Dahinter

»Dort drüben, gleich bei der Bibliothek, hat man sie gefunden«, erklärte Professor Talbot.
Andys Blicke folgten seinem ausgestreckten Zeigefinger und er bemerkte auf der höchstgelegenen, terrassenartigen Rasenfläche unter einem schmalen Bäumchen eine Vase mit einem frischen Blumenstrauß.
»Die Verwaltung wollte natürlich nicht, dass dieser Ort zu einer Art Wallfahrtsort wird. Aber ich verstehe diejenigen, die einer solchen Tat gedenken möchten.« Talbot zog lautstark am Strohhalm seiner Sojamilch. »Zunächst hat er sie dazu gebracht, sich selbst zu verletzen. Leider wissen wir immer noch nicht, wie. Ich persönlich vermute, dass er dieselben Technik verwendete wie schon bei dem ersten Mädchen. Allerdings hatte er sie verfeinert. Vielleicht wollte er anfangs nur sehen, wie weit er gehen konnte. Doch als sie ablehnte, sich selbst die Brüste aufzuschneiden, muss er wütend geworden sein.«
Der Professor berichtete über diese Grausamkeiten so ruhig und sachlich, als hielte er eine seiner Vorlesungen. »Die polizeilichen Ermittlungen blieben zunächst ohne Ergebnis. Die Beamten gingen davon aus, dass sich das Mädchen selbst verstümmelt hatte. Erst bei dem nächsten Opfer wurde ihnen klar, dass sie es mit einem Serientäter zu tun hatten. Sie brachten diese Tatsache aber noch immer nicht mit Parker Daley in Verbindung. Im Gegenteil - er meldete sich sogar bei der Polizei und bot seine Unterstützung bei den Ermittlungen an.«
Andy nickte. Dies war das typische Verhalten der Täter mit einer Persönlichkeitsstruktur, die der von Daley entsprach. Es ging um Kontrolle und Anerkennung. Meistens waren diese den Betroffenen in der Kindheit versagt geblieben. Den Mangel versuchten sie später durch einen autoritären Beruf  nachzuholen. Allerdings scheiterten sie meistens bereits während der Ausbildung, aufgrund ihres asozialen Verhaltens. 
»Daleys DNA identifizierte ihn schließlich als den Mörder. Es kam zu einem Prozess vor einem Schwurgericht, bei dem er sich selbst verteidigte.«
»Da hatte er sich sicherlich überschätzt!«
»Im Gegenteil! Er war brillant! Er schaffte es wirklich, seinen eigenen Fall fast zu gewinnen. In letzter Minute führte der Staatsanwalt ihn aufs Glatteis: Zuerst schmeichelte er ihm, dann nahm er ihn in die Zange. Schließlich rastete Daley aus und attackierte den Staatsanwalt. Das Monster zeigte sein wahres Gesicht!« Talbot fuhr sich durchs Haar.
»Er wurde verurteilt und in ein Hochsicherheitsgefängnis in Virginia gebracht.«
»Ins Wallens Ridge?«
»Ich glaube, ja.« Talbot sah ihn prüfend an. »Bis zu Daley war ich ein vehementer Gegner der Todesstrafe«, sagte er. »Doch jetzt möchte ich diesen Bastard nur noch tot sehen!«
»Angeblich soll Daley im Gefängnis gestorben sein.«
»Das habe ich auch gehört. Doch ich glaube es nicht. Dazu ähneln die Morde an den Models viel zu sehr seinem makabren Stil ...« Er sah Andy an. »Meiner Meinung nach ist da was faul.«
»Wie meinen Sie das?«
»Ich habe alles, was Daley betraf, sehr genau in den Medien verfolgt. Ich wollte zu jeder Zeit die Gewissheit haben, dass er sicher verwahrt wurde.« Talbot verzog die Lippen. »Hier in Maryland gibt es sehr viele, sehr sichere Gefängnisse! Haben Sie gewusst, dass ein Senator aus Virginia sich für die Verlegung eingesetzt hatte?«
»Nein. Ein Senator aus Virginia?«
»Senator Williams.« Talbot hielt inne. »Ist das nicht der Vater dieses Mannequins? Ich meine Katherine Williams.« 
»Das ist richtig«, erwiderte Andy abwesend und versuchte, sich auf all das einen Reim zu machen.
Der Senator lässt nach dem Unfall seiner Tochter einen Serienkiller in ein Gefängnis seines Staates verlegen. Angeblich kommt dieser Serienkiller dann unter ominösen Umständen ums Leben. Doch nun mordet er wieder - ein Supermodel nach dem anderen. Will sich dieser Wahnsinnige vielleicht an Senator Williams rächen? Falls ja, dann würde das bedeuten...
»Ich muss telefonieren«, sagte Andy, stand hastig auf und holte sein Handy aus der Hosentasche.
Nach einigen ihm unendlich erscheinenden Sekunden nahm endlich jemand ab.
»Kath?«, rief er. 
»Hallo, Andy«, antwortete ihm eine unbekannte Männerstimme. Andy schluckte und sein Mund fühlte sich plötzlich trocken an.
»Hier ist Parker«, sagte die Stimme.
Andy schloss die Augen. Ihm wurde schwindelig. 
Frag ihn! Los! Bring es hinter dich!
»Ist sie tot?«
»Wen meinst du, Andy?«
»Sie wissen, wen ich meine!«
»Oh, Katherine? Nein. Sie kann gar nicht sterben. Sie ist eine Göttin. Sie wird wiedergeboren, Andy. Darum gehts hier doch.«
Im Hintergrund glaubte Andy Rufe einer Frau zu hören.
»Ich muss jetzt Schluss machen, Andy! Ich werde noch ein wenig warten. Aber nicht mehr lange. Du beeilst dich besser...«
Die Stimme legte auf.
Andy starrte einen Augenblick ungläubig auf den Screen. 
Das alles passiert nicht wirklich, Fran!
Oh, doch! Und du bist mittendrin, mein Schatz.
»Was ist?«, fragte Talbot.
Andy antwortete nicht.
»Oh, mein Gott«, flüsterte der Professor.
Andy suchte im Telefonspeicher Helen Louisianis Nummer. Das Besetztzeichen ertönte und er musste seine ganze Energie aufbieten, um das Handy nicht auf den Boden zu werfen und darauf herumzutrampeln.
Ruhig. Versuch es einfach noch einmal.
Doch es war noch immer besetzt.


Helen merkte, dass jemand mit ihr sprechen wollte, während sie mit Davis telefonierte. Sie warf einen schnellen Blick auf die Anzeige: Andy Peterson! Nun, der gute Doktor musste warten!
»Ja, Davis. Ich weiß! In einem Hubschrauber ... lange Geschichte ... Ist mir egal! Beeil dich einfach! Den Sheriff?« Helen überlegte. »Okay! Informiere den Sheriff. Aber er soll vorsichtig sein! Am besten wartet er auf mich! Ich bin in ...« Sie sah Johnson, der das Gespräch verfolgte, fragend an. »Dreißig Minuten«, sagte er.
»Ich bin in dreißig Minuten dort«, sagte sie. »Wie lange braucht das SWAT-Team und du? Okay! Verstehe! Muss genügen...«
Aber vielleicht genügt es doch nicht!


»Jamie?«, fragte Katherine, als sie die Stufen der Veranda hinabstieg. »Jamie!«, rief sie nochmals. 
Es ging doch nur um ihr blödes Handy! Wieso besaß sie eigentlich diese zweifelhafte Gabe, Menschen wie Jamie dazu zu bringen, ihre trivialsten Wünsche in heilige Aufgaben zu verwandeln?
Sie tat es nicht absichtlich! Zumindest nicht mehr... Es passierte einfach! Menschen taten die sonderbarsten Dinge, nur um ihr nahe zu sein. Männer hatten sich für sie sprichwörtlich beinahe umgebracht. Anfangs hatte sie das verunsichert. Dann amüsiert. Mittlerweile fürchtete sie diese Gabe. Und offenbar hatte diese auch bei Jamie gewirkt.
Wahrscheinlich hatte die Kleine bereits den halben Wagen zerlegt, um die Reliquie der heiligen Katherine zu finden.
Katherines Flip Flops machten lustige Geräusche auf dem Kies, als sie das Tor der Scheune erreichte. Es war nur angelehnt.
»Jamie, alles in Ordnung?«, rief sie in die stickige Finsternis.
Keine Antwort.
Sie wartete, dann trat sie in das Dunkel.


Die Bay breitete sich unter ihnen aus wie ein schwarzer Teppich.
Helen beobachte Johnson, der in aller Seelenruhe einen Schalldämpfer auf seine Waffe schraubte, und griff reflexartig nach ihrem Holster. Wieso zum Teufel war es leer? Hatte sie ihre Waffe wirklich in Wallens Ridge vergessen? 
Johnson lächelte. »Sie sind sehr gut, Miss Louisiani!«
Sie deutete auf seine Waffe. »Offenbar nicht gut genug.«
»Sterben hat nichts mit gut und böse zu tun.«
»Sie verstehen, dass ich das ein klein wenig anders sehe?«
»Das macht Sie ja eben so gut!«
»Und? Wie wird es laufen?«, fragte sie. Sie wollte Zeit gewinnen und stellte mit Erstaunen fest, dass sie am Leben hing. Oder es zumindest nicht auf diese Art beenden wollte. »Sie erschießen mich und werfen meine Leiche in die Bay?«
Johnson nickte und zielte mit der Waffe auf ihren Kopf. 
Helen starrte in den Lauf. »Das da unter uns ist nicht der Atlantik. Eine Wasserleiche wird schnell mal an Land gespült.«
»Wir überfliegen gerade eine sehr tiefe Stelle.« Johnson öffnete ein Fach unter seinem Sitz. »Das sind Taucherstiefel. Sehr schwer. Zusätzlich werde ich Ihren Leichnam mit Ketten beschweren.« Sein schwarzes Gesicht sah erschreckend zuversichtlich aus. »Sie werden ganz sicher unten bleiben!«
»Offenbar an alles gedacht.« Helen selbst konnte nicht klar denken. Ihr Kopf war leer. Sie hatte 9/11 überlebt. Dies hier würde sie wohl nicht überleben. Offenbar waren ihre neun Leben aufgebraucht.
Johnson stützte die Waffe mit dem anderen Arm ab.
Ich müsste jetzt eigentlich etwas tun.
Helen sah, wie sich sein Finger auf den Abzug legte.
Irgendwas.
Johnsons Handy klingelte.
Für einen Augenblick sah es so aus, als würde er es ignorieren. Dann ließ seine Körperspannung nach, er sicherte die Waffe und nahm den Anruf entgegen.
Jetzt, dachte Helen.
Sie warf sich auf ihn. 
Er reagierte so unglaublich schnell, dass Helen den Schlag nicht einmal kommen sah.
Bewusstlos ging sie zu Boden.
»Was war das?«, fragte Ashera am anderen Ende der Leitung.
»Nichts von Bedeutung. Alles unter Kontrolle«, entgegnete Johnson und konnte nicht umhin, Helens Mut zu bewundern.
»Planänderung!«, sagte Ashera. »Ich möchte, dass Sie Helen Louisiani nach St. Michaels bringen.«
»Roger! Was ist mit ihrer Waffe?«
»Geben Sie sie ihr zurück. Sie wird sie brauchen.«
»Roger und Aus!« Johnson steckte das Handy ein.
Langsam kam Helen wieder zu sich.
Johnson streckte ihr seine Hand entgegen.
Helen musterte skeptisch seine riesige Pranke. »Hab ich was verpasst?«, fragte sie und rieb sich das schmerzende Kinn.
Johnson zuckte entschuldigend mit den Schultern. 
»Meine Befehle haben sich geändert. Hier ...« Er reichte Helen ihre Waffe und die Dienstmarke. 
Sie griff nach ihnen und betrachtete sie, als wären sie ihr völlig fremd. »Neun Leben«, meinte sie.
»Was?«, fragte Johnson.
Helen antwortete nicht, nahm ihre Waffe, entsicherte sie und zielte auf seinen riesigen Schädel.
Johnson lächelte. »Detective, bitte! Stellen Sie sich nicht dümmer an als Sie sind.«
»Was meinen Sie?«
»Sie haben doch bereits am Gewicht der Waffe gemerkt, dass sie nicht geladen ist!«
»Vielleicht ist doch noch eine Kugel im Lauf.« 
Johnson leckte sich die Lippen. »Nein! Ganz bestimmt nicht!«
Helen drückte ab und sagte: »Pech!« 
Johnson lachte erleichtert auf.
»Was?«, fragte Helen und ihre Hände zitterten. »Was ist los? Was ist los?« Sie zielte immer noch mit der ungeladenen Waffe auf Johnson. 
»Nichts!«, sagte er. »Ich bin einfach froh, dass ich Sie nicht eliminieren musste.«
Helen ließ die Waffe sinken. »Was soll das eigentlich?«, fragte sie.
»Sie haben wirklich Schneid, Detective!« Johnson lachte und seine Zähne blitzen auf. 
»Und Sie töten mit Komplimenten, oder?« 
»Wenn Sie es so sehen wollen, Detective! Ich gebe jetzt dem Piloten die neue Route durch.« 
»Tun Sie, was Sie nicht lassen können!«, erwiderte Helen. Das Zittern ließ nach, ihr Puls verlangsamte sich.
Offenbar hatte sie doch noch ein paar Leben übrig. Sie war dankbar dafür, denn sie hatte das unbestimmte Gefühl, dass sie diese gerade heute Nacht noch brauchen würde.


»Hallo! Jamie?«, rief Katherine.
Als sie den UPS-Lieferwagen bemerkte, blieb sie stehen. Er wirkte in diesem Stall so unwirklich, dass Katherine glaubte, ihre Phantasie spiele ihr einen Streich. Vorsichtig trat sie näher und bemerkte - im Gegensatz zu Jamie vor ihr - die dunkelroten Flecken in der Fahrerkabine und die Schleifspur, die zu den Pferdeboxen führte.
Das ... das ist doch Blut, dachte sie.
Sie wollte schon der Spur zu den Boxen folgen, als sie von draußen ein Geräusch vernahm. Ein Wagen näherte sich, er bremste, sie hörte, wie die Fahrertür aufgestoßen wurde. 
Eine Stimme rief: »Miss Williams!« 
 Einen Augenblick lang kämpften beide Eindrücke um ihre Aufmerksamkeit, dann gewann der zweite: Katherine drehte sich um und rannte zum Stalltor.
»Miss Williams!«, ertönte erneut die Stimme und nun erkannte Katherine sie. Es war Davis. Dieser Davis, der sie noch vor einigen Tagen für eine Mörderin hielt. Doch das war ihr in diesem Moment herzlich egal.
Etwas Schlimmes war mit Jamie geschehen. Sie wusste es.
Mit einem Ruck riss sie das Tor auf und noch bevor sie ins Freie trat, drang ein beißender, undefinierbarer Geruch zu ihr.
Es roch nach verdorbenem Fleisch.


»Miss Williams!« Davis packte sie am Arm und zog sie zum Wagen. »Kommen Sie!«, sagte er. »Ich bringe Sie weg von hier! Der Catwalk-Killer ist sehr wahrscheinlich bereits auf dem Anwesen!«
Katherine widersetzte sich seinem Griff. »Ja! Ich weiß! Aber Jamie ist noch im Stall! Und dieser UPS-Wagen voll Blut...«
»Beruhigen Sie sich!«, unterbrach er sie. »Setzen Sie sich in meinen Wagen und verriegeln Sie Fenster und Türen. Ich suche Jamie. Also, in den Wagen, Miss Williams!« 
Widerstrebend gehorchte sie.
Davis zog die Waffe und lief auf das offene Stalltor zu. Aus dem Wagen sah Katherine, wie er an der Schwelle stehen blieb und einen Blick in den Stall warf. Er schien zu überlegen. Dann schlüpfte er hinein.
Minuten verstrichen. Mehrmals überprüfte Katherine nervös die Türen und Fenster. Sie waren fest verschlossen.
Sie wartete weiter.
Der Schuss kam unversehens und riss sie aus ihrem Erstarren.
Katherine zuckte zusammen.
Zwei weitere Schüsse fielen. Im dunklen Rechteck der Stalltür blitzte Mündungsfeuer auf.
Er hat ihn! Katherine atmete erleichtert aus. Dieser Davis weiß, was er tut! Er hat den verdammten Bastard erwischt!
Davis trat heraus.
Er tat einen Schritt vorwärts, sah sie an und blickte dann an sich hinab. Auf seinem Hemd breitete sich ein großer, roter Fleck aus. Dann floss auch schon Blut aus seinem Mund. Bevor er zusammenbrach, sah er sie noch einmal mit starren Augen an, so als wollte er sagen: »Es tut mir leid.« 
Hinter ihm tauchte eine Hand aus dem Dunkel auf, die seine Pistole hielt. Dann verschwand sie wieder, um gleich darauf mit einem Schlüsselbund aufzutauchen. 
Katherine tastete das Lenkrad nach dem Zündschlüssel ab. Doch es gab keinen. Es gab nur einen Start-Stop-Knopf. 
Katherine drückte ihn.
Nichts!
Die Hand ließ den Schlüsselbund um den Finger kreisen.
Oh, nein!, dachte Katherine. Sie wusste, was nun gleich geschah. Sie wusste, wie diese Wagen funktionierten! Sie kannte es von ihrem SUV: Nur wenn man den kleinen Chip bei sich trug, konnte man den Motor starten!
Und dieser Chip konnte noch mehr.
Die Hand zielte damit in Richtung des Wagens.
Nein! Oh Gott, nein!
Die Türen des Wagens wurden entriegelt.
Mit einem surrenden Geräusch senkten sich die Scheiben.
Bitte nicht ...
Sie starrte noch immer zum Stalltor.
Plötzlich war sie wieder von dem Geruch verdorbenen Fleisches umgeben.
Sie drehte sich um. 
Durch das offene Fenster auf der Beifahrerseite blickte sie in eine Fratze.
Nein! Das war kein richtiges Gesicht ...
Der Unbekannte trug eine Maske aus Streifen menschlicher Haut, grob zusammengehalten durch schwarzes Klebeband. Aus dem Schlitz in Höhe seines Mundes blitzen Katherine weiße Zähne entgegen.
»Katherine ... Wie schön. Endlich lernen wir uns persönlich kennen«, sagte er.
Katherine schrie nicht.
Sie schloss die Augen und wartete auf den Schmerz.


Der Hubschrauber setzte Helen abseits des Anwesens auf einer Wiese ab.
Johnson hatte angeboten, sie zu begleiten, doch Helen lehnte ab. »Verstehen Sie das nicht falsch, Johnson, aber ich traue Ihnen nicht über den Weg!«
»Ich verstehe das schon richtig, Detective. Dann nehmen Sie wenigstens das hier.« Er reichte ihr seine SIG-Sauer mit Schalldämpfer und ein kleines Fernglas mit Nachtsichtfunktion.
Helen steckte sich wortlos die Waffe in den Gürtel und das Fernglas in die Tasche ihres Jacketts und nickte zum Abschied. Johnson erwiderte die Geste und bedeutete dem Piloten mit einer kreisenden Fingerbewegung, dass sie wieder abheben konnten.
Helen trat zurück. 
Gras und Erde wirbelten auf, dann erhob sich der Hubschrauber. Erst langsam, wie ein alter Mann, dann schneller werdend. Er drehte sich in der Luft und flog in Richtung Norden, nach Washington, wie Helen vermutete.
Sie sah ihm noch einen Augenblick nach, dann machte sie sich auf den Weg zum Anwesen.


Sie hörte das Glucksen kleiner Wellen. 
Es roch nach Salz und Tang. Ein Luftzug auf ihrer Haut ließ sie fühlen, dass sie nackt war. Ihre Arme taten weh. Sie waren über dem Kopf zusammengebunden und ihre ebenfalls gefesselten Füße erreichten den Boden nicht. Um den Hals spürte sie Ketten. Sie konnte sich nicht rühren. Sie versuchte wenigstens die Augen zu öffnen, doch sie waren mit irgendetwas verklebt.
Eigentlich brauchte sie ihre Augen gar nicht, um zu ahnen, wo sie war.
Im Boothaus.
Sie glaubte, jemanden atmen zu hören.
Ganz nah.
»Hallo!«, rief sie leise. Sie flüsterte das Wort fast.
Keine Antwort.
»Hallo!«, rief sie etwas mutiger.
Immer noch keine Antwort.


Helen lief geduckt zum Haupthaus. 
Vor der großen Pferdescheune stand ein Zivilwagen der New Yorker Polizei.
Vermutlich Davis, überlegte Helen. 
Sie schlich an einem der Pferdegatter entlang und ging hinter einer Hecke in Deckung. Im Zwielicht konnte sie erkennen, dass jemand vor dem Tor auf dem Boden lag. Sie holte das Fernglas aus ihrer Jackentasche, stellte die Schärfe ein und erschrak.
 Davis! Es war Davis! Und er bewegte sich nicht.
 Der Kies um ihn herum war dunkel von Blut.
 Scheiße!
Helen schossen Tränen in die Augen.
Das konnte nicht sein! Nicht Davis!
Gottverdammte Scheiße!
Ihr erster Impuls war, zu ihm zu rennen. 
Vielleicht war er gar nicht tot! Vielleicht konnte sie ihn wiederbeleben! Vielleicht ...
Vielleicht war es eine Falle.
Wie damals in der City Hall Station.
Sie wischte sich die Tränen aus den Augen.
Was sollte sie tun?
Handeln natürlich.
Ihr Partner brauchte Hilfe.
Sie holte das Handy hervor und wählte die Nummer von Sheriff Miller. Seine Gehilfin meldete sich.
»Hier spricht Detective Helen Louisiani, NYPD!«, flüsterte Helen ins Telefon. »Ich ...«
Weiter kam sie nicht, denn eine Schaufel traf sie hart am Hinterkopf.
Leblos sackte Helen zusammen.
Mit einem Knirschen zertrat ein schwerer Schuh das Handy und brachte die Stimme der Assistentin des Sheriffs zum Schweigen.

Epilog

Als der Schmerz sie wieder rief, war Katherine nicht zum Lächeln zumute.
Ich hatte mich schon gefragt, ob du je wiederkommst, begrüßte sie ihn.
Fast ein Jahr war vergangen. Katherine war aus ihrem Anwesen aus- und in Andys Haus eingezogen.
Sie vermisste dort nichts.
Machst du dir da nicht etwas vor?, fragte der Schmerz.
Nein. Eigentlich nicht.
Andys Schulter heilte gut und auch die Wunden des letzten Sommers auf Katherines Seele verblassten immer mehr.
Die Nachricht vom plötzlichen Verschwinden ihres Vaters schmerzte sie mehr, als sie vermutet hatte, doch auch nicht so sehr, dass es ihr Zusammensein mit Andy trübte.
Doch in ihrem Innern spürte sie, dass diese Phase der Ruhe und Zufriedenheit nur ein Zwischenspiel war.
Wenn sie etwas von Parker Daley gelernt hatte, dann war es die Erkenntnis, dass sie dem Schmerz nicht entfliehen konnte.
So genoss sie die Zeit und ließ ihren alten, neuen Geliebten in dem Glauben, dass ihr Glück von nun an für immer andauern würde.
Vor drei Monaten hatte Andy eine neue Sekretärin eingestellt und seine Praxis wieder aufgenommen.
Katherine hatte begonnen zu fotografieren. Etwas, was sie immer schon tun wollte, wozu ihr aber lange der Mut fehlte.
Mittlerweile hatte sie einige Ausstellungen in kleineren Galerien gehabt. Eine in Boston war sogar ein richtiger Erfolg geworden.
Andy glaubte, dass sie es um ihretwillen tat, doch in Wirklichkeit wollte sie etwas erschaffen, was ihn an sie erinnern sollte.
Dies wurde ihr nun klar, als sie sich sein Hemd überstreifte.  
Er schlief. Sein Atem ging ruhig und gleichmäßig.
Machs gut, mein Herz, dachte sie, sah ihn noch einmal kurz an und verließ das Haus.
 

Es war mehr aus Vergesslichkeit und Trägheit geschehen. Irgendwie hatte sie die Pille vergessen und jetzt war ihre Periode mehr als eine Woche überfällig. Kein Grund zur Beunruhigung, redete sie sich ein, doch dann wurde ihr morgens schlecht und sie wusste, dass sie schwanger war.
Sie wusste es einfach.
Nur um sicher zu gehen, fuhr sie in die Stadt und erstand im Safeway einen Schwangerschaftstest.
Heute früh, nachdem Andy in die Praxis gefahren war, hatte sie dann den Test gemacht.
Schwanger, stand unmissverständlich auf der digitalen Anzeige.
Mit dieser Gewissheit war der Schmerz zurückgekehrt.
Alles würde nun von Neuem beginnen.
Sie würde Andy ein Kind gebären und ihr ohnehin schon perfektes, kleines Glück noch perfekter machen. Und dann, irgendwann mal, würde sie die beiden wieder an den Schmerz verlieren.
Das konnte sie nicht zulassen, auch wenn das bedeutete, Andy in ein weiteres Unglück zu stürzen.
Das alles musste ein Ende haben.
Es war besser so.
 

Er drehte sich herum und tastete nach ihr.
Doch ihre Seite des Bettes war leer.
»Kath?«, murmelte er leise. »Kath?«, rief er ein wenig lauter.
Er setzte sich auf.
Einen Moment lang glaubte er noch, alles sei in Ordnung. Sie holte sich bestimmt nur ein Glas Wasser. War ihr in den letzten Tagen nicht ein wenig übel gewesen? Doch dann fiel der angenehme Schleier seiner Illusionen von ihm ab.
Sie ist fort.
Und diesmal für immer.
Nein, Kath, dachte er. Bitte tu mir das nicht an.
Er sprang aus dem Bett und zog sich hastig an.
 Er stürzte in die Garage. 
Die Vanity war da, stand auf dem gleichen Platz wie immer. Er hatte im letzten Monat begonnen, das Boot wieder flott zu machen. Er und Kath hatten vor, in den nächsten Wochen eine kleine Fahrt hinaus in die Bay zu machen. Aber wenn Katherine es Fran nicht gleich tat und mit der Vanity allein in die Bucht hinausfuhr, wo war sie dann?
Er sprang in den Wagen und raste los.
 

Das Boothaus auf Katherines ehemaligem Anwesen war noch immer nicht repariert worden. 
Er lief den Steg, der nun in verbrannter Traurigkeit endete, entlang und rief immer wieder ihren Namen.
»Katherine! Katherine!«
Etwas Weißes, Halbdurchsichtiges wehte ihm entgegen.
Ein Schleier? 
Eine Erscheinung? Der Geist seiner toten Frau?
Fast erwartete er, dass es ihm durch die Finger gleiten würde, wie Nebel, als er die Hand danach ausstreckte.
Sei nicht albern.
Er bekam es zu fassen.
Es war sein Hemd. Er roch daran. Es duftete nach Parfum.
Doch nicht nach Frans Parfum.
»Katherine!«, rief er in die Bay hinaus.
Nein. Das konnte nicht sein.
Er konnte nicht schon wieder eine Frau an das Wasser verlieren.
»Katherine!«, schrie er wie von Sinnen.
Im Lauf schlüpfte er stolpernd aus den Schuhen, stürzte beinahe, lief auf den Steg und sprang dann ins Wasser.
»Katherine!«
Er schwamm einige Minuten umher. Dann fühlte er, wie er der Kälte des Wassers Tribut zollte.
Noch ein paar Mal rief er ihren Namen, dann schwamm er widerstrebend an Land.
Er kroch ans Ufer, vergrub seine Hände im feuchten Sand. Er heulte und schluchzte.
Eine Welle überspülte ihn und er kroch weiter das Ufer hinauf.
Dort fand er sie.
Sie saß in ihrem Nachthemd im Sand.
Das Hemd war feucht, ihre Haare noch nass, also war sie bereits im Wasser gewesen.
Er kroch zu ihr.
»Kath ...«, flüsterte er.
Sie sah ihn nicht an, sondern versteckte ihr Gesicht hinter ihren angezogenen Knien.
»Kath«, sagte er wieder. Dann war er bei ihr und berührte sie vorsichtig. Sie zuckte zurück, als fürchtete sie seine Wut.
Doch er war nicht wütend. Er war nur unendlich froh, dass sie ihn nicht zurückgelassen hatte.
Plötzlich klammerte sie sich an ihn, als wäre sie wirklich im Begriff zu ertrinken, aber vielleicht war das ja auch der Fall.
»Es tut mir leid«, flüsterte sie.
Er sagte nichts, hielt sie nur fest.
Sie ist geblieben, dachte er. Gott, ich danke dir, dass sie geblieben ist.
Sie hielten einander und schwiegen.
Vielleicht ist dies hier die Antwort, überlegte Katherine. Sie würde wohl nie in der Lage sein, dem Schmerz für immer zu entkommen. Aber gemeinsam mit Andy und ihrem noch ungeborenen Kind war es vielleicht möglich, sich mit dem Schmerz zu arrangieren.
In diesem Augenblick, in dieser Nacht, hier am Strand sprach jedenfalls alles für diese Möglichkeit.
Möglichkeit ...
Ein gutes Wort. Sie betrachtete es von allen Seiten, ließ es in Gedanken umher rollen wie eine hübsche Murmel.
Es versprach Hoffnung.
Mehr brauchte sie nicht.