordnung. Sie holte sich bestimmt nur ein Glas Wasser. War ihr in den letzten Tagen nicht ein wenig übel gewesen? Doch dann fiel der angenehme Schleier seiner Illusionen von ihm ab.
Sie ist fort.
Und diesmal für immer.
Nein, Kath, dachte er. Bitte tu mir das nicht an.
Er sprang aus dem Bett und zog sich hastig an.
 Er stürzte in die Garage. 
Die Vanity war da, stand auf dem gleichen Platz wie immer. Er hatte im letzten Monat begonnen, das Boot wieder flott zu machen. Er und Kath hatten vor, in den nächsten Wochen eine kleine Fahrt hinaus in die Bay zu machen. Aber wenn Katherine es Fran nicht gleich tat und mit der Vanity allein in die Bucht hinausfuhr, wo war sie dann?
Er sprang in den Wagen und raste los.
 

Das Boothaus auf Katherines ehemaligem Anwesen war noch immer nicht repariert worden. 
Er lief den Steg, der nun in verbrannter Traurigkeit endete, entlang und rief immer wieder ihren Namen.
»Katherine! Katherine!«
Etwas Weißes, Halbdurchsichtiges wehte ihm entgegen.
Ein Schleier? 
Eine Erscheinung? Der Geist seiner toten Frau?
Fast erwartete er, dass es ihm durch die Finger gleiten würde, wie Nebel, als er die Hand danach ausstreckte.
Sei nicht albern.
Er bekam es zu fassen.
Es war sein Hemd. Er roch daran. Es duftete nach Parfum.
Doch nicht nach Frans Parfum.
»Katherine!«, rief er in die Bay hinaus.
Nein. Das konnte nicht sein.
Er konnte nicht schon wieder eine Frau an das Wasser verlieren.
»Katherine!«, schrie er wie von Sinnen.
Im Lauf schlüpfte er stolpernd aus den Schuhen, stürzte beinahe, lief auf den Steg und sprang dann ins Wasser.
»Katherine!«
Er schwamm einige Minuten umher. Dann fühlte er, wie er der Kälte des Wassers Tribut zollte.
Noch ein paar Mal rief er ihren Namen, dann schwamm er widerstrebend an Land.
Er kroch ans Ufer, vergrub seine Hände im feuchten Sand. Er heulte und schluchzte.
Eine Welle überspülte ihn und er kroch weiter das Ufer hinauf.
Dort fand er sie.
Sie saß in ihrem Nachthemd im Sand.
Das Hemd war feucht, ihre Haare noch nass, also war sie bereits im Wasser gewesen.
Er kroch zu ihr.
»Kath ...«, flüsterte er.
Sie sah ihn nicht an, sondern versteckte ihr Gesicht hinter ihren angezogenen Knien.
»Kath«, sagte er wieder. Dann war er bei ihr und berührte sie vorsichtig. Sie zuckte zurück, als fürchtete sie seine Wut.
Doch er war nicht wütend. Er war nur unendlich froh, dass sie ihn nicht zurückgelassen hatte.
Plötzlich klammerte sie sich an ihn, als wäre sie wirklich im Begriff zu ertrinken, aber vielleicht war das ja auch der Fall.
»Es tut mir leid«, flüsterte sie.
Er sagte nichts, hielt sie nur fest.
Sie ist geblieben, dachte er. Gott, ich danke dir, dass sie geblieben ist.
Sie hielten einander und schwiegen.
Vielleicht ist dies hier die Antwort, überlegte Katherine. Sie würde wohl nie in der Lage sein, dem Schmerz für immer zu entkommen. Aber gemeinsam mit Andy und ihrem noch ungeborenen Kind war es vielleicht möglich, sich mit dem Schmerz zu arrangieren.
In diesem Augenblick, in dieser Nacht, hier am Strand sprach jedenfalls alles für diese Möglichkeit.
Möglichkeit ...
Ein gutes Wort. Sie betrachtete es von allen Seiten, ließ es in Gedanken umher rollen wie eine hübsche Murmel.
Es versprach Hoffnung.
Mehr brauchte sie nicht.