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Das MAL

von

Christian Heinke

MYSTERY

Prolog

Tiqun

Das Dröhnen des Motors erfüllte den Frachtraum der Junkers K-45 und ließ Boden und Wände der Maschine erzittern. Es war eine beruhigende Vibration. Langsam wich die Anspannung in Wilhelm Körber. Kaum zu fassen. Sie hatten es wirklich geschafft.
Er hatte natürlich nie daran gezweifelt, dass sich seine Theorie als richtig erweisen würde. Allerdings hätte er nie im Traum daran gedacht, sie schon durch die erste Expedition nach Alaska beweisen zu können.
Wenn alles gut ging, würden sie in einigen Stunden in Seward landen. Von dem kleinen Hafen war es dann noch eine weite Reise zurück nach Deutschland; doch sie würden sich endlich von dieser klirrend kalten Einöde am Ende der Welt verabschieden können.
Körbers Glieder schmerzten und seine Zehen und Fingerspitzen waren immer noch taub vor Kälte. Er freute sich auf die Rückkehr in die Zivilisation. Er sehnte sich nach einem heißen Bad. Sie alle stanken erbärmlich. Ausrüstung und Kleider waren muffig und feucht und hatten den Geruch der weiter hinten im Frachtraum angeketteten Schlittenhunde angenommen.
Ein weiteres unangenehmes Aroma drang in Körbers Nase  aus Richtung Bug.
Althen saß dort an einem der kleinen Fenster, blickte nachdenklich in die vereiste Ferne und paffte dabei genüsslich eine seiner stinkenden Zigarren.
Nun, jeder beging den Triumph des Erfolges auf seine Weise. Körber öffnete die schmale, stählerne Kassette, in der er seine Kladde für Aufzeichnungen aufbewahrte und begann einen neuen Eintrag.

13. November 1936
Erfolg! Nach all den Strapazen und dem Ausfall von Eisner befinden wir uns nun auf dem Rückflug.
Unsere Fracht ist wohl auf.

Er hielt inne und sah zur Kiste. Sie maß etwa eineinhalb Meter in Breite, Höhe und Tiefe und auf der ihm zugewandten Seite prangte groß der Reichsadler.
Mit dem, was die Kiste in ihrem Inneren verbarg, konnte er sehr zufrieden sein. Es war nicht alles so verlaufen, wie er es sich vorgestellt hatte - aber das Ergebnis war, was zählte.
Das Mädchen war wach. Ihre Haut war dunkel und ihr Haar schlohweiß. Körber schätzte ihr Alter auf zwölf Jahre. Sie lugte durch eines der schmalen Löcher, die sie ins obere Drittel der Kiste gebohrt hatten, damit ihre wertvolle Fracht nicht erstickte.
Die dunklen Augen des Mädchens bedachten ihn mit einem prüfenden Blick, ohne jede Emotion.
Weder Gefühl noch Verstand. Da hat das Biest was mit Althen gemeinsam, dachte er grimmig.
»Und? Ist sie ruhig?« fragte Althen, der plötzlich neben ihm stand. Körber fuhr vor Schreck zusammen und versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen. Das zufriedene Grinsen in Althens Gesicht zeigte, dass er damit keinen Erfolg gehabt hatte.
»Warum so nervös?« Aufmunternd klopfte Althen ihm auf die Schulter. »In Berlin werden sie uns als Helden feiern.«
»Wir werden sehen … Und ich bin keineswegs nervös.« Zur Bekräftigung klappte er die Kassette mitsamt der Kladde wieder zu.
Althen grinste immer noch.
»Nun, wenn das so ist, Professor …« Er nahm den Stummel seiner Zigarre, steckte sie durch eines der Löcher in der Kiste und drückte die Glut auf dem Körper des Mädchens aus. Es heulte vor Schmerz auf und klang dabei fast wie ein beseeltes Wesen. Körber roch versengtes Fleisch und verzog angewidert das Gesicht.
»Sind sie wahnsinnig?« schrie er und sprang auf, um den Schaden zu begutachten.
»Was denn?«, verteidigte sich Althen achselzuckend. »Wenn das Biest ist, für was sie es halten, dann macht es ihr nichts aus. Sehen sie’s als einen ersten, kleinen Test.« Zu seiner eigenen Überraschung hielt er Althens herausfordernden Blick stand.
»Sie haben wohl immer noch nicht begriffen, was wir hier haben, Althen, nicht wahr?« Körbers Gesicht war krebsrot angelaufen. Althen warf einen Blick auf das Mädchen.
»Eine verfilzte, stinkende Indianerfotze?«
Seine kalten, wasserblauen Augen musterten Körber. Dabei spielte er mit etwas in seiner behandschuhten Hand. Mit einer schnellen Bewegung griff Körber danach und nahm es ihm ab.
»Woher haben sie das?« fragte er. Althen deutete nur mit einem Kopfnicken zur Kiste.
»Hatte es bei sich.« Körber sah ihn an. Althen schnalzte mit der Zunge »Sie trug es um den Hals.«
Körber begutachtete Althens ›Fundstück‹. Es war ein steinernes Amulett, das an einem ledernen Band befestigt war. Der Stein schien nichts Besonderes zu sein. Ein geschliffener Hämatit in Form eines Sterns, dessen Eckpunkte mit feinen weißen, in den Stein geritzten Linien miteinander verbunden waren.
»Warum haben Sie es ihr abgenommen?« fragte er und sah wieder in die Kiste. Das Mädchen zeigte erstmals eine menschliche Regung: Sie lächelte. Sie lächelte und hielt sich die von Althen verbrannte Stelle.
»Dieses Gehänge sah mir zu … jüdisch aus.« Körber verstand sofort, worauf Althen anspielte. Ungläubig über soviel Ignoranz schüttelte er mit dem Kopf.
»Herr Gott, Althen. Das ist ein Pentagramm! Ein fünfeckiger Stern! Ein Davidstern ist sechseckig!«
Glaubte dieser Idiot wirklich, dass eine nordamerikanische Indianerin ein jüdisches Symbol um den Hals trug? Wütend hielt er Althen das Amulett unter die Nase. Althen verzog keine Miene.
»Ich kenne durchaus den Unterschied zwischen einem Pentagramm und einem Davidstern.« erklärte er im Plauderton. »Aber wollen Sie es wirklich darauf ankommen lassen, dass der Reichsführer den Unterschied kennt - oder schlimmer - unser geliebter Führer selbst?« Er öffnete seine Hand und wartete.
Da hatte Althen natürlich Recht. Die Gefahr einer Fehlinterpretation an oberster Stelle war zu groß. Sie hatten mit dieser Operation bereits zuviel riskiert. Er musste an Eisner denken. Mit einem Seufzer gab er Althen den Talisman zurück. Dieser nahm ihn stumm und ließ ihn in seiner Brusttasche verschwinden.
Plötzlich hörten sie aus der Kiste ein Wimmern. Beide Männer sahen sich kurz an, dann stürmten sie zur Kiste und sahen hinein. Das weißhaarige Mädchen lag auf dem Boden und krümmte sich vor Schmerz.
Die Schlittenhunde begannen zu Bellen und zu Jaulen. Wie von Sinnen zerrten sie an ihren Ketten und schnappten hysterisch um sich. 
Was zum Teufel geht hier vor? dachte Körber. Doch um die Hunde konnte er sich später kümmern.
»Sie kollabiert! Wir dürfen sie nicht verlieren!« schrie er und begann sich nach etwas umzusehen, um die Kiste zu öffnen. Kurz entschlossen zog er eine der Zeltstangen aus einem der verzurrten Bündel mit der Ausrüstung neben ihm und setzte sie dann als Brechstange ein, um eines der vernagelten Bretter aufzuhebeln. Er spürte, wie Althens Hand ihn grob zurück riss.
»Sind Sie übergeschnappt? Denken Sie daran, was dieses Ding mit Eisner angestellt hat!« Mit einem Ruck löste sich Körber aus Althens Griff.
»Da war Vollmond, Sie Idiot! Helfen Sie mir lieber, zum Teufel.« knurrte er ihn an und begann die Kiste aufzustemmen. Immer noch wand sich das weißhaarige Mädchen in größter Pein. Ihre Augen waren verdreht und schienen im schummrigen Licht des Frachtraums zu glühen.
Wir verlieren sie! dachte er, während er das erste schwere Brett vom Deckel der Kiste hob. Wir waren so kurz davor. Es darf nicht so enden.
Nicht so.


Teil Eins

Vollmond

Mondlicht sickerte zwischen den Wolken hervor und tauchte den Wald in fahles Silber. Der kleine Junge achtete nicht darauf. Er hatte genug damit zu tun, um sein Leben zu rennen.
Der Name des kleinen Jungen, der blutend durch den Schnee um sein junges Leben stapfte, war Björn Eggert. Er war sechs Jahre alt und hatte braunes Haar, um das ihn Frau Müller, die ihm die Haare schnitt, immer schon beneidet hatte. Björn erinnerte sich gut daran, wie sie ihm nach dem Schneiden immer noch einmal über das Haar strich. Sie begutachtete sein Abbild in dem großen Spiegel, an dem entlang schwatzende Frauen saßen und mit ihren Friseusen über die neuesten, unwichtigen Wichtigkeiten der Stadt tratschten.
Frau Müller sah dann gewöhnlich zu Björns Mutter, die unter einer der Trockenhauben saß und in irgendeiner Illustrierten blätterte, die auf ihrem bunten Titelblatt die Geburt eines hübschen Babys irgendeiner Adeligen verkündete. Seine Mutter bemerkte schließlich Frau Müllers Blick, sah nun hoch und lächelte, wie es nur eine stolze, gut aussehende und nicht zu alte Mutter vermochte.
»So schönes Haar, der Junge. So schön.«, seufzte Frau Müller dann für gewöhnlich. Sie selbst konnte keine Kinder mehr bekommen, hatte seine Mutter ihm erklärt. Björn war nicht ganz klar, was das in letzter Konsequenz bedeutete, aber es war ihm schon bewusst, dass Frau Müller wohl auch deshalb besonders nett zum ihm war.
Doch jetzt war Björns Haar nicht mehr ganz so schön und sauber wie gewöhnlich. Es war nass von Schweiß und Schnee. Strähnig klebte es an Björns Kopf. In ihm kreisten panische Gedanken um die Frage, wie er es wohl vermeiden konnte, vom Bösen gefressen zu werden. Seine schmale Brust begann durch die Anstrengung des Laufens zu schmerzen. Seine Lungen brannten. Keuchend stieß er mit seinem Atem kleine weiße Wolken in die Winternacht, als wäre er die verwunschene Spielzeuglokomotive aus einem seiner Kinderbücher. Er trug nur schmutzige Unterwäsche und ein paar kleine, hellbraune Socken, die früher einmal weiß gewesen waren. Bart Simpson auf einem Skateboard war darauf gedruckt. Doch Barts fröhlich gelbes Gesicht war durch Schmutz und die Nässe des Schnees zu sepiafarbener Vergangenheit geworden.
Björn konnte nicht mehr. Er spürte, dass sein Körper die Grenze seiner Leistungsfähigkeit bereits weit überschritten hatte. Er würde es vielleicht nicht schaffen.
Er … Er musste sich kurz ausruhen. Er blieb stehen und lauschte. Er hörte seinen schweren Atem und den pochenden Spurt seines Herzens. War da nicht auch ein anderes Geräusch? Das trockene Geräusch von Krallen auf Schnee vielleicht? Nein. Da war nur das Rauschen fallender Flocken. Er konnte sich nicht erinnern, wann jemals so früh im November hier in Lüneburg Schnee gefallen war.
Alles war irgendwie falsch. In ein paar Wochen war doch Weihnachten. Er wünschte sich etwas von Lego. Und vielleicht auch einen iPod Touch. Aber seine Mutter hatte ihm schon gesagt, dass der Weihnachtsmann dieses Jahr ein wenig weniger bringen würde, als gewöhnlich. Sie nannte das Krise. Diese Krise musste wirklich schlimm sein, wenn sie sogar die Kräfte des Weihnachtsmannes beschnitt.
Da war doch ein Knurren? Nein. Er sah sich um. Er stand am Fuß einer kleinen Anhöhe an dessen Kuppe sich ein Spalier schmalstämmiger Birken zu einer Lichtung hin öffnete. Er sah nichts, was er irgendwie wieder erkannte. In seinem Kinderglauben wusste er nicht, dass sich ohne Orientierungspunkt selbst ein erfahrener Pfadfinder im Wald verirren konnte. Er hoffte, dass er hier schon mal gewesen war, wenn er im Sommer mit seinen Freunden durch den Forst in der Nähe der alten englischen Truppenübungsplätze streunte, um nach Patronenhülsen – echt cool! – oder nach alten Übungshandgranaten – noch besser! – zu suchen. Seine Mutter wusste davon natürlich nichts. Sie wollte nicht, dass er mit seinen Freunden in den Wald ging  - Und unartige Kinder bestrafte der Weihnachtsmann schließlich sofort. Das wusste ja wohl jeder.
Er musste weiter. Jetzt nicht schlapp machen. Er lief die Anhöhe hinauf und trat in einen vom Schnee bedeckten Eingang eines Kaninchenbaus. Sein linker Fuß stieß in das Loch und ein grausiger Schmerz schoss von seinem Knöchel das Bein herauf. Er fiel nach vorn auf sein Gesicht und schmeckte warmes Blut und mit erdigen Waldboden vermischten Schnee. Er hatte sich auf die Zunge gebissen. Er rappelte sich auf und spuckte einen warmen Klumpen rosafarbenen Speichels in das glitzernde Weiß.
Plötzlich roch er etwas, dass in ihm eine irrsinnige Assoziation auslöste. Es stank nach Kaptän Iglus Fischstäbchen in einer kalten Pfanne. Doch dieser Geruch war älter, ranziger … und böser.
Hinter ihm hörte er ein Knurren.
Es gehörte eindeutig zu einem Tier. Doch es war ein Tier, das schon seit Äonen auf der Erde zu wandeln schien. Ein Tier, das so durch und durch böse war, dass es eigentlich nur in Märchen vorkommen durfte.
Aber es war real. Und es war direkt hinter ihm. Björns Zähne klapperten. Doch nun nicht mehr vor Kälte. Seine Blase versuchte sich zu entleeren. Doch es war nichts darin, was der Mühe lohnte. Mit einem Ruck versuchte er sein Bein aus dem Kaninchenbau zu ziehen.
Er blickte die Anhöhe hinauf. Der Mond schien hellweiß und teilnahmslos auf die Szenerie.  Er spürte wie ein heller, klarer Schmerz sein Rückgrat hinauf schoss, als hornige Klauen seinen Rücken aufrissen. Ein plötzlicher Schwall wohltuender Wärme erfasste ihn.
Er schrie nicht. Es tat gar nicht weh. Verblüfft betrachtete er die Menge seines eigenen, im kalten Schnee dampfenden Blutes. Er wurde herumgerissen und sah als Letztes dem Bösen in die glühenden Augen. Sie waren so kalt und fern wie die Sterne und der volle Mond weit über ihm. Dann gruben sich gewaltige Zähne in seine Kehle. Er spürte gerade noch das Kitzeln von Fell auf seinen Wangen.
So schönes Haar, so schön.


Schon komisch, wie ruhig die erste Einsatzfahrt mit einem neuen Kollegen sein kann, wenn man ihm gerade einen Zahn ausgeschlagen hat, dachte Ruth Marx, als sie den wuchtigen Streifenwagen durch die Winternacht steuerte. Trotz des Vierradantriebs hatte Ruth Mühe, den schweren VW Tuareg auf dem dunklen, gefrorenen Feldweg zu halten. Ulbrich neben ihr wurde ganz schön durchgerüttelt, doch Ruths Mitleid hielt sich Grenzen.
Sie kannte diesen Idioten gerade erst einen halben Tag. Bei ihrem letzten Kollegen hatte es über zwei Monate gedauert, bevor sie sich handgreiflich eines sexuellen Übergriffs erwehren musste.
Neuer Rekord, dachte sie. Er hatte den Tag über schon so merkwürdige Andeutungen gemacht, die dann vor fünf Minuten darin geendet hatten, dass er seine Hand auf ihren Schenkel legte und sie mit einem ziemlich dummen Spruch anmachte.
Es machte Ruth nichts aus, dass so etwas bei der deutschen Polizei noch im 21. Jahrhundert  vorkam. Ruth liebte ihren Beruf. Und sie fühlte sich nicht dazu berufen, die verkrusteten Strukturen der Polizei zu ändern.
Wenn ihr allerdings so ein grüner Junge wie Ulbrich dumm kam, kostete ihm das halt einen Zahn.
Wegen ihrer wehrhaften Art wurde sie von ihren Kollegen nur die Rote Ruth genannt.
Sie selbst mochte ihre roten Haare eigentlich nicht und bändigte sie immer zu einem Pferdeschwanz. Außerdem empfand sie ihre Lippen als zu schmal, und ihre Augen standen ein wenig zu eng beieinander. Dennoch passte wohl ihre akzeptable Erscheinung in das Beuteschema des durchschnittlichen niedersächsischen Polizeibeamten.
Und hinter vorgehaltener Hand hatten die Jungs natürlich ein paar deftigere Kosenamen für sie in Petto. Als Polizistin Frauen zu lieben kam zwar häufiger vor, als man gemeinhin glaubte, aber damit stieß dieser Umstand noch lange nicht auf breite Akzeptanz. Und es half auch nicht, dass Ruth eine dreimal so gute Polizisten wie die meisten ihrer Kollegen war.
Der Wagen schlitterte aus der Spur und Ruth versuchte, sich wieder auf Weg den zu konzentrieren. Einen schnellen Blick auf das Elend neben ihr konnte sie sich aber nicht verkneifen. Peter Ulbrich blickte stur nach vorn. Seine rechte Hand drückte ein Papiertaschentuch gegen die aufgeplatzte Lippe.
»War das wirklich nötig?«, fragte er in das von den Scheinwerfern beleuchtete Nichts vor ihnen. Ruth antwortete nicht.
Okay, du bist ein Profi. Das musst du ihm zeigen. Sonst war ihr gemeinsamer Dienst nur noch gegen ihn und die verschworene Bruderschaft der Jungs möglich.
»Wie viel?« fragte sie.
»Was?!«
Ulbrich, ganz das eingleisig denkende Männchen, hatte eine Antwort erwartet, keine Gegenfrage. Ruth seufzte. Immer das gleiche Spiel.
»Um wie viel haben die Jungs mit Ihnen gewettet, dass die Rote Ruth es liebt von ihrem neuen Kollegen so richtig rangenommen zu werden?«
Ulbrich sah sie entgeistert an. Ein kleiner roter Fleck hatte sich auf dem Taschentuch gebildet. Er besann sich auf seine Ahnenreihe von stoischen, niedersächsischen Bauern und schwieg, die geschwollene Unterlippe eine wenig nach vorn geschoben. Doch die leicht roten Flecken auf seinen Wangen waren Ruth Antwort genug. 
»Soviel, also.« stellte sie knapp lächelnd fest. Sie gönnte den Jungs ihre Spielchen mit jedem Frischling. Aber irgendwo war Schluss. Ulbrich schwieg und schaltete das Radio an. Auf NDR2 trällerten die frühen Beatles Mr. Moonlight.
Sofort bekam Ruth ein ungutes Gefühl.
Mist. Sie hatte die Beatles doch schon lange überwunden.
»Anderer Sender, bitte.« forderte sie schlicht.
»Was denn nun wieder?« fragte Ulbrich sichtlich genervt.
»Ich kann die Beatles nicht ausstehen, okay?«
Näher würde sie auf das Thema nicht eingehen.
»Wer mag denn nicht die Beatles?« fragte Ulbrich. Ruth sah in nur an.
»Schon gut, schon gut«, brummte Ulbrich. Er tippte auf die nächste Sendertaste. Es war FFN. Irgendwas von den Bangles.
Besser. Nicht gut, aber besser.


Durch das weißschwarze Spalier der Birken vor Ihnen drang das blaue Geisterlicht der Einsatzfahrzeuge und spiegelte sich hundertfach in den Tropfen, auf der Windschutzscheibe. Der auf Intervall gestellte Scheibenwischer machte ihnen ein jähes Ende. Jetzt konnte Ruth erkennen, dass um den Fundort der Leiche bereits ein ziemlicher Trubel herrschte. Die gehetzten Gesichter der Kollegen, die vor Ort waren, erzeugten in Ruth ein Gefühl der Unruhe, dass sie seit Jahren erfolgreich verdrängt glaubte.
Irgendetwas stimmt hier nicht. Sie konnte es fast mit den Händen greifen.
»Ich möchte mich entschuldigen«, sagte Ulbrich plötzlich und vertrieb Ruths ungutes Gefühl. Er machte eine Pause und knüllte das Taschentuch zwischen seinen Händen. »Normalerweise bin ich nicht so. Die Jungs haben gesagt …« Er verstummte. Vielleicht gab es doch noch Hoffnung für ihn.
»Wir reden später, Ulbrich.«
Sie stellte den Motor ab. Sie stiegen aus und Ruth begutachtete die Position der Bälle auf dem Tisch.


Durch ihre Zeit bei der Mordkommission hatte Ruth gelernt sich den Tatort eines Verbrechens als eine äußerst komplizierte Stellung beim Billard vorzustellen. Der Täter hatte seinen Stoss gemacht und nun lag es an ihr aus der vor ihr liegenden Struktur von Spuren zu deuten, wie der Täter sein Verbrechen begangen hatte.. Daraus konnte sie dann schließen, mit was für einem Täter sie es zu tun hatte.
Ruth blickte sich suchend nach Ulbrich um und bekam gerade noch mit wie er Schmitt wütend auf die Schulter boxte. Schmitt grinste. Mensching, der neben ihm stand, führte Mittel- und Zeigefinger zum »V« gestreckt an den Mund und ließ dazwischen die Zunge auf und ab schnellen – Die Macho-Geste für eine Lesbe. Ulbrich starrte die Beiden nur finster an und stapfte dann davon.
Sie wollte gerade zu den Männern hinübergehen, als sich Heiner Enke ihr in den Weg stellte. Offensichtlich war er der ermittelnde Kripobeamte vor Ort.
Gott steh uns bei, dachte sie.
Ruth hatte gehofft einen schnellen Blick auf den Tatort werfen zu können, doch mit Enke war das nicht zu machen. Er schien wirklich zu glauben, dass er seinen Posten allein durch seine Gott gegebenen Fähigkeiten als Superpolizist gekommen war. Die weniger spektakuläre Wahrheit war jedoch, dass Enke Ruths Posten übernommen hatte, als sie sich vor zwei Jahren entschlossen hatte, sich zum Kommissariat Bardowick versetzen zu lassen.
Enke war hager und einen halben Kopf kleiner als Ruth. Er trug die legere Kleidung eines Zivilfahnders und gelte seine dünner werdendes Haar immer noch nach hinten. Enke Grinsen war breit und verhieß nichts Gutes.
»Bist richtig sexy in Uniform, Marx.« begrüßte sie Enke.
»Das ist der Unterschied zwischen uns, Enke. Du wirst nie sexy aussehen.« entgegnete sie freundlich.
»Immer noch ganz die Alte.« Ein zufriedener Ausdruck der Überlegenheit erschien auf seinem Gesicht. »Ich hatte gehofft, dass dich der Streifendienst ein wenig zahmer macht.«
Wütend ging Ruth einen Schritt auf Enke zu. Enke stoppte sie, indem er seine flache Hand auf ihre Brust legte. Sie ballte die Fäuste und stemmte sich gegen ihn. Doch Enke hielt dem Druck stand.
»Ah-Ah-Ah, Marx. Du zertrampelst mir nur die Spuren an meinem Tatort.«
Sie würde ihn schlagen. Jetzt.
In diesem Moment war es ihr egal, ob sie ein Disziplinarverfahren bekam. Da rief jemand von der Spurensicherung Enkes Namen. Er lächelte sie an und nahm ein wenig zu langsam seine widerliche Hand von ihr. »Ich werde gebraucht.« sagte er und machte eine scheuchende Handbewegung.
»Husch, husch. Sei schön brav und pass' auf wo du hintrittst.« Damit ließ er sie stehen.
Pass auf wo du hintrittst. Was bildete sich dieser arrogante Sack nur ein? Sie hatte sich gerade umgedreht und einen Schritt vorwärts gemacht, als sie bemerkte, wie sie mit ihrem rechten Stiefel gegen etwas Hartes trat, dass vom Schnee verborgen war. Es fühlte sich irgendwie seltsam an. Sie blickte zum Fundort der Leiche. Im Nachtfrost dampfende Halogen-Scheinwerfer beleuchteten hell das Quadrat des Tatorts, etwa zehn Meter vor ihr. Enke stand dort und versuchte im strahlenden Gegenlicht möglichst wichtig auszusehen. Hatten die Jungs von der Spurensicherung vielleicht etwas übersehen? 
Sie benutzte ihre Stiefelspitze als Schaufel und befreite das ›Etwas‹ vom Schnee. Es war länglich und steckte in der Mulde eines alten Kaninchenbaus. Wahrscheinlich nur ein Ast oder eine Wurzel. Nichts von Belang. Sie bückte sich und zog es mit ihren behandschuhten Fingern heraus. 
Es war der Unterschenkel eines Kindes.
Die Enden des Waden- und Schienenbeinknochens ragte aus dem blassen Fleisch. Sie zog den Beinstumpf ganz heraus. Eine gewaltige Kraft musste den Schenkel vom Körper getrennt haben. Am unteren Ende steckte auf dem kleinen Fuß noch ein Söckchen. Undeutlich war darauf eine verblasste Comicfigur zu erkennen.
Nur auf Socken durch den Schnee. Gott, du musst so gefroren haben, mein Kleiner, dachte Ruth.
Der Schocks umfing Ruth wie ein Schwall kalten Wassers. 
Alles, was sie die letzten zwei Jahre erfolgreich verdrängt hatte, durchstieß die Oberfläche und packte ihren Verstand bei der Kehle.
Leonies leerer Sarg. Die gelbschwarze Stoff-Tigerente, halbbedeckt von Erde und ein paar Blumen. Maries starrer, verbitterter Blick am Grab. Leonies fröhliches Lachen. Ihr wunderschönes Gesicht. Sommerduft. Marie, schlafend in Ihren Armen. Als ihr Leben noch gut und heil war.
Ich werde schreien. Ich werde schreien, weil es wieder da ist. Es hat mich gefunden und eingeholt. Und jetzt wird es mir ganz einfach den Verstand rauben. Oh bitte, Gott!
Sie bemerkte, wie im Traum, Ulbrich, der sich lautstark erbrach.
Schon in Ordnung, dachte sie, denn sie folgte beinahe seinem Beispiel. Aber nur beinahe.
Du darfst nicht die Kontrolle verlieren. Das macht dieses Kind nicht wieder lebendig. Ebenso wenig Leonie. Und Marie hasst dich dafür keinen Deut weniger.
ABER ES WAR DOCH WIEDER DA! ES WAR WIEDER DA! ES WAR ALLES WIEDER DA!
Sie sog die kalte Luft ein. Schmitt kam, und half ihr beim Aufstehen. Sie nickte ihm dankend zu. Dann begann ihr Magen zu rebellieren und sie riss sie sich plötzlich los. Mit schnellen Schritten versuchte sie den Tatort zu verlassen.
Nicht den Tatort mit Deiner DNA kontaminieren. Nicht den Tatort mit Deiner DNA kontaminieren. Nicht den Tatort …
Sie hätte es beinahe geschafft. Dann fühlte sie fast dankbar, wie ihr Mageninhalt, scharf und brennend wie Säure, ihren Hals herauf schoss.
Zum ersten Mal in zwanzig Dienstjahren übergab sich die Ruth Marx an einem Tatort.


Spät in der Nacht saß Ruth in ihrem kleinen Büro im Polizeikommissariat Bardowick. Der Ort im Norden von Lüneburg war eine eigenständige Gemeinde, die schleichend von der Stadt verschluckt wurde.
Doch noch war es nicht soweit. Daher verfügte Bardowick über ein eigenes Kommissariat, in dem Ruth Marx die Leitung hatte. Das Interieur der Wache war noch nicht im neuen Jahrtausend angekommen. Es bot die verträumte Kulisse aus einer schlechten Polizeiserie im Fernsehen, in der Polizeikommissare nie befördert und die Assistenten ewig den Wagen zu holen hatten.
Hölzerne Regale, auf denen sich Akten stapelten, graue Siemens-Telefone und von Zigarettenrauch vergilbte Fahndungsplakate. Auf einigen wurden noch Terroristen der RAF gesucht. Die Computer stammten aus einer Zeit, in der Bill Gates noch seine Akne pflegte, oder stammten von Kollegen, die sich für Ihren Sohn bei Aldi einen neuen Rechner zugelegt hatten und den alten in den Dienst der Polizei stellten.
Ruth hatte den Stapel der aktuellen Akten auf ihrem Schreibtisch beiseite geräumt und starrte beim spärlichen Licht ihrer alten, metallenen Schreibtischlampe auf den Schirm ihres privaten Apple Laptops.
›BYOD‹ - ›Bring Your Own Device‹ war gerade der neueste Schrei in der Geschäftswelt - Bei der Polizei Niedersachsen war es ein notweniges Übel, wenn man vernünftig arbeiten wollte.
Ruth kannte Herbert, den Fotografen der Spurensicherung noch gut von früher und hatte ihn überredet, die Bilder vom Tatort zu kopieren. Sie überflog die verkleinerte Bilderflut, die sich ihr in einem grausamen Patience-Spiel auf dem Schirm präsentierte. Sie klickte eines der Fotos an und die Abbildung des Beweisstückes 2010-6 der Mordsache Unbekannt, Aktenzeichen 2010-38-12-11 erschien.
Es handelte sich um eine einzelne Kindersocke der Größe 31, weiß, mit verblichenem Aufdruck.
Selbst in einem idyllischen Landkreis wie Lüneburg wurden ›Straftaten gegen das Leben‹ begangen. (Ruth irritierte die euphemistische Sachlichkeit des Begriffs seit sie ihn auf der Polizeischule das erste Mal gehört hatte).
Im vergangenen Jahr hatte es im Regierungsbezirk Lüneburg 16 Mordversuche gegeben. Sechs davon führten zum Tod des Opfers. Keines davon war ein Kind. Die Aufklärungsquote lag bei diesen Delikten nahezu bei 95%. Die fehlenden Prozentpunkte in der Statistik rührten daher, dass in zwei Fällen das Landeskriminalamt die Ermittlungen übernahm, da die Täter sich außerhalb des Bezirkes aufhielten.
Für einen Polizisten war es besonders schlimm, wenn ein Kind das Opfer eines Verbrechens oder eines tödlichen Unfalls wurde. In ihren zwanzig Dienstjahren hatte Ruth schon mehrmals miterlebt, wie Kinder von Lastwagen überfahren, aus Fenstern gestürzt oder bei Wohnungsbränden erstickt waren. Es gab hier auch die - Gott sei Dank relativ seltenen - Fälle von sexuellem Missbrauch.
Aber dass ein Kind von einem Täter buchstäblich in Stücke gerissen wurde, war in der Lüneburger Kriminalgeschichte noch nicht vorgekommen.
Und dann gab es noch die selteneren Fälle, in denen ein Kind spurlos verschwand.


Es geschah an einem Samstag, kurz vor vier Uhr nachmittags. Leonie spielte im Garten des roten Backsteinhauses, dass sie mit ihrer Mutter Marie und ihrer zweiten Mutter Ruth am Rand des Kurparks bewohnte.
Leonie sollte in diesem Jahr eingeschult werden. Sie war ein aufgewecktes, fröhliches und absolut unkompliziertes Kind. Ruth erinnerte sich noch gut daran, wie sie und Marie gerade in der Küche saßen und Leonie beim Spielen beobachteten.
Ruth und Marie waren seit sechs Jahren ein Paar. Sie trafen sich zum ersten Mal auf einer Party einer gemeinsamen Freundin und Ruth verliebte sich auf der Stelle in die schöne, etwas scheue dunkelhaarige Marie. Ruth war gerade Hauptkommissarin geworden und Marie stand kurz vor der Fertigstellung ihrer Doktorarbeit in Biologie.
Es brauchte einige Wochen, bis Ruth mit Sicherheit wusste, dass Marie wie sie selbst lesbisch war.
Vor sieben Jahren hatte Marie ihren Mann Volker kennengelernt und geheiratet. Doch Volker machte sich bei Leonies Geburt aus dem Staub und zog es vor, lieber Altertümer irgendwo in der Osttürkei auszugraben.
Nach ersten, unsicheren Wochen dauerte es dann weitere zwei Monate bis Ruth und Marie zusammenfanden. Für Marie war Ruth die erste Beziehung mit einer Frau seit ihrem Studium.
Nur kurze Zeit darauf zogen Ruth, Marie und Leonie in das rote Haus in der Uelzener Straße. Es lag gegenüber dem Oberverwaltungsgericht und in der Nähe des MTV Sportplatzes, den Leonie immer Em-Ti-Vi aussprach, da für ein Kind ihres Alters MTV nicht mehr die Abkürzung für ein Männer-Turn-Verein, sondern die eines in die Jahre gekommenen Musiksenders war.
Ruth trocknete gerade das Geschirr. Sie sah auf und konnte Leonie nicht mehr im Garten spielen sehen.
Es war ein warmer, schöner Sommertag. Ruth sah fragend zu Marie.
»Hast du sie gesehen?«
»Sie ist bestimmt in den Park zu den Hunden gelaufen.« Sie wollten schon lange das Loch im Zaun flicken lassen. Maries Tonfall war gelassen, doch ihr besorgter Blick sagte etwas anderes. Sie war gerade dabei gewesen, einen Kuchen zu backen. Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn. Etwas Teig klebte an ihren Fingern.
»Gehst Du?« fragte sie. Ruth lächelte nickend und stibitzte ein wenig Teig aus der Schüssel.
»Hey!« rief Marie. Noch Jahre später musste Ruth an diesen Moment denken. Er war perfekt gewesen.
Das reine Glück.


Ruth ging hinaus und schlüpfte durch das schmale Loch im Zaun, der ihren Garten vom Kurpark trennte. Sie stand auf dem Sandweg der parallel zu den Häusern verlief. Sie sah nach links und rechts. Keine Leonie.
»Leonie!« rief sie. Ach, dieses Kind. Bestimmt war sie auf der Wiese. Leonie hatte sich Hals über Kopf in den Cockerspaniel von Herrn Berger verliebt, den er immer im Park Gassi führte. Wie hieß er noch gleich?
»Hitchcock!« rief eine Stimme auf der großen von Bäumen umrahmten Wiese vor ihr.
Hitchcock. Richtig. Würde eher zu einem Mops passen, dachte Ruth als sie auf Jürgen Berger traf. Berger war Dozent für Angewandte Kulturwissenschaft an der Leuphana-Universität. Ruth, die nie studiert hatte, brachte Akademikern wie Berger eine gesunde Portion Skepsis entgegen. Sie hatte bei verschiedenen Gelegenheiten einige Vertreter dieser gesellschaftlichen Kaste kennengelernt. Ruths Erfahrung nach waren drei Viertel  nicht in der Lage ihr eigenes Arschloch mit einer Taschenlampe zu finden.
Und Berger fiel genau in in diese Kategorie.
Ruth blieb stehen und beschirmte mit der flachen Hand ihre Augen vor der Nachmittagssonne. Berger war ein Mann in den späten Vierzigern. Sein Blick glitt unverhohlen über weite Teile von Ruths Körper. Sie trug Jeans und ein schlichtes, bauchfreies Tanktop. Aufreizend genug für einen Geisteswissenschaftler. Sie gönnte ihm den Spaß. Sie hatte von Marie gehört, dass Bergers Frau ihn gerade verlassen hatte.
»Haben sie vielleicht Leonie gesehen?« fragte Ruth außer Atem.
»Nein, Heute noch nicht.« Bergers Taxierung war beendet und er blickte sie jetzt mit ernsthafter Besorgnis an. »Ist sie weggelaufen?«
»Wahrscheinlich stromert sie nur herum. Aber eigentlich weiß sie, dass sie sich immer abmelden muss.«
»Kinder.« pflichtete der kinderlose Berger bei.
»Irgendetwas stimmt nicht.« murmelte Ruth mehr zu sich selbst. 
»Hören sie, ich geh den alten Kurpark und die Tennisplätze ab und geben ihnen sofort Bescheid, wenn ich sie sehe.«
»Das ist sehr nett, Danke.« antworte Ruth. »Oh, Haben Sie überhaupt unsere Nummer?«
»Ich glaube ich habe die Handy-Nummer von Marie.« Er sah in seinem Mobiltelefon nach. »Ja, die habe ich. Hier ist sie.«
Er verabschiedete sich und ging in Richtung der Tennisplätze.
Ruth ging wieder zurück in den nördlicheren Teil des Parks, der auch der ›Neue Kurpark‹ genannte wurde. Sie steuerte den Ententeich an und fragte ein Paar junge Mütter die mit ihren Kindern die Enten fütterten nach Leonie. Auch die Mütter verneinten Leonie gesehen zu haben und begutachteten kritisch Ruths legere Erscheinung.
Kann sich nicht richtig anziehen und auf ein Kind kann sie auch nicht aufpassen.
Ruth ließ sie stehen und ging weiter Richtung Norden.


Ruth nahm zuerst das plätschernde, beruhigende Rauschen des Springbrunnens wahr. Plötzlich flammte vor ihrem geistigen Auge Leonies kleines Gesicht unter der Wasseroberfläche auf. Es war schon vorgekommen, dass kleine Kinder in einem flachen Gartenteich ertrunken waren.
Sie ist schon fast sieben. Hab ein bisschen vertrauen.
Trotzdem … So schnell sie konnte, rannte sie zum Brunnen. Im Grunde war es nur ein etwa sieben mal fünf Meter großes, flaches Becken. Aus der Mitte stob eine Fontäne, von der Leonie in ihrem Kinderglauben zunächst annahm, dass sie von einem einbetonierten Wal stammte. Daraufhin hatten Marie und Ruth eine Gute Nacht Geschichte über die tapfere Leonie erfunden, die den kleinen Wal befreite und ihn - auf seinem Rücken reitend - zu seinen Eltern zum nördlichen Polarmeer lotste.
Mit einem schnellen Blick suchte Ruth das seichte Wasser des Brunnens und den vorgelagerten, rechteckigen Ablauf ab.
Nichts. Gut. Eine Sorge weniger. Aber dennoch hatte Ruth weiterhin ein ungutes Gefühl. Leonie spazierte nicht einfach davon. Wie lange suchte sie jetzt schon nach ihr? Fünf Minuten? Zehn? Vielleicht war Leonie schon wieder zu Hause. Sie lief zum Haus zurück. Doch Leonie war nicht dort. Gemeinsam mit Marie suchte sie systematisch den Park und die umliegende Umgebung ab.
Nichts.
Marie rief Leonies Freundinnen vom Kindergarten an, Ruth verständigte ihre Kollegen auf Streife, dass sie Ausschau nach Leonie halten sollten. Doch Leonie Weber blieb für immer spurlos verschwunden.


Ruth hatte Ulbrich erst bemerkt, als er mit einem Räuspern auf sich aufmerksam machte.
Hatte sie geweint? Mit einer schnellen Bewegung prüfte sie die Wangen ihres Gesichts. Nein. Alles klar.
Ulbrich hielt zwei Becher dampfenden Kaffees in den Händen. Im Gegenlicht konnte man Peter Ulbrich für ein ganz ansehnliches Exemplar von Mann halten. Er war groß, gut gebaut, blondes Haar und blaue Augen.
Er reichte Ruth stumm einen der Becher. Ein sprechendes Hanfblatt war darauf abgebildet, und fragte in einer Sprechblase über seinem Blättern, ob der Benutzer des Bechers nicht high werden wolle. Ruth sah Ulbrich fragend an. 
»Oh. Das ist mein Becher. Ist von meinen Kumpels. Sie fanden es witzig, weil ich ja Polizist bin und …«
Er unterbrach seinen ungewöhnlich ausführlichen Redefluss und kratzte sich verlegen am Kopf. Er warf einen Blick auf ihr Laptop.
»Nettes Teil.« Ruth nickte stumm und klappte den Bildschirm des Laptops herunter. Sie wollte nicht unbedingt, dass Ulbrich mitbekam, dass sie sich die Bilder vom Tatort überspielt hatte.
»Teuer?« fragte er.
»Was?« fragte Ruth verwirrt zurück. »Äh, es geht.« entgegnete sie.
Ulbrich nickte. Es entstand eine peinliche Pause. Schließlich fasste sich Ulbrich ein Herz und brach die Stille.
»Ich möchte mich für mein Verhalten vorhin nochmals entschuldigen. Ich … ich weiß auch nicht warum ich mich auf diese blöde Wette eingelassen habe. Ich …«, begann Ulbrich.
Sie brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen. Mit einer weiteren bat sie ihm ihr gegenüber Platz zu nehmen. Ulbrich, rot wie eine Tomate, setzte sich.
»Entschuldigung ist jetzt akzeptiert.« Sie seufzte. Jetzt war wohl sie an der Reihe.
»Ich möchte mich auch in aller Form für meine Tätlichkeit entschuldigen. »Ich habe überreagiert. Sorry.«
»Nein. Das haben sie nicht. Ich hatte es echt verdient.« stellte Ulbrich knapp fest. Er sah ihr in die Augen, und sie konnte nur ehrliche Betroffenheit darin entdecken.
»Neustart?« fragte er und streckte Ruth die Hand hin.
Ruth betrachtete die Hand, dann Ulbrich. Schließlich lächelte sie und schlug ein.
»Neustart.«
Ulbrichs Blick fiel auf den Bericht über den Fund von Björn Eggerts Bein, den Ruth in Begriff war zu schreiben.
»Schöne Scheiße, was?«
»Wir können es uns nicht aussuchen.« Ruth überlegte. Ulbrich war offensichtlich nicht so dumm, wie sein vorheriges Verhalten vermuten ließ. Daher formulierte sie die folgende Frage so belanglos wie möglich: »Wissen sie, ob man noch weitere Spuren gefunden hat?«
»Wenn es noch weitere gab, dann hat sie der Schnee von heute Nacht zugedeckt.«
Ausgerechnet in diesem Jahr hatte der Klimawandel in Norddeutschland eine Pause eingelegt. Normalerweise war der November in Lüneburg nur eine kältere Version des Aprils. Norddeutsches Schmuddelwetter. Doch dieses Jahr hatte es schon Anfang November Schnee gegeben, der liegen blieb. Die Meteorologen sprachen schon von einem bevorstehendem Jahrhundertwinter. 
»Der Förster hat das Kind gefunden. Kontrollierte die Futterstände für das Wild. Hat seine Aussage gemacht.« Er berührte mit seiner Zunge leicht die Lücke in seiner Zahnreihe.
»Habe seine Aussage aufgenommen und ihn nach Hause geschickt. Meinen sie, dass das für Enke in Ordnung geht?«
»Sicher.« entgegnete Ruth zerknirscht. Natürlich war es für Enke in Ordnung mit einem Zeugen nicht persönlich zu sprechen. Enke war ein Idiot.
»Haben wir irgendwelche Meldungen über vermisste Kinder reinbekommen?« fragte sie.
»Nein. Vorgestern hatten sich drei Jungen bei Hitzfeld im Wald verlaufen. Waren aber ein paar Stunden später wieder Zuhause.«
»Würden sie mir einen Gefallen tun?«
»Klar.«
»Könnten sie ab und zu mal horchen, was die Kollegen von der MoKo in Erfahrung gebracht haben?«
Ulbrich zögerte, dann nickte er.
»Ich denke, dass lässt sich machen.«
Wieder Stille. Ulbrich blickte sie fragend an. Dann hatte er es.
»Okay, dann.« Er stand auf und verschüttete dabei ein wenig Kaffee aus seiner Tasse. Er deutete auf ihre.
»Behalten sie die Tasse erstmal. Ich meine, solange sie sie brauchen.«
Irgendwie war er ganz süß, dachte sie schmunzelnd, als Ulbrich das Büro verlassen hatte.
Plötzlich fühlte sie sich unendlich einsam. Vielleicht sollte sie Selina anrufen. Sie war in Ruths Leben das, was einer Freundin am Nächsten kam.
Nein. Du bist ein großes Mädchen. Du schaffst das auch allein.
Dann kamen endlich die Tränen.
Ruth Marx beweinte das tote, unbekannte, Kind, die verschwundene Leonie, ihre verlorene Liebe zu Marie … und sich selbst und ihr beschissenes Leben.
Sie weinte, bis ihre Lungen brannten und sie vor Erschöpfung keine Kraft und keine Tränen mehr übrig hatte.
Langsam fühlte sie, wie es ihr besser ging. Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und begann dann ihren Bericht zu schreiben.

Die Polizeidirektion Lüneburg war ein schmuckloser Bau im Norden der Stadt. Ruth mochte dieses Gebäude. Hier hatte sie als Kriminalkommissarin Lüneburg jeden Tag ein wenig sicherer gemacht - oder es zumindest versucht. Als Polizistin wusste sie, dass Sicherheit im Grunde nur eine zerbrechliche Illusion war.
Vor Leonies Verschwinden war sie noch selbst dieser Illusion erlegen.
Vielleicht konnte sie jetzt wieder einen kleinen Beitrag leisten. Sie stand kurz in der Kälte vor der Eingangstür und nestelte nervös an ihrem wie immer widerspenstigen Haar.
Dann holte sie ihren Dienstausweis hervor, wies sich an der Pforte aus, hinterließ ihre Dienstwaffe und wurde eingelassen.
Die Rote Ruth kriecht zu Kreuze. Allein deswegen würde Enke sie mit in die Ermittlungen einbeziehen – das war zumindest der grobe Plan.


»Vergiss es.« sagte Enke. Ruth stand ein wenig verunsichert vor Enkes Schreibtisch in dem kleinen Büro, dass einmal ihr Büro gewesen war. Das Gespräch entwickelte sich nicht ganz so, wie sie es sich zurechtgelegt hatte. Seufzend stieß sie die Luft aus. Eine ihrer roten Strähnen erhob sich dabei in die Luft.
»Enke.«
Enke sah sich ein paar Protokolle an und tat so, als hätte sich Ruth in Luft aufgelöst. Er sah verblüfft auf, als wäre er überrascht, dass sie noch immer vor ihm stand.
Ruth hasste diese Art von Spielchen. Nein. Eigentlich hasste sie Enke.
»Was machst du noch hier?« fragte er.
Männer waren einfach nur Kinder, die irgendwann aus ihren Kindersachen herauswuchsen. Ansonsten veränderten sie sich nach ihrem achten Geburtstag nicht mehr großartig.
»Herrgott, muss ich mich vor dir auf den Boden werfen und betteln?«
»Glaub mir, an jedem anderen Tag würde ich dafür sogar was springen lassen, aber leider hab ich hier im Moment den Mord an einem kleinen Jungen aufzuklären.«
Ruth stand kurz vor der Explosion.
»Das wars, also?« Sie ballte ihre Hände zu Fäusten. Sie war kurz davor die Kontrolle über sich zu verlieren. Das süffisante Grinsen von Enke war ihrer Beherrschung nicht gerade förderlich.
»Ich denke schon. Wünsche noch einen schönen Tag, Schutzpolizistin Marx.« Ruth konnte ihre Wut nicht mehr zügeln.
»Ich glaube, der Mord an dem Jungen steht im Zusammenhang mit dem Verschwinden von Leonie. Siehst du das nicht?«
»Alles, was ich im Moment sehe, ist eine ehemalige Kriminalkommissarin, die vor zwei Jahren ihren nicht vorhandenen Schwanz eingezogen hat und es nun langsam zu bereuen beginnt, wieder Strafzettel zu schreiben.«
Ruth stützte sich mit den Armen auf Enkes Schreibtisch ab und sah ihn an. Sie versuchte, ihre Stimme so ruhig und sachlich wie möglich klingen zu lassen. Fast gelang es ihr.
»Du machst einen Riesenfehler, Enke. Und das weißt du. Ich kann dir nützen. Ich will nichts von den Lorbeeren. Ich will nur helfen diesen Mörder zu fassen.«
»Du willst uns helfen, Ruth? Dann kümmere dich um die jugendlichen Raser in Bardowick.«
Ruth lag eine Antwort auf den Lippen, doch sie biss die Zähne aufeinander, drehte sich nur wortlos um und ging. Enke hatte Recht. Wem versuchte sie etwas vorzumachen? Sie war nicht mehr bei der Kripo.
»Wir haben hier alles schön im Griff, Kollegin.« rief Enke ihr noch nach.


Der Mann, den man in gewissen Kreisen respektvoll nur den Alten nannte, stand auf dem Balkon seines Hauses und genoss die Aussicht auf den Starnberger See. Es sah nach einem wunderbaren Wintertag aus. Er reckte sich, wobei einige seiner Knochen hörbar knackten.
Seine junge Frau schätzte dieses Geräusch nicht besonders und deshalb ging er für seine morgendlichen Dehnübungen immer hinaus auf den Balkon.
Wieder streckte er sich und wieder knackten die Knochen. Der Mann schmunzelte. Er bevorzugte junge Frauen. Sie ließen sie sich leicht von Geld und Erfahrung beeindrucken. Von seiner Leidenschaft wurden sie dann  freudig überrascht.
Der Mann war einmal mit einer Psychologiedoktorandin ausgegangen. Sie hatte ihm bei einer peinlichen Szene im Restaurant darauf hingewiesen, dass er offenbar nicht nur ein Problem mit starken, erfahrenen Frauen habe, sondern wahrscheinlich sogar Angst vor ihnen.
Er dachte kurz an eine äußerst pikante Situation zurück, die sich hauptsächlich auf Goebbels Schreibtisch zugetragen hatte und begegnete ihrer Frage mit einem Lächeln.
»Ich habe vor nichts Angst.« hatte er geantwortet.
Er bevorzuge nur Frauen, die sich ganz auf die Erfüllung seiner Primärbedürfnisse konzentrierten.
Die Doktorandin hatte ihn darauf verblüfft angesehen. Dann war sie vor Wut rot angelaufen und hatte ihm recht undamenhaft erklärt, wohin er sich seine Primärbedürfnisse stecken könne. Dann hatte sie ihm den wirklich vorzüglichen Merlot ins Gesicht geschüttet und war davon gerauscht. Der Mann hatte gelacht, bis ihm die Tränen von den Wangen liefen und der Oberkellner ihn äußerst pikiert bat, sich zu beruhigen.
»Mir ist kalt, Robert.« miaute die Stimme von Irina aus dem Schlafzimmer.
Er kam wieder herein, schloss die Glastür hinter sich und sah sie an. Sie war Russin und ein fleischgewordener Traum von einer Frau. Sie hatte seinen Blick bemerkt und zog ihr Laken über den Busen.
»Noch immer nicht genug?« fragte sie seufzend. Er nahm einen Hauch Überdruss mit einer Spur Angst bei ihr wahr, was ihn zu erregen begann, aber er wusste, wann man es gut sein ließ. Er setzte sich zu ihr. Sie wich ein wenig von ihm ab. Er gab ihr sanft einen Kuss. 
»Eigentlich habe ich gerade daran gedacht, dass wir vielleicht frühstücken sollten.« Er sah sie grinsend an. »Aber wenn du darauf bestehst, mein Schatz…«
»нет!« schrie sie und sprang auf und ging ins Bad. Sie stieg in die Dusche. »Ich bin schon ganz wund. Bei Vollmond du wie Tier.«
»Ich fühle mich geschmeichelt.«
»Nein, ehrlich« rief sie und steckte ihren Kopf aus der Dusche.
»Ich meine, du wirst dieses Jahr Siebzig! Doch du liebst als wärest du dreißig!« Er grinste.
»Immer noch geschmeichelt.« Sie lachte ihm fröhlich zu und verschwand wieder unter der Dusche.
Eigentlich wurde der Mann dieses Jahr bereits neunzig Jahre alt, aber nur er selbst und ein Dokument in einem Schweizer Bankschließfach wussten davon.


Der Mann und die schöne Irina frühstückten auf der Terrasse. Es war wärmer geworden. Der Mann verschlang sechs Rühreier, Brot und gebratenen Schinken. Nach einer Vollmondnacht glaubte er immer, ein ganzes Pferd verschlingen zu können.
»Denk doch an dein Cholesterin!«, schimpfte Irina mit ihm. Ihre Sorge war echt. Sie gab zwar liebend gern sein Geld aus, aber sie teilte auch gern ihr junges Leben mit ihm. Seit über dreißig Jahren war Irina die erste Frau, bei der er ernsthaft überlegte, sie in sein kleines Geheimnis einzuweihen. Vielleicht sollte er ihr auch den kleinen geheimen Raum im Keller zeigen. Doch er schob diesen Gedanken sofort beiseite. Bis auf ihn selbst war noch niemand lebend aus diesem Raum zurückgekehrt. Irina umfasste mit den Fingern seine Nase.
»Hey, ich rede mit dir, alter Wüstling.« Er zog sie auf seinen Schoß.
»Dein Frühstück schmeckt mir nun mal so gut, Liebling«, sagte er strahlend. Gerührt gab sie ihm einen Kuss und ließ ihn wieder seine Ruhe. Er schlug die Morgenzeitung auf.
Unter Verschiedenes fand er die kurze Meldung eines Mordes an einem Kind in Lüneburg. Die Leiche des Jungen war bestialisch verstümmelt worden. Die Nachricht versetzte dem Mann einen leichten Stich.
Lüneburg. Dort hat damals alles ein Ende gefunden.
»Noch Kaffee, Liebling?« fragte Irina. Wieder erschien sein strahlendes Lächeln.
»Zu gern, mein Schatz.«


Gunther saß auf dem Fahrersitz des Wohnmobils und wartete. Das leise Wimmern des Kindes in dem Verschlag neben der kleinen, chemischen Toilette des recht geräumigen Hymer Wohnmobils begann ihn zu nerven. Der Verschlag war eigentlich nur ein ungenutzter Stauraum zwischen Waschraum und Einbauküche. Er hatte die dünne Wandverkleidung des Waschraums mit Scharnieren und einem Magnetschloss versehen – und fertig war ein Prima Versteck für kleine Scheißerchen.
Doch das aktuelle kleine Scheißerchen machte Ärger.
 Er seufzte, legte das Pornoheft beiseite, dass er gelesen hatte und ging nach hinten. Er öffnete den Verschlag und starrte in die Angst erfüllten Augen eines siebenjährigen blonden Jungen. Er war an Kopf und Füßen mit breiten Kabelbindern gefesselt und auf seinem Mund klebte silberfarbenes Lassoband.
Angewidert bemerkte Gunther, dass sich der Junge vor lauter Angst bepisst hatte. Kleines Scheißerchen. Wortwörtlich. Er fuhr mit dem kleinen Ficker schon vierhundert Kilometer durchs Land. Und gerade dann, wenn er mal versuchen wollte, einen klaren Gedanken zu fassen, machte der dann so was.
»Häh? Hasst dich bepisst, kleines Scheißerchen?« fuhr er den Jungen an, dessen Namen er noch nicht einmal kannte.
Er schlug dem namenlosen Jungen die Faust ins Gesicht. Der Kopf des Jungen flog gegen die Wand. Durch den heftigen Schlag sackte der Junge bewusstlos zusammen.
Ein großes Veilchen bildete sich um sein linkes Auge. Das Augenlied war an der Seite aufgerissen und ließ den Eindruck entstehen, dass der Junge blutige Tränen weinte.
Dreck. Das musste er nachher alles wieder saubermachen. Er schloss die Tür des Verschlags und widmete sich wieder seinem Pornoheft.
»Kleines Scheißerchen« grummelte er, als an der Tankstelle, auf der er angehalten hatte um zu tanken und kurz mit seinem Pornoheft zu pausieren, direkt vor ihm ein Renault Twingo hielt.
Gunther grinste. Was das Pornoheft nicht geschafft hatte, erledigte der Anblick des kleinen Mädchens auf dem Rücksitz des Twingo. Er bekam einen Steifen.
Zwei. In einem Aufwasch. Das war binär Mann, absolut binär, dachte er und grinste.


Marita Cornelsen, du bist spät dran - verdammt spät dran. Sie hasste es, wenn sie zu einem Vorstellungsgespräch zu spät kam. Zumal es in letzter Zeit nicht sehr viele gegeben hatte. Und natürlich hatte keine ihrer Freundinnen Zeit gehabt, um Alice zu nehmen. Echt klasse. Toll. Manchmal hasste sie es wirklich, eine allein erziehende Mutter zu sein. Aber dafür war es jetzt wohl ein bisschen zu spät. Ihr baldiger Ex-Göttergatte bumste lieber seine Sekretärin. In Gedenken an dieses ultraschlanke Miststück mit Zungenpiercing und Arschgeweih, schnappte sie sich gleich noch einen Schokoriegel und legte ihn auf den Tresen.
Was solls. Der Tag war sowieso schon gelaufen.
»Ach und bitte noch eine Packung rote Gauloise.« Der Mann hinter dem Tresen nickte. Sie reichte ihm ihre EC-Karte und er schob sie in das Lesegerät. Ein dissonantes Piepen deutete ein Problem an.
Oh bitte nicht, dachte sie verzweifelt. Hatte sie diesen Monat denn schon wieder so viel ausgegeben?
»Tut mir leid. Scheint nicht zu funktionieren.« flötete der Mann hinter dem Tresen mit geschulter Freundlichkeit. Er musterte sie kurz und sie merkte, wie sie rot wurde.
»Haben sie vielleicht 'ne Kreditkarte?«
Marita wollte vor Scham im Boden versinken.


Alice saß auf dem Rücksitz des Twingo ihrer Mutter und beobachtete durch die Scheibe, wie sie hektisch in ihrer Handtasche kramte. Das war nichts Besonderes. Das machte Mami immer so. Mami war immer sehr nervös und furchtsam. Alice hatte das gelernt, als sie bei Freundinnen eingeladen war und merkte, dass andere Kinder nicht so ängstliche Mütter hatten. Alice hatte auch oft Angst, aber nicht wenn sie irgendwo etwas bezahlen musste.
Alice fürchtete sich vor Spinnen und vor den Monstern unter ihrem Bett. Sie hatte zwar einen Film bei ihrer Freundin Doris gesehen, wo erklärt wurde, dass die Monster unter dem Bett und in den Wandschränken mehr Angst vor kleinen Kindern haben, als die kleinen Kinder vor den Monstern, aber trotzdem fürchtete sie sich im Dunkeln vor dem, was unter ihrem Bett wohl lauerte. Ihre Mami sagte immer, dass es böse Menschen – Nein. Das war nicht richtig – dass es böse Männer gab, die wie Menschen aussahen, in Wirklichkeit aber Monster waren. Und diese Monster hatten überhaupt keine Angst vor Kindern. Im Gegenteil, sie konnten richtig böse zu Kindern sein.
Ein großes und hohes Auto schob sich rechts an dem Auto vorbei und verdeckte die Sicht auf das besorgte Gesicht ihrer Mutter. Der Fahrer am Steuer zwinkerte Alice fröhlich zu. Alice sah schnell weg. Sie durfte mit keinen Fremden sprechen, hatte Mami gesagt. Außerdem störte sie etwas an diesem Zwinkern. Bestimmt war das einer der Männer, von denen ihre Mami immer sprach. Aber vielleicht, wenn sie nur ein bisschen hinkuckte, war es nicht so schlimm. Der Mann in dem großen Auto zog eine komische Grimasse und Alice musste lachen. Der Mann lachte auch. Er schien doch ganz nett zu sein. Nein. Dieser Mann war bestimmt kein Monster, dachte sie.


Endlich hörte Marita das beruhigende Rattern der Kasse. ›Zahlung erfolgt‹ las sie gleichzeitig auf der kleinen, grünen Anzeige des Lesegerätes. Der Tankwart sah sie verständnisvoll an.
»Na sehen sie, alles nicht so wild.« Sie unterschrieb hastig den Beleg, bemüht, ihr Zittern zu unterdrücken. Sie würde ihrem Ex-Göttergatten die Eier abreißen, wenn er noch einmal die Unterhaltszahlung verschwitzte.
Wahrscheinlich würde dann diese Schlampe auch die Lust an ihm verlieren, wenn er ohne seinen Sack zu ihr ins Bett stieg. Nicht aufregen. Nicht...
»Gehört jemand zu dem Kind, dass da draußen rumläuft?« fragte Gunther in den Verkaufsraum hinein.
Sie suchte mit ihrem Blick ihren Wagen. Ein großes Wohnmobil versperrte den Weg. Sie sah zu den Monitoren, mit denen der Tankwart die Zapfsäulen überwachte. Auch dort konnte man nichts sehen. 
»Mist.« fluchte Marita und stürmte hinaus. »Hey, warten sie!«, rief der Tankwart. »Ihre Kreditkarte!«
Gunther bestieg das Wohnmobil und startete den Motor. Mit gähnender Langsamkeit gab das Wohnmobil den Blick auf ihren Wagen frei. Der Kindersitz auf dem Rücksitz war leer. Alice war verschwunden. Marita bemerkte sofort, dass sie Teddy mitgenommen hatte, ihren kleinen Stoffbären. War sie zur Toilette gegangen? Hatte sie sie gesucht?
Diese Scheißkarte. Dieser Scheißkerl. Diese Scheiß Mia! Das war alles...
Das Wohnmobil! Alice hatte sich mal in einem Laster versteckt, weil sie das große Lenkrad so toll fand, wie sie später sagte. Rüdiger war vor Stolz damals beinahe geplatzt, während sie vor Angst fast gestorben war.
Instinktiv rannte sie dem Wohnmobil wild gestikulierend hinterher und trommelte an die Außenhaut der Fahrerseite. Der Wagen hielt. Gunther kurbelte das Seitenfenster herunter.
»Ja?« fragte er.
»Danke, dass sie anhalten. Hören sie, ich suche meine Tochter. Ich glaube, dass sie sich vielleicht bei ihnen im Wagen versteckt hat. Könnten sie kurz schauen, ob sie vielleicht bei ihnen ist?«
»Klar.« Er stand auf und Marita ging auf die andere Seite. Er öffnete von innen die Tür. Sofort stürmte sie hinein. Das Innere war dunkel und roch nach neuen Polstern und frischem Holz. Aber Maritas empfindliche Nase nahm darunter noch einen muffigeren Geruch war, den sie nicht ganz einordnen konnte.
»Alice? Alice?! Bis du hier irgendwo Liebling?« Das Mobiliar des Wohnmobils war mit Plastikplanen abgedeckt. Die Türen der Oberschränke waren noch mit Klebeband fixiert.
Sie war nicht hier. Vielleicht hatte sie mal gemusst?
»Hey, nur mit der Ruhe.« bemerkte Gunther ein wenig ungehalten. Bevor er reagieren konnte, riss sie schon die Tür des Klos auf.
Es war leer. Mutlos sackte Marita in sich zusammen. Es schien ihr so, als könne sie ihre Tochter hier irgendwie spüren. Sie musste hier irgendwo sein. Aber unsichtbar hatte sie sich ja wohl nicht gemacht.
»Es tut mir leid, aber hier scheint sie nicht zu sein.« sagte Gunther und legte ihr beruhigend den Arm um die Schulter. Eine Spur zu fest, aber er war wahrscheinlich genauso durcheinander, wie sie selbst.
»Danke trotzdem.«
»Hören sie, ich würde ihnen gerne helfen, aber ich muss diesen Wagen in zwei Stunden in Hamburg haben, verstehen sie?«
»Sicher.«
»Der Tankwart kann ihnen sicher helfen.«
»Ja.« antwortete Marita betäubt von Sorge.
»Sie läuft hier bestimmt irgendwo rum.«, sagte der junge Mann aufmunternd. Marita sah ihn dankbar an.
»Ja. Bestimmt. Danke für ihre Mühe.« Sie stürmte hinaus, zurück zur Tankstelle.
Gunther schloss die Tür von Innen und setzte sich dann wieder hinter das Steuer des Wohnmobils. Dann fuhr er los.
Alice lag betäubt in dem kleinen Verschlag neben der Toilette. Teddy lag schlaff in ihrem Ärmchen. Der Junge lehnte neben ihr, ebenfalls bewusstlos. 
Vorn im Führerstand fädelte Gunther das Fahrzeug in den ewigen Strom von Fahrzeugen Richtung Norden.
Zwei kleine Scheißerchen, dachte er fröhlich. Das wird ein Fest.

Etwa einen Monat nach dem Verschwinden von Leonie begannen Ruths nächtliche Konversationen mit John Lennon. Sie fanden für gewöhnlich auf dem Zebrastreifen der Abbey Road, unweit der gleichnamigen Studios statt, in denen die Beatles zwischen 1962 und ’69 ihre außergewöhnliche Musik aufnahmen.
Ruth mochte die Beatles eigentlich nicht besonders. Sie ordnete sich eher der Stones-Fraktion zu. Als sie als Teenager Nena in ihrem inzwischen legendären Stones Zungen-T-Shirt zujubelte, begann sie über den Umweg der 99 Luftballons eine musikalische Liaison mit Mick Jagger. Diese war jedoch nicht so hitzig und intensiv wie zu Pat Benater, Kim Wilde, Cyndi Lauper, Madonna oder Melissa Etheridge. In dieser Zeit lernte Ruth, dass sie wohl doch Frauen ein wenig lieber mochte als Männer. Nicht nur in der Musik.
Darum hatte es eine Weile gedauert, bis Ruth in ihren Träumen mit John Lennon und seinem etwas kranken Humor so richtig klar kam.
Ruth versuchte nicht mehr eine Erklärung dafür zu finden, warum sie sich in ihren Träumen mit einem längst verstorbenen Musiker aus Liverpool unterhielt. Sie nahm es einfach hin.


Ruth hörte das Zwitschern von Sperlingen. Sie schlug die Augen auf.
Sie saß in ihrem Lieblingssessel. Er stand, etwas schräg, mitten auf dem Zebrastreifen der Londoner Abbey Road. Sie betrachtete das Muster auf dem Asphalt und stellte fest, dass es noch der alte Anstrich aus den Sechzigern war. Sie blickte über ihre rechte Schulter, und erspähte den vom Abbey Road Album berühmt gewordenen weißen VW-Käfer. Da der Kleinwagen stand, wo er hingehörte, spielte sich dieser Traum am Freitag, den 8. August 1969 ab - dem Tag ihrer Geburt. 
John hockte auf dem Rinnstein zu ihrer linken und trug interessanterweise nicht seinen weißen Anzug vom Abbey Road Albumcover, sondern eine dunkle Hose und eine Lederjacke, die aus der Zeit des Hamburger Star-Clubs stammten. Er wirkte angespannt und verwirrt.
»Hi, John.« begrüßte Ruth ihn.
»Honey.« bemerkte er abwesend. Er schien heute nicht gut drauf zu sein.
»Was ist los?« fragte sie. Sie war es gewohnt in den Träumen Johns ungeteilte Aufmerksamkeit zu besitzen. John ließ gelangweilt seine Fingerknochen knacken.
»Na, was schon.« sagte er knapp, »Es sind schon wieder ein paar Kinder verschwunden.«
»Mehr als Eins? Scheiße.« murmelte Ruth. John zuckte mit den Achseln.
»So spielt das Leben, Hon.«
»Kannst du mir etwas über den toten Jungen sagen, John?«
»Er ist tot?«
»John!«
»Schon gut. Der Junge heisst Björn Eggert. Ist nicht aus deiner Klitsche von Städtchen.«
»Danke, John.«
»Wozu hat man imaginäre Freunde.« entgegnete er mit einem schiefen Grinsen. 
»Wieviele sind noch verschwunden?« fragte Ruth.
»Keine Ahnung.«
»Du bist keine besondere Hilfe, John.«
»Hey, was erwartest du? Ich bin nur ein toter Beatle.« Er hob abwehrend die Hände. In Ruths Kopf begann sich alles zu drehen. Das kündigte zumeist das Ende ihrer Konversation an. Gleich würde sie aufwachen. Sie musste sich mit dem Fragen beeilen.
»Vielleicht kannst du sie ja noch retten.« erklärte John. Er stand auf und klopfte sich den Staub von den Sachen.
»Aber wie?« fragte Ruth verzweifelt. Die Straße verschwamm vor ihren Augen. John schlenderte davon. Dann dreht er sich noch einmal um.
»Sprich mit Marie.«
Ruth stockte der Atem.
»Das … Das geht nicht. Ich … ich kann das nicht, John.«
John seufzte. »Dann sind die Kinder so gut wie Tod.«


Ihr Handy klingelte zwei Stunden später, als sie unter der Dusche stand. Es war Ulbrich. Er teilte ihr mit, dass die Pathologie und das Labor noch keine Ergebnisse geliefert hatten. Im gesamten Lüneburger Landkreis wurde kein Kind vermisst. Eine deutschlandweite Abfrage hätte 10 Fälle ergeben. Er ratterte die Namen herunter.
»… und der letzte Junge heißt Björn Eggert.«
Die Temperatur in ihrem kleinen Badezimmer sank um einige Grad. Sie starrte in ihr vom Dampf verschwommenes Spiegelbild.
»Bitte noch mal den letzten Namen?« krächzte sie in das Telefon.
»Björn Eggert. Er stammt aus Potsdam. Wird seit zwei Tagen vermisst.«
Sie schloss die Augen.
»Hallo?« fragte Ulbrich am anderen Ende der Leitung.
»Okay.« entgegnete Ruth. »Gute Arbeit, Ulbrich. Hören Sie, ich muss gleich zum Kriminalkommissariat. Wir sehen uns dann später.«
»Hey, ich hatte mir gedacht,  ich …«
Ruth beendete das Gespräch und rieb sich die Haare trocken.
»Sprich mit Marie.« flüsterte die Stimme von John.
»Das … das geht nicht. Ich … ich kann das nicht, John.«
»Dann sind die Kinder so gut wie Tod.«
»Scheiße.« sagte sie in die Stille ihres Badezimmers hinein.

 


Das Zoologische Institut der Universität Hamburg befand sich auf der linken Seite des Campus am Martin-Luther-King-Platz. Der architektonische Stil des Gebäudes schwankte zwischen Bauhaus und Realschule. Der graukalte Morgenhimmel verstärkte für Ruth noch den Eindruck eines wenig einladenden Gebäudes.
Sie fühlte sich in Hamburg nie besonders wohl. Wenn man sein ganzes Leben in einer Stadt wie Lüneburg verbracht hatte, kam einen die schiere Größe einer Metropole wie Hamburg befremdlich vor. Sie betrat das Gebäude und warf im Eingangsbereich einen raschen Blick auf die Infotafel. Bevor sie sich kundig machen konnte, hastete ein junger Mann mit Rastalocken an ihr vorbei. Er trug einen speckigen Bundeswehrparker und ein Palästinensertuch.
Die ewige Wiederkehr des Gleichen, dachte Ruth. Dieter Baumann-Schmitz, mit dem sie in der Oberstufe kurz gegangen war und der so absolut emanzipiert war, dass er den Doppelnamen seiner noch emanzipierteren Mutter vor sich hertrug wie eine Monstranz. Ruth hatte auf der Klassenfahrt trotzdem nicht mit ihm geschlafen. Aber mit Carmen Dietz. Und das hatte so gar nicht in das Weltbild eines aufgeklärten Jünglings gepasst. Für so weltliche Enttäuschungen gab es keine Antworten bei Hesse oder Rilke. Er hatte trotz seiner ansonsten guten Manieren bei ihrer Trennung ein paar deftige, politisch nicht ganz korrekte Ausdrücke für sie gefunden. Damals hatte sie begonnen zu ahnen, was für Schwierigkeiten noch auf sie warten würden, nur weil ihr Herz sich nach Menschen sehnte, die zufällig das gleiche Geschlecht hatten, wie sie selbst.
Ruth folgte dem unbeholfenen Repräsentanten ihrer Vergangenheit bis zu einem Hörsaal, in dem ungefähr 100 Studenten einer Frau lauschten. Ruth schlüpfte durch die Tür des Hörsaals und blieb dort stehen. Sie bemerkte, dass überwiegend junge Studentinnen im Plenum saßen. Sie sah, wie eine der Studentinnen sich umdrehte und ihren Blick suchte und scheu lächelte.
Ruth lächelte zurück.
Erst jetzt sah sie Marie. Sie war ein wenig älter geworden. Dennoch. Sie war immer noch eine begehrenswerte Frau.
»Ich frage mich, was sie hier wollen.« fragte Marie laut in den Saal hinein.
Die Frage ließ Ruth unweigerlich zusammenzucken. Es dauerte einen Moment, bis sie erkannte, dass es eine rhetorische Frage an das Plenum gewesen war. Marie schien sie bisher noch nicht bemerkt zu haben.
»Auch wenn dies eine Vorlesung über die Einführung in die Kenntnis der Säugetiere sein soll ist es immer genau diese Veranstaltung, bei der sie alle so zahlreich erscheinen.«
Sie sah an sich herab. Sie trug ein schlichtes, elegantes Kostüm und darüber einen weißen Kittel, in dem recht sie unscheinbar wirkte. »Meine Erscheinung kann es eigentlich nicht sein.«
Das Plenum lachte über diesen wohl platzierten Witz. Mit einem Blick brachte sie das Plenum zum Schweigen.
»Na, schön. Reden wir also über das, was sie so wahnsinnig interessiert. Reden wir über ›Kryptozoologie‹. Welche Tiere fallen ihnen ein, die einen Forschungsschwerpunkt in diesem Bereich bilden?«
Niemand meldete sich. Dann hob ein schüchternes Mädchen zaghaft die Hand.
»Nessie.« sagte sie leise.
»Bitte?« fragte Marie. Die Kleine wurde knallrot und blickte beschämt auf ihren Schreibblock.
»Mann, das war so dumm.« zischte der Junge neben dem Mädchen. Es war der Junge aus dem Foyer.
»Ich finde nicht, dass das ein dummer Kommentar von Frau Schwenders war, Herr Müller. Ich möchte eigentlich nur, dass sie es ein wenig lauter wiederholt.«
Ein aufmunterndes Zwinkern von Marie machte Frau Schwenders offenbar Mut.
»Nessie. Das »Monster von Loch Ness.« sagte sie, etwas lauter und sah trotzig zu Herrn Müller neben sich. Der versuchte sich unauffällig unsichtbar zu machen, indem er seinen Sitz hinab rutschte.
»Sie glauben also, dass das Monster von Loch Ness Gegenstand einer ernsthaften wissenschaftlichen Forschung sein sollte?«
Das Plenum brach in schallendes Gelächter aus. Marie bat mit einer Geste um Ruhe.
»Nun, Frau Müller. Sie haben vollkommen Recht.«
Betretendes Schweigen vom Plenum. Marie trat an das Mädchen heran und tätschelte ihr aufmunternd den Arm. Das Mädchen strahlte über beide Ohren.
Sie ist gut. Ich habe ganz vergessen wie gut sie darin ist, dachte Ruth mit offener Bewunderung.
Marie ging zu ihrem Pult. Das Licht im Saal wurde gedimmt und der Beamer begann mit einem beruhigenden Säuseln ein blaues Quadrat auf die Leinwand zu werfen. Marie tippte ein paar Tasten auf ihrem Notebook und startete die darauf aufgerufene Präsentation.
Sie fuhr fort: »Am 10. April 1977 holte die Besatzung des japanischen Fischerbootes Zuiyo Maru etwa 30 Meilen vor der Neuseeländischen Küste ihre Netze ein und fanden dies darin:«
Marie tippte eine Taste und die Fotografie eines stark verwesten Kadavers einer vierflossigen Kreatur mit langem Schwanenhals und einem lang gezogenem Kopf erschien auf der Leinwand. Es hatte sich offenbar in dem Fischernetz verfangen und wurde von einem Kran an Bord gehievt. Die Ähnlichkeit mit dem Loch Ness Monster war verblüffend.
»Die Mannschaft der Maru machte Fotos und vermaß das Tier. Es hatte eine Länge von 10 Metern und sie schätzten das Gewicht auf mehrere Tonnen. Wegen des starken Verwesungsgeruchs und einer unbekannten Flüssigkeit, die aus dem Torso rann, warf man den Kadaver aber leider wieder über Bord.«
Marie zeigte das nächste Bild. Die Fotografie eines Plesiosaurus. Ruth erkannte das Tier, weil sie es aus Leonies Dinosaurierbüchern kannte. Leonie hatte natürlich, wie wohl jedes Kind mit sieben Jahren, Dinosaurier geliebt.
»Dieses 132 Millionen Jahre alte Skelett eines Plesiosaurus wurde 2001 an der schottischen Küste, in der Nähe von Scarborough, gefunden. Dieser Fund beweist, dass vor langer Zeit dort Tiere existierten, auf die die Beschreibung von Nessie und dem Fang der Maru zutrifft.«
Fasziniertes Schweigen. Marie lächelte. Sie liebte es, wenn es ihr gelang ihre Studenten für etwas zu begeistern. Auch wenn das ab und zu bedeutete, die gefährliche Tür der Populärwissenschaft einen Spalt zu öffnen.
»Glaube ich also an ein prähistorisches Monster im Loch Ness? - Nein. Das halte ich für sehr unwahrscheinlich. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass ein solches Tier, auf den sich dieser Mythos gründet eventuell noch existiert halte ich dagegen für weitaus höher.«
Auf der Leinwand erschien das Bild eines unförmigen, dunklen Fisches.
»Wie sie vielleicht bereits wissen, galt der Quastenflosser seit 65 Millionen Jahren für ausgestorben - bis 1935 ein lebendes Exemplar gefangen wurde.«
Marie blickte in die Gesichter der staunenden Studenten.
»Auch wenn diese Welt bereits zu genüge erforscht zu sein scheint, überrascht uns die Natur immer wieder mit ein paar neuen Tricks in Sachen Überleben.« Sie machte ein Pause. »Damit sie mich richtig verstehen - Ich möchte Sie mit meinem kleinen Vortrag nicht dazu ermuntern, alles stehen und liegen zu lassen und zu versuchen Drachen oder Einhörner zu finden.«
Gelächter.
»Mein kleiner populärwissenschaftlicher Exkurs sollte ihnen nur vor Augen führen, dass der Gegenstand ihres Studienfachs …« Marie hielt inne. Ihr Blick war über die Gesichter im Halbdunkel des Plenums gestreift und hatte unvermittelt Ruths Augen getroffen.
Ruth nickte Marie zu. Maries Blick war kühl und distanziert.
»… das Leben selbst ist.«
Jetzt suchte Marie Ruths Blick.
»Nichts auf dieser Welt ist kostbarer, faszinierender und auf so erschreckend einfache Weise so zerbrechlich.« sagte Marie. Ruth musste schlucken.
»Und dennoch findet es immer einen Weg zu überleben. Und wenn es sein muss, überdauert es mit diesem Trick auch die Kleinigkeit von ein paar Millionen Jahren. Darum sollten sie hier sein. Darum geht es in der Biologie. Es gibt nichts Spannenderes, als zu versuchen hinter die Tricks von Mutter Natur zu kommen. Ich danke ihnen«
Brausendes Klopfen der Anerkennung.


Der junge Herr Müller stand bei Marie und redete stotternd auf sie ein. Scheinbar wollte er seine Prüfung bei ihr machen und versuchte jetzt aktiv, Schadensbegrenzung zu betreiben.
»Eine Entschuldigung bei mir ist nicht notwendig, Herr Müller. Entschuldigen sie sich lieber bei Frau Schwenders.« hörte Ruth sie zu dem jungen Herrn Müller sagen.
Der Junge lächelte verlegen und rannte schnell dem Mädchen hinterher.
Marie und Ruth sahen wiederum ihm hinterher. Dann sahen sie sich einen Moment lang an. 
»Dieter Baumann-Schmitz« platzten plötzlich beide unisono hervor. Sie sahen sich beide überrascht an und lachten. Ruth hatte Marie von dem unsäglichen Dieter erzählt.
Etwas teilen wir immer noch, dachte Ruth. 
»Was machst du hier?« fragte Marie.
»Ich wollte mit dir reden.«
Marie trank einen Schluck aus einer Wasserflasche und nickte. »Dann rede.«
»Hallo, Liebling.« sagte eine tiefe, weibliche Stimme hinter ihnen. Ruth drehte sich um. Vor ihr stand eine blonde, hoch gewachsene Frau in einem weiten Mantel und Schal. Sie musterte Ruth.
Nein. Sie taxiert mich.
Augenblicklich stellten sich ihre Nackenhaare auf.
Die Frau war groß - einen halben Kopf größer als Ruth und sie gehörte zu der Sorte Frau, deren tief liegende, strahlende Schönheit auch durch einen Kartoffelsack nicht beeinträchtigt werden konnte. Doch so wie sie sich bewegte und auftrat, schien sie es nicht nötig zu haben, sich je in Kartoffelsäcke bemühen zu müssen. Diese Frau wusste in jedem Augenblick ihres Lebens, was sie tat. Ihr Haar war strohblond, Ihre Augen dunkelblau. Schmale Augenbrauen und volle Lippen.
Ruth hasste sie augenblicklich.
Die Frau nickte Ruth freundlich zu, zog Marie an einem Arm zu sich heran und küsste sie eine Spur zu lang auf den Mund.
»Und sie sind?« fragte Ruth die Frau.
Sie lächelte und hielt Ruth die Hand entgegen. Ihr Griff war fest und trocken. Ihre Hände fühlten sich  rauh an.
»Diana Körber.« stellte sich die Frau vor. »Sie müssen Ruth Marx sein.«
»Erwischt.« sagte Ruth.
»Marie hat viel von ihnen erzählt.« Ruth hob die Brauen. »Ach, wirklich.«
Diana Körber nickte. Ruths Kehle war trocken. Sie spürte ein Stechen in der Brust. Sie sah von Diana zu Marie. Sie räusperte sich.
»Wie habt ihr euch kennengelernt?« fragte sie so gefasst wie möglich. Marie lächelte und umklammerte zärtlich den Arm von Diana.
»Diana hat das Haus meiner Eltern gekauft.«
»Oh.« brachte Ruth nur heraus.
»Ich bin Pianistin, wissen sie.« erklärte Diana. »Und ich hatte es satt immer nur in Hotels zu leben. Ich wollte mir erst etwas in Hamburg suchen, aber als mir der Makler das Haus in Lüneburg gezeigt hatte, habe ich mich sofort darin verliebt.« Sie machte eine Pause. »Und als Bonus gab’s dann noch eine Biologie Professorin oben drauf.«
»Wirklich ein Schnäppchen.« bemerkte Ruth. Ihr wurde schwindelig. Marie trat einen Schritt auf Ruth zu. Sie roch immer noch so gut, wie früher.
»Was wolltest du mich fragen?« Ruth schüttelte den Kopf.
»Nicht wichtig. Das können wir ein andermal besprechen.« sagte Ruth.
»Wozu die Eile?« fragte Diana Körber. »Wollen sie vielleicht mit uns gemeinsam zu Mittag essen?«
Ruth schüttelte ihren Kopf heftiger.
»Nein, Danke für die Einladung. Ich muss zurück nach Lüneburg.«
»Okay.« sagte Marie,  »Dann eben ein anderes Mal.«
»Auf Wiedersehen.« sagte Ruth zu Diana Körber.
Diese winkte nur knapp zum Abschied und raunte Marie etwas zu. Es war laut genug, das Ruth es noch mitbekam:
»Jetzt verstehe ich, was du mit schwierig meinst.«


Draussen am Wagen lehnte Ruth für einen Moment die Stirn gegen die Fahrertür. Sie fühlte sich elend. Das kalte Spritzwasser half ein wenig. Ruth atmete tief ein und aus, dann öffnete sie die Wagentür und setzte sich hinter das Steuer.
Marie.
Marie hat eine neue Freundin.
Diana.
Diana hat schon viel von mir gehört.
Diana hat Maries Haus gekauft.
Diana hat unser Haus gekauft.
Wir wollten in diesem Haus gemeinsam alt werden.
»Fuck!« schrie Ruth und hieb mit der Faust auf das Lenkrad.
Dann ließ sie den Motor an und raste mit quietschenden Reifen zurück nach Lüneburg.


Der Rasende Falke am St. Lambertiplatz hatte laut dem kleinen Hinweisschild am Eingang eigentlich schon seit einer Stunde geschlossen, aber Peter Ulbrich wusste, wo er seine Chefin zu suchen hatte.
»Wenn sie ein Ei am wandern hat, dann spielt die Rote Ruth meist Billard im Rasenden Falken« hatte ihm Schmitt verraten. »Da kennt die sonne Schwatte.« hatte er in seinem breiten Ruhrgebiets-Akzent hinzugefügt. Schmitt stammte ursprünglich aus Dortmund.
Und tatsächlich polierte eine schöne dunkelhäutige Frau hinter dem Tresen Biergläser. Ulbrich fragte sie nach Ruth und sie deutete mit einem Kopfnicken zu den Billardtischen. Ulbrich durchschritt das schummrige Dunkel. Das beruhigende Klacken von aufeinander treffenden Billardkugeln wies ihm den Weg. Ruth spielte an einem der letzten Tische im hinteren Teil der Kneipe.
Sie müsste ihn eigentlich kommen hören. Sie sah  aber nicht hoch, sondern konzentrierte sich ganz auf ihren nächsten Stoß.
›Klack.‹
Die weiße Kugel rollte sanft über das grüne Tuch und versenkte mit einem satten Geräusch eine der Bälle in der mittleren Seitentasche.
»Hat Schmitt ihnen gesagt, wo ich bin?« fragte Ruth. Sie sah ihn immer noch nicht an.
Ulbrich räusperte sich, bevor er antwortete
»Hat er. Aber der schmutzige, hellgraue New Beetle vor der Tür gab mir schließlich den entscheidenden Hinweis.«
Sie hob die Brauen. »Nicht schlecht.«
Ulbrich grinste.
Ruth lehnte ihren Queue an die Wand und ging zu einem kleinen Bistrotisch in der Ecke. In einem Aschenbecher schwelte eine halbgerauchte Zigarre. Ruth schnippte den kompakten Block Asche von der Spitze und zog dann genüsslich an dem verbliebenen Rest. Ulbrich erkannte an der Banderole, dass es sich um eine teure Cohiba handelte.
»Der Schröder soll die auch rauchen.«
»Wirklich?« bemerkte Ruth, während sie genussvoll den Rauch ausblies. Ulbrich nestelte verlegen an seinem Gürtel. Die schwarze Polizeiuniform stand ihm.
»Ich habe sie den ganzen Tag gesucht.« erklärte er nach einer Weile. Ruth nickte.
»Ich war in Hamburg.«
 »Was wollten sie in Hamburg?« fragte Ulbrich.
»Ich habe eine alte Freundin aufgesucht. Sie ist Biologin. Ich dachte, sie könnte mir vielleicht ein paar Tipps geben, wer oder was den Jungen zerfleischt hat.«
»Und?«
»Sie hatte keine Zeit.« sagte Ruth knapp. Sie schielte über Ulbrichs Schulter zu Selina. Es war besser, wenn Selina nichts von ihrem Besuch bei Marie erfuhr. Selina reagierte auf Ruths Ex-Freundin ziemlich empfindlich.
»War das alles?« fragte Ulbrich.
»Ja.« sagte Ruth. »Warum fragen sie?« Ulbrich hielt den Kopf schief.
»Sie sind voll wie eine Haubitze.« und deutete auf das dutzend Pinchen auf dem Tisch. Sie folgte seinem Blick und nickte bedächtig.
»Könnte sein.«
»Sie sollten nicht soviel trinken.« sagte Ulbrich. Ruth nickte wieder.
»Finden Sie mich attraktiv?« fragte sie plötzlich. Ulbrich lief knallrot an.
»Öhh... Ich…« Ruth lächelte. 
»Ich fühle mich geschmeichelt.« Er sah sie verwirrt an.
»Sie wollen mein Ritter sein.« erklärte sie. »Das ist nett. Übertrieben, aber nett.«
»Ich bin nett.« murmelte Ulbrich.
»Ich nicht. Gestern habe ich ihnen noch einen Zahn ausgeschlagen.« Sie deutete auf seinen Mund.
»Wie geht’s denn mit dem Zahn?« fragte sie mit ehrlichem Schuldgefühl. Ulbrichs Lächeln erstarb.
»Er fehlt mir.« erwiderte er knapp. 
»Tut mir leid.« Sie überlegte kurz. Vielleicht war er wirklich jemand mit dem man Reden konnte.
»Hätten sie Lust, sich was anzuhören?« fragte sie.
»Klar.«
»Moment.« Ruth streckte ihren Finger in die Höhe. Sie stand ein wenig zu schnell auf und bemerkte, dass der Rasender Falke zu schwanken begann. Mit der Grazie eines angeschossenen Revolverhelden schleppte sie sich an die Bar. Dort angekommen drehte sie sich zu ihm und hob wieder ungelenk einen Finger in die Höhe.
»Sekunde.«
Sie machte auf dem Absatz kehrt und wankte in Richtung der Toiletten. Die dunkelhäutige Schöne hinter dem Tresen warf Ruth ein verständnisvolles Lächeln zu und wandte sich dann zu Ulbrich. Sie streckte ihm die Hand entgegen.
»Ich bin übrigens Selina.«
»Peter Ulbrich.«
»Ruths neuer Kollege?« Ulbrich nickte.
»Mein Beileid.« fügte Selina hinzu. 
Ulbrich zuckte mit den Achseln. »Wir hatten nur ein paar Startschwierigkeiten.«
Selina lächelte und entblößte überirdisch perfekte Zähne. Sie musste eine Amerikanerin sein. Sie sah zur Tür der Frauentoilette, hinter der Ruth verschwunden war.
»Ja, das klingt nach Ruth.« Sie beugte sich etwas vor und Ulbrich erhaschte einen Blick auf ihr Dekolleté, dessen Perfektion beachtlich war. Schnell begutachtete er den Werbeschriftzug auf einem Bierdeckel. 
»Ich glaube, sie sollten ihr Gespräch auf Morgen verschieben. Normalerweise trinkt sie nicht viel. Aber heute…« Sie beendete den Satz nicht. Ihr Gesicht wurde traurig.
»Der Mord an dem Kind, wissen sie. Alles kommt wohl wieder hoch.«
»Was meinen sie?«
»Sie wissen nicht, was damals passiert ist?« fragte Selina.
»Nein.« Selina macht eine lange Pause. Dann sprach sie: »Ruth lebte mit einer Frau zusammen. Die Frau hatte ein Kind. Ihr Name war Leonie. Und dann ist Leonie einfach spurlos verschwunden.«
»Das wusste ich nicht.« flüsterte Ulbrich.
Selina schwieg. Ruth kam zurück.
»Okay, Ulbrich. Lassen sie uns reden.« Ulbrich schüttelte den Kopf. »Nein.« entgegnete er, »Wir reden lieber Morgen. Soll ich sie nach Hause fahren?«
»Sie schläft bei mir.« bemerkte Selina. Ulbrich sah von ihr zu Ruth und nickte.
»Okay, dann bis Morgen, Chef.«
Ruth sah Ulbrich verwirrt hinterher. Sie hatte das Gefühl, dass es wichtig gewesen wäre dass sie miteinander redeten. Gott, sie war einfach zu betrunken zum Denken. Was hatte Selina eben noch gesagt?
»Ich schlafe heute Nacht bei dir?« fragte sie.
Selina lehnte sich mit ihrem biegsamen Körper langsam nach vorne.
»Klar.« flüsterte sie Ruth zärtlich ins Ohr. »Auf der Couch.«
Selina schenkte zwei Gläser Tequila ein und reichte eines davon Ruth.
Ruth lächelte, erhob das Glas und prostete Selina zu
»Auf die Couch!«


Ein unheimliches Geräusch riss Dennis unsanft aus dem Schlaf. Es war ein Zischen, gefolgt von einem dumpfen Knurren, das sich dann zu einem gleichmäßigen, tiefen Grollen beruhigte. Er spürte, wie etwas mit schweren Schritten an ihm vorbeiging.
Ein Monster, dachte Dennis sofort. Ein Monster, das erwacht war und ihn nun, gleich hier und jetzt fressen würde. Er blinzelte und versuchte, die Augen zu öffnen. Doch irgendwie waren sie verklebt. Er war sich nicht ganz sicher, aber es schien sich um eine Art von Verband zu handeln. Dann erinnerte er sich. Dieser verrückte Mann hatte ihn gefangen und dann geschlagen. Und dann hatte er ihm diesen Verband angelegt. Erneut versuchte er die Augen zu öffnen. Das Rechte Augenlid tat noch ganz schön weh, aber er bekam es irgendwie auf.
Durch den Schleier der Gaze starrte er auf das riesige Maul eines Balrog. Das erklärte nun auch das unheimliche Geräusch. Der Balrog war ein so mächtiges und böses Monster, dass sogar Legolas der Elf vor ihm Angst hatte. Obwohl Legolas als Elf eigentlich vor nichts Angst hatte. Dennis wusste das, denn er hatte die Actionfigur von Legolas. Er hatte sie zu Ostern geschenkt bekommen und noch am selben Tag das Elfenschwert, das Legolas neben seinen berüchtigten Bogen bei sich führte, abgebrochen. Papa hatte geschimpft und es halbwegs wieder mit Sekundenkleber geklebt. Vorsichtig versuchte sich Dennis zu bewegen, doch er war mit Kabelbindern gefesselt. Die Polizei benutzte jetzt so was. Das hatte er mal im Fernsehen gesehen.
Der Balrog rührte sich nicht. Doch das nützte nicht viel. So ein Balrog war verschlagen. Er hatte es sogar geschafft, den mächtigen Zauberer Gandalf zu besiegen. Und der Zauberer Gandalf war fast so schlau wie sein Papa. Er versuchte, von dem Balrog wegzurutschen. Der Boden war feucht und glitschig. Wie in einem Keller. Oder wie in unterirdischem Reich von Moria, das den Zwergen gehörte. Gleich würde ihn der Balrog fressen, und das würde bestimmt sehr wehtun. Er wollte gerade anfangen zu weinen als eine fremde Stimme ihn erstarren ließ.
»Hast du etwa Angst vor dem Heizdings?« fragte die Stimme ungläubig.
Dennis war so verblüfft die Stimme eines menschlichen Wesens zu hören, dass er statt zu weinen nur schluckte. Er versuchte zu Sprechen. Doch anstatt einer Frage entwich seiner Kehle nur ein hohles Krächzen.
»Warte.« sagte die Stimme. Sie gehörte einem Mädchen. Einem kleinen Mädchen. Nach einem Moment fühlte er das beruhigende Plastik einer Flasche an seinen Lippen.
»Langsam, nicht so schnell.«, befahl das Mädchen. Es war Cola. Gierig trank er, bis er sich verschluckte und hustete. Das Zuckerwasser rann sein Kinn herab.
»Na, siehst du …« Der dünne Ärmel eines Pullovers strich über seinen Mund. Er roch nach Keller. Dann näherte sich die Flasche wieder seinen Lippen. Jetzt trank er ruhiger. Nachdem er genug hatte, drehte er seinen Kopf weg und sie setzte die Flasche ab. Er rülpste lautstark.
»Du bist aber nicht gut erzogen.« sagte die Stimme streng. Er sah sich um. Das was er im Dunkel des Raumes für einen Balrog gehalten hatte, war ein Heizstrahler. Er kannte diese Geräte von den Baustellen, zu denen sein Papa ihn manchmal mitnahm.
»Wer bist du? Wo sind wir hier?« fragte er das kleine Mädchen.
»Ich heiße Alice. Und ich weiß nicht genau, wo wir sind.«
»Ich heiße Dennis.« Im Dunkel versuchte er ihr Gesicht zu erkennen. Sie war ungefähr in seinem Alter, vielleicht etwas jünger. Sie hatte blonde Haare, die zu Zöpfen geflochten waren. Das sah doof aus, aber er sagte das nicht. Ihr Gesicht war schmutzig, und an den hellen Stellen unter ihren Augen konnte man sehen, dass sie noch vor kurzem geweint hatte. Er sah sich weiter um. Sie befanden sich in einer Art Kellerraum. Er war ungefähr so groß wie sein eigenes Kinderzimmer. Die Wände waren aus Beton und sahen alt und verfallen aus. Der einzige Eingang war eine von Rost pockennarbig verunstaltete Stahltür, die mal grau gestrichen worden war. Irgendwo hörte er Wasser tropfen. Ihm kam wieder das Zwergenreich von Moria in den Sinn.
Das Mädchen sah ihn neugierig an.
»Wahrscheinlich sind wir im Keller eines Hexenhauses.« sagte sie bestimmt.
»Wie kommt du denn darauf?«
»Kennst du denn nicht das Märchen?« fragte sie.
»Welches?«, fragte er zurück.
»Na, Hänsel und Gretel, Dummerchen.« belehrte Alice und verzog das Gesicht wie eine Gouvernante. 
»Natürlich kenne ich das.« antwortete er ungeduldig. »Aber Märchen sind doch nur Geschichten.«
»Aha.« bemerkte Alice.
»Häh?«
»Wenn Märchen nur Geschichten sind, warum hast Du im Schlaf dann immer von einem Ballrock gesprochen, dass dich fressen will?«
»Dass ist aus Herr der Ringe« stellte er knapp und so überheblich wie möglich fest. Das machte Papa manchmal so mit den Arbeitern auf der Baustelle. Er nannte das ›sich Respekt verschaffen‹.« Bei Alice schien es zu funktionieren.
»Kenn' ich nicht« antwortete sie dann auch prompt.
»Du bist ja auch ein Mädchen.« entgegnete er spitz. Sie verzog das Gesicht. Das war vielleicht dann doch ein wenig zu gemein.
»Ist ein Film«, fügte er daher lieber noch erläuternd hinzu. Alice sah ihn nachdenklich an.
»Du bist nicht sehr höflich gegenüber einer Dame. Bestimmt kommst du aus einer schlimmen Familie und wirst ganz oft verhauen.« mutmaßte sie.
»Nein, werd' ich nicht.«
»Also, ich soll nicht solche Filme sehen. Meine Mama meint, die haben zu viel Gewalt und machen dumm.« Er wusste nicht, was er darauf entgegen sollte. Alle seine Freunde hatten ›Herr der Ringe‹ gesehen. Also hatte er ihn auch gesehen. Außerdem war Legolas cool. Alice rieb sich mit einem kleinen braunen Teddybären die Nase. Er war ebenso schmutzig wie sie selbst. Ein Auge des Stofftieres war von ihr fast abgeknibbelt worden und hing an einem letzten Rest schwarzen Fadens. Alice bemerkte seinen interessieren Blick und drückte schützend den Bären gegen ihr Brust. Das Auge baumelte an dem Faden hin und her.
»Das ist Teddy« begann sie. »Ich weiß, es ist kindisch. Aber Teddy hilft mir, wenn ich mich allein und depressiv fühle.« Dennis runzelte die Stirn. Er wusste nicht, was depressiv bedeutete. Einem Mädchen, dass solche Worte benutzte war er noch nie begegnet. Andererseits hatte er auch nicht viel mit Mädchen am Hut. Er spielte lieber Fußball, Herr der Ringe oder mit seiner Playstation.
»Schon okay.« erklärte er generös. Er wand sich hin und her um die Fesseln zu lockern.
»Kannst du mir helfen, mich loszumachen?« fragte er. Alice schüttelte den Kopf.
»Warum bist du eigentlich nicht auch gefesselt?«, fragte er.
»Gunther meint, ich sei lieb und dass ich keinen Ärger mache.« Gunther. Der Name löste in Dennis einen heißen Schwall von Panik aus. Er erinnerte sich, wie die Faust von Gunther wie in Zeitlupe auf ihn zuflog. Und weiter hinten sah er das angewiderte Gesicht von Gunther.
»Ist ... ist Gunther hier?«, fragte Dennis ängstlich. Alice nickte.
Sie deutete auf das rot glühende Maul des Strahlers.
»Er hat eben das Heizdings angemacht.«
»Heizstrahler.« verbesserte Dennis. Als Antwort streckte sie ihm ganz kurz die Zungenspitze entgegen.
»Menno! Dann eben Heizstrahler.«
»Kannst du mir nun helfen meine Fesseln aufzumachen?« fragte Dennis hoffnungsvoll. Alice schüttelte bestimmt den Kopf.
»Dann haut mich Gunther. Das will ich nicht. Dich hat er gehauen. Und du kannst es nicht sehen aber dein Gesicht sieht echt zermatscht aus.«
Dennis seufzte.
»Alice, pass auf - Ich glaube, wir müssen versuchen hier ganz schnell zu verschwinden.« Er versuchte sich wieder aus seinen Fesseln zu winden, doch die Kabelbinder zogen sich nur fester um seine Handgelenke.
»Keine Chance« entgegnete Alice, während sie teilnahmslos seine hilflosen Bemühungen betrachtete.
»Warum?«
»Na, wegen Gunther.«
»Ist Gunther denn immer da?« Vielleicht konnten sie unbemerkt entkommen. Sie überdachte einen Augenblick seine Frage.
»Manchmal holt er zu Essen und zu Trinken für uns. Dann hört man für eine Weile keine Geräusche.«
Na, das war doch schon was. Plötzlich spürte er ein unangenehmes Ziehen zwischen seinen Beinen.
»Ich muss mal« verkündete er.
»Mach lieber in die Hose« sagte Alice.
»Ich kann nicht.« Sie zuckte mit den Achseln.
»Sei kein Baby.«
»Ich bin kein Baby.«
»Bist du wohl.«
»Mach mich los.«
»Womit denn?«
Das Ziehen ging ein wenig vorüber. Noch konnte er es aufhalten. Aber bestimmt nicht mehr lange.
»Was glaubst du hat Gunther mit uns vor?«
»Er macht uns dick.« erklärte Alice schlicht.
»Was?«, fragte Dennis ungläubig.
Alice nickte bedeutungsvoll.
»Unsinn!« antwortete er entschieden. Alice seufzte nur, und schwieg. Nach einer Weile rückte sie noch näher an ihn heran.
»Du Dennis, weißt du was?«
»Was?«
»Ich glaub nicht, dass Märchen nur Geschichten sind.«
»Meinst du?« fragte Dennis und musste schlucken.
»Ja. Gunther macht uns dick. Wie im Märchen, damit die böse Hexe uns dann fressen kann.«
Dennis spürte plötzlich warme Feuchtigkeit in seinem Schritt. Seine Blase hatte sich ohne sein zutun entleert. Er begann zu schluchzen.
»Shhh …« machte Alice, als er leise zu weinen begann. »Schon gut. Ist nicht schlimm.« Tröstend streichelte Alice ihm den Kopf.


Die Nacht brach herein und die kleine Stadt im Norden kam endlich zur Ruhe.

Ruth und Selina fanden ihren wohlverdienten Schlaf auf der engen (und einzigen) Auszieh-Couch in Selinas kleiner Wohnung in der Wandrahmstraße.

Vor den Toren der Stadt kauerten Dennis und Alice, wie in einem unheimlichen Märchen in einem dunklen, unheimlichen Verlies und warteten darauf, von den Mächten des Guten gerettet, oder vom Bösen verschlungen zu werden. Ihr Schicksal war zu diesem Zeitpunkt noch nicht entschieden.

Weiter nördlich, in Hamburg schlief Marie glücklich in den Armen ihrer neuen Liebe.
Diana Körber streichelte gedankenverloren Maries Haar und starrte hinauf in den Nachthimmel. Die graue Wolkendecke über Hamburg hatte sich gelockert, und durch die Lücken lugten ein paar Sterne und der noch fast volle Mond gab sich zu erkennen.
Der Mond. La Lune. Ihre heimliche, wahre Geliebte.
Auf das Stichwort ihrer Gedanken hin, seufzte Marie im Schlaf.
Sei nicht eifersüchtig, Liebste, dachte Diana und strich Marie eine Locke ihres dunklen Haars aus dem Gesicht.
Der aufblinkende Schein ihres Handys riss sie aus ihren Gedanken. Sie nahm es vom Nachtisch und betrachtete die eingegangene SMS.
Sie las den kurzen Inhalt, und lächelte. Dann legte sie das Mobiltelefon wieder auf den Nachttisch und streichelte Maries Schulter. Eine kleine, unbedeutend erscheinende Hautrötung deutete dort an, dass bedeutsame Veränderungen in Maries Leben bevorstanden.
Endlich ist es soweit, dachte Diana und schlief zufrieden ein.


Teil Zwei

7 Monate zuvor

Diana Körber beendete Brahms 1. Klavierkonzert naturgemäß mit dem 3. Satz. Die sanfte Koda am Schluss des Rondo gelang ihr zufriedenstellend, wenn auch ein wenig holprig. Das London Symphony Orchester in ihrem Rücken vertuschte ihre gröbsten Schnitzer.
Es war Diana egal, was die Musikwissenschaftler in Brahms Noten hineininterpretierten. Für sie war es klar, dass es Brahms um Geilheit ging. Geilheit und zutiefst schmerzende, unerfüllte Liebe.
Brahms wollte Clara Schumann ficken. Hart, mit voller Leidenschaft. Vermutlich in den Arsch. Und als sie ihn abwies entdeckte Brahms endlich, dass der Schmerz unerfüllter Liebe tausendmal süßer und erfüllender sein konnte, als jeder echte Fick der Witwe Schumann.
Spinoza hatte schon recht: Es ging immer nur um die drei Grundzustände Schmerz, Lust, Begierde und ihr Verhältnis zueinander.
Der letzte Ton verklang. Applaus brandete auf.
Diana erhob sich und verbeugte sich höflich. Dann nickte sie dem Dirigenten zu, der ihrem Beispiel folgte. Er war irgendein Japaner mit kleinem Schwanz der sich in seiner Freizeit von hochgewachsenen Dominas aus dem Londoner Westend auspeitschen ließ.
Was ist nur los mit mir? dachte sie. Sie wusste es nur zu gut.
Michael Holborn hatte es auch gewusst, als er vor ihrem Auftritt in ihre Garderobe gekommen war.
Sie hatte es in seinen Augen gesehen.

Kurz vor ihrem Auftritt, Diana hatte gerade die ihr von der Royal Albert Hall zur Seite gestellte Assistentin hinausgejagt, als es erneut an ihrer Garderobentür klopfte.
»Was denn noch?« fauchte sie der sich öffnenden Tür entgegen.
»Nur ein paar Fragen, Miss Körber.« antwortete eine angenehme Stimme, die eindeutig nicht zu dem Trampel von Assistentin gehörte. Die Stimme gehörte einem gut aussehenden Mann Mitte Dreißig. Er trug einen dunklen Mantel und sein blondes Haar gescheitelt. Mit seinen wasserblauen Augen wirkte er wie der typische Deutsche in einem amerikanischen Propagandafilm. Hinzu kam, dass der Mann sie in akzentfreiem Deutsch angesprochen hatte.
»Wer sind sie?« fragte Diana und konnte ein gewisses Maß an Erregung in ihrer Stimme nicht verbergen. Der Mann sah umwerfend gut aus.
Mein Gott, dachte Diana. Ich bin geil. Den Grund dafür kannte sie. Vergangene Nacht hatte sie wieder diesen seltsam erregenden Traum gehabt, der sie neuerdings heimsuchte.
An den ersten Teil konnte sie sich nie erinnern. Doch der zweite Abschnitt ihres Traums blieb ihr immer klar im Gedächtnis:
In ihm erwachte sie an den ungewöhnlichsten Orten. Und sie war nackt.
Vergangene Nacht war sie in ihrem Traum in einer Seitengasse in Soho aufgewacht. Es musste früh am Morgen sein, denn es war noch kein Mensch auf der Straße. Vor dem Hintereingang einer der Boutiquen lud ein müde wirkender Schwarzer Kleiderständer mit in Plastik verpackten Sommerkleidern aus. In einem unbemerkten Moment schnappte sich Diana eines der Kleider vom Ständer. Hinter einer Mülltonne zerriss sie das Plastik mit ihren Zähnen. Es war ganz dünn und leicht und segelte durch die Gasse davon wie ein befreiter Flaschengeist. Diana streifte sich das Kleid über. Es passte perfekt. (Warum auch nicht, schließlich war es ihr Traum) Es war ein kleines Schwarzes. Sie prüfte das Etikett. Der Fetzen kostete 2000 Pfund. Nun, der Stoff fühlte sich gut an und war vermutlich sein Geld wert.
Sie fand einen verständnisvollen Taxifahrer (Keine leichte Übung in London!) der sie zum Savoy kutschierte. Der Mann an der Tür rief den Concierge. Dieser bezahlte den Taxifahrer und geleitete sie zu ihrer Suite.
Dann legte sie sich ins Bett. Nach Stunden erwachte sie dann aus dem Traum. Sie hatte dann immer einen riesigen Hunger und sie war, wie gesagt, ziemlich geil.
Sie wusste nicht warum. Es war einfach so.


»DCI Michael Holborn, Scotland Yard.« beantwortete der Mann Dianas Frage. Diana streckte ihm die Hand entgegen. Holborn ignorierte sie und fischte stattdessen einen kleines Moleskin Notizbüchlein aus seiner rechten Manteltasche. Er löste das Gummiband, schlug das Büchlein auf und blätterte suchend darin herum. Schließlich hielt er auf einer der letzten Seiten inne und sah dann Diana in die Augen.
»Wo waren sie gestern Nacht, sagen wir von 23 Uhr bis etwa 5 Uhr früh an diesem Morgen?«
»Darf ich fragen, warum sie mir diese Frage stellen?«
Holborn zuckte mit den Achseln. »Sie dürfen.« Er machte eine Pause, bis sie verstanden hatte. »Also, was haben sie in diesen sechs Stunden so gemacht, Miss Körber?«
»Woher können sie so gut Deutsch?«
Holborn starrte sie nur an und wartete auf eine Antwort. Sie hatte schon viele Männer geknackt. 
Aber sie hatte das Gefühl, dass dieses besondere Exemplar anders war.
»Schon gut, schon gut.« sagte sie und warf theatralisch die Hände in die Luft. »Ich lag im Bett meiner Suite und habe geschlafen.«
»Sie residieren im Savoy?« fragte Holborn. Diana nickte. »Hmh.« machte Holborn. Sie sah ihm in die Augen. Unwirklich schöne Augen. »Und bevor sie fragen: Ja, ich war allein.« fügte Diana hinzu. Sie machte eine Pause und lächelte vielsagend. »Zu diesem Zeitpunkt kannten wir uns ja noch nicht, DCI Holborn.« 
»Hmh.« machte dieser erneut. Er kramte nun in seiner linken Manteltasche und holte ein iPhone daraus hervor. Er tippte einen Moment darauf herum dann hielt er ihr das Gerät vor die Nase.
»Sie sehen hier das Video einer Überwachungskamera in Soho.« erklärte er.
Das Bild des Videos war in Schwarzweiss und auf dem kleinen Bildschirm des Mobiltelefons erstaunlich scharf. Es zeigte eine Seitenstrasse. Ein Lieferwagen parkte am rechtem Rand. Ein Schwarzer entlud aus ihm Kleiderständer mit in Plastik verpackten Sommerkleidern. Plötzlich huschte eine schöne, nackte Blondine von links ins Bild und griff sich eines der Kleider. Holborn tippte mit dem Finger auf dem Schirm und das Bild gefror. Mit zwei Fingern zog er das Bild größer und positionierte das Gesicht der Nackten in der Mitte des Schirms.
Kein Zweifel. Es war ihr Gesicht.
Diana sagte nichts.
»Würden sie mir zustimmen, dass es sich bei dieser Person hier um sie handelt, Miss Körber?«
Diana nickte langsam. Wie konnte das sein. Sie hatte das doch nur geträumt! Wie war es möglich ...
Es war kein Traum gewesen.
Es war nie ein Traum gewesen.
Nicht in Amsterdam. Nicht in Mailand. Nicht in New York. Wann hatte das angefangen?
Sie wusste es. In Alaska.
In der Nacht als sie im Zelt mit dem Park Ranger gevögelt hatte. Der Park Ranger, der ihr die stählerne Kassette mit den Aufzeichnungen ihres Großvaters überreicht hatte. Ein zurückweichender Gletscher hatte die Kassette zusammen mit ein paar Wrackteilen ausgespuckt wie eine Katze lästiges Gewölle von Vögeln.
In dieser Nacht war etwas passiert. Etwas war um das Zelt geschlichen. Der Park Ranger hatte den Helden gespielt und war hinaus in die Nacht verschwunden.
Stille. Dann hörte sie seinen Schrei. Wieder Stille. Diana verkroch sich im Zelt. Dann lugte etwas in das Zelt. Gelbe Augen die im Dunkel leuchteten wie Lampen.
Sie waren grauenhaft (wunderschön).
Dann warmer, heißer Schmerz (Diese Wonne!).
Nach dieser Nacht hatten ihre Träume angefangen, die keine waren. Nicht sofort.
Erst als der Mond ...

»Ich werde das Kleid selbstverständlich bezahlen.« erklärte Diana so gelassen wie möglich.
»Schön. Damit hätten wir ein Problem bereits gelöst.«
»Was gibt es denn noch?« fragte Diana.
»Unweit der Stelle wo sie unsere Überwachungskamera bei einem Diebstahl ertappt hat, wurde die Leiche eines Obdachlosen gefunden. Er wurde grausam verstümmelt.«
»Oh.« sagte Diana.
»Da sie sich in dem Zeitfenster des vermutlichen Todes des Obdachlosen in der Nähe aufgehalten haben, hatte ich gehofft, dass ihnen vielleicht etwas ungewöhnliches Aufgefallen ist?«
»Abgesehen von der Tatsache, dass ich nackt wie Lady Godiva ohne Schimmel durch das frühmorgendliche Soho gelaufen bin?«
   »Ganz recht.«
»Nein. Mir ist nichts weiter aufgefallen.«
»Gut, Miss Körber. Das wäre zunächst einmal alles. Vielen Dank für ihre Zeit.«
Assistentin Trampel lugte durch die Tür.
»Miss Körber. Ihr Auftritt!«
»Auf wiedersehen, Miss Körber.« sagte DCI Holborn.
Ich weiß, dass du ihn getötest hast, du Schlampe! Ich kann es nicht beweisen, aber ich weiß, dass du es warst! schrien seine Augen.
»Das will ich doch hoffen, DCI Holborn.« säuselte sie.
»Hmh.« erwiderte dieser nur.
Diana glaubte nicht, das sie spielen konnte. Ihre Hände zitterten. Aber als sie an die Absurdität des Ganzen (Das Blut! Das Fleisch! So köstlich! So warm!) dachte, wurden ihre Finger wieder ruhig.

Nach ihrem Auftritt, zurück im Hotel, öffnete sie den Safe in ihrer Suite und holte daraus die stählerne Kassette ihres Großvaters heraus. Sie öffnete sie, nahm die vergilbte Kladde heraus, welche dem Notizbuch von DCI Holborn nicht unähnlich war. Sie blätterte sie durch, bis zum letzten Eintrag:

13. November 1936
Erfolg! Nach all den Strapazen und dem Ausfall von Eisner befinden wir uns nun auf dem Rückflug.
Unsere Fracht ist wohl auf.

Diana blätterte die übrigen Seiten durch. Keiner der Einträge verrieten, woraus die geheimnisvolle Fracht bestand, für die ihr Großvater sein Leben gegeben hatte.
An einer Stelle fand sie ein einzelnes Wort: Tiqun.
Mit Hilfe einer schnellen Recherche im Internet mittels ihres Blackberry Mobiltelefons fand Diana heraus, dass es sich um ein Wort aus der Sprache der Dena'ina Indianer handelte, die im zentralen Süden Alaskas lebten.
Das Wort bedeutete Wolf.

 

Heiner Enke war ein Mann der ein Gespür dafür entwickelt hatte, wann ihm der Arsch auf Grundeis ging. Und sein Hintern fühlte sich im Moment verdammt eisig an.
Der Polizeipräsident wurde ungeduldig. Der Oberstadtdirektor wurde ungeduldig. Das Innenministerium wurde ungeduldig. Sie alle nörgelten an ihm herum wie eine unbefriedigte Ehefrau. Der Mord an dem Jungen lag über drei Wochen zurück. Und er und seine handverlesene Mordkommission hatten … nichts.
Am schlimmsten war die Presse. Alles hatte mit der Einladung in eine Talkshow bei einem privaten Fernsehsender angefangen. In dem Interview hatte er sich abgeklärt gegeben. Seinen Vorgesetzten hatte er versichert, dass es den Ermittlungen nur helfen werde, wenn er sich als Chefermittler der breiten Öffentlichkeit stellte. Der Täter würde dies als Aufwertung empfinden und sich zugleich in Sicherheit wiegen. Doch der kleine unsichere Junge in Enkes Innerem kümmerte sich einen Scheißdreck um den Täter. Der kleine Junge in seinem Innern war einfach nur vor Stolz fast aus allen Nähten geplatzt. Sein Auftreten hatte Kompetenz und Eloquenz verströmt. Er schwitzte nicht und verhaspelte sich nur einmal. Er fühlte sich als König der Welt. Dann hatte ihn der Moderator direkt gefragt, wann er den Fall wohl abschließen würde. Tja, und dann hatte Enke sich mit einem Satz um Kopf und Kragen geredet. Er wusste nicht mehr, warum er das gesagt hatte, was er sagte. Es sprudelte einfach aus ihm heraus:
 »Ich möchte den laufenden Ermittlungen nicht vorgreifen, aber ich kann wohl sagen, dass eine Festnahme unmittelbar bevorsteht.«
 Tor! Frenetischer Jubel der Menge. Das Eis unter Enkes Hintern begann bedrohlich zu knacken.

Kripo-Chefermittler:
Heidemonster bald im Knast!

sprang es ihm am nächsten Morgen am Kiosk aus den Zeitungen entgegen — und um Enkes Arsch wurde es feucht und kalt.  
Jetzt saß er in seinem Büro und fuhr sich durch das dünner werdende Haar. Er betrachtete seine Hand. Ein Haar klebte daran. Es war grau. Seufzend schnippte er es weg und starrte zum Telefon, welches qualvoll unter Aktenblättern und Big-Mäc Schachteln zu ertrinken drohte.
Er könnte sie anrufen. Er könnte die ›Rote Ruth‹ um Hilfe bitten. Eventuell könnte er sie sogar zwingen, ihm bei den Ermittlungen zu helfen. Doch sein Stolz ließ das nicht zu. Dutzende Male war er jetzt schon die Ermittlungsakten durchgegangen. Sie gaben nichts her. Der Tatort war Zentimeterweise von seinen Leuten umgegraben worden. Die einzige Spur war die seltsame DNA. Ein Mix aus menschlichen und tierischen Genen. Wie sollte man draus schlau werden?
Scheiße. Alles eine verdammte Scheiße.
Einen Hoffnungsschimmer gab es: Einer seiner Jungs hatte ihm gesteckt, dass der neue Kollege der Roten Ruth, dieser Peter Ulbrich, in ihrem Namen diskret Informationen über den Stand der Ermittlungen einzuholen versuchte. Enke schüttelte den Kopf. Wie schaffte sie es immer nur, diese Grünschnäbel auf ihre Seite zu ziehen?
Aber die Sache hatte auch sein Gutes. Vielleicht musste er die Rote Ruth gar nicht ins Boot holen. Er musste nur dafür Sorgen, dass sie an dem Fall dranblieb und denn Täter ausfindig machte. Dann musste er nur rechtzeitig zur Stelle sein und die Verhaftung selbst vornehmen.
Dann war alles in Butter.
Ja, das war eine Möglichkeit. Sofort besserte sich seine Laune. Pfeifend begann er, seinen Schreibtisch aufzuräumen und dachte dabei an seinen nächsten Fernsehauftritt.


Am Morgen des 6. Dezembers fiel Schnee. Er überzog die kleinen hölzernen Buden und Stände auf dem Lüneburger Markplatz, die vor dem Rathaus errichtet worden waren mit einer weißen Glasur.
Als Reaktion auf den Mord von Björn Eggert zeigte die Lüneburger Polizei mehr Präsenz in der Innenstadt. Jeder verfügbare Beamte aus dem Landkreis wurde eingespannt.
Daher gingen am Abend Ruth und Ulbrich Streife durch die engen Reihen des Weihnachtsmarkts.
Die Besucher des Marktes bildeten einen Querschnitt durch die Lüneburger Bevölkerung. Junge Familien mit Kinderwagen, die Kinder darin mit Zuckerwatte oder Lebkuchenherzen bestückt; ältere Damen, die etwas für ihre Enkel ergattern wollten und feuchtfröhliche Gruppen, die die zahlreichen Glühweinstände und Bratwurstbuden umlagerten. Überall roch es nach Bratäpfeln, gebrannten Mandeln, Zuckerwatte, Crepés und natürlich Glühwein, der in den Tassen dampfte wie kochender Stahl.
Ruth fiel auf, dass dieses Jahr weniger Familien mit Kindern am Nikolaustag den Weihnachtsmarkt besuchten. In den Gesichtern der wenigen anwesenden Eltern spiegelten sich Sorge und Angst. Sie hielten die Kinder immer eng bei sich. Mütter zischten scharfe Ermahnungen wenn ihre dick eingepackten Sprösslinge herumzutoben begannen.
Ruth konnte es ihnen nicht verdenken. Ein Kind war tot und mittlerweile wurde nach zwei weiteren Kindern bundesweit gefahndet.
Sie passierten den Stand von Frau Bremer, die den kleinen Laden ›Das Hexenhaus‹ unweit des Marktplatzes in der Oberen Schrangenstraße betrieb. Amulette, Mandalas und Bücher über Esoterik bildeten den hauptsächlichen Warenbestand. Ruth stufte Frau Bremer als leicht verschroben, aber harmlos ein. Sie nickte den beiden Beamten freundlich zu und Ruth und Ulbrich erwiderten höflich den Gruß.
Auch der Wirt des ›Rasenden Falken‹ hatte einen Stand gemietet, in dem Selina arbeitete. Sie trug einen hellbraunen Mantel und dazu unpassende, aber originelle, knallrote Ohrenschützer. Selina musste sich gerade den Avancen irgendeines angetrunkenen Mittfünfzigers erwehren. Sie fertigte ihn höflich, aber bestimmt ab. Dann bemerkte sie Ruth in der Menge und lächelte ihr zu. Der Mann folgte in der Zeitlupe eines Angetrunkenen ihrem Blick, erspähte Ruth und Ulbrich in ihren Uniformen und hatte es plötzlich sehr eilig zu verschwinden.
»Meine Heldin«, sagte Selina strahlend und berührte kurz Ruths Hand. Sie nickte Ulbrich zu, der den Gruß erwiderte. »Alles klar, bei dir?« erkundigte sich Ruth.
»Stressig. Aber der Rubel rollt. Möchten die Sheriffs einen Tee?«
»Da sagen wir nicht nein.« entgegnete Ulbrich, zog sich die Handschuhe aus und blies seinen warmen Atem in die Hände. Selina reichte den beiden gerade die Becher, als ein Geräusch vom Lunabrunnen ihre Aufmerksamkeit erregte.
Der Brunnen stand Nahe dem Rathaus und sah mit seinem weißen Überzug wie eine gigantische Hochzeitstorte aus. Vor dem Brunnen stand ein schmächtiger Mann mit Bart. Er trug einen alten Parka der Russischen Armee und hielt ein weißes Pony an einem Zügel. Der Mann bat um Geld für einen Zirkus Sowieso, der aus Tschechien kam und im Moment auf den Sülzwiesen sein Winterquartier aufgeschlagen hatte.
Das Pony wieherte jämmerlich. Es klang wie der angsterfüllte Schrei einer Frau. Ohne zu Zögern liefen Ruth und Ulbrich zu der Menschenmenge, die sich um das Geschehen gebildet hatte. Ruth drängte sich durch den Kreis der Schaulustigen, und wich gerade noch rechtzeitig aus, als sich das Tier in Panik aufbäumte. Dem Pony stand Schaum vor dem Mund, und es verdrehte die Augen, so dass Ruth nur das Weiße darin sah.
 Ulbrich schien sich mit Pferden auszukennen, denn es war hauptsächlich ihm zu verdanken, dass sich das Tier schnell wieder beruhigte. Der Mann vom Zirkus versicherte in gebrochenem Deutsch, dass sich das Tier niemals zuvor so verhalten hatte. Vollkommen aufgelöst versprach er in Zukunft auf das Tier besser Acht zu geben. Ruth verwarnte ihn mündlich und wies ihn an, dass Tier sofort zurück zum Zirkusquartier zu bringen und dort von einem Tierarzt untersuchen zu lassen. Sie schaute umher, um nach der Ursache für das ungewöhnliche Verhalten des Tieres zu suchen. Doch das Einzige, was Ruth in der Menge erblickte waren die Gesichter von Diana und Marie.

Marie und Diana Körber schlenderten Arm in Arm auf Ruth zu. Die obere Hälfte von Maries schönem Gesicht lugte aus einem breiten, wollenem Schal hervor; ihr volles, dunkles Haar trug sie offen.
Obwohl Marie wie immer wenig Make-Up trug, wirkte sie strahlend schön wie nie. Ihr gutes Aussehen wurde nur noch von Dianas Erscheinung übertroffen. Sie trug ebenfalls ihr Haar offen und es floss in knisternden Wogen ihre Schultern herab. Beide kamen auf Ruth und Ulbrich zu. Ihr Gang war geschmeidig und im perfekten Gleichklang.
Das Paar wirkte sehr glücklich. Ruth sollte sich für die Beiden freuen. Der Anblick der Beiden löste in Ruth eine Vielzahl von Gefühlen aus - Freude war nicht darunter.
»Hallo Ruth.« begrüßte Marie sie freundlich.
»Hallo.« erwiderte Ruth knapp.
»Frau Marx, wie geht es Ihnen?«, erkundigte sich Diana und streckte Ruth die Hand entgegen. Ruth zwang sich zur Ruhe und schüttelte kurz die ihr angebotene Hand. Der Griff der Frau war wieder fest und selbstbewusst.
»Gut. Danke der Nachfrage.« beantwortete sie die Frage. Ruth wandte sich an Marie. »Bleibt ihr länger in der Stadt?« Diana lächelte und schenkte Marie einen verliebten Blick.
»Es war nicht so geplant, aber ich fühle mich sehr zu dieser Stadt und ihren Menschen hingezogen.« Sie sah Marie in die Augen »Ich glaube, es ist für mich an der Zeit Wurzeln zu schlagen.«
Sie küsste Marie leicht auf den Mund.
Mir wird schlecht, dachte Ruth.
»Schön.«, entgegnete Ruth stattdessen. Sie sah zu der mit Lichterketten geschmückten Baumreihe am Rand des Platzes. Sie verschwamm ihr vor den Augen. Sie hatten sich mit Tränen gefüllt.
»Wie geht es dir, Ruth? Bist du mit immer noch mit dieser Selina zusammen?« fragte Marie. Ruth sah sie an.
»Tja, ich denke, dass war dann mein Stichwort. Noch einen schönen Abend.« Ruth tippte sich an die Krempe ihrer Dienstmütze und ging zurück zum wartenden Ulbrich.
»Alles in Ordnung?« fragte er.
Ruth grinste. »Alles Bestens.«
»Oh-kay.« brummte Ulbrich.
Sie gingen wieder zu dem Stand von Selina.
»Was ist passiert?« fragte Selina besorgt. Ruth zuckte mit den Achseln. »Das Zirkuspony hat gescheut.« sprang Ulbrich hastig ein.
»Ja.« bestätigte Ruth. »Das Pony.«
»Dann ist das ja schon eure zweite Heldentat heute«
Ruth deutete mit einem Kopfnicken zu Ulbrich.
»Eigentlich hat er die ganze Arbeit gemacht.« Selina sah sie verblüfft an, dann lächelte sie Ulbrich an.
»Ein Lob aus dem Mund der Roten Ruth. Streichen sie sich das lieber gleich rot im Kalender an.« Ulbrich konnte nicht anders und grinste verlegen.
Ruth und Ulbrich bekamen von Selina frischen, heißen Tee serviert. Er brannte wie Feuer, als er ihr die Kehle herunter rann, aber er tat verdammt gut bei der Kälte.
»Ist es ungewöhnlich, dass ein Tier so plötzlich durchdreht?« fragte Ruth Ulbrich, als von ihrem Magen aus wohlige Wärme ihren Körper zu durchströmen begann.
»Nun, ja.« sagte Ulbrich. »Pferde und Ponys sind Fluchttiere. Irgendetwas hat dem Tier von einem Augenblick zu anderen panische Angst gemacht. Manchmal reicht da schon ein Knall oder die Präsenz von Gefahr.«
Ruth überlegte. Ihr war kein ungewöhnliches, oder lautes Geräusch aufgefallen. Plötzlich schlug sich Selina mit der Hand auf die Stirn.
»Mensch, das habe ich total vergessen!« rief sie.
»Was?« fragte Ruth. Selina tauchte kurz ab und kramte unter der hölzernen Theke herum. Dann kam sie wieder hoch, die Arme auf dem Rücken verschränkt.
»Links oder Rechts?« fragte sie Ruth.
»Rechts.« antwortete Ruth verwirrt.
»Tah-dah!« sagte Selina und öffnete die rechte Faust. Ein hübscher, silberner Anhänger an einer dünnen Kette.
»Für mich?« fragte Ruth fast sprachlos.
»Heute ist doch Nikolaus, oder?« verkündete Selina. Ruth bemerkte, wie sie rot wurde.
»Ja, natürlich.« stammelte sie. Sie hatte für Selina nichts besorgt. Selina las Ruths Beschämung von den Augen ab.  
»Keine Sorge, mein Schatz. Du kannst heute Nacht in Naturalien bezahlen« entgegnete sie sanft und küsste Ruth sacht auf den Mund.
Ulbrich räusperte sich, drehte sich höflich weg und betrachtete mit plötzlich erwachter Faszination einen Plüschelch am Nachbarstand.
»Ich habe Dienst.« sagte Ruth.
»Wie lange noch?« fragte Selina.
»Mitternacht.«
»Okay, Dann um halb eins  bei dir?«
Ruth lächelte. »Ich freu mich.«
Sie nahm den Anhänger und steckte ihn in die Brusttasche ihrer Jacke. 
»Woher hast du ihn?«
»Vom Stand von Frau Bremer. Sie sagt er ist germanisch. Sie hat sich übrigens nach dir erkundigt.«
»Ach ja?«
»Sie hat gefragt, für wen es ist, und ich habe gesagt für dich. Da hat sie mir dieses Runen-Amulett empfohlen. Es soll dich vor bösen Geistern schützen.«
»Hmh.« sagte Ruth. Frauke Bremer war im Landkreis berühmt berüchtigt für ihre Fähigkeiten als Kräuterhexe und Esoterikexpertin. Selina legte den Kopf schief und sah sie an.
»Auch du wirst noch mal etwas finden, woran du glauben kannst, Ruth Marx.«
»Man soll die Hoffnung nicht aufgeben.« Ruth küsste Selina auf die Wange. »Ich danke dir.«
Sie hörten Ulbrich eindringlich räuspern. Ruth winkte Selina, und tippte auf ihre Brusttasche mit dem Anhänger darin.
»Danke dafür. Bis später.« Selina winkte zurück. Ruth wandte sich an Ulbrich. Er trug einen mittelgroßen Plüschelch im Arm.
»Fragen sie nicht.«, sagte er nur. Dann setzten sie ihre Streife ohne weitere besondere Vorkommnisse fort.

Später.
Ruth lag wach in ihrem Bett. Es war drei Uhr Morgens. Selina schlief neben ihr. Ihr leiser, ruhiger Atmen war das einzige Geräusch im Schlafzimmer ihrer kleinen Wohnung. Gedankenverloren spielte Ruths Hand mit dem kleinen Talisman, dessen feine, silberne Kette zwischen ihren Brüsten lag. Selina hatte die Kette nach dem Sex um Ruths Hals gelegt.
Ruth hatte Selina nichts von ihrer Begegnung mit Marie und Diana erzählt. Warum sollte sie? Selina würde sich nur unnötig aufregen, dass Marie wieder in der Stadt war. Ruth drehte den Kopf zur Seite und betrachtete das schlafende Gesicht ihrer Geliebten und strich ihr zärtlich eine Locke aus dem Gesicht.
Ich habe dich gar nicht verdient, Sil.
Ruth bekam die heutige Begegnung mit Marie und Diana nicht aus dem Kopf. Sie starrte wieder zur Decke.
Sie beschloss aufzustehen, um ein Glas Wasser zu trinken. Vorsichtig löste sie sich aus Selinas Umarmung, stand auf, ging in die Küche und trank ein Glas Leitungswasser.
Dann suchte sie das Bad auf und betrachtete sich beim Händewaschen im Spiegel. Sie sah ganz okay aus.
Das lag am Sex. Doch ihr Anblick bot keinen Vergleich zu Marie und Diana.
Tja, sie sind frisch verliebt. Ja, das waren sie. Und sie selbst? War sie nicht auch verliebt?
Sie konnte sich diese Frage nicht beantworten. Vielleicht wollte sie das gar nicht.
Ruth fasste plötzlich einen Entschluss. Sie zog sich rasch etwas an, schlüpfte in Stiefel und Jacke, griff sich Schlüssel, und Handy und verließ leise die Wohnung.

Nasser Schnee fiel mit einem leisen Rauschen vom Himmel. Ruth lehnte gegen eine der alten Buchen in der Uelzener Straße und beobachtete das gegenüberliegende Haus von Marie. In keinem der Fenster war Licht. Wie auch, es war mitten in der Nacht.   
Okay. Jetzt bist du hier. Was nun?
Sie war wütend. Wütend auf Marie, dass sie einfach so mit einer neuen Frau in das Haus ihrer gemeinsamen Lebens zurückgekehrt war. Dann war sie auf Diana Körber wütend, die offenbar geschafft hatte, woran Ruth selbst gescheitert war - sie machte Marie glücklich. Und dann war sie noch wütend auf sich selbst, dass sie nicht in der Lage war ihre Gefühle für Marie zu unterdrücken. Sie war jetzt mit Selina zusammen.
Also, warum bist du hier?
Sie spürte einen Kloß im Hals.
»Es ist nicht fair.« flüsterte sie zu sich selbst und kämpfte mit den Tränen.
Sie sah wieder zu Maries Haus.
Ruth glaubte zwischen dem Vorhang der Tränen eine Bewegung an einem der Fenster wahrgenommen zu haben. Schnell verbarg sie sich hinter dem Stamm der Buche und wischte sich das verheulte Gesicht ab.
Verschwinde. Du hast hier nichts mehr verloren.
Stattdessen holte sie ihre kleine Digitalkamera hervor. Die Kamera besaß einen Restlichtverstärker. Am Fenster im ersten Stock stand hinter den Gardinen (Gardinen die sie zusammen mit Marie einmal gemeinsam ausgesucht hatte) eine Gestalt.

Diana Körber stand nackt am Fenster, trank eine Tasse Tee und betrachtete Maries ehemalige Geliebte, die hinter einem Baum versteckt, das Haus beobachtete. Diese Polizistin hatte gute Instinkte. Diana schätzte das an einer Frau. Doch als eine Staatsdienerin hatte sie in marternden Jahren das sich Fügen in ein System erlernt, und das rationale Denken über ihre Empfindungen gestellt. Das machte sie schwach und gegenüber Dianas Plänen blind. Bevor die Polizistin herausfinden würde, was um sie herum begonnen hatte, würde es bereits zu spät sein. Sie lächelte. Sie folgte einer spontanen Eingebung und öffnete den Vorhang vor ihr.

Bei der Gestalt am Fenster handelte es sich um Diana Körber. Sie war nackt. Der makellose Körper eines Models. Diana trank einen Schluck aus einer Tasse und prostete Ruth über den Umweg der Anzeige der Digitalkamera freundlich zu.
Obwohl es unmöglich schien, glaubte Ruth, dass Diana ihr genau in die Augen starrte. Vor Schreck, ertappt worden zu sein, steckte sie hastig die Digitalkamera in ihre Jackentasche.
Woher weiß sie, dass ich hier bin? Fast hätte sie sich bewegt, doch dann benutzte Ruth noch rechtzeitig ihren Verstand. Vorsichtig holte sie die Kamera wieder hervor und richtete das kleine Objektiv wieder auf das Haus.
Sie blufft nur. Aus diesem Winkel konnte sie sie unmöglich ausmachen. Doch Ruth wurde das Gefühl nicht los, dass die im Nachtsicht-Modus grün schillernde Gestalt am Fenster sie ansah. Das Gesicht auf dem Schirm war eine ebenmäßig geformte, kühle Statuette. Lange, blonde Haare umrahmten es in perfekter Eleganz. Ihre Augen, deren Iris das Restlicht glühend wie bei einem Tier reflektierten, ruhten auf ihr.
Sie sieht mich. Vor Kälte und Anspannung begannen sie zu Zittern. Ohne es zu wollen kam sie auf die Aufnahme Taste und das Handy schoss eine Bilderserie.
»Mist«, fluchte sie leise. Gott sei Dank wurde kein Blitz ausgelöst.
Als sie wieder aufsah, war Diana vom Fenster verschwunden.
Es benötigte die Aufbringung all ihrer Kraft nicht sofort zu gehen. Das hätte sie ganz sicher verraten. Stattdessen atmete sie tief durch und zwang sich zu warten. Als nach fünf Minuten immer noch alles ruhig war, ging sie nach Haus.

Marie erwachte. Sie war so nass geschwitzt, dass sie erst gar nicht das viele Blut zwischen ihren Beinen bemerkte. Erschrocken fuhr sie auf und klemmte die Beine zwischen die Bettdecke. Das weiße Lacken wurde erfüllt von einem roten Fleck, der sich rasch ausdehnte.
»Diana«, krächzte Marie kraftlos. »Diana! Hilf mir!« Diana kam herein. Sie war irritierender weise nackt und hielt eine Tasse Tee zwischen ihren Händen.
»Hallo Liebes. Was ist?« Sie sah das rote Laken zwischen Maries Beinen und verstand. Sie setzte sich an den Bettrand und hielt den Handrücken gegen ihre Stirn.
»Du bist ganz heiß.«
»Ja. Und ich blute wie ein angestochenes Schwein!«
Diana half ihr beim aufstehen. Marie hüpfte irgendwie ins Bad, das Lakenknäuel gegen ihre Genitalien gepresst. Sie stellte sich unter die Dusche. Kaltes Wasser betäubte ihre Gedanken und reinigte ihren Körper. Die Blutung hatte nachgelassen. Nach dem Duschen trocknete sie sich ab und führte einen Tampon ein. Diana hatte das Bett inzwischen frisch bezogen. Marie legte sich hinein und genoss einen Augenblick den Geruch der frisch duftenden, neuen Laken. 
Diana reichte ihr einen Becher mit dampfenden Tee. Er roch fremdartig und irgendwie fleischig. Marie schnüffelte skeptisch daran.
»Was ist das?« fragte Marie, als sie sich ein Handtuch um die Haare knotete.
»Kräutertee mit Lac Carnium« antwortete Diana kurz. Marie runzelte die Stirn
»Hundsmilch?«
»Ein Homöopathisches Mittel. Es hilft bei starken Regelblutungen.«
»Eigentlich bin ich erst in zwei Wochen dran.«
»Dann sollten wir vielleicht doch einen Arzt zu rufen.« sagte Diana. Ehrliche Sorge zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab. Marie versuchte, ruhig zu bleiben. Waren grobe Unregelmäßigkeiten der Periode kein Anzeichen für Krebs? 
Marie nippte vorsichtig an dem Tee. Er schmeckte erstaunlicherweise nach Früchten. Aber sie nahm auch einen fremdartigen, nussigen Geschmack darin wahr. Der füllte ihre Magen sofort mit wohltuender Wärme.
»Nein. Nein, ich glaube das ist nicht nötig.« sagte sie schließlich. »Es hat glaube ich schon aufgehört. Außerdem scheint deine Hundsmilch zu helfen.« Wie zur Bestätigung nahm sie noch einen weiteren Schluck.
»Gut.« entgegnete Diana und küsste sie sanft auf die Stirn. Marie erwiderte den Kuss und umarmte sie.
»Ich bin so froh, dass ich dich habe.« flüsterte sie.
»Ich auch. Versuch' ein wenig zu schlafen.« entgegnete Diana liebevoll.
»Mach ich.« Sie fuhr über Dianas Arm. »Ist dir so nicht kalt?« fragte sie und spielte auf Dianas Nacktheit an. Diana schüttelte den Kopf.
»Überhaupt nicht. Hier…« Sie führte Maries Hand und legte sie auf ihre eigene Brust. Ihr Körper war warm, aber nicht heiß.
»Ich friere fast nie.« erklärte Diana.
»Okay, aber achte auf dich. Du trägst schließlich kein Fell.« Diana sah sie wieder mit diesem merkwürdigen Blick an, und Marie spürte, wie sie sich versteifte. Dann lächelte sie wieder ihr sonniges Lächeln.
»Vielleicht wächst es bei mir nach Innen.«, erklärte sie ruhig.
Es entstand eine Pause. Diana lächelte.
»Hey, das war ein Witz.«
Marie versuchte das Lächeln zu erwidern. Irgendetwas an dem, was Diana gesagt hatte, störte sie. Oder war es eher die Art und Weise, wie sie es gesagt hatte?
»Ich finde es mutig von dir, dich deinen Dämonen zu stellen.« sagte Diana unvermittelt.
»Ich hätte nie geglaubt, dass ich einmal in dieses Haus würde zurückkehren wollen.« Sie ergriff Dianas Hand. »Doch mit dir ist alles anders geworden. Du hast diesen Ort für mich verändert. Du hast mich verändert.«
Diana nickte. Marie zog ihre Decke unters Kinn, schloss die Augen und schlief sofort ein.
Diana beobachtete sie noch einem Moment, dann ging sie und schloss die Tür.
Alles lief nach Plan.

Zielstrebig machte Diana sich daran die Zimmer des Hauses zu untersuchen. Wo könnte er es vor den Augen des Feindes verborgen haben?
Denk nach!
Wenn ihre Informationen korrekt waren, dann hatte er damals nicht viel Zeit gehabt.
Sie überlegte wie sie an seiner Stelle vorgegangen wäre, dann ließ sie sich mit einer grazilen Bewegung auf alle Viere nieder. Dann tat Diana etwas, was einem unbeteiligten Beobachter ziemlich erstaunt hätte: Sie senkte ihr Gesicht und begann mit ihrer wohlgeformten Nase den Boden zu beschnüffeln wie ein Hund.
In diesem alten Haus überlagerten sich die verschiedenartigsten Gerüche aus vergangenen Jahrzehnten wie Sedimente in einem Fels. Ihre empfindliche Nase erlaubte es ihr, in ihnen zu lesen, wie in einem Buch.
Schnell hatte sie die vorderen Räume abgesucht. Im Flur stieß sie angewidert an eine Stelle, in der sich die Gerüche Maries mit der der Polizistin mischten. Sie hatte Marie bisher für nicht so spontan gehalten, Liebe auf den harten Dielen eines Flures zu machen.
In einem der oberen Räume roch sie noch Spuren des Kindes. Leonies Geruch war ein Hauch von Erdbeere verbunden dem typischen Nichtgeruch der Jugend.
Mit Amüsement roch sie die duftenden Überbleibsel der Liebe die einmal in diesem Haus zwischen seinen Bewohnern gewirkt hatte. Sie selbst war auf andere Gerüche aus. Ältere. Dunklere.
Doch die Fährte von dem Gegenstand, der der eigentliche Grund für sie gewesen war Marie Weber zu umgarnen, wollte sich partout nicht einstellen.
Sie mochte Marie sogar. Irgendwie. Das war ein süßes Zubrot ihrer Pläne. Doch jetzt musste sie erst einmal den Gegenstand finden. Sein Geruch war einmalig. Er müsste aus den anderen herausstechen wie das Licht eines Leuchtfeuers in einer mondlosen Nacht.
Nur eine Kanüle war damals gefunden worden. Sie wurde nach London gesandt und verschwand dort unter mysteriösen Umständen. Diana hatte jeden Stein in England umgedreht. Die anderen Kanülen mussten in diesem Haus versteckt worden sein. Sie wollte gerade aufgeben, denn der Schleim in ihrer Nase verriet ihr, dass sie schon den halben Staub des Hauses eingeatmet hatte. 
Plötzlich war da ein scharfer Geruch, der zunächst an Bittermandeln erinnerte. Sie begann heftiger zu atmen. Ihr Pulsschlag stieg.
Sie musste vorsichtig sein, dass sie sich nicht zu sehr erregte. Mit dem Geschenk der Wandlung ging die Bürde des ständigen Ringens um Kontrolle einher.
Die Fährte wurde immer intensiver und führte sie in einen großen Raum neben der Küche. Unverkennbar war es das Kinderzimmer von Maries Nachwuchs gewesen. Ein kleines Bettchen, ein Regal und ein Miniaturschreibtisch mit Stuhl, Kleiderschrank und Kommode. Wie auch in den anderen ungenutzen Räumen waren die Möbel in weiße, verstaubte Laken gehüllt.
Geduldig auf die Rückkehr des Lebens wartende Gespenster.
Der intensive Geruch brannte so stark, dass Dianas Nase zu laufen begann. Kein Wunder das die Tommys es damals für Zyankali gehalten hatten! Der Geruch war kühl und schwer.
Sie sah sich um. Er kam von irgendwo in der hinteren rechten Ecke des Raumes. In ihrem Kopf dröhnte es. Eine innere Schwingung zog sie magisch in die Ecke unter dem Schreibtisch. Sie hob das weiße Laken, das den Schreibtisch bedeckte wie einen Schleier. Ihre Finger tasteten das Halbdunkel der Wand ab. Nichts. Die Bodenleiste stand ein wenig hervor. War es vielleicht dort? Ihre Finger krallten sich daran fest und mit einem mühelosen Ruck riss die Bodenleiste ab. Nichts. 
Aber es musste hier sein! Mit fahrigen Fingern fuhr sie den Teppich unter dem Schreibtisch ab. Es musste einfach hier sein. Da! Eine leichte Erhebung. Ein Dielenbrett unter dem Teppich war etwas tiefer als die umliegenden. Sie sammelte sich einen Moment, dann biss sie sich auf die Lippen. Der Schmerz war süß und stechend zugleich. Mit dem sanften Laut raschelnder Zweige veränderten sich ihre Fingernägel. Sie wurden länger, spitzer und dunkler. Sie betrachtete ihre, auf so wundersame Weise entstandenen Krallen.
Die Wandlung faszinierte sie immer wieder. Dann schlug sie wie eine Löwin in den Stoff des dunklen Teppichs und mit einem reißenden Geräusch zerfetzte sie einen Streifen des Teppichs von der Breite ihrer Hände.
Die Krallen kratzten auf dem darunter liegenden, losen Dielenbrett. Sie schloss die Augen, kontrollierte ihre Atmung und mit einem knirschenden Geräusch wurden aus Krallen wieder Fingernägel. Sie seufzte. Der fast angenehme Schmerz der Befreiung musste nun mit der peinigenden Rückführung bezahlt werden. Aber was war schon ein bisschen Schmerz? Sie betrachtete ihre Nägel. Es war nur eine neue Lackierung fällig.
Nun war es ein leichtes, das lose Dielenbrett anzuheben.
Darin lagen drei stählerne Ampullen von etwa zehn Zentimeter Länge und einem halben Zentimeter Durchmesser. Mit zitternden Fingern nahm sie sie in die Hand, kroch unter dem Schreibtisch hervor und betrachtete sie in der aufgehenden Wintersonne die matt durch die schlierigen Fensterscheiben drang. 
Ein Symbol war in den Stahlmantel der Kanülen geprägt. Marie hätte es als das Symbol identifiziert, dass Diana auf ihrer rechten Schulter trug.
Diana grinste. Es war das Grinsen eines Wolfes.
»Mami!« schrie Dennis. Er fuhr hoch und sah sich erschreckt um. Seine Mami war nicht da. Er rieb sich die Augen. Dann fiel es ihm wieder ein. Seine Mutter konnte nicht hier sein, denn er war noch immer, zusammen mit Alice, Gefangener von Gunther und der Hexe.
»Ich will schlafen.« maulte Alice von ihrem Schlafplatz aus, drehte sich von ihm weg und schlief sofort wieder ein.
Dennis konnte nicht mehr schlafen. Er war sich inzwischen ziemlich sicher, dass Alice wohl Recht hatte. Sie wurden hier festgehalten, um gemästet zu werden.
Zu Nikolaus (zumindest hatte Gunther gesagt, dass es Nikolaus war) hatte es ganz viele Burger von McDonalds gegeben und in den letzten Tagen hatte Gunther besonders darauf geachtet, dass sie alles, aber auch wirklich alles aßen, was er ihnen mitbrachte. Zunächst hatte er versucht, das Essen zu verweigern, doch dann hatte Gunther ihm etwas gezeigt, dass er Tropf nannte. Er hatte eine große Nadel gezeigt, die er in Dennis Arm rammen würde, an der dann etwas anschließen würde, was wie eine Mineralwasserflasche aus Plastik aussah. Damit würde er Dennis ›künstlich‹ ernähren. Schließlich hatte Dennis nachgegeben. Er wollte keine Kanüle in den Arm bekommen.
Er überlegte, was er jetzt tun sollte. Er hatte sich die ganze Zeit auf seinen Armen aufgestützt und die begannen jetzt, müde zu werden. Er konnte nichts tun. Rein gar nichts. Seufzend ließ er sich wieder auf die Matratze zurückfallen. Er starrte auf die mit Holz verkleidete Decke. Das Holz war dunkel und ölig und schien uralt zu sein. Wo auch immer das Kellergewölbe lag in dem sie gefangen gehalten wurden - es war klar, dass es schon lange Zeit nicht mehr benutzt wurde. Die stählerne Tür des Raumes war rostig aber sehr stabil.
Das 20m² große Gewölbe, in dem sie eingesperrt waren, war in einer kleinen Nische mit so etwas wie einer Toilette ausgestattet. Es besaß sogar eine Wasserspülung, die funktionierte. Aber alles daran schien uralt zu sein. So etwas hatte Dennis noch nie gesehen.
»Funktioniert mit Grundwasser« hatte Gunther stolz verkündet. »Gute, deutsche Wertarbeit!« Dennis setzte sich auf die Toilette mit dem alten, hölzernen Deckel und pinkelte. Seine Kleidung war inzwischen schmutzig und roch furchtbar. Einmal die Woche wurden sie von Gunther gewaschen. Aber die Kleidung durften sie bis jetzt noch nicht wechseln. Er leckte mit der Zunge über seine metallisch schmeckenden Zähne. Er hätte nie gedacht, dass er mal das Zähneputzen vermissen würde. Aber am meisten vermisste er seine Eltern. Die würden wissen, was jetzt zu tun war. Alice lag auf ihrer Matratze und schlief, den Teddy in ihrem Arm und ihren schmutzigen Daumen im Mund. Dennis betrachtete sie und musste schlucken.
Er musste stark sein. Für sie beide.

Ruth sah aus ihrem Fenster im zweiten Stock hinab auf den noch dunklen, verschneiten Schrangenplatz. Im Sommer beherbergte der kleiner Pavillon in seiner Mitte die Eisdiele Lucas. Im Sommer saß man dort entspannt an kleinen Tischen und genoss die Sonne. Jetzt war der Pavillon geschlossen und die Tische und Stühle verschwunden. Die Familie Lucas zog es vor, die Wintermonate in der bedeutend milderen Toskana zu verbringen.
Ruth musste gleich in die Kälte hinaus. Der Gedanke ließ sie frösteln. Sie drehte den Kopf und blickte ins Schlafzimmer. Selina lag flach hingestreckt unter dem Laken. Sie musste erst heute Nachmittag wieder arbeiten, daher ließ Ruth sie schlafen. Sie sah wieder hinaus. Vor dem geschlossenen Pavillon stand ein Häuschen, das zur ›Lüneburger Märchenmeile‹ gehörte. Jedes dieser über die Innenstadt verteilten Häuschen zeigte ein Diorama aus einem Märchen der Gebrüder Grimm. Das gefiel den Kindern und entzückte die Lüneburger Spielzeugläden, die die Puppen und Stofftiere dafür bereitstellten.
In diesem Jahr zeigte das Diorama eine Szene aus Rotkäppchen. Das Mädchen betrat gerade das Schlafzimmer der Großmutter. Die Steifftier-Version des Wolfes lag, mit dem Nachthemd bekleidet im Bett und grinste Rotkäppchen freundlich an.
Irgendein Scherzbold hatte mit weißem Edding dem Wolf eine Sprechblase verpasst:
Lieber nach Lüneburg!
Ruth fand das gar nicht witzig. Zwei weitere Kinder waren verschwunden. Ruth machte sich keine Illusionen über ihr Schicksal.
Ich habe versagt.
Aber hatte sie das wirklich? Was konnte sie schon tun? Mehrmals hatte sie sich bemüht in die MoKo ›Kinder‹ aufgenommen zu werden. Sie hatte alles versucht, was möglich war.
Wirklich Ruth? Hast du wirklich alles versucht?
Die Stimme ihres Vaters.
Stuart Marx hatte es vorgezogen, sein Leben ohne lästige Familie in Amerika als Universitätsprofessor zu bestreiten. Nach dem Tod von Ruths Mutter war er kurz aufgetaucht, hatte Ruths ›Lebensführung‹, wie er ihre Homosexualität nannte, kritisiert, und nicht verstehen können, warum seine überaus begabte und intelligente Tochter nicht in Amerika - am besten unter seinen Fittichen - studierte, sondern stattdessen zur deutschen Polizei gehen wollte. Es gab sporadische Emails und Weihnachtskarten. Irgendwann hatte Stuart dann wieder geheiratet und nun stürzte er eine neue Familie ins Unglück.
Ruth seufzte. Alles Grübeln nutzte nichts. Sie zog ihre Uniform an, verließ so leise wie möglich die Wohnung, um Selina nicht zu stören und ging hinunter in den Coffee Shop No. 1.

Im Café angekommen, setzte Ruth sich an den Tresen und bestellte ihren üblichen Wachmacher, einen Latte Macchiato. Das Interieur des Cafés wurde durch warme, erdige Farben und dem Geruch frisch gebrühten Kaffees bestimmt. Es gab Platz für zwei dutzend Gäste, aber um diese Zeit gehörte Ruth das Café allein.
Zumindest üblicherweise.
»Frau Marx?« fragte eine sanfte Stimme. Ruth drehte sich um. Sie erkannte Frau Bremer, die eben den Laden betreten hatte. Timo, der Barista, wie man das jetzt wohl nannte, reichte Ruth einen Cup-To-Go Pappbecher. Sie nahm ihn, zahlte, nickte Frau Bremer zu, die sich mittlerweile zu ihr an den Tresen gesellt hatte, und war schon an der Tür, als diese ihr etwas nachrief.
»Ach, Frau Marx, ehe ich es vergesse: Ich soll sie von John grüßen.«
Ruths Hand ruhte schon auf der glänzenden Messingklinke der Tür. Sie drehte sich um und sah Frau Bremer fragend an.
Was hatte sie gesagt? Ruth kam langsam zurück. Frauke Bremer war in ein farbenfrohes Etwas gehüllt, dass sich auf den Straßen von Bangladesch sicherlich gut machte, in einer norddeutschen Hansestadt jedoch etwas deplatziert war. Ruth blieb vor ihr stehen und sah auf die kleine hagere Erscheinung herab. Für Ruth hatte sie mit ihrem faltigen Gesicht etwas von einem weiblichen Yoda. Frau Bremer sah Ruth nur  an.
»Entschuldigung?« fragte Ruth nach. Frau Bremers schmale, faltige Lippen, entfalteten sich zu einem Grinsen.
»Habe ich ihre Aufmerksamkeit geweckt, Frau Marx, sagen wir für fünfzehn Minuten?«
»Sie haben.« entgegnete Ruth und nickte. Frau Bremer lotste Ruth mit ihrem Kaffee an einen der kleinen, runden Tische.
»Noch einen Wunsch, die Damen?« fragte Timo.
»Für mich auch einen Latte Macchiato, bitte«, entgegnete die alte Frau. »Und dazu einen Teller Spekulatius, mein Lieber.«
»Gern.« Timo stellte den beiden einen Teller mit Spekulatius hin und bereitete dann den Kaffee. Ruth legte den Kopf schief und sah Frau Bremer an.
»Lassen sie mich raten.«, gluckste diese. »Sie haben bis eben geglaubt, dass ich mich nur von Kräutertee und im Mondschein totgefahrenen Kröten ernähre, stimmt’s?«
»Nein, natürlich nicht.« log Ruth wenig überzeugend. »Nun, vielleicht ein bisschen.« Sie hatte mit Frau Bremer in all den Jahren kaum mehr als ein paar Worte gewechselt. Für Ruth war sie bisher nur eine schrullige, aber harmlose Mitbürgerin in ihrer Stadt gewesen, die man ab und zu auf der Straße traf. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Frau Bremer bekam ihren Kaffee und begann ihn geräuschvoll zu schlürfen.
»Was war das eben für eine Bemerkung über einen John?« fragte Ruth.
»Nun, für gewöhnlich träume ich in dieser Jahreszeit von Ignatius von Loyola.« begann Frau Bremer und rückte ein wenig näher an Ruth heran. Ein süßlicher Geruch verschlug Ruth den Atem. Frau Bremer verzehrte vielleicht keine Amphibien, aber sie schien dem exzessiven Knoblauchkonsum nicht abgeneigt zu sein.
Bärlauch, verbesserte Ruth sich in Gedanken selbst. So eine futtert nur selbst gepflückten Bärlauch. Ruth bemühte sich ein Schmunzeln zu verkneifen.
»Seit ein paar Nächten befinde ich mich in meinen Träumen im London der ›Swinging Sixties‹. Dort versucht mir ein gewisser John Lennon klarzumachen, dass er wieder mit ihnen in Kontakt treten will.« Sie zwinkerte Ruth verstohlen zu.
»Hübscher Bursche übrigens. Aber mir war seine Musik immer ein wenig zu esoterisch.« Sie nahm wieder einen Schluck Kaffee.
Niemand weiß von diesen Träumen. Woher konnte sie das wissen?, fragte sich Ruth. Frau Bremer leerte ihre Tasse und wischte sich mit der Hand den Milchschaum von der Oberlippe, auf der der Ansatz eines Damenbartes zu erkennen war. Dann stand sie auf, legte ein paar Münzen auf den Tisch und schickte sich an zu gehen.
»Was ... Was hat das zu bedeuten?« fragte Ruth verwirrt.
Frau Bremer zuckte mit den Achseln.
»Ihre Abweisung hat ihn gekränkt. Er ist sehr stolz, schließlich ist er Brite.« Ruth rollte mit den Augen.
»Das meinte ich nicht.«
Frau Bremer fixierte auf dem Teller den letzten Spekulatius. Sie nahm ihn sich und biss dem Männlein den Kopf ab.
»Das mit dem Spekulatius ist im Übrigen eine interessante Sache. Wussten sie, dass dieses Gebäck in Gedenken von Nikolaus von Myra zum Nikolaustag gebacken  wird?«
»Nein« entgegnete Ruth. »Er ist einer der Vorbilder der Figur des Nikolaus. Denkt man gar nicht, wenn man heute diese kleinen, niedlichen Schokomänner vor sich sieht. Aber ich glaube, ich schweife ab.«
Oh, ja, dachte Ruth ungeduldig. Ulbrich wartete sicher schon. Er wollte sie am Markt abholen. Frau Bremer plapperte weiter.
»Dieser Nikolaus von Myra bekämpfte intensiv die Verehrung von Diana, der Mondgöttin.«
»Diana?« fragte Ruth abwesend.
»Ich weiß, es interessiert sie einen Scheiß, was ich zu sagen habe. Aber ich will auch nur diesen Beatle aus meinen Kopf bekommen.« Sie stellte ihr Geschirr zusammen und stellte es Timo auf den Tresen. »Ich werde sie jetzt wieder in Ruhe ihre Arbeit machen lassen.«
»Okay.« sagte Ruth und nickte Frau Bremer zum Abschied zu. Diese bedachte Ruth mit einem prüfenden Blick.
»Ich wünsche ihnen Glück, Ruth Marx.«
»Danke.« entgegnete sie. »Sie sind ein guter Mensch.« fuhr Frau Bremer fort. »Und sie haben die Gabe. »Diese beiden Ausprägungen unserer erbärmlichen Gattung fallen nicht all zu oft zusammen, wissen sie? Ich glaube John Lennon war auch mal so ein Mensch. Ich kann gut verstehen, warum er mit ihnen in Kontakt tritt. Hören Sie auf das, was er Ihnen zu sagen hat.«
»Ich muss jetzt wirklich gehen, Frau Bremer« erklärte Ruth so höflich wie möglich und ging schnell hinaus.

Die Kälte verbiss sich in Ruths Wangen. Sie zog den Schal höher und blies hinein, bis ein warmer Hauch ihre Gesicht umfing.
Schnell schritt sie durch die Schröderstrasse und erreichte den Markt, auf dem die kleinen, so früh morgens noch geschlossenen, Buden des Weihnachtsmarktes um den Luna-Brunnen standen. Der Tuareg mit Ulbrich am Steuer bog um die Ecke. Ulbrich hielt am Bordstein des Marktplatzes, unweit des großen Weihnachtsbaums. Ruth ging zum Wagen, stieg ein und gemeinsam begannen die beiden ihren Streifendienst.

Etwas später stand Selina Keil an der Bäckereitheke im ›Neukauf‹ Supermarkt. Sie nahm gerade von der Verkäuferin das eingepackte Brot entgegen, als sie plötzlich eine Gänsehaut bekam. Irgendjemand beobachtete sie.
Sie fuhr herum und sah in die stahlblauen Augen einer hochgewachsenen Blondine. Sie hatte ein schönes, ebenmäßiges Gesicht mit hohen Wangenknochen. 
Hallo, wen haben wir denn da?, schoss es ihr durch den Kopf. Sie konnte nicht anders. Diese Frau sah gut aus, aber dass traf es nicht. Sie war spektakulär. Aber etwas in ihrem Blick störte Selina zugleich. Es war... seltsam, aber auch irgendwie anziehend.
»Hallo.« Die Stimme der Frau war tief und wohlklingend. »Sie müssen Selina sein. Meine Name ist Diana Körber.« stellte sich die Frau vor.
»Nice to meet you.« entgegnete Selina. Sie fiel immer ins Englische wenn sie nervös wurde. Und diese Diana machte sie nervös. Sie trug einen grauen, hochgeschlossenen Mantel. Keinen Schmuck und so wenig Make-up, dass Selina sich gar nicht sicher war, ob sie überhaupt welches trug. Sie tat einen raschen Blick auf die Schuhe. Pumps. Teuer. Keine Strumpfhosen.
Entweder ist sie schlampig, oder sie hat Frostschutzmittel im Blut. 
»Bitte?« fragte Selina. Diana hatte sie etwas gefragt.
»Sie sind Amerikanerin?« wiederholte Diana ihre Frage. Selina nickte.
»Mein Vater war Amerikaner. G.I. bei der US-Armee. Was kann ich für sie tun, Frau Körber?« Diana lächelte freundlich.
»Diana, bitte.«
»Okay, was kann ich für sie tun, Diana?«
»Sie sind doch die Freundin von Ruth, oder?«
»Ja.«
Diana seufzte.
»Ich will sie wirklich nicht lange, aufhalten, aber ich würde gern mit ihnen kurz über Ruth sprechen.«
»Warum sprechen sie nicht mir ihr selbst?«
»Bitte. Fünf Minuten. Trinken wir doch einen Kaffee.«

»Gestern?« fragte Selina nach. Sie schniefte. Sie hatte geweint. Wortlos griff Diana in ihre Manteltasche und reichte ihr ein altmodisches, besticktes Taschentuch.
Diana sah nur traurig in ihren Kaffee.
»Und sie hat sie fotografiert?«
Diana nickte.
»Mit einer kleinen Kamera ... oder ihrem Handy. Ich konnte es nicht so genau sehen. Ich habe Marie noch nichts davon erzählt. Ich ... ich konnte es nicht. Wir stehen doch erst  am Anfang unserer Beziehung. Alles ist noch so neu und …«
»Ich verstehe«, sagte Selina und drückte Diana die Hand. Dabei bemerkte sie, dass sie noch Dianas Taschentuch in der Hand hielt. Sie reichte es ihr.
»Hier, vielen Danke«
»Behalten sie es.« sagte Diana.
»Nein, bitte, ist schon gut.«
»Gut. Danke,«, antwortete Diana und steckte das Taschentuch wieder ein. »Es tut mir so leid.«
»Sie können nichts dafür.«
»Trotzdem. Nachdem die beiden gestern auf dem Weihnachtsmarkt aneinander geraten sind, habe ich mir gesagt, dass ich sie darauf ansprechen sollte.«
Selinas Augen wurden groß.
»Welche Auseinandersetzung auf dem Weihnachtsmarkt?« Diana hielt sich die Hand vor den Mund. 
»Oh, tut mir leid. Davon wussten sie auch nichts?«
»Nein.« antwortete Selina. »Was ist passiert?«
»Ruth hat Marie zum Vorwurf gemacht, dass wir wieder in das Haus in der Uelzener Strasse gezogen sind. Sie …« Diana schluckte. »Sie machte geltend, dass sie da noch ein gewisses Mitspracherecht habe.«
Selina schüttelte traurig den Kopf.
»Ich hatte wirklich gehofft, sie wäre über Marie hinweg.« Diana seufzte.
»Vielleicht ist das Ganze nur ein großes Missverständnis. Reden sie einfach mit Ruth, um mehr wollte sie sowieso nicht bitten. Marie und ich …«, sie zögerte, »Marie und ich sind im Moment in einer Phase, wo wir uns ganz auf uns selbst konzentrieren wollen.«

Marie stand in ihrem Schlafzimmer vor ihrem großen Spiegel und begutachtete ihren nackten Körper, der ihr so fremd vorkam, wie der eines der Models in der Vogue.
Sie war sah nicht nur gut aus - Sie war schön. Schön wie im Märchen. Und diese Erkenntnis beschäftige sie bereits den ganzen Morgen. Ihre Haut war nicht nur seidig und glatt, nein sie schien fast zu glänzen. Am Hals hatte sie seit ihrer Kindheit einen gutartigen Mitesser, der nun verschwunden war. Sie ging ganz nah an den Spiegel. So nah, dass ihre Nasenspitze fast die versilberte Oberfläche berührte. Sie hatte bereits kleine Lachfältchen um die Augen. Und ohne Make-up sah sie morgens normalerweise fürchterlich aus. Die Ränder ihrer Augen waren so glatt wie bei einer 19 – nein – wie bei einer 15 jährigen. Ihr Haar war voll und gesund und knisterte wenn sie mir ihren (natürlich perfekten) Fingern hindurch strich. Einzig die Innenseiten ihrer Handfläche fühlte sich ein wenig rauer als sonst an, als würden dort feine Härchen zu wachsen beginnen. Aber bis auf die trockenen Hände war sie perfekt.
Sie warf einen Blick auf die Uhr. Es war schon Neun durch. Sie hatte über eine Stunde nackt vor diesem Spiegel zugebracht. Und das war ein weiteres Glied in der Kette der Merkwürdigkeiten.
Sie hatte nicht das Verlangen, sich anzuziehen, denn ihr war nicht kalt. Ihr war sonst immer kalt. Selbst bei vierzig Grad im Schatten hatte sie manchmal kalte Füße. Und sie hasste nichts so sehr wie kalte Füße. Doch nun war sie von einer inneren Wärme erfüllt, als wäre ihre Haut von einer unsichtbaren Fettschicht umgeben - oder von einem wärmenden Fell. Erst hatte sie gedacht, sie hätte Fieber. Aber das Therometer zeigte 37 Grad.
Was hat das bloß zu bedeuten?
Sie hörte, wie sich Dianas Schlüssel im Schloss drehte. Sie stürmte in den Flur. Diana stand da in ihrem langen Mantel und einer Tüte Brötchen in den Händen. Marie warf sich in ihre Arme und küsste sie leidenschaftlich.
»Ich fühle mich gut.« jubilierte Marie.
»Ist mir noch gar nicht aufgefallen.« hauchte Diana scherzend und erwiderte ihren Kuss.
»Nein, ehrlich.« Zärtlich schob sie ihrer Geliebten eine Strähne aus dem Gesicht . »Ich bin so glücklich wie schon lange nicht mehr, Diana!«
»Ich freue mich, dass es dir wieder besser geht.«
Maries Hand fuhr unter Dianas Mantel und fuhr tasten über Diana Brust. Verblüfft stellte sie fest, dass Diana unter dem Mantel ebenfalls nackt war.
»Ist dir auch nicht kalt?«
»Im Moment ist mir sogar eher heiß.« erklärte Diana, ließ ihren Mantel fallen, nahm mit einer fließenden Bewegung darauf Platz und zog Marie zu sich herunter.
»Ich weiß, was du meinst.« stöhnte Marie.
Diana war über ihr. Ihr Haar fing das Morgenlicht, das aus der Küche in den schmalen Flur schien. Sie biss sich vor Erregung auf die Lippen und war in diesem Moment so viel schöner wie sie selbst, die neue, schöne Marie. Sie bemerkte noch die achtlos fallen gelassene Tüte mit den Brötchen. Ein paar waren aus der Tüte gerollt und lagen wie verloren herum.

Spät am Abend und müde von der langen Schicht, betrat Ruth ihre Wohnung. Sie war dunkel und still. Selina arbeitete wohl noch im ›Falken‹. Sie schloss die Wohnungstür auf. Dann ging sie in die Küche zum Kühlschrank, holte den offenen O-Saft heraus und trank ihn direkt aus dem Tetra-Pack. Selina hasste es, wenn sie das tat, aber Selina war ja jetzt nicht hier.
Sie ging ins Wohnzimmer und sah, dass ihr Handy aufgeklappt auf dem Couchtisch lag. Auf dem Display klebte ein Post-It Zettel. Er stammte von dem Block, den Selina vom ›Rasenden Falken‹ mitgebracht hatte. Ruth erkannte das an dem stilisierten Logo.

Bitch!

war da in Selinas Handschrift zu lesen.
 »Schlampe?« murmelte Ruth laut. Was hatte das zu bedeuten? Das Handy war eingeschaltet. Es zeigte eines der zufällig gemachten Bilder ihrer nächtlichen Observation von Diana und Marie. Es war das Bild, das Ruth gemacht hatte, als Diana Körber nackt am Fenster von Maries Haus stand.
»Scheiße.« murmelte Ruth.

»Sorry, sie will nicht mit dir sprechen, Ruth« antwortete Manni, der Wirt vom ›Rasenden Falken‹.
»Aber ich muss mit ihr reden. Gib sie mir schon!«
Manni brummte etwas auf Holländisch, aus dem Ruth nur ›Frauen‹ und ›Probleme‹ heraushören konnte. Der Hörer wurde auf den Tresen gelegt. Kneipenlärm drang an ihr Ohr. Heute war wohl viel los.
»Hallo?« fragte die Stimme von Selina.
»Hey Sil, ich bin's, Ruth. Bitte hör mir zu.«
»Nein, Du hörst mir zu, Ruth. Du bist krank. Lass dich behandeln. Was fällt dir ein hinter meinem Rücken wieder Deiner Ex nachzusteigen?«
»Es ist nicht so, wie du denkst, glaub mir.«
»Du verlogenes Miststück. Wenn Diana Körber mir nicht davon erzählt hätte, wäre ich wohl nie dahinter gekommen. Und dann hast du auch noch die Unverfrorenheit sie noch zu fotografieren! Wusste gar nicht, dass dich das aufgeilt! What's wrong with your fuckin mind?«
In Ruth stoben Selinas Worte umher wie ein Schwarm aufgeschreckter Spatzen. Und Selina redete Englisch. Kein gutes Zeichen.
»Moment, Sil, Diana Körber? Hast du…«
»Go, fuck yourself!«
›Klick‹
Selina hatte aufgelegt.
»Verdammt!« schrie Ruth und schleuderte das Telefon durchs Wohnzimmer. Einen Moment überlegte sie, sich wieder ihre Jacke überzustreifen und Selina im ›Falken‹ aufzusuchen.
Klar, mach ihr eine nette, kleine Szene. Damit gewinnst Du bestimmt sofort ihr Vertrauen zurück.
»Gut gemacht, Ruth. Wirklich gut gemacht.«, murmelte sie zu sich selbst.

Später.
Ruth saß an ihrem kleinen Schreibtisch in ihrem Schlafzimmer und betrachtete gedankenverloren die Fotos, die ihr wohl die Beziehung gekostet hatten. Neben dem Handy hatte sie Selinas Schlüssel zu ihrer Wohnung gefunden. Das erklärte auch ihre nicht abgeschlossene Wohnungstür. Selina hatte den Schlüssel zurückgelassen und dann die Wohnungstür nur zugezogen.
Ruth sah wieder auf die Anzeige. War es das Wert gewesen? 
Nein. Natürlich nicht.
Sie klickte ein Bild nach dem anderen durch, um es zu löschen. Plötzlich weckte eines der Fotos ihr Interesse. Sie brach den Vorgang des Löschens ab und klickte das Foto an.
Da war etwas auf Diana Körbers nackter Schulter. Es war kaum zu erkennen. Ihr Interesse war geweckt. Sie holte ihr iBook hervor und überspielte die Bilder vom Handy auf den Computer. Dann öffnete sie das besagte Foto und vergrößerte es. 
Eine Tätowierung. Sie vergrößerte den Ausschnitt weiter, spielte ein wenig mit der Helligkeit und dem Kontrast und betrachtete die körnige Abbildung der Tätowierung: Es war ein stilisiertes W in Form eines Wolfskopfes.
Nicht viel, aber etwas. Ruth überlegte. Wofür könnte diese ›W‹ stehen? Sie nahm einen Schluck Kaffee und wählte sich ins Internet ein. Mit Hilfe von Google versuchte sie etwas über das Symbol in Erfahrung zu bringen. Sie versuchte, über die Bildersuche eine ähnliche Abbildung zu finden. Als dieser direkte Weg nichts ergab, suchte sie gezielt nach Abbildungen, die von Tattoo-Studios ins Netz gestellt worden waren.
Nach über einer Stunde gab sie schließlich entnervt auf. Keine einzige Tätowierung ähnelte derjenigen auf Diana Körbers Arm. Solange sie dem Symbol keinen sinnvollen Such-Begriff zuordnen konnte, war dies die Suche nach der Nadel im virtuellen Heuhaufen. Sie klappte den Laptop zu und rieb sich die müden Augen.
Das bringt doch nichts.
Aber Ruth Gefühl riet ihr etwas Anderes. Sie kannte jemanden, der ihr in dieser Sache weiterhelfen konnte. Allerdings handelte es sich um den letzten Menschen, den sie um Rat fragen würde.
Oh, Nein.
Wen gab es noch? Ihre Hand spielte mit der Kette des silbernen Talismans. Sie seufzte laut. Die Alternative war nicht gerade berauschend. Aber sie hatte wohl keine Wahl.
Nun, es ist immer noch besser als Vater um Hilfe zu bitten.

Das spitzgieblige Haus in dem sich der kleine Laden von Frau Bremer befand, wirkte wie ein dürres, blassrosa getünchtes Mädchen, dass zwischen zwei dicken Männern auf dem Rücksitz eines Autos eingeklemmt war und nach Luft rang.
Es hatte drei Tage gedauert, bis sich Ruth dazu durchringen konnte, hier um Hilfe nachzusuchen. Den ersten Tag hatte sie damit verbracht, nochmals selbst zu recherchieren. Tag Zwei war der Tag des Zweifels gewesen. Zwischendurch hatte sie immer wieder versucht Selina zu erreichen. Doch Selina ging nicht ans Telefon.
Am dritten Tag schließlich hatte sie allen Mut zusammengenommen und hatte Frau Bremer angerufen. Sie hatte kurz ihr Anliegen geschildert und gefragt, ob sich Frau Bremer das Foto einmal ansehen wolle.
Sie wollte. Wann hätte sie denn dazu Zeit? Wie wäre es mit sofort?, hatte Frau Bremer gefragt. Da hatte sich Ruth auf den kurzen Weg von ihrer Wohnung zum Laden von Frau Bremer begeben. Das Erdgeschoß des Hauses beherbergte den Laden. In der Wohnung darüber schien Frau Bremer offenbar zu wohnen. Ruth entdeckte nur einen einzigen Briefkasten.
Normalerweise stand vor dem Laden immer eine Grabbelkiste mit Frauenliteratur, in der auch Ruth schon mal ab und zu gestöbert hatte. Jetzt im Winter stand nur ein Aufsteller mit Hinweisen zu Weihnachts-Lesungen, dem obligatorischen ›KEIN ENDLAGER IN GORLEBEN!‹ Aufkleber und Angeboten von winterlichen Teemischungen vor der Tür.
Zögerlich betrat Ruth den Laden und wurde durch das Glockenspiel über der Tür angekündigt. Es dauerte einen Augenblick, dann trat Frau Bremer aus der Tiefe des Ladens hervor, der angefüllt war mir Büchern, Krims-Krams, Windspielen, Traumfängern, Tigeln, Töpfen in allen Farben und Formen.
Frau Bremer trug eine weite Strickjacke und hielt ihre schmale Lesebrille, die mit einer Schnur um ihren Hals befestigt war, in der Hand.
»Hallo Frau Marx. Schön, dass wir uns so schnell wiedersehen. Was kann ich für sie tun?«
Verblüfft und noch ein wenig überwältigt von den zahlreichen Eindrücken und Gerüchen reichte Ruth wortlos Frau Bremer die Ausdrucke der Standbilder, die sie von Diana Körbers Tätowierung gemacht hatte.
Diese nahm sie, warf einen Blick darauf durch ihre Lesebrille und verschwand hinter einem Vorhang im hinteren Teil des Ladens. Ruth blieb einen Moment unschlüssig stehen bis ein Arm zwischen den Vorhang hervorlugte und sie näher winkte.
»Kommen sie!«
Ruth folgte der Aufforderung und betrat den kleinen Verschlag hinter dem Vorhang, welches offensichtlich das Büro von Frau Bremer darstellte. In dem heillosen durcheinander von Kisten, Kästen, Schachteln, Büchern, Unterlagen und Ordnern stach ein moderner Computer hervor. Der Rand seines Flachbildschirmes war mit kleinen, gelben Post-It Zetteln tapeziert. Der Computer wirkte in dem Chaos des kleinen Kabuffs so befremdlich, wie ein Industrieroboter in einer Dorfschmiede.
Frau Bremer hatte Ruths Blick bemerkt und kicherte.
»Die alte Kräuterhexe ist ganz schön auf Zack, was?« gluckste sie.
Sie bat Ruth auf einem kleinen Hocker Platz zu nehmen, der gleich neben dem Eingang des Verschlages stand. Sie selbst setzte sich auf einen altmodischen Drehstuhl. Sie setzte ihre Lesebrille auf und betrachtete das Foto.  
»Interessant«, sagte sie schließlich, nachdem sie das Tattoo auf Diana Körbers Schulter eine Weile studiert hatte. Ruth hatte kurz den Eindruck, dass Frau Bremer es von irgendwoher kannte. 
»Wissen sie was das ist?«, fragte sie erwartungsvoll. Frau Bremer lächelte freundlich. Ruth hielt den Atem an.
Bitte. Sie muss es einfach kennen.
»Ich habe nicht die blasseste Ahnung.«, sagte Frau Bremer schließlich. Ruth konnte ihre Enttäuschung nur schwer verbergen. Frau Bremer sah Ruth etwas verlegen an.
»Einen Moment dachte ich, dass ich dieses Zeichen irgendwo schon einmal gesehen habe. Wenn sie mir ein paar Tage Zeit lassen, kann ich vielleicht ein paar Freunde über das Internet darüber befragen.«
Ruth seufzte. Es gab da immer noch eine andere Quelle, die sie befragen könnte. Frau Bremer schien Ruths Gedanken zu erraten.
»Sie kennen jemanden, der dieses Symbol identifizieren könnte?«
Ruth nickte. Sie holte ihr abgewetztes Notizbuch hervor und suchte darin eine bestimmte Visitenkarte.
»Können Sie damit Videokonferenzen führen?«, fragte Ruth und deutete auf die kleine zylindrische Kamera, die am oberen Rand des Flachbildschirm des Computers steckte. Frau Bremer nickte lächelnd.
»Eine meiner leichtesten Übungen.« Ruth reichte ihr die Visitenkarte. Frau Bremer las die Adresse auf der Karte, sah dann zu Ruth. 
»Aus ihrem Zögern entnehme ich, dass Sie nicht gerade erpicht darauf sind mit ihm zu sprechen?« Ruth entschied, nicht näher auf die Frage einzugehen.
»An der Westküste ist es jetzt nachmittags«« erklärte sie. »Vielleicht haben wir Glück.«

Stuart Marx saß am Schreibtisch in seinem kleinen Büro im vierten Stock des Doe Gebäudes, das zugleich auch die Hauptbibliothek der Berkeley Universität war. Durch das geöffnete Fenster beobachtete er, wie auf weitläufigen dem Rasen des Memorial Glade eine hübsche Studentin mit ihrem Freund schmuste. Ein paar Meter davon entfernt döste ein anderer Student in der nachmittäglichen Sonne. Auf seinem voluminösen Bauch wogte eine Ausgabe des letzten Harry Potter Bandes auf und ab, wie ein Rettungsfloß in stürmischer See. Das fröhliche Lachen der Studentin wehte durch die immer noch warme Luft herüber. Das Licht der Nachmittagssonne ließ ihr langes, rotes Haar glühen wie schmelzendes Eisen. Sie erinnerte ihn an sein eigenes kleines Mädchen.
Nun, klein war sie ja eigentlich nicht mehr.
Und sie hatte es vorgezogen in Deutschland zu leben. Es gab wenige Dinge, die er in seinem sechsten Lebensjahrzehnt noch mit Inbrunst hasste. Deutschland gehörte dazu.
Als Kind hatte er miterlebt, wie dort die Gräuel vergessen und die ideologischen Leichen im Keller vergraben wurden. Das Establishment wahrte den Status Quo und strickte einfach nur die Flaggen und Gesetze nach dem Geschmack der all zu milden Besatzer um. Angewidert hatte er seiner Heimat schon in jungen Jahren den Rücken gekehrt - und sich in New York ausgerechnet in eine junge, deutsche Tänzerin vom Broadway verliebt. 
Und jetzt, fast vierzig Jahre danach, musste er miterleben, wie sich seine Tochter als einfache Polizistin in dem Land der Mörder verdingte.
Sicher, der Krieg war schon lange vorbei. Das souveräne Deutschland war ein strebsamer Musterschüler der Demokratie geworden, der es sich mittlerweile sogar gestattete am Schulmeister Amerika höchstselbst herumzukritteln. Doch für ihn war das nur ein Deckmantel, unter dem die nationalistischen Herrenmenschen geduldig ihrer neuen Zeit harrten wie eine Tunnelspinne auf ihr nächstes Opfer.
Dass seine Frau es vorzog, in dieses Land zurückzukehren, um ihr einziges Kind in ihrem norddeutschen Kaff großzuziehen, hatte seine Bitterkeit bezüglich dieses Landes nicht gerade gemindert.
Das Lachen des verliebten Paares drang wieder an sein Ohr. Er stand auf und ging ans Fenster. Er schüttelte den Kopf. Das Alter machte ihn wirklich bitter. 
Seine Tochter hatte sich für ihr Leben entschieden und er musste sich damit abfinden, dass er darin nicht mehr vorkam. Sie lebte ihr eigenes Leben. Er schloss das Fenster, setzte sich wieder an seinen pedantisch ordentlich gehaltenen Schreibtisch und versuchte, sich auf eine Seminararbeit über die Ikonographie in buddhistischen Tempelanlagen zu vertiefen, als sein ständig online geschalteter Computer mit einem meditativen Gongschlag einen Anrufer ankündigte.
Ohne genau zu studieren, wer ihn da eigentlich erreichen wollte, nahm er den Anruf entgegen. Auf dem Schirm erschien überraschenderweise das vertraute Gesicht seiner Tochter.
»Talk of the devil ...« entfuhr es ihm.
Das so schöne Gesicht seiner Tochter war angespannt und griesgrämig. Wie immer, wenn sie ihren alten Herren sah.
»Hallo Vater.« begrüßte sie ihn schlicht.

»Hi Honey, believe it or not. I was thinking of you right now. How you doin’?« fragte der gutaussehende ältere Herr im noch hellen, sonnigen Kalifornien, der auf Frau Bremers Computerbildschirm erschienen war, und bei dem es sich offensichtlich um Ruth Marx Vater handelte.
Derselbe neugierige, aufmerksame Blick, dachte Frau Bremer und sah, wie sich Ruths Körper in dem Drehstuhl versteifte. 
»Du hast Recht, Vater. Ich glaube dir nicht. Sprich bitte Deutsch.«, sagte sie. Ihr Vater schüttelte leicht mit dem Kopf und zeigte ein jungenhaftes Lächeln, wobei er seine makellos weißen Zähne entblößte.
In Amerika haben die immer so weiße Zähne, dachte Frau Bremer bei sich. Mischen die denn immer noch Fluor in ihr Trinkwasser?
»Mein Mädchen ändert sich nie.« sprach er nun in akzentfreiem Deutsch. »Ich freue mich im Übrigen auch, dich zu sehen.« Er sah an Ruth vorbei zu Frau Bremer.
»Möchtest du uns nicht vorstellen, Kleines?«
»Frau Bremer, mein Vater. Vater, dies ist Frau Bremer.«
»Sehr erfreut.« begrüßte er sie mit einem Kopfnicken. Er war ein wirklich attraktiver Mann. Frau Bremer bemerkte mit Entsetzen, wie ihr ein wenig Farbe ins Gesicht stieg.
»Guten Abend. Ach, Nein! Bei Ihnen ist ja jetzt Nachmittag.« entschuldigte sie sich und kicherte dabei wie ein Schulmädchen. Ruth drehte sich kurz zu ihr um. Dann wandte sie sich wieder ihrem Vater auf dem Schirm zu.
»Ich möchte dich bitten, für mich ein Symbol zu identifizieren. Es geht um einen Mordfall.«
»Der Junge?« fragte ihr Vater, offenbar ehrlich besorgt.
»Woher…« Ruth führte den Satz nicht zu Ende. Sie kannte die Antwort.
»Ich lese ab und an im Internet die Landeszeitung, um zu sehen, ob mein Mädchen ihren Job auch gut macht.«, erklärte ihr Vater.
»Seit wann interessiert du dich dafür, was deine Tochter in diesem furchtbaren Land tue?« fragte Ruth schnippisch.
»Lass uns nicht streiten, Ruth.«
Er hat mich Ruth genannt, dachte sie. Gut. Wenn sich ihre Erinnerung nicht täuschte konnte man dann gewöhnlich mit ihm vernünftig reden.
»Wirst du es dir ansehen?«
»Natürlich.«
Ruth wählte den besten Schnappschuss der Tätowierung aus und hielt es in die Kamera. Auf der anderen Seite des Atlantiks betrachtete ihr Vater das Bild und sicherte es mit einem Tastendruck.
»Hm. Ad hoc würde ich sagen indianisch.«
»Indianisch?«, versicherte sich Ruth. Das ergab wenig Sinn. Es sei denn, es war nichts weiter als ein schicke Tätowierung. Aber aus irgendeinem Grund glaubte Ruth das nicht.
»Andererseits ist die Schnauze des Wolfskopfes einem Buchstaben nachempfunden.  Könnte als auch durchaus ein alchimistisches Symbol oder ein künstlerisches Signet für eine Firma oder eine Einrichtung sein.«
»Aber sicher bist du dir nicht?«
»Langsam, Tochter, langsam. Ich werde das mal Gary Wrightson hier am Institut vorlegen und wir werden sehen, was dabei herauskommt.«
»Danke. Meldest du dich dann?«
»Alrighty.« entgegnete er.
»Gut.«
»Tja. Dann wünsche ich dir...« sagte Ruths Vater noch. Doch Ruth hatte die Verbindung schon beendet.
Sie drehte sich langsam auf dem Stuhl herum. Frau Bremer versuchte in Ruths Gesicht eine Regung zu entdecken, die ihr verriet, was sie gerade dachte.
»Offenbar mögen sie ihren Vater nicht besonders.«
»Oh.« sagte Ruth und versuchte dabei möglichst überrascht zu klingen, »Ist das so offensichtlich?«

Ein russischer Fluch seiner Frau riss ihn aus einem traumlosen Schlaf. Erst dann hört er das Klingeln. Irina ging an den Apparat. Wütend und verschlafen fragte sie das Gegenüber an der Leitung, es denn verdammt noch mal um diese Zeit wolle.
Das Gegenüber sagte es und Irina reiche ihm genervt den Hörer. Dann stand sie auf und ging ins Bad. Er gab ihr einen Klaps auf den Hintern, den sie aber nur mit einem müden Lächeln quittierte.
»Hallo?« fragte er schließlich in den Hörer.
»Es gibt ein Problem.««sagte die Stimme am anderen Ende.
»Wo?« fragte er.
»Berkeley. Die Polizistin hat soeben ihren Vater kontaktiert. Das übertragene JPEG-Bild wurde abgefangen und die Situation analysiert. Es besteht Gefahr.«
Er seufzte und massierte sich dabei seinen Nasenrücken.  
»Na schön, ich kümmere mich darum. Ich stehe in zwanzig Minuten unten am Tor.«
Er legte auf und nahm sich ein Zigarillo vom Nachttisch. Während er rauchte, überlegte er, wie er vorgehen wollte. Soweit er sich erinnerte, hatten sie jemanden in Berkeley sitzen. Irgend so ein armes, junges Ding, das Spaß daran hatte, zu spionieren. 
»Wohin musst du denn schon wieder?« fragte Irina, als sie aus dem Bad kam.
»Liebling, Du weißt, dass ich dir das nicht sagen kann.«
»Ja, ja, ich weiß schon.« Sie legte sich wieder neben ihn. Er bot ihr sein Zigarillo an. Sie nahm einen Zug und schmiegte sich dann dicht an ihn.
»Wird es lange dauern?«
Er sah seiner schönen Frau nur in die Augen und gab ihr einen Kuss. Dann zerdrückte er den Zigarillo in dem kleinen silbernen Aschenbecher auf seinem Nachtschrank und stand wortlos auf, um sich anzuziehen.
Über den schneebedeckten Wiesen des Parks lag schmutzig grauer Morgennebel, der die rhythmischen Geräusche ihres Atems und ihrer Schritte dämpfte.
Normalerweise half das Laufen Ruth dabei, ihre Gedanken zu ordnen. Außerdem hatte sie aufgehört sich mit Schlafmitteln ihre Träume zu rauben und wollte ihren Kopf frei bekommen. Doch heute wollte sich dieses Gefühl der Klarheit nicht einstellen. Zuviel ging ihr im Kopf herum.
Als sie heute Morgen aufgewacht war, hatten ihre Finger nach Selinas warmen Körper getastet - und ins Leere gegriffen. Erst dann war ihr wieder bewusst geworden, dass sie nicht mehr da war. Wieder einmal hatte sie es geschafft, einen geliebten Menschen zu vertreiben.
Ja, dafür hatte sie wirklich ein Talent. Ruth hatte nie viele Freunde in ihrem Leben gehabt. Das ständige Bewusstsein anders zu sein als andere hatte immer für Distanz zu anderen Menschen gesorgt.
Wenn sie es recht überlegte, so war noch nicht einmal Marie in der Lage gewesen, diese Barriere in ihr zu durchdringen. Aber Leonie hatte dies vermocht. Ein Lächeln von ihr hatte genügt. Auch wenn sie nicht ihr eigenes Kind war, so hatte sie sich doch sofort mit ihr verbunden gefühlt.  
Erste Station ihres Laufs war der Springbrunnen, in dem der eingesperrte Pottwal nun seinen Winterschlaf hielt. Das Wasser war abgelassen und keine lustige Fontäne entsprang mehr dem Becken. Wie war noch mal die Geschichte um diesen Wal gegangen?
Plötzlich hörte sie das Knacken eines Zweiges.
Ruth blieb stehen.
Stille. Bis auf ihrem Atem.
Ruth sah sich um. Der Nebel schien dichter geworden zu sein. Sie konnte vielleicht einhundert Meter in den Park hineinsehen. Ruth lauschte. Nichts.
Sie lief weiter, bis sie wieder glaubte, ein Geräusch gehört zu haben.
Wieder blieb sie stehen.
»Hallo?« rief sie in die dunstige Leere des Parks.
Keine Antwort.
Sie begann, schneller zu laufen. Dabei sog sie die kalte Luft in ihre Lungen, bis sie schmerzten. Sie hielt sich rechts und lief in Richtung des Gradierwerks, bei dem es durch die Sole trotz der Kälte immer noch verlockend nach dem Meer roch.
Dann lief sie an dem kleinen Spielplatz gleich hinter dem hölzernen Gradierwerk vorbei. Auf den Klettergerüsten dort hatte schon Ruth in ihrer Jugend gespielt. Schließlich erreichte sie das Rondell des Kurgeländes mit der muschelförmigen, kleinen Bühne, auf der im Sommer immer Klassikkonzerte stattfanden. Jetzt war es hier still und leer. Ein nebelverhangener, verwunschener Ort aus einem traurigen Märchen.
Jemand stand hinter ihr. Sie wirbelte herum.
Vor ihr stand Marie. Schöner, als jemals zuvor.
»Hallo, Ruth.« sagte Marie.

Ruths erster Eindruck, dass Marie schöner war als jemals zuvor, war leicht untertrieben.
Sie sieht atemberaubend aus, dachte sie und musste sich selbst daran erinnern, zu atmen. Maries Gesicht strahlte. Ihr dunkles Haar war eine schwarz knisternde Woge. Ihre wie immer dezent geschminkten Lippen waren voll und begehrenswert, ihre dunklen Augen strahlten verführerisch.
Sie trug den langen, dunklen Mantel von Diana und keinen Schal, was bei dieser Kälte sofort auffiel. Maries langer, schlanker Schwanenhals wirkte dadurch nur noch verführerischer. Aber da war noch mehr. Marie hatte die Angewohnheit sich immer etwas kleiner zu machen, da sie ihre Größe als eher störende Eigenschaft empfand. Jetzt stand sie aufrecht und Ruth sah das erste Mal in ihrem Leben nicht leicht auf Marie herab, sondern ihre Blicke trafen sich auf einer Ebene.
»Wie geht es dir? Du siehst ... sehr erholt aus.« brachte Ruth schließlich hervor.
»Danke«, entgegnete sie knapp. »Hör mir zu, Ruth«, sagte sie.« Ihre Stimme war eisig. »Ich möchte dich bitten, Diana und mich in Frieden zu lassen.«
»Ich weiß nicht, was du meinst, Marie.« 
»Ruth...«, begann Marie und fuhr spielerisch durch Ruths Haar, »Ruth, Ruth, Ruth. Wir beide verstehen uns schon.« Ruth nahm Maries Hand und zog sie sanft weg.
»Und was passiert, wenn ich das nun nicht tue, Marie?«  Marie lächelte gequält.
»Warum gönnst du uns nicht unser bisschen Glück? Bist du nicht auch wieder mit dieser Selina zusammen?«
»Um ehrlich zu sein, haben wir uns gerade getrennt.«
»Das tut mir leid, ehrlich.« entgegnete Marie. Ihre Stimme klang aufrichtig.
»Und ich glaube dir das sogar.« antwortete Ruth schnippisch. Sie wollte ihren Lauf fortsetzen. Da gab es in Maries Erscheinung plötzlich eine merkwürdige Veränderung. Mit einem Mal erschien sie irgendwie ... bedrohlich.
»Ich möchte Dich warnen, Ruth.« Ruth blieb stehen und sah über die Schulter zu Marie.
»Warnen?«
Marie seufzte. »Stell' Dich bitte nicht zwischen mich und Diana.« Ruth hielt den Kopf schief und überlegte.
»Du siehst gut aus. Nein. Besser als gut. Spektakulär. Und dennoch werde ich das Gefühl nicht los, dass mit dir etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist.«
»Auch wenn Dich mein Befinden nichts mehr angeht - Mit mir ist alles in bester Ordnung.« Sie macht eine Pause. »Ich bin jetzt mit Diana zusammen. Akzeptiere das.«
Sie machte einen Schritt auf Ruth zu.
»Also, noch mal. Lass mich und meine Freundin in Ruhe.« Ihr Gesicht war jetzt ganz nah. Ruth konnte darin keinen Mitesser, kein Grübchen und keine Falte entdecken. Nicht den kleinsten Makel.
Was geschieht mit dir, Marie? Siehst du das denn nicht? Irgendetwas geschieht mit dir.
»Sonst, was?«, fragte Ruth in dieses seltsam fremde, makellose Gesicht.
»Sonst könnte es sein, dass ich dir weh tue.« antwortete Marie und baute sich vor Ruth auf. Ruth grinste.
»Versuch’s.«
Mit einer unglaublich schnellen Bewegung packte Marie Ruth am Kragen und hievte sie ohne Mühe vom Boden, als wäre sie leicht wie Watte. Ruth war zu verblüfft, um zu reagieren. Durch Maries Griff verrutschte der Kragen von Ruths Trainingsjacke ein wenig und Selinas silberner Anhänger kam darunter zum Vorschein.
Wie vom Blitz getroffen gab Marie einen spitzen Schrei von sich und ließ Ruth fallen. Unsanft landete sie auf dem Kies.
»Bist du verrückt?« rief Ruth wütend.
»Ich habe Dich gewarnt, Ruth! Lass uns in Ruhe!« fauchte Marie und drehte sich um und ging,
Ruth begann zu zittern. Ihre Beine drohten kraftlos einzuknicken. Nachdenklich umfassten ihre klammen Finger den Talisman um ihren Hals.
Was zum Teufel hatte all das zu bedeuten?

Frau Bremer bediente gerade eine Kundin, als eine aufgebrachte Ruth Marx in ihren Laden stürmte.
»Ich hatte eben eine interessante Begegnung mit meiner Ex-Freundin«, rief sie. Die beiden Frauen musterten sie ungläubig. Ruth überlegte, welches Bild sie gerade abgeben musste: Sie trug nur den verschwitzen Trainingsanzug und ihre Haare waren wirr. Die Kundin erstarrte. »Ich ... Ich schau ein anderes Mal wieder vorbei.« stammelte die Frau, drückte Frau Bremer eine Packung Kräutertee in die Hand, schob sich hastig an Ruth vorbei und war schon aus der Tür. Frau Bremer hing das ›Geschlossen‹ Schild in die Tür und führte Ruth nach hinten.
»Ich glaube, ich mach uns mal dann einen Tee.«

Der Tee, den Frau Bremer servierte, schmeckte gut. Nun, zumindest war er annehmbar. Ruth hätte eigentlich einen Kaffee bevorzugt, wollte aber nicht als unhöflich erscheinen. Frau Bremer spürte jedoch, dass Ruth unzufrieden war: »Warten sie. Ich hole noch etwas Gebäck.«
Bevor Ruth etwas sagen konnte, war Frau Bremer schon die schmale Stiege im ersten Stock hinaufgeeilt, wo sich offenbar ihre Küche befand.
Während sie Frau Bremer oben werkeln hörte, stand Ruth auf. Sie musste sich irgendwie bewegen und ging umher. Sie warf einen Blick auf den Papierwust von Frau Bremers Schreibtisch. Dicke, in Leder gebundene Bücher über Okkultismus lagen aufgeschlagen zwischen Zeitschriften für Esoterik.
Typisch, dachte sie. Doch da fiel ihr ein Buch mit einem moderneren Umschlag ins Auge: Es war eine Biographie über John Lennon. Ruth blätterte mit einem Finger darin herum und fand ein Bild von John Lennon, wie er vor seinem Apartmenthaus in New York einem Fan ein Autogramm gab. Im Hintergrund stand ein dicklicher junger Mann mit rosa Sonnenbrille. Die Bildunterschrift erklärte, dass es sich dabei um Mark David Chapman handelte: John Lennon hatte seinem Mörder noch ein Autogramm gegeben. Ruth fröstelte.
»Eigentlich hat es mir Spaß gemacht, mit ihm zu plaudern.« sagte Frau Bremer, die am Fuße der Treppe stand, eine Blechdose mit Keksen in den Händen. »Er ist ein bisschen wie Ignatius am Hofe des Herzogs von Nájera.« Frau Bremers Blick wurde verklärt. »Aber ich gerate schon wieder ins Schwärmen. Haben sie mit John geredet?«
»Nein.«
»Warum sind sie dann hier?«
»Meine ehemalige Freundin, Marie hat mich angegriffen.«
»Oh, mein Gott.«
»Es ist nichts passiert, ich meine vielleicht wäre etwas passiert. Sie war unglaublich stark. Aber dann hat sie nur einen Blick auf dieses Ding … » Ruth holte den Anhänger unter ihrer Trainingsjacke hervor, »… hier geworfen und war davor zurückgeschreckt wie der Teufel vor dem Weihwasser.«
Frau Bremer schwieg und senkte den Blick. Dann nickte sie langsam, so als akzeptiere sie eine sehr unangenehme Wahrheit. Sie griff nach ihrer Teetasse. Ihre Finger zitterten leicht.
»Für das Verhalten ihrer Freundin habe ich eine Erklärung - aber sie wird ihnen nicht gefallen.« sagte Frau Bremer. Sie blies den Dampf von ihrem Tee und nahm einen Schluck.
»Was für eine Erklärung?« fragte Ruth.
Frau Bremer nahm noch einen Schluck Tee.
»Was wissen sie über Werwölfe?« fragte sie.
 Ruth zögerte. Sie hatte sich verhört. »Werwölfe?«
Frau Bremer nickte.
Ruth lachte.
»Sie meinen, diese Typen die sich bei Vollmond in einen Wolf verwandeln, den Mond anheulen und Jungfrauen verspeisen? Diese Art von Werwölfen?« Frau Bremer blieb ernst und nippte nur an ihrem Tee.
»Werten wir das einmal als ein ›Nein‹.«
Sie stellte die Tasse ab. »Wenn sie mich mit ihrem vorgefassten Weltbild hier aufsuchen, frage ich mich was sie von mir eigentlich wollen.«
»Ich wollte nicht unhöflich sein. Ich ... mich interessiert eigentlich nur das Phänomen dieses Dinges hier.« sagte Ruth und legte ihren Talisman vor Frau Bremer auf den Tisch.
»Was haben sie da Selina verkauft, dass es Marie so geängstigt hat?«
»Es ist eine Rune.« erklärte Frau Bremer. »Die Eihwaz Rune, um genau zu sein. Sie ist ein Symbol, das seinen Träger vor Unheil bewahrt.«
»Gut. Aber warum hat Marie darauf so furchtsam reagiert.«
Aus einem Regal holte Frau Bremer ein altes, in Schweinsleder gebundenes Buch hervor, das mit einer metallenen Schnalle verschlossen war.
»Ist das so was wie der Hexenhammer?« fragte Ruth spöttisch und bezog sich dabei auf ein Buch aus dem Mittelalter, in dem die Riten angeblicher Hexen beschrieben worden waren. Sie hatte mal mit Selina eine ›arte‹-Dokumentation darüber gesehen.
Frau Bremer lächelte. »Sowas ähnliches.« Sie blätterte in dem uralten Buch herum, fand schließlich, was sie suchte und nickte langsam.
»Ich wollte mich nur noch einmal vergewissern. Hier steht es: Ihre Freundin Marie ist ein Werwolf.« Ruth starrte Frau Bremer ungläubig an.
»Sie wissen schon, dass man sie genau wegen solcher Äußerungen in der Stadt für nicht ganz richtig im Kopf hält?«
Frau Bremer schmunzelte und begann ihre Brille zu putzen.
»Macht es ihnen etwas aus, wegen ihrer Haare Rote Ruth, oder wegen ihrer sexuellen Orientierung vielleicht als eine Kampflesbe bezeichnet zu werden?« fragte sie.
»Selbstverständlich macht es mir etwas aus, aber ich schere mich nicht darum.«, antwortete Ruth.
»Glauben sie wegen diesem Spott weniger an ihre Fähigkeiten als Polizistin?«
»Natürlich nicht.«
»Da haben sie die Antwort auf ihre Frage. Nur weil ich glaube, dass gewisse Wesenheiten in dieser Welt existieren, heißt das nicht, dass ich Plemplem bin. Ich nehme meine Profession als weise Frau sehr ernst.«
»Es tut mir leid. Ich wollte nicht ihre Gefühle verletzten.«
»Das haben sie nicht, mein Kind. Sie erfassen die Dinge mit der Ratio, aber ...« Sie kam näher und tippte Ruth auf die Stelle ihres Herzens, »... nicht damit.«
Ruth musste schlucken.
»Also schön. Tun wir einen Moment lang so, als würde ich Ihnen glauben schenken: Warum glauben sie, dass Marie ein Werwolf ist?«
»Nun, wegen ihrer Reaktion auf die Eihwaz Rune natürlich.«
»Ein Werwolf hat Angst vor einem harmlosen Stein?« Hob zweifelnd die Brauen. Frau Bremer blieb immer noch ernst.
»Erstens: Die Eihwaz Rune ist kein harmloses Symbol. Es ist die Todesrune. Sie symbolisiert die Eibe, die in den germanischen Mythen als Baum für Tod und Wiedergeburt steht. Zweitens: Die Eihwaz Rune soll die so genannte ›Wolfsangel‹ symbolisieren. In frühgermanischer Zeit wurde damit Jagd auf Wölfe gemacht. Drittens. Der Talisman ist aus Silber. Werwölfe fürchten Silber.«
»Und so etwas haben sie meiner Freundin verkauft?«
»Selina wollte etwas Machtvolles, um sie vor Unheil zu schützen«, entgegnete Frau Bremer. Ruth hörte kaum hin. Selinas Sorge um ihre Sicherheit versetzte ihr einen Stich. Sie hatte wirklich Talent, jeden Menschen, der sich um sie bemühte, vor den Kopf zu stoßen. Wie oft hatte sie Selina wegen ihres Glaubens an das Übernatürliche aufgezogen? Und jetzt begann sie langsam selbst daran zu glauben.
Aber das ist doch vollkommen unmöglich!
»Wie ich sie mittlerweile kenne, ist das bestimmt nicht alles?« fragte sie Frau Bremer.
»Sie glauben mir nicht.« stellte diese knapp fest. Ihr Blick wurde traurig. »Ehrlich gesagt«, antwortete Ruth. »Das alles ...« Sie hob hilflos die Arme. »Das alles klingt für mich sehr weit hergeholt.« Frau Bremer zuckte wieder mit den Achseln.
»Tja, da kann ich ihnen nicht helfen.« Sie klappte das Buch zu.
»Verzeihen sie.« Ruth und nahm den Talisman. Sie legte ihn wieder um den Hals. Nicht, weil sie glaubte, dass er sie beschützte, sondern einfach, weil es ein Geschenk von Selina war.
Sie verabschiedete sich und gemeinsam gingen sie in den vorderen Teil des Ladens zurück.
»Ruth?« rief Frau Bremer ihr nach. Ruth drehte sich um.
»Sie wissen, dass Morgen wieder Vollmond ist?« fragte Frau Bremer. Ruth wusste es, hatte aber nicht daran gedacht. Sie zögerte.
»Schätze, dann werden wir Morgen wissen, ob sie recht haben, oder?« sagte sie. Der Trotz in ihrer Stimme klang schal.
Frau Bremer sah Ruth traurig an.
»Was ist, wenn Morgen wieder ein Kind tot ist?« fragte sie und rührte mit ihrem Löffel im Tee.
»Das wird nicht passieren.«, sagte Ruth und ging hinaus.
Seit etwa einer Stunde versuchte Stuart Marx vergeblich, seine Tochter in Deutschland zu erreichen. Zunächst hatte er versucht, sie anzurufen. Doch sobald er die Nummer seiner Tochter gewählt hatte, gab es ein Knacken in der Leitung und daraufhin sofort wieder ein Freizeichen. Weil er zunächst glaubte, dass sein Apparat irgendwie defekt sei, hatte er es über einen der noch wenigen vorhandenen öffentlichen Apparate in der Lobby der Bibliothek versucht.
Auch wenn er es vor seiner Tochter nicht zugeben würde, kannte er ihre Nummer doch auswendig. In der Bibliothek war bereits die Putzkolonne tätig. Er grüßte sie mit einem Nicken und schob seine Kreditkarte in den dafür vorgesehenen Schlitz des Telefons. Er nahm den Hörer und tippte die Nummer. Jede Taste versicherte seine Benutzung durch einen kleinen elektronischen Ton. Die Nummer war gewählt... und wieder hörte er sofort danach nur das Freizeichen.
Als hätte ich das Telefon gar nicht benutzt.
Er rief die Vermittlung an. Eine Frau mit leichtem Südstaaten-Akzent versuchte insgesamt fünf Mal die Nummer durchzustellen. Schließlich entschuldigte sie sich, dass sie nicht weiterhelfen konnte, und verwies ihn weiter an die Störungsstelle. Dort wartete er zwanzig Minuten in der Warteschleife, bis er enttäuscht aufgab.
Er beschloss in sein Büro zurückzugehen und Ruth eine verschlüsselte Email zukommen zu lassen.
Nach getaner Arbeit las er die Email nochmals durch. Dann klickte er auf ›Senden‹.
Sofort meldete der Server der Universität einen Fehler und, dass er die Mail nicht zustellen konnte, da die Empfänger-Adresse inkorrekt sei.
Das darf doch nicht wahr sein!
Er versuchte etwas anderes. Er sendete eine Email an einen Kollegen nach Deutschland. Ohne Beanstandung erreichte diese ihr Ziel.
Hier sah er eine Chance. Er schrieb eine weitere Email an seinen Kollegen, und bat ihn, die unzustellbare Email an seine Tochter, die er als Anlage befügte, an Ruth weiterzuleiten. Wieder klickte er auf ›Senden‹.
Diesmal meldete der Universitäts-Server, dass die Email an seinen Kollegen nicht zustellbar sei, obwohl er die Emailadresse seines Kollegen angegeben hatte, die vor zwei Minuten noch einwandfrei funktioniert hatte.
Es war fast so als...
... als ob jemand verhindern wollte, dass Ruth die Informationen erhielt, die er über die Tätowierung erhalten hatte.

Vor ein paar Tagen hatte er, wie er es Ruth versprochen hatte, seinem Freund Gary Wrightson das Bild der Tätowierung gezeigt und ihn gebeten, es durch sein Mustererkennungs-Programm ›Argus‹ laufen zu lassen. Das Programm beherrschte etwas, was für einen Lebewesen eine Leichtes, für einen Computer jedoch eine schier unlösbare Aufgabe darstellte.
Argus analysierte ein Bild und versuchte ein Muster darin zu erkennen, um es dann mit  gespeicherten Mustern in seiner Bilddatenbank zu vergleichen. In der Industrie wurde eine solche Technik z.B. dazu genutzt, fehlerhafte Werkstücke aus einer Produktionsserie auszusortieren. Die Software, die in Argus steckte, war mittlerweile in der Lage, nicht nur einfache geometrische Formen zu erkennen, sondern auch an Hand der Informationen über Farben, Stil und Struktur eines Bildes zum Beispiel einen Van Gogh von einem Rembrandt zu unterscheiden.
Hinzu kam, dass es Argus möglich war, neben gängigen wissenschaftlichen Bilddatenbanken die Milliarden Bilder im Internet mit zu durchforsten und das in einer Geschwindigkeit, die bisher ihres Gleichen suchte. Damit war Argus zu einem wichtigen Instrument für Kunsthistoriker geworden.
Gary hatte sich die Abbildung der Tätowierung angesehen und sich an seiner Halbglatze gekratzt. Es war ihm schon öfters passiert, dass er von Studenten auf dem Campus für Woody Allen gehalten worden war. Als Scherz hatte er zu seinem Geburtstag von seinen Kollegen mal einen Satz Autogrammkarten geschenkt bekommen. Er hatte das gar nicht witzig gefunden. Es war ein offenes Geheimnis, dass Gary besonders zu jungen hübschen Studentinnen äußerst zuvorkommend war.
»Gibt es zu dieser Tätowierung irgendeine interessante, perverse Hintergrundgeschichte?« hatte er grinsend gefragt.
»Nein.« entgegnet Stuart knapp. »Sagst du mir Bescheid, wenn dein Wunderding etwas ausspuckt? Ich interessiere mich vor allem für die Herkunft.«
»Sicher. Auf was tippst du?«
»Indianisch.« Gary betrachtete daraufhin das Symbol noch einmal kritisch.
»Könntest recht haben. Aber ich tippe eher auf Osteuropa. Fünf Mücken?«
»Ich wette Zehn.« antwortete Stuart. Die Beiden spornten sich öfter gegenseitig bei ihren Forschungen an. Nichts belebte den tristen wissenschaftlichen Alltag so sehr, wie eine kleine Wette unter Kollegen.
»Ho, Ho! Der Herr wird übermütig.« spottete Gary. »Okay. Wir werden sehen. Ich melde mich bei dir.«
Heute Nachmittag war dann Gary in sein Büro stolziert und hatte ihm gleichzeitig über das interne Campus-Netzwerk in einem Email-Anhang die JPG-Bilddatei eines Dokumentes zugesandt.
»Du wirst es nicht glauben.« hatte Gary das Gespräch eröffnet.
»Indianisch?« fragte Stuart siegessicher.
»Nicht im Entferntesten. Aber leider ebenso wenig osteuropäisch.« Er setzte sich auf seinen Schreibtisch, was ihn störte und was er Gary auch schon des Öfteren zu verstehen gegeben hatte, aber Gary scherte sich nicht drum, sondern forderte Stuart für gewöhnlich dann auf, kein solch analer Charakter zu sein.
»Du kennst Bill Meyer von der Historischen Fakultät?« Stuart nickte. Bill Meyer war eine Kapazität und über seinen Arbeitsbereich hinaus bekannt.
»Von ihm habe ich ein wenig über dieses Dokument erfahren. Sieh's dir mal an.« Stuart gehorchte und klickte auf die Bilddatei, um sie zu öffnen. Dann vergrößerte er das Dokument, bis es die gesamte Fläche seines Flachbildschirmes ausfüllte.
Es handelte sich um einen kurzen, in Deutsch verfassten Vermerk aus einer Akte, die offenbar aus der Nazizeit stammte. Der SS-Standartenführer Robert Althen wollte sich freiwillig zu einem ›viel versprechenden Projekt‹ melden. Darunter war eine handschriftliche Notiz:

Standartenführer Althen ist durch seine hervorragende sowohl geistige wie auch körperliche Verfassung genau der richtige Mann für die Unternehmung.

Es folgte ein runder Stempel in dessen Mitte das Symbol des Wolfskopfes prangte. Es war eindeutig identisch mit dem Symbol der Tätowierung.
›Widar-Orden‹ stand in dem Rund um das Symbol. 
»Die Anfrage nach dem Symbol kommt aus Deutschland.« erläuterte Stuart. Gary sah ihn aufmerksam an.
»Aha.« entgegnete er  knapp. Stuart rutschte ein wenig auf seinem Stuhl umher.
»Von meiner Tochter.« fügte er zögernd hinzu.
»Ah-ha.« sagte Gary. Er wusste um Stuarts Schwierigkeiten mit seiner Tochter.
»Deshalb ist dieses Ergebnis weniger spektakulär, als du glaubst.«
»Im Gegenteil!« entgegnete Gary. »Die Akte, aus der diese Seite stammt, sollte laut Bill eigentlich gar nicht mehr existieren!«
»Wieso das?«
»Das Ganze ist ziemlich mysteriös. Der Muster-Abgleich von Argus erfolgte mit einem Dokument, dass seit Kriegsende eigentlich in unserem Nationalarchiv lagern sollte.«
»Was meinst du mit ›eigentlich‹?« Langsam begann Stuart die Sache zu interessieren.
»Nach Kriegsende wurden einige tausend Akten der Nazis sichergestellt und nach den Nürnberger Prozessen im Nationalarchiv eingelagert. Dort hat man relativ schnell damit begonnen diese Akten auf Mikrofiche zu archivieren. Bill wollte einige dieser Akten im Rahmen einer Recherche für seine Habilitation einsehen. Doch sowohl die Originalakten als auch die Microfiche gelten als verschollen.«
»Verschollen? Wie ist das möglich?«
»Die offizielle Begründung war, dass diese Akten falsch gekennzeichnet und versehentlich in den Fünfzigern vernichtet worden seien.«
Vorkommen konnte so etwas schon. Gerade als Kunsthistoriker lernte man vor allem eines: Der Mensch ging mit seinen kostbarsten Gütern und Informationen erschreckend schlampig um. Und hier ging es nur um wahrscheinlich wenig bedeutsame Akten eines ehemaligen Kriegsgegners.
»Aber wenn die Akten vernichtet wurden - aus welcher Quelle nahm denn dann Argus den Abgleich vor?«
»Tja, das wird dich umhauen. Aus irgendeinem Grund sind zahlreiche dieser, angeblich vor vierzig Jahren vernichteten Akten in den letzten vier Jahren vom Oakridge National Laboratory angefordert und eingescannt worden.«
Stuart hob überrascht die Brauen.
»Ach?«
»Die haben einen Server, der an unserem Wissenschaftsnetz hängt. Dort hat Argus diese Seite aus einer der Akten identifiziert.«
»Und diese gescannten Daten liegen da so einfach frei zugänglich rum?«
»Nun nicht direkt. Eine normale wissenschaftliche Suchmaschine würde diese digitalisierten Akten niemals finden. Die sucht nur nach Texten. Selbst wenn sie auf die Dateinamen stößt, erkennt sie dann nur, dass es sich um ein JPG-Bilder handelt. Dahinter kann sich alles Mögliche verbergen: Bilder aus dem Louvre oder die Schnappschüsse vom letzten Kindergeburtstag. Aber Argus ...«
»... ist mit seiner Mustererkennung und der Tätowierung als Vorlage auf dieses Symbol gestoßen.« vollendete Stuart den Satz. Gary nickte und schien vor Stolz über sein Baby ein paar Zentimeter zu wachsen.
»Und nun rate Mal, in wessen Auftrag Oakridge die Akten gescannt hat? Ein kleiner Tipp. Die sitzen in einem Gebäude mit fünf Ecken, aus jede Menge gequirlte Scheiße kommt.« Stuart musste schmunzeln. Gary war ein leidenschaftlicher Kritiker der Behörde, die in dem berühmten Gebäude seinen Dienst für das Land versah.
»Aber was hat das Pentagon ...« begann Stuart.
»Cool, was? Bill ist ganz aus dem Häuschen, dass die Akten gerade wieder bei diesen Typen aufgetaucht sind.«
»Aber was wollen Oakridge und das Pentagon mit ein paar alten, vergammelten Naziakten?«
»Keine Ahnung.« schloss Gary. »Ich weiß nur eins: Die Sache stinkt gewaltig zum Himmel.«
Stuart betrachtete die Seite.
»Aber was bedeutet nun dieses Symbol?«
»Mit Hilfe von Bill habe ich ein bisschen recherchiert: Der Widar-Orden war eine Gruppierung die Heinrich Himmler auf der Wewelsburg im Rahmen seiner geplanten Reichsführerschule der SS in Leben gerufen hatte. Und dieser Wolfskopf mit seinem eingeschriebenen W war ihr Symbol.«
»Meine Tochter hat mir nicht gesagt, um was es bei dieser Tätowierung geht, aber wie dem auch sei, ist das bestimmt mehr Information als sie vor deinen Bemühungen hatte. Ich danke dir, Gary.«
»Keine Ursache.« antwortete er, sprang von Stuarts Schreibtisch und schlenderte hinaus. 
»Widar-Orden ...« murmelte Stuart gedankenverloren vor sich hin und notierte sich den Namen auf einen kleinen Post-It Zettel.

Der runde Pool auf dem Memorial Glade spiegelte das Abendrot. Der ältere Herr saß auf einer der steinernen Bänke, die den Pool umfassten, rauchte eine Zigarette und beobachtete, wie Stuart Marx die Stufen der Doe Bibliothek herab eilte. Offenbar war dem guten Professor gerade aufgefallen, dass es ihm nicht mehr gestattet wurde, seiner Tochter gewisse Informationen zukommen zu lassen. Wahrscheinlich fuhr er jetzt eilig nach Hause, um von dort zu versuchen, seine Informationen weiterzugeben. Auch dort würde es ihm nicht gelingen. Selbst wenn er es unterwegs an einem öffentlichen Fernsprecher oder von dem Mobiltelefon irgendeines Passanten versuchte.
Der Grund dafür lag in einer winzigen Nano-Sonde, die unbemerkt von Stuart Marx in seinem Hirnwasser herum schwamm und jedes Kommunikationsgerät in seiner unmittelbaren Umgebung störte. Sie war ihm heute Mittag von einer von Stuarts Studentinnen verpasst worden, deren Studiengebühren erfreulicherweise von derselben Organisation bezahlt wurden, der auch der ältere Herr angehörte.
Stuart Marx hatte draußen gesessen und sein mittägliches Sandwich verspeist. Die Studentin war zu ihm gekommen und erkundigte sich nach einer Seminararbeit. Als sie sich verabschiedeten, hatte sie seine Hand gedrückt. An ihrer Hand trug sie einen Ring, der über eine winzige Kanüle verfugte, kleiner als eine Akupunkturnadel. Darüber war die Sonde in Stuart Marx Körper gelangt und hatte es sich zwei Stunden später in seinem Kopf gemütlich gemacht. Diese äußerst flexible und mit mehreren Funktionen ausgestattete Wunderwerk der Technik war nicht ganz billig, aber bei Stuart Marx hatte sich die Investition nun bereits ausgezahlt.
Der Alte warf einen Blick auf sein Mobiltelefon. Stuart Marx erschien darauf als ein kleiner, sich vom Campus wegbewegender Punkt.
Home of the free, dachte er und musste unweigerlich Grinsen. Die Menschen der so genannten freien Welt hatten noch nicht begriffen, dass Nationalstaaten nur noch existierten, um ihnen das beruhigende Gefühl der Zugehörigkeit zu vermitteln. In der Wirklichkeit existierte nur noch ein einziges, weltumspannendes System gläserner Freiheit.
Der Alte steckte das Mobiltelefon weg. Er würde dem Mann in den nächsten Tagen weiter beobachten aber für heute schien seine Arbeit getan zu sein. Seine Zigarette war bis auf den Filter niedergebrannt. Er warf die Kippe in den Pool. Die konzentrischen Kreiswellen ließen die Scheibe des Mondes erzittern.
Es war bald soweit. Aber noch hatte er Zeit. Mit Genuss zündete er sich eine weitere Zigarette an.
»Das ist aber nicht gesund.« kommentierte eine weibliche Stimme seine Aktion. Überrascht sah er auf. Seine studentische Mitarbeiterin, die Marx die Sonde verpasst hatte, saß zwei Meter neben ihn. Sie war hübsch, hatte blondes Haar und war gut gewachsen. Ein Paradebeispiel einer kalifornischen Schönheit. In einer anderen Zeit, in einem anderen Land hätte man sie mit ›arisch‹ umschrieben. Das Mädchen lächelte ihn an.
»Zumindest sagt das meine Mutter immer.« Sie hielt eine Zigarette zwischen ihren schmalen Fingern.
»Eine Tochter sollte nicht immer alles glauben, was ihr die Mutter erzählt«, sagte er und gab ihr Feuer.
»Finden sie?« fragte sie.
»Nun, ich bin mit dieser Einstellung siebzig Jahre alt geworden.«
»Sie scherzen. Siebzig?« fragte die Studentin ungläubig und rückte näher an ihn heran.
»Sie sehen höchstens aus wie Ende Vierzig.«
»Oh, Danke sehr.«
Immer noch ungläubig, studierte sie sein Gesicht.
»Sie erinnern mich ein bisschen an meinen Dad.«
»Ich werte das Mal als ein Kompliment.« entgegnete er und lächelte sein über Jahrzehnte verfeinertes Lächeln.
»So war's gemeint.« Sie machte eine Pause, rückte dabei noch ein wenig näher an ihn heran.
»Was ist das Geheimnis ihrer Jugend?« fragte sie und legte ihre Hand dabei auf seinen Oberschenkel. Es war immer das gleiche Spiel. Eine Frau spürte häufig unbewusst, was in ihm wuchs und schon bald zum Vorschein kommen würde. Die meisten Frauen bekamen Angst. Bei einigen Wenigen erzeugten seine sich langsam verändernden Pheromone genau die gegenteilige Empfindung.
»Vielleicht leisten sie mir bei einem Drink Gesellschaft und ich kann es ihnen dann verraten.« Er überschlug kurz den Ärger, den er sich mit dieser Dame einhandeln würde. Selbst er musste seine Einsätze gegenüber einer höheren Instanz verantworten. Ihre Ausbildung als Agentin hatte viel Zeit und Geld gekostet. Dieser Verlust würde seine Vorgesetzten verärgern.
Aber sie wussten auch um seine Bedürfnisse.
Er stand auf und bot ihr seinen Arm. Sie stand auf und hakte sich bei ihm ein. Dann schlenderten sie in Richtung der Parkplätze.

»Alles in Ordnung?« fragte Ulbrich. Er und Ruth fuhren Streife. Die ganze Zeit über hatte Ruth geschwiegen. Angespannt saß sie hinter dem Steuer. Vorsichtig berührte er sie an der Schulter:
»Was?!« fuhr Ruth ihn an. Unweigerlich zuckte er zu zusammen.
»Das frage ich dich, Chefin. Du bist die ganze Zeit schon so komisch.«
»Bin ich das?« entgegnete Ruth knapp. Sie fuhren schon eine ganze Zeit Richtung Süden. In dieser Gegend wurde Björn Eggerts Leiche gefunden. 
»Okay, halt mal an.« sagte Ulbrich. Ruth reagierte nicht.
»Ich sagte, halt an.« Ruth konnte sich nicht erinnern, wann Ulbrichs Stimme je so herrisch geklungen hatte. Verblüfft sah sie ihn an. Sie überlegte kurz, ob sie es auf einer Auseinandersetzung ankommen lassen sollte. Doch dann fuhr sie an den rechten Fahrbahnrand und hielt.
»Es ist wegen dem Mond, richtig?« fragte er. Ruth hatte Ulbrich am Anfang wirklich unterschätzt. Er war wirklich nicht mit seinen grobschlächtigen Kollegen zu vergleichen. Sie nickte langsam.
»Ja. Heute ist Vollmond. Wenn ...«, sie musste schlucken. Es war schon unangenehm ihre Überlegungen zu denken - geschweige denn sie auszusprechen. »Wenn heute wieder ein Mord geschieht, dann haben wir es mit einem Serientäter zu tun.« Sie zögerte. Sie wusste nicht, ob sie Ulbrich wirklich alles mitteilen konnte, was sie glaubte zu wissen. Seit ihrem gestrigen Gespräch mit Frau Bremer ging ihr nicht deren Mahnung aus dem Sinn. Was, wenn heute Nacht wieder ein Kind starb? Nein, daran wollte sie wirklich nicht denken. Aber wäre das denn auch der Beweis dafür, dass sich Marie in einen gefährlichen Werwolf verwandelte? Sie wollte das immer noch nicht glauben. Und von ihrem Vater hatte sie immer noch nichts über Dianas Tätowierung gehört.
»Da ist noch mehr, nicht wahr?« fragte Ulbrich
»Ja, ich glaube da ist noch mehr, aber ich komme nicht dahinter, was.« Sie hatte auch versucht Selina zu erreichen. Doch sie wollte Ruth immer noch nicht sehen.  
»Okay«, sagte Ulbrich. Sie fuhren weiter. Sie warf einen Blick zum Mond. Voll und rund stand er am Himmel.

Marie war gerade dabei, die Geschirrspülmaschine einzuräumen, als plötzlich ein heftiger Schmerz ihren rechten Arm hinab brandete. Mehr vor Schreck als durch die Empfindung selbst, ließ Marie den Teller fallen, den sie gerade in der Hand hielt. Scheppernd zersprang er auf dem toskanischen Marmor des Küchenbodens.
Herzinfarkt, dachte sie panisch. Es war, als ob ihre Schulter plötzlich in Flammen stand. Hastig zog sie den Ärmel ihres Sweatshirts hoch. Die wohlige Wärme in ihrem Körper hatte sie verlassen. Seit dem gestrigen Morgen fror sie wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Sie wusste nicht, ob dies bereits erste Symptome eines Infarkts gewesen waren. Sie tastete nach ihrem Herzen, aber von dort schien der Schmerz nicht auszustrahlen. Jetzt betrachtete sie ihre Schulter. Die Haut am Oberarm war geschwollen. Zwei sichelförmige Wunden hoben sich von der geröteten Haut ab. Hatte sie etwas gebissen?
Eine Kollegin von ihr war während einer Expedition in Australien einmal von einer Rotrückenspinne gebissen worden. Sie war nur knapp dem Tod entronnen. Die Fotografien ihrer zum Ballon angeschwollen Schulter, die sie mit dem Stolz einer Überlebenden im Institut herumgezeigt hatte, ähnelten verblüffend dem, was mit ihrem eigenem Arm geschah.
Klar. Giftige Spinnen im Winter. In Lüneburg. Vorsichtig berührte sie die glühende Stelle. Das mittlerweile dick geschwollene Fleisch war schrecklich empfindlich. Doch die Berührung der leichten Erhebungen der Narben riefen in ihr eine andere Erinnerung wach. Sie hatte diese Form von Narbe schon einmal gefühlt. Aber bei jemand anderem.
»Diana?« rief sie heiser.
Keine Antwort. Ihr wurde schwindelig. Die Küche drehte sich in einer kreiselnden Bewegung. Die Küchenuhr tickte. Das laute Uhrwerk dröhnte in ihren Ohren. Seit wann war diese verfluchte Uhr so laut?
Das ist nicht die Uhr, Marie. Das ist dein Herz. Nun, wenigstens schlug es noch. Aber sein Pochen war kaum zu ertragen. Unvermittelt rollte eine neue Welle von Schmerz über sie hinweg und brach sich inmitten ihres Kopfes. Es war als ob jemand mit brutaler Gewalt stumpfe Stricknadeln in ihre Schläfen rammte.
Sie schrie laut auf und fiel zu Boden. Eine erneute Welle des Schmerzes erfasste ihren Körper. Zuckend wälzte sie sich auf dem Scherben übersäten Steinboden. Einige davon bohrten sich in ihren Rücken. Sie bemerkte es kaum. Die Umklammerung des Schmerzes war tausendmal schlimmer. Ihre Gliedmaßen schienen nicht mehr ihr zu gehören. Ihre Arme und Beinen wanden sich in zuckenden Bewegungen, wie verendende Aale.
»Diana!« schrie Marie verzweifelt. Der Schmerz war unvorstellbar. Sie ertrug es nicht mehr. Gleich würde sie Ohnmächtig werden. Die Presswehen bei Leonie waren ein Klacks dagegen gewesen. Und es war eine wirklich anstrengende, 17stündige Geburt gewesen. Aber diese Schmerzen hier waren vollkommen anders.
Es fühlte sich wie eine Explosion an, die in Zeitlupe ihren Körper zerriss. Sie schrie sie so laut und schrill dass die Gläser im Regal zu klirren begannen. Endlich öffnete sich die Küchentür. Sie sah Dianas Füße. Sie kamen auf sie zu. Dann kniete Diana sich zu ihr herab.
»Du bist aber früh dran.« sagte sie mitfühlend und strich ihr eine Locke aus dem schweißnassen Gesicht. Durch den Schmerz nahm Marie sie kaum wahr.
»Bitte hilf mir!« bettelte Marie. Der Schweiß rann ihr den Körper herab. Sie streckte Diana ihre zuckenden Arme entgegen wie ein hilfloses Baby. Diana strich mit ihrer Hand tröstend über Maries Gesicht. Die Hand fühlte sich ungewöhnlich rauh an. In Dianas anderer Hand sah Marie etwas metallisch glitzern. Es war ein pneumatischer Injektor. Damit wurden normalerweise Impfungen an Tieren durchgeführt.
»Das ist gegen die Schmerzen« erklärte Diana und jagte eine Ladung in Maries Oberarm. Sofort zog sich der schlimmste Schmerz ein wenig zurück. Tränen der Erleichterung schossen Marie in die Augen. 
»Was passiert mit mir?« fragte Marie schluchzend. Diana lächelte.
»Etwas Wunderbares.«
Marie hörte ein verstörendes Knacken aus ihrem Inneren. Ihre Knochen knirschten bedrohlich wie sich verdichtendes Packeis. Neuer Schmerz durchstieß den Saum ihrer Betäubung.   
»Mach dir keine Sorgen mein Schatz. Deine Knochen ordnen sich nur neu.«
»Mach, dass es aufhört.« hauchte Marie schwach. Die Welt wurde dunkel.

Sein Wagen war speziell auf seine Bedürfnisse zugeschnitten. Die Scheiben ließen sich vollkommen verdunkeln und die gesamte Fahrgastzelle war absolut schalldicht. Mit erstaunlicher Kraft warf er sie auf den Rücksitz. »Sachte ...« keuchte sie. Immer noch keine Angst in ihren Augen.
Schade, eigentlich.
Ihr kurzer Rock war hochgerutscht. Darunter erspähte er einen geschmackvollen, seidigen Tanga.
Dann war er über ihr. Mit einem heftigen Ruck zerriss er ihre Bluse samt französischem BH. Ihre aufrecht stehenden, spitzen Brüste reckten sich ihm entgegen. Er musste alle Konzentration zusammennehmen, um nicht hineinzubeissen. Ihre Finger fuhren durch sein immer dunkler und voller werdendes Haar. Dann sah sie ihm in seine gelblich glühenden Augen und erschrak.
»Gott, was....« begann sie. Er erstickte ihre ersten Zweifel mit einem Kuss.
Jetzt. Es war soweit.
Mond, Sonne und die Erde dazwischen, reihten sich auf, wie Perlen auf einer Schnur. Die Nachseite der Welt war in das Licht des Vollmonds getaucht.
»Das wird jetzt ein klein wenig weh tun.« knurrte er zwischen messerscharfen Fängen hervor. Zu spät besann sich die Studentin darauf, zu schreien. Die dicke, gepanzerte Tür des Phaeton fiel ins Schloss und das hohe, spitze Kreischen des Mädchens endete abrupt.

Ein Student, der gerade an dem Wagen vorbeiging, glaubte ein verdächtiges Geräusch gehört zu haben und ging näher an den Wagen heran. Der Wagen schaukelte heftig in rhythmischen Bewegungen auf und ab. Der Student grinste.
Alles klar. Der Student sah sich kurz verstohlen um. Dann versuchte er durch die dunkeln Scheiben einen Blick auf das Liebespaar zu erspähen, sich in dem Innern des Wagen offensichtlich vergnügte.
Doch die Scheiben waren vollkommen schwarz. Enttäuscht wandte er sich ab. Nach ein paar Metern wandte er sich nochmals um. Das Schaukeln des Wagens hatte aufgehört.
Na, das ging aber schnell, Meister, dachte er und ging weiter.

Gerda Müller erwachte, als ihr Hund in seinem Körbchen zu winseln begann. Rex war ein furchtloser deutscher Schäferhund. Er hatte vor nichts und niemanden Angst. Verschlafen beobachtete Frau Müller, wie ihr Hund zum Schlafzimmerfenster trottete und hinaus in die Nacht sah.
»Rex, was ist denn?« Unvermittelt begann Rex zu knurren.
»Rex?« Rex knurrte lauter.
Plötzlich hörte sie draußen einen fremden Hund heulen. Rex Nackenhaare sträubten sich. Er fletschte mit den Zähnen und bellte.
Wieder erklang das Heulen. Diesmal klang es näher. Rex beschloss, das zu tun, was Herr Müller, der neben Frau Müller schnarchte, immer zu tun gedachte. Er zog den Schwanz ein und verkroch sich wieder in seinem Körbchen.
Frau Müller stieß ihren Göttergatten an.
»Was?« fragte dieser schlaftrunken.
»Rüdiger, da draußen ist was!«
»Was soll denn da sein?«
»Na etwas! Rex hat es auch gehört!«
»Ach?« Ihr Mann drehte sich wieder um, um weiterzuschlafen. Sie stieß in heftig in die Seite.
»Auuu!« Er drehte sich um. Sie sah ihn wütend an. Nun folgte Herrchen seinem Hund. Sie lauschten.
Nichts. Herr Müller sah seine Frau noch einmal genervt an, dann dreht er sich ohne ein Wort wieder um und schlief weiter.
Dort draußen war etwas gewesen. Davon war Frau Müller überzeugt.

Mark Albrecht sah von seinem Buch auf. Er hatte etwas im Augenwinkel wahrgenommen. Doch kein neuer Wagen hatte die Tankstelle angesteuert. Es hatte wieder zu schneien begonnen. Er wandte sich wieder seinem Buch zu. Es war Macbeth. Diese Lady Macbeth schien seine Vorurteile über Frauen zu bestätigen.
»Mein Hände, sind blutig, wie die deinen; doch ich schäme Mich, dass mein Herz so weiß ist.«
Der alte Shakespeare hatte echt gewusst wovon er redete. Normalerweise las er so ein Zeug nicht, aber seine neueste weibliche Eroberung war aus der Abiturklasse des Wilhelm-Raabe Gymnasiums. Die Weiber da waren echt anspruchsvoll.
Nichts war für diese Oberstufengänse erotischer als Wissen... gepaart mit der Verfügbarkeit von weichen Drogen. Auch jetzt versüßte er sich diese Lektüre mit einem Joint.
Einen davon gönnte er sich immer am Ende seiner Schicht. Mit einer guten Tüte war eigentlich fast jede Form von Literatur eine interessante Erfahrung. Genüsslich sog er den Rauch ein. Eine weitere Bewegung in seinem Augenwinkel ließ in wieder aufschauen.
Ein großer, böser, schwarzer Wolf trottete die B4 in Richtung Stadt entlang. Vor Schreck verschluckte Mark den Rauch und ließ den Joint fallen.
Er und der Wolf sahen sich kurz in die Augen. Die Augen des Wolfes schienen zu glühen, wie bei einem Krokodil. Mark schluckte. Ihm wurde bewusst, dass der Wolf einfach in die Tankstelle spazieren konnte. Einen Nachtschalter gab es nicht mehr. Die Kundschaft sollte ja 24 Stunden einkaufen können. Sein Blick wanderte zum Alarmknopf. Mit einem Satz konnte er ihn erreichen. Er sah nach draußen.
Der Wolf war verschwunden.
Wow, dachte Mark und bückte sich, um den noch immer rauchenden Joint aufzuheben.
Diese Sorte Gras musste er sich unbedingt merken.

Selina schloss die Tür des Rasenden Falken ab. Missmutig bemerkte sie, dass es wieder begonnen hatte zu schneien. Aus der Außentasche ihrer dick gefütterten Winterjacke fischte sie ihre Handschuhe, hielt sie kurz mit den Zähnen fest und beeilte sich das Staufach ihrer Vespa aufzubekommen, um an ihren Helm zu gelangen.
Normalerweise liebte Selina den Winter, aber dieses Jahr war es anders. Sie hatte wirklich geglaubt, dass Ruth sich endlich zu ihr bekannt hatte. Sie hatte Ruth geliebt, seit sie sich vor sechs Jahren kennen gelernt hatten. Damals hatte Selina noch im verträumten wirkenden, aber wenig romantischen Rotlichtviertel, dass nur ein paar hundert Meter weiter in der Altstadt lag, angeschafft. Ruth war damals noch bei der Kriminalpolizei gewesen.

Damals hatte es einen Mord auf St. Pauli gegeben, dessen Spuren in die Lüneburger Altstadt führte. Selina konnte Ruth nicht weiterhelfen. Ruth behandelte sie wie eine ganz normale, berufstätige Frau, die anstatt bei Aldi hinter der Kasse zu sitzen, sich dafür bezahlen ließ, dass Männer ihr Ding in sie steckten.
Who cares? Sie hatte kein Problem damit. Selina musste Schmunzeln, als sie  sich wieder an diese Zeit erinnerte. Einer ihrer Stammkunden war einer der Polizisten, die neben Ruth die Befragungen durchführten. Draven, der riesige Husky, den Selina sich damals zu ihrem Schutz hielt, leckte in vertrauter Manier diesem Enke bei der Befragung die Hand. Im gleichen Augenblick sahen Ruth und Selina sich in die Augen und Selina konnte erkennen, das die Polizistin sofort begriff, das Enke bereits zuvor mit Selina Kontakt gehabt hatte.
My God, she's good, hatte Selina damals gedacht. Die Lippen der Polizistin umspielte nur ein wissendes Lächeln.
»Draven?« erkundigte sie sich nach dem Namen von Selinas Hund.
»Ist aus'm Film.«
»Sie sind Amerikanerin?«
»Nein. Mein Vater war es .«
»Tot?«
»Verpisst.«
Draven trottete zur Polizistin und ließ sich ohne Anstalten von ihr hinter den Ohren kraulen, als wäre er eine dreißig Kilo schwere Hauskatze.
»Komisch. Normalerweise ist er nicht so zutraulich bei Fremden« erklärte Selina. 
»Ich glaube, ich habe ihren Namen nicht ganz verstanden?« fragte Selina die Polizistin. Diese drehte sich überrascht um und sah Selina auf eine Art an, die ihr sofort gefiel. »Marx. Hauptkommissarin Ruth Marx.«

So hatte es angefangen. Ruth und Selina waren für ein paar Monate zusammen. Selina ließ nach kurzer Zeit das Anschaffen sein. Sie wollte Ruth vor möglichen Anfeindungen schützen. Obwohl Enke aus verständlichen Gründen über die Geschäftsbeziehung, die er zu Selina unterhalten hatte, Stillschweigen bewahrte. Ruth kümmerte sich darum, dass Selina schnell einen Job in einer der Kneipen am Stint fand. So lebten sie glücklich und zufrieden. Für eine Weile.
Sie hatten gerade beschlossen zusammen zu ziehen, als Ruth aus heiterem Himmel auf einer Party Marie kennen lernte. Marie gab Ruth zwei Dinge, die Selina ihr so nie hätte geben können. Ein Kind und ein geordnetes Leben.
Selina wollte gerade auf ihrer Vespa Platz nehmen, als das tiefe Knurren eines Hundes sie aus den Gedanken riss. Erschreckt sah sie hoch. Der Lambertiplatz vor ihr lag im Dunkeln. Ihr gegenüber, auf der anderen Straßenseite versperrte eine kurze Hecke den genauen Blick. Zwischen den dicken, schwarzen Strichen der kahlen Bäume hob sich vom Schnee die Gestalt eines großen Hundes ab.
»Draven?« fragte Selina verwirrt. Das konnte nicht sein. Draven war tot. Er wurde vor drei Jahren von einem Auto angefahren und musste eingeschläfert werden. Außerdem war dieser Hund viel größer. Es trottete gemächlich an das rechte Ende des Platzes und erklomm den kleinen Steinhaufen der aus geborgenen Fundamentsteinen der abgerissenen Kirche bestand, die dem Platz ihren Namen gab.
Dort verharrte das enorm große Tier und beobachtete sie interessiert. Die Augen des Tieres glühten gelblich im Schein der Straßenlaternen. Sie wirkten wild und intelligent. Kaum wie die eines Hundes - eher wie die eines ...
God... Selina sprang auf den Sitz der Vespa. Ihre fahrigen Finger tasteten nach dem Zündschloss. Endlich glitt der Schlüssel in das Loch. Hastig drehte sie ihn herum.
› Klick ‹
Die Vespa sprang nicht an.

Die Bestie hielt ein wenig den Kopf schief und atmete den ängstlichen Geruch ihrer Beute. Sie war jung und stark. Es würde eine schwierige Jagd werden. Sie kannte noch nicht den vollen Umfang ihrer Fähigkeiten.
Wieder wimmerte der Motor des Stahldings auf, auf der ihre Beute rittlings saß. Dann heulte der Motor auf. Fast amüsiert sah die Bestie ihre Beute fliehen.
Die Hatz hatte begonnen.

Selinas Vespa schoss in die schmale Ritterstraße, die gesäumt war von den für Lüneburg so typischen, schmalen Fachwerkgiebelhäusern, die wie Behausungen für kleine Hobbits wirkten. Eigentlich war es eine Einbahnstraße, aber im Moment scherte sie sich nicht darum.
Die Geschwindigkeit der Vespa gab ihr ein gewisses Gefühl von Sicherheit. Was immer das für ein Tier war - es würde sie nicht bis in ihre Wohnung verfolgen. Soweit sie wusste, waren Wölfe sehr scheue Tiere.
Ein riesiger Schatten schoss von links über ihren Kopf hinweg. Es war der Wolf. Vor Schreck verlor sie beinahe das Gleichgewicht. Zu spät merkte sie, wie ihr Hinterrad nach rechts ausbrach. Dann legte sie sich schlitternd, mit samt der Vespa, auf die Seite.
Der Wolf landete elegant auf dem Dach eines der in der Straße geparkten Autos. Durch den Vergleich mit dem Fahrzeug konnte Selina zum ersten Mal erkennen, dass es sich um ein verdammt großes Tier handelte. Der Wolf beobachtete gelassen ihre Reaktion.
Er gab keinen Laut von sich. Kalt und berechnend taxierte er sie und wartete scheinbar auf eine neue Gelegenheit für einen Angriff. Selina rappelte sich hastig auf. Bei dem Sturz hatte sie sich an den Ellbogen die Jacke aufgerissen. Sie wuchtete die noch laufende Vespa hoch, sprang auf und gab sofort wieder Gas. Dieses Tier wollte nicht nur spielen. Davon war sie jetzt überzeugt. Wie konnte so ein Tier nur frei rumlaufen? Mit halsbrecherischem Tempo jagte sie durch die schmale Straße. Vor ihr bog ein Wagen in die Straße ein und kam ihr entgegen. Die Xenonlampen des Wagens blendeten sie. Wieder kam die Vespa ins Schlingern. Selina steuerte sie zu weit nach Rechts. Dort waren zum Glück keine Wagen geparkt. Aber ihr Tempo war zu hoch.
Die Vespa holperte auf den Bürgersteig und durchstieß mit dem rechten Griff des Lenkers klirrend die Fenster des ›La Fleur‹, das sich an der Ecke der Ritterstrasse befand, wo sie sich mit der Rackerstrasse kreuzte.
Mit einem ohrenbetäubenden Scheppern zerbrach die getönte Scheibe. Durch gezackte Öffnung starrte sie auf eine Handvoll schockierter Gäste und den vor Schreck rot anlaufenden Kneipenwirt.
»Mann, Deern! Bist du irre?!« Selina hatte keine Zeit für Erklärungen. Sie zog den Lenker aus der Scheibe und versuchte wieder den Motor zu starten. Dabei bemerkte sie, dass eine mittelgroße Scherbe ihren rechten Handschuh durchstochen hatte. Sie zog die Scherbe mit den Zähnen heraus und versuchte gleichzeitig die Vespa wieder zu starten. Der Wirt war zum Fenster gerannt, packte sie am Arm und wollte sie so an der Weiterfahrt hindern. Selina spuckte dem überraschten Wirt die blutige Scherbe ins Gesicht. Instinktiv hob dieser die Hände und ließ sie los.
»Ruf die Bullen.« schrie Selina und raste weiter.
»Hey!« schrie der Wirt. »HEY!«. Doch Selina war schon außer Hörweite. Plötzlich hörte er ein Donnern:

›bamm‹                
       ›Bamm‹                       
         ›BAMM‹

Der Wolf sprang von Autodach zu Autodach und hetzte hinter Selina her. Der Wirt sah nur den riesigen Schatten des Tieres an ihm vorbei huschen.
»Wah …« stammelte er. Dann fiel der zwei Zentner schwere Mann in Ohnmacht.

Selinas Vespa stieß mittlerweile auf die Rote Straße. Links ging es zum Sande, einem Platz wo sich vielleicht auch jetzt noch Menschen aufhielten. Sie wollte schon den Lenker herumreissen, doch ein Hecheln an ihrer linken Seite ließ sie diesen Plan vergessen. Der Wolf war ihr mit einer unheimlichen Behändigkeit für seine Größe gefolgt und schon fast mit der Vespa auf gleicher Höhe. Sie drehte ihr Gefährt fast auf der Stelle um 90 Grad nach Rechts, überquerte diagonal die Rote Strasse und raste in den Clamart Park.
Die Vespa durchpflügte den Rasen, vorbei am Dragoner-Denkmal und zwischen den drei Friedenseichen hindurch, die vor über hundert Jahren von ein paar Schülern des Johanneum gepflanzt worden waren.
Die Pietà Statue zum Gedenken der Opfer des Krieges folgte eingefroren in der Zeit ihrer irrsinnigen Fahrt. Sie wollte den Park verlassen, um wieder nach links am Johanneum vorbei wieder zum Sande zu gelangen. Dort gab es noch ein oder zwei Läden die um diese Zeit noch offen hatten. Dort würde sie Hilfe finden.
Ein schwerer Schlag von links machte diese Hoffnung zunichte. Der Wolf traf das Gefährt mit voller Wucht. Selina stürzte und der Motorroller begrub sie unter sich. Der Wolf verlor keine Zeit und versuchte sofort nach ihr zu schnappen. Mit mehr Glück als Verstand bog sie ihren Körper nach hinten und hielt die Masse des Rollers zwischen sich und dem Maul des Tieres. Die gewaltigen Kiefer des Tieres gruben sich tief in das Metall des Fahrzeugs. Selina glaubte einen Augenblick Funken sprühen zu sehen. Dann fuhr das Tier zurück. Ein Stück des Chassis war herausgebissen wie bei einem halbgesessenen Butterbrot. Selina versuchte unter dem Roller hervor zu kriechen, doch ihr rechtes Bein war unter dem Hinterrad eingeklemmt.
Wieder schnappte der Wolf nach ihr. Selina gelang, es mit einem gezielten Tritt ihres freien Beins gegen die empfindliche Schnauze zu treffen. Jaulend zog sich das Tier zurück. Keuchen kroch sie unter dem Roller hervor und rappelte sich auf. Ihr rechts Bein war durch den Sturz verletzt. Den Schmerz ignorierend, rannte sie in Richtung Fluß.
Im Laufen wühlte sie in ihren Taschen nach möglichen Dingen zu ihrer Verteidigung. Sie ertastete die Handschuhe, einen Einkaufszettel. Und dann umfasste ihre unverletzte Hand eine kleine Sprayflasche mit Pfefferspray! Mehr humpelnd als rennend lief sie weiter. In Gedanken küsste sie ihre auf Sicherheit bedachte Geliebte.
Nur noch die schmale Fußgängerbrücke über den Strom der Ilemnau trennte sie von dem Altbau, in dem ihre sichere Wohnung lag. Sie erspähte ihre Haustür durch die kahlen, hohen Bäume am Ufer. Sie taxierte die Entfernung auf etwa vierzig Meter.
Das bedrohliche Knurren des Tieres hinter ihr klang viel näher. Das Spray im Anschlag wirbelte sie herum. Doch das Tier sprang sie nicht an, sondern überquerte langsam die Brücke. Gebannt starrte Selina zu dem Tier.
Gott. Es ist so groß. Sein dunkles Fell glänzte im Schein des Mondes. Langsam kam der Wolf näher. Dann blieb er stehen. Es war, als schätzte das Tier seine Chancen ab, Selina zu erlegen. Selina sah wie das Tier die Muskeln spannte.
Gleich würde es springen.
Es sprang und Selina drückte die Sprühkappe des Sprays und sein Strahl traf die Augen des Tieres. Vollkommen aus dem Konzept gebracht prallte das Tier vor Schmerz aufheulend halb gegen sie und das Brückengeländer und warf Selina dabei um. Mit kratzenden Hinterläufen versuchte das Tier orientierungslos das Gleichgewicht zu halten - und stürzte dann mit einem lauten Platschen in den Fluss.
Wie in Zeitlupe sah Selina, wie das Tier in Richtung des alten Wehres trieb.
God, that was close! Zitternd zog sich Selina mühevoll am Geländer hoch. Ihr Puls raste und sie versuchte wieder zu Atem zu kommen. Sie musste hier weg. Sie zwang ihren geschundenen Körper sich wieder in Bewegung zu setzen. Erst jetzt bemerkte sie, dass sich ihr Haustür und der Wohnungsschlüssel zusammen mit dem Rest des Bundes am Zündschlüssel der Vespa hingen. Sie warf einen unsicheren Blick in das schwarze, rauschende Wasser unter ihr. Von dem Tier gab es keine Spur. Sie entschied sich den Schlüssel zu holen.
Sie war fast wieder am anderen Ende der Brücke angelangt, als ein weiterer Wolf ihr plötzlich den Weg versperrte. Das Fell dieses Tieres war hell. Im fahlen Mondlicht wirkte es fast weiß. Dieser Wolf bewegte sich anders als der Erste. Weniger vorsichtig. Sicherer. Dann begann er zu knurren und preschte auf sie zu. Verzweifelt drückte Selina den Sprayknopf. Nichts. In einer scheinbaren, halben Ewigkeit drehte sie auf dem Absatz um und begann zu rennen.
Doch das zweite Tier war nicht nur geschickter, sondern auch schneller. Mühelos holte es Selina ein. Mit unglaublicher Kraft riss es sie zu Boden und grub seine Zähne in ihrer linken Schulter. Selina schrie vor Schmerz laut auf. Etwas Warmes legte sich um ihren Nacken, wie ein Schal. Es war ihr eigenes Blut, das aus der klaffenden Wunde spritzte. Sie warf sich herum und sie fühlte wie es unter der Kleidung ihren Rücken herab rann.
Mit aller Kraft hob sie den Arm und schmetterte ihre Faust gegen die Schnauze des Tieres. Der blonde Wolf heulte nicht einmal auf, so schwach war ihr Schlag gewesen.
Mit einem knirschenden Geräusch bekam der Wolf den Arm zu fassen und trennte mit einem Biss fast den ganzen Unterarm von Selinas Körper. Selina kreischte wie eine Sirene. Im unglaublichen Sog des Schmerzes nahm sie wahr, dass der Wolf plötzlich von ihr ab ließ.
Wie von Sinnen kroch sie über den glitschigen Beton der Brücke zurück, ihren nutzlosen Arm hinter sich her schleifend. Er hing nur noch an paar Sehnen und schleifte am Boden entlang, wie ein blutiger, zu langer Ärmel. Er malte eine rote Linie in den Schnee. Sie konnte ihn nicht mal stützen, denn sie benötigte den anderen Arm um sich vorwärts zu ziehen. Sie blickte sich um. Der Wolf war verschwunden. Sie kroch an den Rand der Brücke. Sie hatte fast das andere Ende erreicht, als sie über sich einen Schatten sah. Der schwarze Wolf war aus dem Wasser gekommen und stand triefend über ihr.
Sein warmer Körper dampfte in der Winterluft. Er hob knurrend die Lefzen. Sein gewaltiges Maul schoss vor, um ihr die Kehle durchtrennen.
Mit einer letzten Anstrengung gelang es Selina sich zu bewegen und dem tödlichen Biss zu entgehen. Doch anstelle ihrer Kehle hat sich das Tier in ihren Oberkörper verbissen. Sie fühlte wie seine Zähne Jacke, Pullover, BH und Brust durchdrangen. Knackend brach ihr Brustbein und einige Rippen. Der Schmerz war unbeschreiblich. Dann riss das Tier mit einem wilden Ruck seinen Kopf zur Seite und Selina sah mit Entsetzen, dass der Wolf ein Stück ihrer Jacke und große Teile ihrer linken Brust zwischen seinen Zähnen hielt. Das Bindegewebe ihrer linken Brust dehnte sich wie ein Stück Hefeteig. Vor Schmerz schossen Selina heiße Tränen in die Augen.
Not my tits! You're not eating my... dachte sie noch. Dann durchbiss der Wolf in einer letzten Explosion aus Schmerz ihre Brust. Durch einen Schleier von Tränen und Blut hindurch erblickte Selina, wie der weiße Wolf sich in eine blonde, nackte Frau verwandelte.
Der dunkle Wolf kam zu der blonden Frau getrottet. Sein nasses Fell glänzte im Mondlicht. Er schnaubte. Es klang wie ein Niesen. Die blonde Frau … Diana … ihr Name war Diana … beugte sich zum dunklen Wolf herab und klopfte ihm aufmunternd die Seite, als er begann sich an Selinas Körper zu laben. Selina spürte es nicht mehr. Alles wurde dunkel. Diana fuhr dem Tier zärtlich durch das vom Blut getränkte Fell. Sie betrachtete kurz ihre Hand und leckte dann genüsslich Selinas Blut von ihren Fingerspitzen. Sie lächelte zufrieden und kraulte den fressenden Wolf aufmunternd hinter den Ohren.
»Friss, meine Geliebte.«, glaubte Selina sie noch sagen hören, »Friss dich satt …«


Teil Drei

8 Tage

Ruth atmete tief den Rauch der Zigarette ein, die ungefragt vor ihrem Gesicht erschienen war. Ulbrich hatte sie stumm zwischen ihre zittrigen Finger gesteckt. Eine magere Flamme, kaum sichtbar in der Morgensonne, entzündete den Tabak.
Sie hatte schon lange nicht mehr auf Lunge geraucht. Sie begrüßte den Rauch wie einen alten Freund, mit dessen Weggang man eigentlich schon seinen Frieden gemacht hatte. Das Nikotin tat sein Bestes, aber Ruth wollte sich trotzdem nicht besser fühlen.
Selina war nicht mehr.
Ruth kauerte auf dem Kiesweg des kleinen Parks, unweit der Stelle von Selinas Leiche und versuchte zu erfassen was gestern Nacht hier mit ihrer Freundin geschehen war.
Man nennt das Mord. Brutalen Totschlag. Doch das traf es nicht. Bei weitem nicht. Wer immer Selina auf dem Gewissen hatte, liebte es den Pinsel mit breiten Strichen zu führen. Selina war nicht einfach ermordet worden. Sie wurde zerrissen. Vollkommen zerstört. Ein unbelebtes, blutiges Bündel Fleisch war von ihr geblieben. Das war das Werk eines Berserkers, eines Tieres.
»Gott!« stöhnte angewidert einer der Beamten, die bei Selinas Leiche standen. Leider sprach er eine Spur zu laut. »Ihr fehlt eine ganze Titte!« Der Kollege neben ihm stieß ihn grob an und deutete mit einem energischen Kopfnicken zu Ruth.
Ist schon okay, wollte sie ihm sagen. Ich kenne ihre Titte. Doch ich wollte sie nie von dieser wundervollen Frau trennen. Sie kneten, liebkosen, lecken und daran vorsichtig mit den Zähnen knabbern, okay. Aber nie abbeißen. Wär mir nie in den Sinn gekommen.
Ihr wurde schwarz vor Augen. Wie in Zeitlupe fiel ihr die Zigarette aus der Hand.
Und wieder eine Premiere, dachte sie noch im Fallen. Sie konnte sich nicht erinnern, dass sie jemals ohnmächtig geworden war. Hatte sie denn nichts gegessen? Sie wusste es nicht mehr.
Dann war für eine kleine Weile nur Frieden um sie herum.


»Iss wieder da!«, rief der Sanitäter. Eine Hand streckte sich Ruth entgegen. Sie gehörte Ulbrich. Ruth nahm sie an und Ulbrich half ihr aufzustehen. Man hatte Selinas Überreste in einen metallenen Sarg verfrachtet. Die Spurensicherung bemühte sich gerade, den Tatort zu erfassen. Ruth ging zur Brücke und sah die lange, rote Spur, die Selina mit ihrem eigenen Blut gezogen hatte. Sie drehte sich um und sah zu dem Haus. Oben war das winzige Dachfenster von Selinas kleiner Wohnung. Sie schluckte.
Fast hättest du es geschafft, Sil.
»Gab es Zeugen?« fragte Ruth. Sie wunderte sich selbst über die Ruhe in ihrer Stimme. Aber sie konnte nicht anders. Ulbrich nickte.
»Der Wirt vom ›La Fleur‹. Er sagt, dass sie von einem großen Tier verfolgt wurde.«
»Was für ein Tier?« fragte Ruth.
»Was tut die hier?« rief eine Stimme von der anderen Seite der Brücke. Enke stand da und trank einen Kaffee. »Das ist mein Fall, Marx. Mach, dass Du hier wegkommst.« Mensching ging zu Enke und flüsterte ihm ins Ohr.
»Warum hat sie denn die Leiche identifiziert?« fragte Enke. Mensching zögerte.
»Aber... weißt du es denn noch nicht?« Er sah Enke mitleidig an.
»Was soll ich wissen?« polterte Enke zurück.
Mensching flüsterte ihm etwas ins Ohr. Enke wurde weiß im Gesicht. Er ging zu den Bestattern, die gerade den Deckel des Transportsarges schließen wollten. Er drängte sie beiseite, hob den Sargdeckel sah lange hinein. Ruth sah, wie seine Schultern herabsanken.
In diesem Moment wurde ihr klar, dass Selina für Enke mehr gewesen war als nur eine Prostituierte, mit der er ab und zu verkehrt hatte. Mit einem Mal ergab sein jahrelanger, unverhohlener Hass auf sie einen Sinn. Sie hatte es immer auf seine Abneigung gegenüber Frauen bei der Polizei abgetan. Aber in Wirklichkeit war es Eifersucht gewesen. Enke drehte sich um und zeigte mit dem Finger auf Ruth. Seine Miene war steinern und kalt.
»Du bist schuld, dass sie tot ist!«, schrie er und stapfte wütend auf Ruth zu. Zwei Kollegen wollten Enke zurückhalten. Er stieß sie beiseite. Ulbrich stellte sich schützend vor Ruth.
»Aus dem Weg.« fauchte Enke. Ulbrich, der größer und breiter war als Enke, verzog keine Miene.
»Ach so ist das?« Enke grinste böse. »Nutten zu knallen, reicht dir nicht mehr, Marx. Jetzt lässt du auch noch den Schwanz vom Kollegen rein.«
Ulbrichs Gesicht verfinsterte sich. Ruth, verblüfft und irgendwie gerührt von Ulbrichs Einsatz für sie, sah, wie er die Fäuste ballte. Wenn sie die Situation nicht entschärfte, würden sich die beiden Männer prügeln. Mit Enkes gutem Verhältnis zu Hildebrandt aus der Inneren würde das nur mit einem Disziplinarverfahren gegen Ulbrich enden. Sie fasste Ulbrich an der Hand. Sie wusste, dass das Wasser auf die Mühlen von Enkes Anschuldigungen bedeutete, aber sie wollte, dass ihre Berührung Ulbrichs Wut durchbrach. Ulbrich sah sie überrascht an.
»Bitte. Fahren sie mich nach Hause.« Ulbrich sah sie lange an und nickte langsam.
»Hah! Ich wusste es!« wetterte Enke. Wütend sah Ulbrich zu ihm herab. Wieder suchte Ruth seine Augen. Sie schüttelte den Kopf.
»Er ist es nicht wert.« Ulbrich seufzte, nickte wieder und führte sie vorbei an Enke zum Wagen.


Die Ermordung Selinas war ein dumpfer, bohrender Schmerz. Er unterhöhlte ihren Verstand, aber noch brach dieser nicht zusammen. Sie hatte das intensive Gefühl etwas tun zu müssen, bevor sie sich dem Schmerz ganz hingab. Sollte sie nicht eigentlich weinen? Sie wusste es nicht.
Hinter den Scheiben des Wagens zog das langsam erwachende Lüneburg vorbei. Ladengitter wurden hochgezogen. Putzwasser in die Gullys vor den Geschäften gekippt. Kleine Lieferwagen parkten vor den Läden und luden neue Waren für den Endspurt des Weihnachtsgeschäftes aus.
Weihnachten. Und sie hatte noch kein Geschenk für Selina. Dann fiel ihr plötzlich ein, dass Selina ja tot war. Diese kühle Tatsache brachte eine erste Träne. Aber nicht mehr.
»Ruth?« fragte Ulbrich vorsichtig.
»Ja?« fragte sie zurück.
»Wir sind da.« Überrascht bemerkte sie, dass der Wagen bereits seit einigen Minuten vor ihrem Haus stand.


Ihre Wohnung erwartete Ruth leer und still. Sie zog ihre Jacke aus, hing sie an der Garderobe auf und schloss die Haustür. Dann legte sie ihre Schlüssel in das kleine hölzerne Schälchen auf der Kommode und betrachtete ihr Gesicht in dem schmalen Spiegel an der Wand.
Eine Frau mit roten Haaren und heller Haut mit müden Augen, ohne Leben. Als sie in die Küche ging, hörte sie gedämpft die Geräusche der Fußgängerzone. Dort unten schien das Leben offenbar weiter zu gehen. Es war noch früh am Morgen. Ruth beschloss sich einen Kaffee zu machen.
Sie machte ihn, nahm ihm mit ins Wohnzimmer, setzte sich auf die Couch, zog die Beine an und trank ihn. Sie betrachtete die Drucke von Swantje Crone, einer Lüneburger Künstlerin die Selina so gemocht hatte. Sie malte Impressionen von Lüneburg in schillernden Farben. Das hatte Selina so an ihnen gemocht. Sie waren so fröhlich.
Komisch, dachte sie verbittert. Klappt irgendwie nicht. Wütend schleuderte Ruth die Kaffeetasse gegen die bunte Fröhlichkeit im Glasrahmen. Die Tasse traf das Bild genau in der Mitte und zersprang. Die Tasse hinterließ auf dem Glas einen braunen Fleck und ein gesplittertes Spinnennetz von Sprüngen.
Scheiße.
Ruth stand müde auf und begutachtete den Schaden. Der Rahmen war hin. Vorsichtig nahm sie das Bild ab. Trotzdem rutschte das gesprungene Glas aus dem Rahmen und fiel klirrend auf die Kommode. Das laute Scheppern erschreckte sie und ließ die Kapsel ihrer Trauer bersten. Mit dem Rahmen in den Händen sackte sie zusammen. Tränen tropften auf die Scherben.
Sie ist fort, dachte Ruth. Selina ist fort. Wie Leonie.


Marie erwachte.
(So kalt!)
Sie leckte sich die Lippe und schmeckte Blut und Schnee.
(Kalt!)
Sie öffnete die Augen und sah tote Äste vor einem grauen Himmel. Sie versuchte sich aufzurichten. Sofort wurde ihr schwindelig. Ihr Körper war steif und taub vor Kälte.
(So kalt!)
Eisiger Wind strich über ihre nackte Haut.
(Nackt. So kalt!)
Ihre Zähne klapperten und schlugen unkontrolliert aufeinander.
Das ist gut. Das heißt Du lebst noch. Sieh dich um.
Sie lag vollkommen nackt im kalten Schnee unter einem Baum.
Beweg dich. Du erfrierst sonst! Sie nahm all ihre verbleibende Kraft zusammen und stemmte sich hoch. Ihre steifen Glieder und Muskeln protestierten. Glühender Schmerz durchlief sie bei jeder kleinen Bewegung. Sie hatte sich halb aufgerappelt als ihre Beine den Dienst versagten. Sie fiel wieder in den kalten Schnee. Sie sah sich um. Zu ihrer eigenen Überraschung stellte sie fest, dass sie in ihrem eigenen Garten in der Uelzener Strasse lag.
Wie komme ich hierher? Sie hatte nur noch eine dumpfe Erinnerung an das Einräumen des Geschirrspülers und dann ...
(Gott, so kalt)
Anstatt zu versuchen aufzustehen, kroch sie nun auf allen Vieren zur Terrasse. Beißender Geruch stieg ihr in die Nase, als sie auf ihrem Weg an einem Haufen Erbrochenem vorbei kam. Sie konnte nur vermuten, dass er von ihr stammte. Irgendwann erreichte sie dann die Terrassentür. Sie war verschlossen. Sie versuchte nach Diana zu rufen, aber ihrer Kehle entwich nur ein unverständliches Grunzen:
»Diragh!«
Doch Diana schien nicht da zu sein.
Der Schlüssel. In der Schildkröte. Sie robbte zu dem kleinen Gefäß in dessen Panzer Platz für einen Blumentopf war und in dem sie den Schlüssel für die Verandatür verwahrte, falls sie sich einmal aussperren sollte. Er war da. Sie zog sich an der Klinke der Verandatür hoch und öffnete mit dem Schlüssel die Tür, was durch ihr Zittern eine Ewigkeit zu dauerte.
Endlich war die Tür offen und die ihr entgegen strömende Wärme des Hauses bohrte sich wie glühende Messer in ihren Leib. Bibbernd tapste sie unbeholfen durch das Wohnzimmer, erklomm die Treppe zum ersten Stock, erreichte das Badezimmer, riss den Duschvorhang beiseite, und stellte die Brause an.
Selbst das zunächst lauwarme Wasser schien sie zu verbrühen. Erst nach einer halben Ewigkeit schien die Wärme langsam wieder in ihren Körper zurückkehren zu wollen. Sie fand das Duschgel und rieb damit gründlich ihren tauben Körper ein. Sie seifte gerade ihre Beine ein, als ihr auffiel, dass sich erstaunlich viele Haare im Abfluss sammelten. Prüfend durchfuhr sie ihr Haar. Es fühlte sich gesund und stark an. Sie sah an sich herab und stellte fest, dass sie ungewöhnlich viel Haarflaum auf Armen und Beinen hatte. Doch der ließ sich mühelos mit dem Wasserstrahl abspülen.
Offenbar befinden sie sich in der Mauser, Frau Weber.
Sie musste lachen. Durch die Dusche fühlte sich jetzt viel, viel besser. Was war nur passiert? Sie fühlte sich auf einmal so gut. Sie hatte nicht das Gefühl, dass ihr etwas Schlimmes widerfahren war. Aber sie konnte sich eigentlich auch nicht erinnern, was genau ihr widerfahren war.
Als ein neuer Mensch entstieg sie der Dusche, trocknete sich und ihre Haare, und hüllte sich in dem flauschigen Stoff ihres Bademantel. Im Moment wusste sie nur, dass sie sich gut fühlte.
Nein. Das war untertrieben. Eigentlich fühlte sie sich sogar ganz ausgezeichnet.


Von irgendwo her hörte Ruth ein Klopfen. Sie vergrub ihr Gesicht tiefer in eines der Kissen der Couch, das grausamer Weise immer noch ein wenig den Duft von Selina in sich trug. Doch anstatt aufzuhören, wurde das Klopfen nur lauter.
»Hallo? Ruth? Sind sie da?« rief Frau Bremers Stimme gedämpft durch die Wohnungstür. Dann eine Pause. »Kindchen, ich bins.«
Ruth konnte sich nicht erinnern, wann sie zum letzten Mal ›Kindchen‹ genannt worden war. Sie wollte Frau Bremer nicht sehen. Sie wollte niemanden sehen. Sie wollte hier taub und erstarrt liegen bleiben, während draußen das Leben weiter floss.
»Es ist ziemlich kalt auf dem Flur!« rief Frau Bremer.
»Es ist offen.«, murmelte Ruth und zog sich die Decke über den Kopf. Ruth hörte unter ihrem wollenen Kokon wie Frau Bremer Ruths, mit einem altmodischen Drehknauf versehene, Wohnungstür öffnete. Warum konnte sie sie nicht in Ruhe lassen? Sie spürte Frau Bremers sanfte Hand auf ihrer Schulter. Ruth drehte sich weg. Die Hand verschwand und ging zusammen mit ihrer Besitzerin in Ruths Küche. Sie hörte, wie Frau Bremer Teewasser aufsetzte.
Fünf Minuten später nahm Frau Bremer noch vor dem Pfeifen den Kessel von der Herdplatte und goss den Tee in  eine Kanne. Ein merkwürdiger, aber angenehmer Geruch begann aus der Küche zu strömen. Dann hielt Frau Bremer ihr einen Becher dampfenden Getränks entgegen. Ruth lugte unter der Decke hervor und betrachtete misstrauisch den Becher.
»Was ist das für ein Gebräu?« fragte Ruth.
Frau Bremer lächelte. »Lapacho Tee. Was schon den Inkas geholfen hat, kann ihnen nicht schaden.« Ruth nahm ihn zögerlich in die Hand und schnüffelte daran. Vorsichtig nahm sie einen Schluck. Der Tee war aromatisch und gut und erzeugte einen warmen Klumpen in ihrem Innern. Schweigend tranken die Frauen den Tee. Dann deutete Frau Bremer auf den zerstörten Bilderrahmen und die Scherben auf der Kommode.
»Sie mögen die Bilder von Swantje Crone nicht?«
»Ich war nur wütend.« brummte Ruth. Frau Bremer nickte bedächtig.
»Sie haben allen Grund wütend zu sein. Sie haben auch allen Grund traurig zu sein, aber trotzdem müssen wir uns nun überlegen, was als nächstes zu tun ist.«
»Was meinen sie?« fragte Ruth.
»Möchten sie nicht Selinas Mörder dingfest machen?«
»Natürlich!« fauchte Ruth wütend und verschüttete dabei etwas Tee. »Ich werde ihn finden und ich werde ihn töten!« Frau Bremer sah Ruth lange an.
»Sie sind eine starke Frau, Ruth. Eine Kriegerin. Viel stärker, als ich es je sein könnte.« Sie nahm ihre Tasse und ging damit in die Küche und stellte sie in die Spüle. »Ruhen sie sich aus. Ich schaue Morgen noch einmal nach Ihnen.«
»Sie glauben es wirklich, oder?« fragte Ruth.
»Was?«
»Das Selina und der Junge von einem Werwolf, getötet wurden?«
»Ja.« antwortete Frau Bremer. Ruth schüttelte den Kopf.
»Das kann nicht sein. So etwas gibt es nicht.«
Frau Bremer zögerte. Sie schien ihre Worte genau abzuwägen.
»Das haben die Leute über die Nazis damals auch gesagt. Und ehe sie es sich versahen, waren sie selber welche - oder tot.«
»Nazis sind nur dumme Menschen aus Fleisch und Blut.« Frau Bremer sah zu Ruth.
»Ich glaube die Wenigen, die den Holocaust überlebt haben, sehen das anders.« Sie machte eine Pause. »Es gibt die verschiedensten Arten von Monstren auf dieser Welt. Auf bald, meine Liebe.« Sie zog sich ihre Jacke an und ging.


Draußen stand Frau Bremer noch einen Moment auf dem Treppenabsatz zu Ruths Wohnung. Sie schluckte und musste sich zusammenreißen, um nicht in Tränen auszubrechen. Hatte sie einen Fehler begangen? Hätte sie Ruth alles erzählen sollen? Nein, sie war noch nicht soweit. Außerdem musste sie ganz sicher sein. Im Moment gab es nur Indizien.
Einen so ungeheuerlichen Verdacht, wie einen echten Werwolf in Lüneburg, musste sie erst mit handfesten Beweisen untermauern. Ruth konnte ihr dabei jetzt nicht helfen. Sie wurde im Moment zu sehr vom Schmerz verzehrt. Sie musste die Dinge selbst in die Hand nehmen. Sie würde Marie Weber und dieser Klavierspielerin einen Besuch abstatten.
Jetzt gleich


Irgendetwas stimmte nicht. Alles im Haus war ruhig. Dennoch bildete Marie sich ein, dass sich noch jemand im Haus aufhielt. Es war fast so als könne sie diese Person riechen. Sie trat vom Schlafzimmer auf den Korridor und sah sich um. Weder im Flur zu ihrem Arbeitszimmer noch im oberen Badezimmer war jemand. Sie ging in das Arbeitszimmer.
Es war unberührt. Sie wollte das Zimmer bereits wieder verlassen, als ihr auf dem Schreibtisch ein silbernes Röhrchen auffiel. Sie nahm es in ihre Hand um es sich näher anzusehen. Es war eine altmodische Stahlkapsel, die eine Glasampulle schützte. Am oberen Rand der Kapsel war ein Symbol eingraviert. Es war dieselbe indianische Zeichnung eines Wolfskopfes, wie sie sich Diana auf dem Arm tätowiert hatte. Sie drehte das Röhrchen mit ihren Fingern. Auf der gegenüberliegenden Seite war ein weiteres Symbol eingraviert.
Eine Swastika. Was hatten ein Hakenkreuz und ein indianisches Symbol auf einer stählernen Ampulle zu suchen? Bevor Marie über diese Frage weiter nachsinnen konnte, spürte sie plötzlich einen schmerzhaften Stich an ihrem Hals. Automatisch tasteten ihre Finger nach der Stelle und bekamen ein kleines Projektil zu Fassen, dass in ihrem Hals steckte. Erschrocken zog sie es heraus. Es war ein Betäubungspfeil. Ein einzelner Tropfen ihres Blutes hing an der winzigen Spitze.
»Setzen sie sich lieber«, sagte der junge Mann, der im Türrahmen stand. In seiner Hand hielt er das Blasrohr, mit dem er den Pfeil auf sie abgeschossen hatte.
»Wer…?!« begann Marie erschrocken zu fragen. Doch das Mittel begann bereits zu wirken. Sie fühlte, wie ihr schummrig wurde. Ihre Knie gaben nach. Sie fiel hin.
»Befehl von der Herrin. Kein Risiko eingehen.« erklärte Gunther. Er kam auf sie zu und nahm ihr mit einer zärtlichen Geste den Betäubungspfeil aus der Hand.
»Gott, Ich beneide sie so ... Sie sind die Auserwählte.«
Marie verlor das Bewusstsein. Durch den Fall war ihr Bademantel hochgerutscht. Gunther grinste und schüttelte abschätzig den Kopf.
»Nicht rasiert?« Er tätschelte der Besinnungslosen die Wange. »Sind ein bisschen altmodisch, was?«
Er beugte sich zu ihr herunter. Seine Hand fuhr mit zärtlicher Vorsicht über Maries Körper. Sie war fast so schön wie die Herrin. Einen kurzen Augenblick überlegte er, diese Situation ausnutzen. Doch dann besann er sich. Die Herrin würde ihn töten, ohne zu zögern. Er nahm die Ampulle vom Schreibtisch und packte sie zusammen mit dem Blasrohr in seinen Rucksack. Dann stemmte er mit geübter Routine die betäubte Marie hoch und trug sie über die Schwelle des Zimmers hinunter. Er wollte sie in die Garage tragen, im geräumigen Kofferraum des Saab verstauen und sie dann zur Herrin bringen. Gunther hatte die unterste Stufe gerade erreicht, als plötzlich die Türklingel  schellte.


Frau Bremer stand vor der Tür und betätigte erneut die Klingel. Doch niemand wollte öffnen. Es war riskant, aber sie musste Marie Weber in die Augen sehen. Sie wusste nicht genau, was sie in Maries Webers Augen zu finden hoffte. Sie würde es wissen, wenn sie es sah.
Frau Bremer wollte ganz sicher sein. Auch wenn die halbe Stadt sie für verrückt hielt - sie  empfand es nicht als abwegig an die Existenz von Werwölfen zu glauben.
Das Mittelalter wurde als dunkle Zeit beschrieben, in dem das Wissen der Menschen der Antike verloren ging. Aber es waren nicht nur Erkenntnisse aus Wissenschaft und Kunst verschwunden, sondern auch das alte Wissen, das man gemeinhin als Magie bezeichnete. Dieses Wissen verbrannte spätestens mit den hunderttausenden von Frauen auf den europäischen Scheiterhaufen ... und nur ein erschreckend kleiner Teil dieses Wissens war bis heute erhalten geblieben.
Wenn sie richtig lag, dann war Marie Weber unter den Bann einer sehr mächtigen, dunklen Magie geraten.
Sie klingelte nochmals. Niemand zu Hause.
Sie ging links um das Haus herum und betrat den verschneiten Garten. Ihre Schuhe sanken in den frischen Schnee. Doch da waren noch andere Spuren. Sie schluckte.
Es waren Pfotenabdrücke. Gebannt folgte sie den Spuren. Sie bemerkte, wie ihr Atem schneller ging. Mit jedem Abdruck veränderten sich ihre Form. Sie wurden länger, verschmolzen zu einem ovalen Ballen an dessen oberen Ende Zehen erschienen. Zunächst klein wie Kinderzehen. Dann größer werdend.
Sie folgte den sich verändernden Spuren bis zu einer Stelle unter einen der Bäume auf der rechten Seite des Gartens. Dort hatte eine Person gelegen. Diese war dann aufgestanden und hatte, den weiterführenden Spuren im Schnee zu Folge, das Haus über die Terrassentür betreten. Die Spuren waren klein und schmal, wie bei einer Frau. Und sie war Barfuss gewesen. Frau Bremer sah sich noch einmal um. Pfotenabdrücke, die sich veränderten. Eine Frau im Schnee, die zum Haus ging.
Es war eine Sache in alten Büchern über Magie und Werwölfe zu lesen und eine ganz andere, Spuren davon im Schnee vor sich zu sehen.
»Jesus, Maria und Josef.« flüsterte sie.
Dann holte sie ihre kleine Digitalkamera aus der Jackentasche und begann die Spuren zu fotografieren.


Gunther hatte die immer noch bewusstlose Marie auf die große Couch im Wohnzimmer gelegt und beobachtete durch einen Spalt der zugezogenen Vorhänge im Wohnzimmer, wie die alte Frau sich hinhockte und etwas in dem Schnee fotografierte.
Sie kam ihm bekannt vor, doch er konnte sie nicht ganz genau einordnen. Lüneburg war nicht besonders groß, aber man konnte sich unmöglich jede alte Schachtel merken, die hier herumlief.
Die Alte schien bemerkt zu haben, dass sie beobachtet wurde. Sie bedeckte die Augen mit der Hand sah in Gunthers Richtung. Schnell trat er von dem Spalt zurück. Sie stand auf und ging ein paar Schritte auf das Haus zu. Das Bellen eines Hundes aus dem Park brachte die Alte aus dem Konzept. Sie zuckte erschrocken zusammen. Hastig verließ sie den Garten durch die hintere Pforte. Gunther wartete ungefähr noch zehn Minuten, dann ging er zur Couch und hob die immer noch betäubte Marie hoch.
Er trug sie durch die Verbindungstür in die Garage. Das Tor war geschlossen. Es war dunkel wie in einer Höhle. Er öffnete den Kofferraumdeckel des Saab. Die Beleuchtung erzeugte in Gunther die Assoziation eines edlen Sarges. Vorsichtig legte er Marie hinein. Eine Strähne ihres dunklen, vom Duschen noch feuchten Haares war ihr ins Gesicht gefallen. Mit einer zärtlichen Geste strich er sie aus ihrem Gesicht. Dann schloss er den Deckel.
Er öffnete die hintere Tür auf der Fahrerseite und verstellte die Sitzbank so, dass die schlafende Marie durch die Entstandene, schmale Öffnung genug Luft bekam. Er kehrte nochmals zurück und kontrollierte ob die alte Frau wirklich verschwunden war. Dann ging er zurück und öffnete per Fernbedienung das Garagentor, stieg in den Wagen, startete ihn und steuerte ihn hinaus. Abschließend benutzte er wieder die Fernbedienung für das elektrische Garagentor, um das Tor zu schließen.
Gunther steuerte den Wagen über die Uelzener Strasse, passierte den Munstermannskamp und fuhr mit seiner kostbaren Fracht auf der Uelzener Strasse weiter, aus der Stadt hinaus und brachte die in ihrem metallenen Sarg schlafende Marie zu seiner Herrin zurück.

Der Raum war weiß. Er hatte keine Fenster und wirkte so aseptisch wie der Rest des Flughafens von San Francisco.
Stuart Marx hatte letztendlich keine andere Möglichkeit gesehen, als nach Deutschland zu fliegen, um mit seiner Tochter in Kontakt zu treten. Auf dem Weg zum Flughafen versucht, mit seiner Bankkarte an einem Geldautomaten auf der Claremont Avenue genug Bargeld für ein Flugticket abzuheben. Der Automat teilte ihm mit, dass dafür nicht genug Geld auf seinem Konto vorhanden war. Nach den Ereignissen der letzten Tage überraschte ihn das nicht mehr sonderlich. Aber er hatte einen Plan B.
Er hatte ein Faible für antike Uhren und es gelang ihm ein Exemplar, das eigentlich $25.000 Wert war, für müde $5000 zu verkaufen. Zumindest konnte er davon ein Ticket kaufen und hatte genug Geld, um in Deutschland für ein paar Tage über die Runden zu kommen.
Die Probleme waren aufgetaucht, als er die Halle des Internationalen Terminals betrat. Die domartige Halle aus Glas und Stahl löste in ihm zum ersten Mal Unbehagen aus. Es kam ihm vor, als ob alle wüssten, dass er aus irgendeinem Grund von geheimnisvollen Mächten zu einer Persona Non Grata erklärt worden war.
Am Schalter von United Airlines, zeigte er seinen gültigen Reisepass und sagte sofort, dass er sein Flugticket nach Deutschland bar bezahlen wolle. Die Dame am Schalter war professionell, freundlich und zuvorkommend.
Und misstrauisch. Er wusste nicht, was auf ihrem Bildschirm für Informationen aufblitzten, als sie seinen Namen eintippte, aber es schien genug zu sein, dass ihr professionelles Lächeln einen Herzschlag lang gefror. Die Dame nahm sein Gepäck entgegen, überreichte ihm sein Ticket und wünschte ihm einen angenehmen Flug. Sie machte das wirklich gut, aber auf ihrer Oberlippe hatte sich ein kleines Schweißtröpfchen gebildet.
Ich stecke in der Klemme. Aber jetzt gab es kein zurück mehr.
Noch ohne Probleme durchschritt er den Zugang zur Abflughalle. Seine Knie schienen aus Gelee zu sein und sein eigentlich sicher wirkender Gang kam ihn ungelenk und staksig vor. Er erreichte den Zugang zum internationalen Terminal und glaubte schon, es doch irgendwie geschafft zu haben, als zwei Männer in dunkelgrauen Anzüge, der eine weiß, der andere Afro-Amerikaner, ihn abfingen und ihn höflich baten, ihnen unauffällig zu folgen. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Ohne Widerstand gehorchte er. Sie berührten ihn nicht, oder zerrten an ihm, sondern lotsten ihn nur in einen etwas versteckten Bereich des Terminals. Durch eine Tür hindurch gelangten sie zu einer Abteilung, die offensichtlich zur Flughafensicherheit gehörte.
Und nun saß er hier. Wände und Boden waren weiß. Selbst das Mobiliar, ein schmaler Tisch und ein paar Plastikstühle, waren weiß. Alles wirkte wie aus einem Stanley-Kubrick-Film.
Stuart Marx hatte noch nie ein Verhörzimmer von Innen gesehen, aber glaubte schon jetzt zu wissen, dass dieses zur freundlichen Variante zählte. Dennoch machte ihm die sterile Sachlichkeit des Zimmers zu schaffen. Hier wurden Menschen hereingeführt um sie sachlich betrachten zu können, um heraus zu finden was mit ihnen nicht stimmte, gegen welche Regeln sie verstoßen hatten.
Er gehörte nicht in so einen Raum. Die einzige Schuld, der er sich bewusst war, war, seiner Tochter einen Gefallen getan zu haben. Er sah dies nicht als ein Verbrechen an.
Offensichtlich war jemand da anderer Ansicht.
Die Tür des Zimmers wurde so ruckartig aufgerissen, dass er unvermittelt zusammenzuckte. Ein Mann, weißhaarig und in etwa seinem Alter betrat das Zimmer und schloss die Tür ebenso kraftvoll, wie er sie geöffnet hatte. Er setzte sich in entspannter Haltung auf einen weißen Stuhl ihm gegenüber an den Tisch, holte aus der Innentasche seines teueren, hellgrauen Anzuges eine Zigarre hervor. Stuart schätzte teure Anzüge. Welcher italienische Schneider verwandte dieses helle Grau in dieser Saison? Armani? Brioni?
Der Mann öffnete die Spitze der Zigarre mit einer kleinen, vergoldeten Guillotine. Sie harmonierte gut mit dem goldenen Siegelring, den der Mann am Ringfinger seiner rechten Hand trug. Seinen Ehering trug der Mann an der linken Hand, was daraufhin deutete, dass er Amerikaner sein musste. Aber in diesem Punkt sollte Stuart sich irren.
Der Mann entzündete die geöffnete Zigarre mit einem Gasfeuerzeug. Das bedrohlich heisere Zündgeräusch des Feuerzeugs ließ Stuart unruhig auf seinem Sitz hin und her rutschen. Der Mann wartete bis die Zigarre gut brannte, dann sah er Stuart in die Augen. Der Blick des Mannes war eisig. Seine Gesichtszüge waren scharf und würdevoll. Genüsslich zog er an seiner Zigarre und sagte kein Wort. Stuart bemerkte, wie sein Selbstbewusstsein langsam zurückkehrte. Er kannte diese Art von Spielchen aus der akademischen Arena. Er setzte sich aufrecht und beschloss in die Offensive zu gehen.
»Soweit ich weiß, ist das Rauchen in ganz Amerika in öffentlichen Gebäuden verboten.« Der Mann musterte ihn verblüfft, dann lachte er. Es war ein raues und ansteckendes Lachen. Stuart musste sich zusammenreißen um das Lächeln nicht zu erwidern.
»Sie sind genauso, wie ich sie mir vorgestellt habe, Herr Marx.«
»Und sie sind?« Der Mann ignorierte die Frage.
»Zunächst einmal, haben sie vollkommen Recht. Das Rauchen ist in ganz Amerika in öffentlichen Gebäuden untersagt. Aber dies hier …« Er umfasste mit einer breiten Geste seiner Hände den Raum und seine Zigarre zeichnete dabei einen Kondensstreifen aus Rauch, »Ist kein öffentlicher Raum. Und hier ist auch nicht Amerika.«
Die Art, wie es der fremde Mann mit Zigarre das sagte, erzeugte bei ihm ein Ziehen in der Magengegend.
»Ich glaube, ich verstehe nicht ganz.« entgegnete er leise.
»ICH SAGTE, DIES HIER IST NICHT AMERIKA!« brüllte der Mann mit einer solchen Lautstärke, dass Stuart die Ohren klingelten. Er musste an Freissler und den Volksgerichtshof denken. Er konnte nicht anders auf den Ausbruch reagieren, als stumm in sich zusammen zu sacken. Er hasste sich dafür, aber seine Angst hatte in diesem Moment seinen Stolz besiegt.
Die wutverzerrten Züge des Mannes glätteten sich und  zufrieden über Stuarts Reaktion lehnte sich der Mann auf seinem Stuhl zurück.
»Sehen Sie, Sie verstehen mich doch.« Er streckte Stuart freundlich die Hand entgegen.
»Robert Althen. Freut mich, sie kennen zu lernen, Professor Marx.« Verdattert schüttelte Stuart die angebotene Hand. Der Händedruck des Mannes mit dem Namen Robert Althen war überraschend sanft. Er hatte bei seiner Vorstellung die Sprache gewechselt und sprach nun in akzentfreiem Deutsch mit ihm.
»Angenehm.« stotterte Stuart unsicher auf Deutsch und musste sich räuspern. Diese von ihm so ungeliebte Sprache klang in seinen Ohren abgehackt und grob.
»Schön. Nachdem wir uns nun vorgestellt haben, möchte ich ihnen darlegen, warum sie sich nicht mehr in Amerika befinden. Einen Raum wie diesen gibt es mittlerweile in jedem größeren Flughafen der USA. Er dient zur Befragung von Personen, die im Verdacht stehen eine Bedrohung für die nationale Sicherheit der USA darzustellen. Jeder, der wie sie nicht in den USA geboren wurde, verliert in diesem Raum automatisch seine Bürgerrechte und alle Privilegien, die er als anerkannter, immigrierter US-Bürger genießen durfte.« Althen machte eine Pause um die Worte wirken zu lassen. Dann fuhr er fort. »Rechtlich gesehen ist dieser Raum also die erste Etappe einen mutmaßlichen Staatsfeind seiner gerechten Strafte zu überführen. Die nächste Etappe ist der Transport nach Guantanamo, in das Camp X-Ray, auf Kuba. Ich denke, sie haben von unserer kleinen Anlage dort sicherlich schon gehört.«
War das möglich? fragte sich Stuart. Nein. Unmöglich.
Er musste schlucken. Schweiß rann ihm die Stirn hinab. Natürlich hatte er vom Camp X-Ray gehört. Es war nach dem 11. September und dem Krieg in Afghanistan für mutmaßliche Anhänger der Al-Qaida eingerichtet worden. Stuarts liberale Freunde hatten es als Internierungslager für Vorverurteilte bezeichnet. Gary hielt es für das erste KZ im Namen Amerikas. Nie im Leben hätte er daran gedacht, dass er als anständiger US-Bürger und Steuerzahler einmal damit bedroht werden würde, dort zu landen.
»Ich will sofort mit meinem Anwalt sprechen.« stieß er gepresst hervor. Althen lächelte verständnisvoll. Seine Stimme klang wieder sanft und rücksichtsvoll.
Wie ich ihnen bereits erklärt habe: Sie haben kein Recht mehr auf einen Anwalt. Sie haben kein Recht mehr zu schweigen, Sie haben Nada! Zip! Seit Sie durch diese Tür getreten sind, existieren Sie nicht mehr. Das gehört alles zu den Errungenschaften des Kampfes gegen den Terrorismus.«
Ein Alptraum. Ich bin irgendwie verunglückt und träume jetzt diesen kafkaesken Traum.
Das war eine durchaus einschüchterne Drohkulisse die da vor ihm aufgebaut wurde. Doch warum eigentlich? Und welchen Zweck verfolgte dieser Robert Althen?
»Was wollen Sie vom mir?« fragte er, seine Wut nur schwer unterdrückend.
»So gefallen Sie mir. Direkt zur Sache kommen. Das ist eine der wenigen deutschen Primärtugenden die sich auch hier durchgesetzt haben.«
»Sie sind ein Schwein.« erklärte Stuart Marx.
»Bitte, keine Beleidigungen. Wir beide stammen doch aus dem Land der Dichter und Denker.« Jetzt verlor Stuart die Fassung.
»Ich bin amerikanischer Staatsbürger!« schrie er. Althen hob beschwichtigend die Hand.
»Bitte, beruhigen Sie sich, Professor. Bis vor vierzig Minuten hatten Sie damit ja recht. Jetzt sind Sie rein rechtlich ein Niemand. Außerdem, ist man einmal deutsch, ist man immer deutsch, richtig?«
In Stuart keimte Hoffnung auf. Er kannte den deutschen Botschafter.
»Also, wenn ich kein US-Bürger mehr bin, könnte ich mich hier auf meine Rechte als Bürger der Bundesrepublik Deutschland berufen?« Althen schnalzte mit der Zunge. 
»Sicher könnten sie das. Nur dazu müsste man ihnen die Möglichkeit einräumen sich an eine deutsche Vertretung wenden zu können. Und das wird auf absehbare Zeit sicherlich nicht geschehen.«
Ich bin Rechtlos. Von einem Moment auf den anderen. So müssen sich die Menschen im Dritten Reich gefühlt haben. Mein Gott. So etwas konnte doch nicht in Amerika geschehen. Nicht in diesem Land, das er so liebte - sogar mehr geliebt hatte als seine Frau und sein Kind. Dies war nun offenbar die Sühne für sein Vergehen die eigene Familie für die Liebe zu einem Land geopfert zu haben. Er seufzte.
»Gut. Da ich offensichtlich keine andere Wahl habe, bin ich bereit mit ihnen zu kooperieren. Was wollen Sie wissen?«
Robert Althen beugte sich vor. Seine Stimme wurde wieder ganz sanft.
»Erzählen sie mir ein bisschen über ihre Tochter.«


Selinas Beisetzung auf dem Lüneburger Waldfriedhof war seit vier Stunden vorüber. Die Beerdigung bildete sozusagen den gesellschaftlichen Höhepunkt Jahres. Der Zeitung mit den vier Buchstaben war es zu verdanken, dass ganz Deutschland um Selina trauerte.

WAHNSINN! HEIDEMONSTER REISST
SCHÖNE SELINA (27) IN STÜCKE!

Hunderte von Menschen fanden sich zu der Trauerfeier ein. Björn Eggerts Ermordung war schlimm gewesen. Doch durch Selinas Mord hatte sich alles verändert. Er war mitten in der Stadt geschehen. Jeder Einwohner Lüneburgs fühlte sich nun betroffen. Für die Beerdigung wurde der Friedhof weiträumig abgesperrt. Zahlreiche Übertragungswagen säumten den unbefestigten Weg der zum Friedhof führte. In Lüneburgs Fussgängerzone war es fast unmöglich nicht in ein Mikrofon irgendeines Senders zu stolpern, hinter dem eine fernsehtauglich geschminkte Moderatorin mit professioneller Besorgnis sich nach den Eindrücken und Gefühlen der Bürger erkundigte.
Der akribisch gereinigte Tatort war ein Blumenmeer und die blumengeschmückte Fußgängerbrücke auf der Selina entlang gekrochen war, wurde zu einem populären Bild in allen Medien.
Ruth hatte von vornherein jedes Interview und jeden Kommentar abgelehnt. Der Oberstadtdirektor und die Bürgermeisterin hatten ihr Beileid bekundet. Ebenso der Polizeipräsident und noch ein paar honorige Herren, die Ruth bis zu diesem Tag nur aus der Zeitung oder von irgendwelchen Großveranstaltungen, die sie als Streifenpolizistin beschützen musste, kannte. Natürlich war Selinas Vergangenheit akribisch durchleuchtet worden. Die Geschichte von der ehemaligen Hure mit dem Herz aus Gold, die ein grausamer Tod ereilte, war zu gut um sie nicht auszuschlachten.
In schlafwandlerischer Trance hatte Ruth die Ereignisse durchlebt.
Jetzt stand sie zusammen mit Manni, dem Wirt vom ›Rasenden Falken‹ am noch offenen Grab. Sie waren fast die Letzten. Ein wenig abseits wartete Frau Bremer.
Auf dem Friedhof war es wieder still geworden. Nur der zertretene, schmutzige Schnee verriet dem aufmerksamen Beobachter, dass noch vor einer Stunde Hunderte der Beerdigung beigewohnt hatten. Ruth sah zu Manni. Er war ein Riese mit Schnauzbart, Ohrring und riesigen Händen. Er weinte.
Ruth weinte nicht. Sie konnte es nicht und schämte sich dafür.
Lebende Verwandte hatte Selina keine mehr. Ruth hatte vergeblich versucht Selinas Vater ausfindig zu machen. Er war G.I. gewesen. Doch nach seinem Ausscheiden aus der Armee war er in die Staaten zurückgekehrt. Dort hatte sich die Spur von ihm verloren. Wahrscheinlich lebte er irgendwo unter einem anderen Namen.
Wenigstens hatten Selinas frühere Kolleginnen vom Strich ihr die letzte Ehre erwiesen.
Das hätte dich gefreut, mein Schatz, hatte Ruth gedacht. Sie blickte in die ausgehobene Grube. Ein dunkle, liegende Tür ins Nirgendwo. Selinas Sarg ruhte darin, gesichtslos und glatt. Ruth spürte die Kette mit dem Talisman um ihren Hals. Sie fühlte sich so fremd und so fern wie Selinas Reste in dieser schrecklich schlichten Kiste zu ihren Füßen. Das war nicht mehr Selina. Selina war fort.
Ruth öffnete den Verschluss der Kette und nahm sie ab. Sie hielt sie kurz in ihren Händen. Sie nahm schnell die Kälte der Luft an. Dann warf sie den Talisman ins Grab. Er fiel klappernd auf das obere Ende des Sarges und blieb dort liegen.
Sie würden ihren Schlaf beschützen. Eine einzelne Träne löste sich aus Ruths Augenwinkel.
Dann drehte sie sich um, und ging.


Wieder einmal versetzte Frau Bremer Ruth in Erstaunen. Sie besaß ein Auto. Und wie um ihren Status als spleenige, ältere Dame zu unterstreichen, handelte es sich dabei natürlich nicht um ein gewöhnliches Auto. Sie besaß einen erstaunlich gut erhaltenen VW 1600TL, in einem wunderschönen Burgundton lackiert. Die gerade Schnauze und das lang nach hinten gezogenen Heck mit den kurzen Flossen und den seitlichen Luftschlitzen, die wie die Kiemen eines Fisches wirkten, vermittelten dem Betrachter den Eindruck, als hätte er es mit einem VW Käfer zu tun, der sich für etwas Besseres hielt.
»Gefällt Ihnen meine olle Kiste?« fragte Frau Bremer.
»Sehr.« sagte Ruth. Sie liebte alte Volkswagen. Allein um eine Opposition gegen ihren Vater zu bilden, der Autos deutscher Fabrikation verachtete. Frau Bremer strich dem Wagen liebevoll über das Dach.
»Ich nenne sie Emilia. Hab vergessen, warum.« Sie nahmen in Emilia Platz und Frau Bremer fuhr mit der Sicherheit einer langjährigen Autofahrerin los. Das Innere von Emilia bot das Interieur und den Komfort eines normalen Käfers. Das bedeutete aber auch, dass die Heizung sich dementsprechend verhielt. Als sie auf der Friedrich-Ebert-Brücke Richtung Innenstadt fuhren, begann Ruth mit den Zähnen zu klappern. Frau Bremer wusste wohl um das Problem und reichte Ruth schweigend eine Decke, die die dankbar annahm.
»Bei ihnen Zuhause machen wir uns erstmal wieder einen Tee.« sagte sie und wischte dabei mit einem alten Autoschwamm auf der beschlagenen Windschutzscheibe ein kleines Guckfenster frei.
»Welche Kultur erwartet mich denn diesmal?«
»Die Angelsächsische.« antwortete Frau Bremer und grinste. »Nichts geht über einen heißen Earl Grey bei diesem Wetter.« Sie fuhren schweigend die lang gestreckte Brücke entlang, die sie als Kind für die größte Brücke der Welt gehalten hatte, bis sie mit ihren Eltern in Hamburg über die Köhlbrandbrücke - und später einmal, bei einem der seltenen Aufenthalte bei ihrem Vater in Kalifornien, über die Golden Gate Bridge - gefahren war.
Ruth sah in Richtung Stadt. Sie sah zu St. Johannis und den Wasserturm in dessen Nähe Selina gestorben war. Unvermittelt begann sie zu schluchzen.
Nicht fair, dachte sie. Mühsam kämpfte sie gegen sie Tränen, die ihr nur noch mehr bewusst machten, dass sie selbst lebendig und Selina eben genau das nicht mehr war. All ihr geschlucktes Leid der letzten Tage quoll aus ihr hervor. Frau Bremer sah kurz zu ihr rüber und hielt abrupt am Ende der Brücke an, ohne besonders auf den restlichen Verkehr zu achten. Sie zog die Handbremse und machte den Motor aus.
Ein Wagen hinter ihnen begann wütend zu hupen, um dann zu überholen. Frau Bremer verfluchte ihn lautstark und zeigte dem davon rasenden Wagen ihren Mittelfinger. Dann wandte sie sich zu Ruth und nahm sie in den Arm. Ruth wimmerte.
»Es ist gut, mein Kind. Alles wird gut.« Frau Bremer wiegte sie wie ein kleines Mädchen, dass einen bösen Traum gehabt hatte. Nach ein paar Minuten ging es Ruth besser. Sie wischte sich die Tränen aus den Augen. »Verzeihung.« sagte sie leise.
»Nein.« sagte Frau Bremer in einem etwas zu scharfem Ton. »Ich muss mich entschuldigen. Ich muss ihnen etwas erzählen. Ich habe schon viel zu lang damit gewartet.« Sie sah Ruth nicht in die Augen, spürte aber ihren fragenden Blick. Ihre schmalgliedrigen Finger umfassten das Lenkrad. »Ich werde sie jetzt zu Hause absetzen. Ich muss Zuhause etwas suchen und würde danach dann damit zu ihnen kommen.«
»Ich... ich weiß, nicht ... Ich …«
»Es ist wichtig.« sagte Frau Bremer nachdrücklich »Wirklich wichtig.« sagte Frau Bremer. Ruth schluckte.
»In Ordnung.« Frau Bremer ließ den Motor an. Der Volkswagen setzte mit seinem beruhigenden Tuckern die Fahrt fort. Hoffentlich ist es nicht zu spät, dachte Frau Bremer noch bei sich. Sie dachte an die Tote Selina. Und in ihrem Hals bildete sich eine Klos.
Für sie und den Jungen ist es bereits zu spät. Aber noch nicht, um es noch aufzuhalten. Nein. Dafür nicht.


Marie erwachte von einem stechenden Schmerz an ihrem linken Oberarm. Sie drehte den Kopf, öffnete die Augen und sah Diana. Sie hatte sich über ihre linke Schulter gebeugt und tätowierte ihr offenbar etwas auf den Oberarm. Diana bemerkte, dass Marie wach war, lächelte sie an und wandte sich dann wieder konzentriert Maries Arm zu. Sie summte dabei ein Lied.
»Was …«, begann Marie krächzend. Mehr bekam sich nicht heraus. Ihre Kehle war immer noch vollkommen ausgetrocknet. 
Diana beachtete sie nicht weiter, sondern führte konzentriert ihre Arbeit fort: »Gleich fertig.« sagte sie nur.
Marie wollte sich bewegen. Doch es gelang ihr nicht. Sie war auf einer metallenen Liege festgeschnallt.
»Nicht!« mahnte Diana. Für einen erneuten Versuch fehlte Marie sowieso die Kraft. Sie drehte vorsichtig den Kopf. Die kahlen Wände aus Beton. Altmodische Lampen an der Decke.
»Wo sind wir?«
Diana antwortete nicht darauf. Dann legte sie die Tätowiernadel beiseite. »So. Fertig. Möchtest su mal sehen?«
»Warum bin ich hier? Warum hast su mich gefesselt?« Plötzlich fiel ihr wieder ein, was geschehen war. Der Mann mit dem Blasrohr. Der Schmerz an ihrem Hals und dann ... Nichts. »Ein Junge. Er hat mich betäubt.«
»Gunther.«, erklärte Diana, »Du wirst ihn noch kennen lernen.« Sie hielt einen kleinen Spiegel hoch. Darin konnte Marie die Tätowierung erkennen. Es war die Gleiche, die auch Diana trug. Der indianische Wolfskopf. Marie begann zu weinen. Ihre Geliebte musste verrückt geworden sein. Oder schlimmer. Vielleicht war sie selbst verrückt geworden. Das konnte doch nicht alles wirklich passieren.
»Nicht weinen. Gefällt es dir nicht?«
»Diana, mach mich los, bitte.«
»Das geht noch nicht mein Liebling. Es ist nur zu deinem eigenen Schutz.«
»Du lügst.« flüsterte Marie.
»Wieso sagst du das?««fragte Diana.
Ja, dachte Marie, Warum war sie sich so sicher dass Diana sie belog.
»Ich kann riechen, dass du lügst.« Und das war die Wahrheit. Diana war in einen schweren Geruch gehüllt, der nach verrottendem Kohl stank. Lüge riecht nach Sauerkraut, dachte sie. Diana taxierte Marie. Dann nickte sie.
»Deine Sinne erweitern sich schnell. Du hast Recht. Ich habe gelogen. Du bist gefesselt damit wir sicher vor dir sind.« Sie holte einen Druckluftinjektor hervor. Die silberne Spitze wirkte auf Marie bedrohlich.
»Du musst wieder ein bisschen schlafen. Bald erkläre ich dir alles.«
»Diana, Nein, bitte.« Wieder spürte Marie einen Stich an ihrem Hals - dann nichts mehr.


Eine Stunde und drei Minuten, nachdem sie Ruth abgesetzt hatte, klopfte Frau Bremer wieder an ihre Wohnungstür. Ruth ließ sie herein. Unter ihrem Wintermantel holte sie eine lederne, abgewetzte Dokumentenmappe hervor. Frau Bremer schnupperte und roch den Tee, den Ruth gemacht hatte.
»Oh, Earl Grey.« Ruth zuckte mit den Achseln.
»Hatte ich eine Wahl?« Frau Bremer tätschelte Ruth die Wange. »Eigentlich nicht, mein Kind.«
Sie gingen ins Esszimmer. Auf dem Esstisch breitete Frau Bremer den Inhalt der Dokumentenmappe aus. Die zahlreichen Dokumente und Fotografien nahmen fast den ganzen Tisch ein und bildeten einen dichten Teppich. Ruth studierte die Bilder. Männer in Uniformen waren darauf zu erkennen. SS-Uniformen. An einen der Männer konnte sich Ruth noch dunkel aus ihrem Geschichtsunterricht erinnern.
»Das ist Himmler.« sagte Ruth und deutete auf einen Mann mit Nickelbrille.
»Richtig. Das ist Heinrich Himmler, Reichsführer der SS. Auf ihn komme ich gleich.«
»Was ist das alles für Material?«
»Wissen sie, ich habe seit Jahren vor, endlich meinen Doktor in Geschichte zu machen.«
»Was ist das Thema?«
»Hexenverfolgung in Deutschland.« Ruth konnte nicht anders, als zu lächeln.
»Irgendwie hätte ich mir das denken können.« Sie betrachtete wieder die Bilder und alten Schriftstücke.
»Aber was hat ihre Promotion über Hexen mit diesem Heinrich Himmler zu tun?«
»Haben sie schon mal etwas von dem so genannten ›H-Sonderauftrag‹ der SS gehört?« Ruth schüttelte mit dem Kopf.
»Nein. Hat das was mit dem Holocaust zu tun?«
»Indirekt schon. 1935 betraute Himmler seinen wichtigsten Mitarbeiter, Reinhard Heydrich mit einem bestimmten Sonderauftrag. Er sollte Nachforschungen über die Verfolgung von Hexen in Deutschland anstellen. Daraufhin forschte unter Heydrichs Leitung ein 15köpfiges Team neun Jahre lang in ganz Deutschland nach Aufzeichnungen und Akten über die Hexenprozesse.«
»Warum interessierte sich Himmler so dafür?«
»Heinrich Himmler war vom Okkulten besessen. Mehr noch als Hitler selbst. Er glaubte daran, dass die mittelalterlichen Hexen uralte, angeblich germanische Riten vollzogen hatten. Deshalb wurden sie angeblich vom Christen- und Judentum systematisch unterdrückt und ausgerottet.«
»Und so etwas haben Menschen wirklich geglaubt?!«
»Und Himmlers Ziele waren nicht nur okkulter, sondern auch handfester politischer Natur. Hätte er Beweise für seine Theorie einer jüdisch-christlichen Verschwörung gegen die germanischen Frauen gefunden, die natürlich vollkommen haltlos war, dann hätte er das wunderbar als ein weiteren Mosaikstein in dem wahnwitzigen Ideengerüst der Nationalsozialisten von der Endlösung verwenden können.«
»Mein Gott«, flüsterte Ruth.
»Tausende von Akten über Hexenprozesse wurden so von der SS in Himmlers Auftrag archiviert. Eine Kopie dieses Archivs befindet sich in Frankfurt am Main und ist für jedermann einsehbar. Und dort bin ich auch zufällig auf einen Hinweis gestoßen, der auf einen weiteren Sonderauftrag der SS hindeutet.«
»Also schön. Die Nazis forschten auf Grund ihrer verqueren Logik nach Hexen. Aber ich verstehe aber immer noch nicht, wohin das führt, und was das mit... mit den Morden an Selina und dem Jungen zu tun hat.«
»Nun, ich habe entdeckt, dass von Himmler persönlich ein weiterer, streng geheimer Sonderauftrag ins Leben gerufen wurde. Der F-Sonderauftrag.«
»Und dieses ›F‹ steht für was?«
»Fenrir.« sagte Frau Bremer. Der Begriff sagte Ruth nichts.
»Das Wort Fenrir benennt ein germanisches Monstrum, dass zum Ende der Welt beiträgt.« Ruth musste über die Ernsthaftigkeit in Frau Bremers Stimme kichern. Sie hielt sich die Hand vor den Mund
»Tut mir leid. Ich kann nicht anders.«
»Hören Sie einfach weiter zu, okay?« Ruth errötete.
»Entschuldigung. Natürlich.« Frau Bremer hatte sich rührend um Ruth gekümmert. Das Mindeste war, ihr weiter zuzuhören - ob sie nun vom Ende der Welt reden wollte, oder von was auch immer. Aber schon bei Frau Bremers nächsten Satz verwandelte sich Ruths mitleidige Geduld in echtes Interesse:
»Fenrir war ein äußerst gewaltiges und mächtiges Wesen - in der Gestalt eines Wolfes.«
»Oh.«, sagte Ruth überrascht. Langsam dämmerte ihr, worauf Frau Bremer mit ihrem Vortrag über germanische Mythen hinauswollte.
»Der Sage nach prophezeiten die Nornen, dass der Fenriswolf dem Göttervater Odin dereinst den Tod bringen werde. Damit wäre Ragnarök, das Weltenende gekommen und die Welt wird in einem Zeitalter der Axt, des Schwertes, des Windes und schließlich des Wolfes untergehen.« Ruth betrachtete die Bilder der selbsternannten Herrenmenschen.
Axt, Schwert, Wind und Wolf. Die Worte ließen sie frösteln.
»Was passiert nach dem Ende der Welt?« fragte sie Frau Bremer.
»Nun, wie in jedem Mythos gibt es auch in diesem einen Neubeginn. Wenn Odin von dem Fenriswolf besiegt worden ist, dann wird einer der Söhne des Odin, Widar, den Tod seines Vaters rächen und den Wolf bezwingen.«
»Wie?«
Entweder durch den Stahl, also mit einem Schwert, oder indem Widar seinen schuhbewerten Fuß auf den Unterkiefer des Wolfes setzt und den Oberkiefer des Wolfes nach oben wegbricht.« Ruth verzog angewidert das Gesicht.
Zu Ruth Erstaunen hatten sich Frau Bremers Augen mit Tränen gefüllt.
»Was haben sie?« Ruth wollte sich ihr nähern, doch Frau Bremer fuhr zurück. »Nichts... Alles. Bitte lassen sie das zu Ende bringen.«
Ruth setzte sich aufs Sofa. Frau Bremer stand schniefend vor ihr.
»Wo war ich?«
»Der Sohn Odins.«
»Genau. Widar. Als ich in einer Außenstelle des Bundesarchivs in Frankfurt für meine Doktorarbeit recherchierte habe, stieß ich auf einem der Karteiblätter des H-Sonderauftrages auf einen handschriftlichen Verweis zum F-Sonderauftrag und einem Hinweis der eine Verbindung dieses Sonderauftrags zu dem Widar-Orden andeutet.«
»Was ist dieser Widar-Orden nun schon wieder?«
»1934 mietete Heinrich Himmler die Wewelsburg bei Paderborn an. Er wollte sie zur Ordensburg der SS machen. Heute würde man diese Institution wohl als eine Art ›Think Tank‹ für die Erforschung des Okkulten bezeichnen. Himmler wählte die Wewelsburg als Sitz für diese Schule auf Anraten von Karl Maria Willigut, seinem Berater in Fragen des Spiritismus. In den Dreißigern hatte dieser Wiligut unter einem Pseudonym zahlreiche verquere Abhandlungen verfasst. Raten Sie mal, was für ein Pseudonym er benutzt hatte?« Ruth schwirrte der Kopf. »Widar?« riet sie.
»Ganz genau. Er nannte sich Jarl Widar. Der Punkt ist nun, dass dieser Wiligut/Widar, der übrigens in einigen Schriften als Himmlers Rasputin bezeichnet wird, verschiedene Orden auf der Wewelsburg ins Leben rief. Für ihn war die Burg ein ganz besonderer Ort.«
»Warum?« fragte Ruth.
»Man weiß es nicht ganz genau. Aber Wiligut sah in ihr einen Ort, den er zum Mittelpunkt des tausendjährigen Reiches machen wollte. Auf jeden Fall passte die Burg Himmler ins Konzept, da dort noch im 17. Jahrhundert, im so genannten Hexenkeller, angebliche Hexen und Werwölfe inhaftiert worden sind.«
»Sagten Sie Werwölfe?«
»Ein Viertel der wegen Hexerei Beschuldigten waren Männer. Sie wurden oftmals beschuldigt als Werwölfe Vieh und kleine Kinder gerissen zu haben. Lassen Sie mich Ihnen etwas zeigen.« Frau Bremer zog ein altes, durch die Zeit gelb gewordenes Karteiblatt aus dem Wust von Dokumenten hervor. Ruth wollte danach greifen, aber Frau Bremer hielt sich das Blatt vor ihre Brust.
»Warten Sie. Bevor ich Ihnen das zeige, muss ich Ihnen noch etwas beichten.« Frau Bremer atmete einmal tief ein und aus. Sie hatte sich das hier etwas einfacher ausgemalt.
»Ich habe nicht ganz die Wahrheit gesagt, als sie mich über Diana Körbers Tätowierung befragt haben.«
»Ich verstehe nicht …« entgegnete Ruth. Frau Bremer reichte ihr schweigend das Blatt. Es musste sich um ein Original aus dem Archiv des H-Sonderauftrags handeln. Das Papier war alt und schwer und roch nach altem Keller.
Sie hat es wohl mitgehen lassen, stellte die Polizistin in ihr fest. Das Karteiblatt beschrieb den Fall eines jungen Mannes, der 1512 in einem fränkischen Dorf der Hexerei als Werwolf bezichtigt und verurteilt worden war.
»Was ist damit?« fragte Ruth verwirrt. Frau Bremers Finger tippte auf den Rand des Blattes. Dort war etwas, ganz klein, mit einem dünnen Graphitstift hingekritzelt worden:

Diese Notiz bestätigte all das, was Frau Bremer eben so ausführlich erläutert hatte. Jemand stuften diesen beschriebenen Fall für den ›F-SA‹ als interessant ein. Diese Abkürzung stand wohl für Fenrir-Sonderauftrag. Und das mit einem Fragezeichen versehene Wort ›Widar‹ ließ die Vermutung zu, dass dieser Wiligut - oder dieser Widar-Orden sich ebenfalls für diesen Fall interessieren durfte. Doch was war das für ein Symbol am äußersten rechten Rand der Notiz?
Es war das gleiche Symbol, was sich Diana Körber auf ihre linke Schulter hatte tätowieren lassen!
»Was hat das zu bedeuten?« fragte sie tonlos.
»Ich weiß es nicht. Ich weiß nur eines …« Langsam schob Frau Bremer den linken Ärmel ihres Wollpullovers herauf und streckte Ruth ihre nackten Oberarm entgegen. Dort hatte Frau Bremer eine Tätowierung. Sie war blass und gedehnt, aber Ruth erkannte das Symbol sofort. Es war das Gleiche wie auf der Karteikarte und auf dem Oberarm von Diana Körber.


Robert Althen schaute hinaus aus dem kleinen Fensters der Gulfstream V. Unter ihm erstreckte sich das graue, ruhige Meer der Wolkendecke, dass die chaotische Unruhe des Atlantiks unter sich verbarg. Blitze zuckten in der Ferne auf. Flakfeuer der Natur. Hoch droben prangte die Sichel des zunehmenden Mondes. Die Wirkung seiner Herrin war noch schwach. Doch sie wurde mit jedem Tag wieder stärker. Das Timing war nicht perfekt. Aber seine Kräfte würden den Anforderungen genügen.
So wie immer. Aber die Erfahrung hatte ihm auch gelehrt, den Gegner niemals zu unterschätzen. Mit Stuart Marx war es einfach gewesen. Ein Mann wie ihn musste man nur anpusten, damit er umfiel. Doch die Akte über seine Tochter ließ auf ein ganz anderes Kaliber schließen. Seit er von San Francisco gestartet war, hatte er versucht sich ein Bild über die deutsche Polizistin zu machen.
Er betrachtete das Foto in ihrer Akte. Es stammte wohl aus ihrem Dienstausweis. Ruth Marx wirkte darauf ernst und professionell. Durch zu wenig Schminke versuchte sie klarzustellen, dass sie diesen Job nicht wegen ihrer überdurchschnittlichen Attraktivität erhalten hatte. Ihr Mund trug einen harten Zug. Ihre grünen Augen wirkten auf dem Foto flach und blass, doch sie zeigten genug von der dahinter lodernden Intelligenz ihrer Besitzerin. Althen fielen spontan drei Frauen seiner Vergangenheit ein, die schöner und aufregender aussahen. Doch sie waren bestimmt bei weitem nicht so interessant gewesen, wie das Gesicht dieser Streifenpolizistin aus dem kleinen, deutschen Kaff mit Namen Lüneburg.
»Lüneburg.«, flüsterte er. Althen hätte nie gedacht, dass er den Namen dieses Ortes jemals wieder aussprechen - geschweige denn dorthin je zurückkehren würde. Wie lange war es jetzt her?
Eine Ewigkeit. Manche Menschen hatten nicht einmal das Geschenk einer solch langen Lebensspanne. Ruth Marx zum Beispiel.
Der Befehl seiner Auftraggeber war klar. Stuart Marx hatte zu wenig Informationen, um eine ernsthafte Bedrohung zu sein. Doch seine Tochter Ruth Marx war im Begriff den Aktivitäten von Diana Körber auf die Schliche gekommen. Deshalb sollte er nun Ruth Marx einen Besuch abstatten.
Mit seinem Finger strich er auf der Fotografie die Linien ihrer Wangen nach. Wie gern würde er mit ihr in einen echten Clinch gehen. Sie hatte das Potential einer würdigen Gegnerin. Da war er sich ganz sicher.
Er klappte die Akte zu und nahm einen Schluck von seinem Drink.


Frau Bremers Gesicht hatte sich verändert. Einerseits erschien es Ruth, dass sie binnen Minuten um zehn Jahre gealtert war, andererseits waren ihre Züge weicher und kindlicher geworden. Gedankenverloren bedeckte sie die Tätowierung wieder mit ihrem Ärmel.
Sie starrte immer noch darauf als Frau Bremer langsam, stockend und mit ihrer so angenehmen, leisen Stimme begann von Dingen zu berichten, die sie seit sechs Jahrzehnten in ihrem Innern verborgen gehalten hatte.
»Ich bin eine Kriegswaise. Als mich meine späteren Adoptiveltern fanden, lief ich apathisch über eines ihrer Felder. Sie vermuteten, dass ich von einem Flüchtlingstreck stammte, der von den Engländern oder Amerikanern beschossen worden war, und ich den Angriff irgendwie überlebt hatte. Mein Zustand deutete zumindest darauf hin, dass ich seit Tagen durch die Heide gewandert sein musste. Sie schätzten mich auf etwa vier Jahre. Das einzige was ich mit mir trug, war die Tätowierung und dies hier.« Sie schob den Kragen ihres Pullovers herunter. Ruth erkannte ein steinernes Amulett in Form eines Pentagramms.
»Wegen der Tätowierung vermuteten meine Eltern, dass ich möglicherweise aus einem KZ entkommen bin. Aber da ich blond und blauäugig bin, wurde diese Möglichkeit schnell wieder verworfen. Ich wurde aufgenommen, bekam zu Essen und meine Pflegemutter nähte mir hübsche Kleider aus Gardinen oder Vorhängen. Sie überdeckten immer meine Tätowierung.
Irgendwann war es einfach so etwas, wie ein lästiges Feuermal oder ein Narbe. Es wurde nicht mehr darüber gesprochen. Mein Geburtstag wurde an dem Tag gefeiert, als ich von meinen Eltern gefunden worden war - der 16. Mai 1945.«
»Eine Woche nach Kriegsende«, bemerkte Ruth. Das war eines der wenigen Daten, die Ruth aus ihrem Schulunterricht noch wusste.
»So wuchs ich als Frauke Bremer auf. Als ich erwachsen war, fragte ich meine Eltern aus, woher die Tätowierung stammte. Ich wusste nicht mehr, dass sie mich aufgenommen hatten. Als ich schließlich davon erfuhr, nahm ich meine Tätowierung als Ausgang meiner Suche.
Jahrelang  habe ich versucht zu ergründen, wer mir als kleines Kind von vier Jahren diesen Wolfskopf tätowiert hat, und wofür er steht. Während meines Studiums in Berlin fand ich es schließlich heraus. Es ist das Symbol von Himmlers geheimsten SS-Ordens: Widar. Ich wusste nun, dass meine Tätowierung also irgendetwas mit der SS zu tun hatte.« Ihre Augen wurden trauriger.
»Ich hatte etwas mit der SS zu tun. Ich wusste nicht was, aber obwohl es unmöglich war, dass ich mit ihren Gräueltaten etwas zu tun haben konnte, hasste ich mich von da an.« Ruth wusste nicht was sie sagen sollte. Frau Bremer fuhr fort.
»Ich arbeitete damals als Lehrerin in Berlin. Das war auch die Zeit in der ich mit der RAF zu sympathisieren begann. Doch als die ersten Bomben im KDW explodierten stieg ich aus. Ich wollte das Grauen und die Unordnung in mir nicht nur durch eine Andere ersetzen. Doch meine Verbindungen in die Szene reichten, um mich im Rahmen der Raster-Fahndung nach den RAF Terroristen vom Schuldienst auszuschließen. So kehrte ich nach Lüneburg zurück, und machte das Hexenhaus auf.« Frau Bremer nahm einen großen Schluck von ihrem Tee.
Ruth versuchte ihre unterschiedlichen Eindrücke über diese unbekannte Seite von Frau Bremer zu ordnen.
»Ich hatte ja keine Ahnung« sagte Ruth und tätschelte Frau Bremer die Hand. Diese zeigte wieder ihr verschmitztes Lächeln.
»Niemand hat eine. Sie sind der erste Mensch seit einer sehr langen Zeit dem ich davon erzählt habe.« Ruth schwieg. Frau Bremer fuhr fort:
»All die Jahre dachte ich, ich sei die Einzige mit diesem Mal des Bösen. Können sie sich meine Überraschung vorstellen, als ich auf ihrem Bild von Diana Körbers Arm die gleiche Tätowierung sah, von der ich annahm, ich sei die Einzige, die es trug?«
»Natürlich.« sagte Ruth. »Aber die Frage ist doch, was es bedeutet es, dass Diana Körber dieses Symbol eines SS Ordens trägt?«
»Was ich über diesen Widar-Orden in Erfahrung bringen konnte, stellt sich so dar: Er wurde nur zu einem einzigen, perfiden Zweck gegründet. Falls die Welt, wie in dem germanischen Mythos untergehen sollte, würde Widar zur Stelle sein und den  Fenriswolfes bezwingen. Aber der Widar-Orden wollte, dass dies nicht länger ein Mythos blieb. Sie wollten diesen Mythos Realität werden lassen.«
Ruth schüttelte »Unmöglich.«
»Und wenn es nun doch so war? Wenn der Orden versucht hat, Menschen in Werwölfe zu verwandeln?«
»Würde dass nicht bedeuten, dass sie selbst ein Werwolf sind?«
»Richtig. Aber ich bin kein Werwolf. Was immer man mit mir damals getan hat, es hat mich nicht zu dem gemacht, was vermutlich Diana Körber ist, und was sie an ihre Freundin Marie weitergegeben hat.«
»Wenn sie wirklich glauben, dass sie irgendwie in die Machenschaften dieses Widar-Ordens verstrickt sind, warum sind Sie dann in der Lüneburger Heide gefunden worden und nicht auf der Wewelsburg?«
»Vermutlich, weil der Initiator des Ordens und Leiter des F-Sonderautrages hier in Lüneburg gestorben ist.«
»Was?« fragte Ruth entgeistert. Frau Bremer nickte grimmig.
»Es stimmt. Heinrich Himmler hat hier in Lüneburg Selbstmord begangen, als er in britische Gefangenschaft geriet. Was bringt man den Menschen in der Schule eigentlich bei?«
Ruth biss sich nachdenklich auf die Unterlippe. Himmler starb hier in Lüneburg. Frau Bremer wird als kleines Mädchen in der Nähe der Stadt gefunden. Das Puzzle begann sich unheilvoll zusammenzufügen. Doch das Gesamtbild war noch unklar.
»Wo ist Himmler gestorben?«
»Wie ich sagte, hier in Lüneburg.«
»Nein, ich meine, kennen Sie den Ort in der Stadt, wo er den Selbstmord verübt hat?«
»Warten sie.« Sie ging zu dem Papierwust und wühlte darin herum, bis sie zu einem Zettel mit weiteren Notizen stieß.
»Hier ist es.« Eines der Häuser in der Uelzener Straße ist von den Briten beschlagnahmt und als provisorisches Hauptquartier verwandt worden.« Ruths Herzschlag setzte einen Moment aus.
»Heinrich Himmler, der Reichsführer der SS hat sich in Lüneburg ausgerechnet in der Uelzener Straße umgebracht?«
»Ja.«
»Wissen sie in welchem Haus?« Ruth versuchte gleichmäßig zu atmen.
»Moment. Hier steht es. Uelzener Straße Nummer … 31.« Sie ließ das Blatt aus den Händen gleiten. Es segelte zu Boden.
»Ich war so blind.« flüsterte sie.
»Das Haus von Marie.« sagte Ruth. »Sie hat es geerbt.«
Ob Marie die Geschichte des Hauses kannte. Ruth glaubte das nicht. Das Haus war schon lang im Besitz von Maries Eltern gewesen. Aber die Indizien sprachen eine deutliche Sprache. Dieses Haus hatte irgendetwas mit dieser Sache zu tun. Ruths Körper zitterte. Marie, Leonie und sie hatten dort gelebt. In demselben Haus, in dem sich eines der größten Monster der Geschichte sich aus dem Leben gestohlen hatte.
»Das ist noch etwas«, sagte Frau Bremer, »Vor einer Woche  bin ich dort gewesen.«
»Bei Marie?«
»Ich wollte Ihnen das alles schon damals erzählen. Aber ich konnte nicht. Sie waren so sehr und ich …«
»Was haben sie gefunden?«
Frau Bremer öffnete die Schublade und holte den Umschlag eines Foto-Schnellservice hervor.
Darin waren Fotos. Eines nach dem anderen legte sie vor Ruth auf den Tisch.
Die Bilder zeigten Spuren im Schnee. Pfotenabdrücke. Doch von Bild zu Bild veränderte sich die Form der Spuren. Sie wurden menschlicher.
Bei dem Anblick der Fotos erging es Ruth wie zuvor Frau Bremer: Plötzlich wurde alles irgendwie fassbarer. Woran Ruth in ihrem Innersten noch vor einer Sekunde nicht hatte glauben wollen, wirkte nun wesentlich realer.
Sie stand plötzlich auf, nahm ihre Jacke, streifte sie hastig über und ging zur Tür.
»Was haben sie vor?« fragte Frau Bremer.


Die Pistole lag in einer Schachtel auf dem obersten Regal der kleinen Besenkammer im Flur. 
Es war eine 9mm Heckler&Koch USP. Als Selina noch anschaffen ging hatte sie diese Waffe als ihre persönliche ›Arbeitsschutzmaßnahme‹ bezeichnet. Zudem hatte sie als halbe Amerikanerin eine etwas andere Einstellung zu Waffen. Ruth hatte nie genau nachgefragt, woher sie die Waffe hatte. Die Seriennummer war weggefeilt. Ruth hatte sie Selina abgenommen, als sie zusammen gekommen waren.
Nun nahm Ruth die kantige Waffe in die Hand. Sie war schwer und roch nach öligem Metall. Ruth prüfte sie fachmännisch und bestückte sie mit einem vollen Magazin.
»Das ist wirklich keine gute Idee, Kindchen« sagte Frau Bremer. 
»Ich finde, schon.« entgegnete Ruth knapp. Sie wollte sich an der alten Frau vorbeischieben, aber Frau Bremer stellte sich ihr in den Weg.
»Tragen sie den Talisman noch?« Ruth hielt inne.
»Ich habe ihn Selina zurückgegeben.« bemerkte sie knapp und fuhr fort, sich anzuziehen.
»Sie haben was?«
»Ich habe ihn Selina überlassen. Er ist mit ihr begraben worden.«
»Mein Gott, das ist ihr einziger Schutz! Wir ... Wir müssen ihn wieder ausgraben!«
»Sind sie übergeschnappt?!«
»Sie begreifen nicht! Sie können einen Werwolf nicht mit einer einfachen Kugel zur Strecke bringen! Der Runen-Talisman hingegen ist ein gewaltiger Schutz vor bösen Mächten. Sie werfen ihre schusssichere Weste doch auch nicht weg, bevor sie sich eine Schießerei mit einem Verbrecher liefern!«
Ruth spürte, wie sie die Geduld verlor.
»Warum geben sie mir nicht einfach einen Neuen?« Frau Bremer warf wütend die Hände in die Luft.
»Das funktioniert so nicht. Liebe ist die stärkste Form Weißer Magie. Selina hat diesen Talisman mit ihrer Liebe zu ihnen aufgeladen und ihn dann an sie zu ihren Schutz übergeben. Nichts auf dieser Welt könnte ihnen vor der Magie eines Werwolfs einen besseren Schutz bieten.«
Ruth versuchte ruhig zu bleiben. Es gelang ihr nur bedingt:
»Ich werde für so einen Scheiß Talisman Selina nicht exhumieren lassen!«
»In Ordnung, okay. Beruhigen sie sich, und wir überlegen in aller Ruhe, was für Alternativen wir haben.« Ruth schüttelte den Kopf.
»Nein.« Sie lud die Pistole durch, damit sich eine Kugel schussbereit im Lauf befand. Sie sah Frau Bremer, die ihr immer noch den Weg versperrte, an.
»Ich sage das nur einmal: Gehen sie mir ... aus dem Weg.«
»Tun sie es nicht.« bat Frau Bremer. »Sie wird sie in Stücke reissen!« Doch sie wagte nicht Ruth aufzuhalten. Sie trat beiseite. Wortlos ging Ruth an ihr vorbei die Treppe hinunter.


Ruth stand in dem Dunkel von Maries Garten. Noch auf der Fahrt hierher war ihre Wut grenzenlos gewesen. Sie wollte töten. Sie wollte diejenigen bestrafen, die ihr soviel genommen hatten.
Die Spuren des Werwolfs waren durch den Neuschnee verschwunden. Sie suchte nach der Schildkröte mit dem Schlüssel. Sie fand sie, aber der Schlüssel für das Haus war nicht mehr darin.
Aber Ruth hatte genügend Einbrüche in ihrem Leben aufgenommen, um sich von einem fehlenden Schlüssel abhalten zu lassen. Es war für sie ein leichtes, die Terrassentür mit einem Schraubenzieher aus dem Werkzeugkasten ihres Wagens aufzuhebeln.
Im Innern des Hauses war alles ruhig. Die Pistole und eine kleine Maglite vor sich haltend, durchsuchte sie rasch und routiniert das untere Stockwerk. Doch außer einem zerbrochenem Teller in der Küche fand Ruth nichts Ungewöhnliches. Mit großer Vorsicht ging sie dann die Treppe zum erste Stock hinauf. Eine der Stufen knarrte. Ruth erstarrte und lauschte. Kein Laut. Kein Werwolf mit blitzenden Reißzähnen sprang sie an.
Oben angelangt inspizierte sie das Schlafzimmer. Das Bett war nicht gemacht. Im Badezimmer neben dem Schlafzimmer war in der Dusche das Wasser nicht vollständig abgeflossen. Der Grund war eine große Menge Haare im Abfluss.
Schnell durchsuchte sie die weiteren Räume im oberen Geschoß, fand aber Nichts. Schließlich sicherte sie ihre Waffe und steckte sie weg. Marie und Diana hatten das Haus verlassen.
Sie ging hinunter. Eine Tür hatte sie bei der Durchsuchung ausgelassen. Leonies altes Kinderzimmer. Ruth schluckte.
Vorsichtig öffnete sie Tür. Sie blieb einen Moment im Türrahmen stehen, doch es widerstrebte ihr das Zimmer zu betreten. Sie sah die zugedeckten, kleinen Möbel und spürte einen Stich in ihrem Herz. Das schwache Licht der Laternen im Park fiel durch die ungeputzten Scheiben.
Ihr Blick fiel auf eine zerkratzte Stelle am Fuß der Wand, unter dem Schreibtisch. Sie leuchtete mit der Maglite an die Stelle und hockte sich vor den kleinen Schreibtisch, um die beschädigte Fußleiste zu begutachten. Darunter war ein Streifen des Teppichs zerrissen und dann notdürftig wieder so drapiert worden, dass der um entstandene Schaden kaschiert wurde. Ruth klappte den Teppichfetzen um und legte ein dunkles Dielenbrett frei. Sie rüttelte daran. Es war lose. Sie klemmte sich die Maglite zwischen die Zähne. Nun hatte sie beide Hände frei und es gelang ihr das Dielenbrett anzuheben. Darunter war eine kleine Ausbuchtung.
Ruth griff hinein.
Sie war leer.


Frau Bremer schloss die Tür ihres Ladens hinter sich und sperrte dann ab. Sie kannte ihn in und auswendig und fand im Dunkeln zielstrebig den kleinen Verkaufstresen. Sie griff über die schmale Theke und ertaste die Flasche Rum, die sie jetzt im Winter immer dort stehen hatte, um ihren Tee ab und zu ein wenig ›aufzuwerten‹, wie es ein guter Freund von ihr einmal formuliert hatte. Sie nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche zu sich nahm und fühlte sich gleich besser.
Sie machte sich selbst schwere Vorwürfe. Sie hatte Ruth zuviel zugemutet. Sie selbst hatte Jahre gebraucht, um an die Existenz echter Magie, an Geister und Werwölfe zu glauben. Und Ruth hatte sie zugemutet, dies in wenigen Stunden zu akzeptieren.
Ich hatte keine Wahl. Es war irgendwie seltsam die Last des Wissens um ihr Mal jemanden anvertraut zu haben. Dennoch. Dies war nur der erste Schritt gewesen. Es gab jetzt noch viel zu tun. Sie stopfte wieder den Korken auf die Flasche und stellte sie wieder an ihren Platz. Mit der wärmenden Kugel des Alkohol in ihrem Bauch dachte sie darüber nach, ob es klug gewesen war zuzulassen, dass Ruth zu Maries Haus gefahren war. Nein. Klug war es nicht gewesen.
Aber Ruth hatte ihr keine andere Wahl gelassen.
Vielleicht sollte sie ihr folgen. Doch was würde das nützen? Ohne den Talisman waren sie beide ohne Schutz gegen die Magie des Werwolfs. Sie mussten den Talisman wieder ausgraben. Eine andere Möglichkeit gab es nicht.
Plötzlich erklang eines der kleinen Windspiele am Eingang.
»Hallo?« fragte Frau Bremer in das Dunkel. Sie versuchte das Licht anzuknipsen. Doch scheinbar war die Lampe kaputt. Sie ging zur Ladentür. Erst jetzt fielen ihr die tiefen Kratzer am Schloss auf. Sie wirkten wie Spuren von ...
»Krallen«, flüsterte sie atemlos.
»Hallo.« sagte eine samtige Stimme hinter ihr. Frau Bremer wirbelte herum. Vor ihr im Dunkel stand eine hochgewachsene, blonde Frau. Sie war nackt. Ihre Augen leuchteten gelblich wie die Scheinwerfer eines französischen Automobils. Sie war berückend schön.
»Großmutter, warum machst Du so große, Augen?« fragte die schöne Frau spöttisch.
»Frau Körber, vermutete ich.« sagte Frau Bremer so ruhig wie möglich. Diana Körber lächelte. Sei begann in den Regalen zu stöbern, als tätigte sie immer ihre Einkäufe in geschlossenen Läden, mitten in der Nacht ... und ohne Kleidung.
»Einen hübschen Laden haben sie hier.« sagte sie bewundernd.
»Oh, danke sehr.« Frau Bremer schluckte. »Ist Ihnen nicht kalt?«
Diana sah an sich herab, als bemerke sie erst jetzt ihre Nacktheit. »Oh, das? Das lässt sich leicht ändern.«
»Aber doch wohl nicht bei Halbmond, oder?« stellte Frau Bremer fest. Diana lächelte vielsagend.
»Richtig. Meine Herrin schenkt mir ihre ganze Aufmerksamkeit und Stärke nur in einer Nacht des Monats …«
Frau Bremer ging ganz langsam rückwärts. Schritt für Schritt auf die Ladentür zu. Diana kam langsam näher.
»Die Sache ist die. In Maries Haus habe ich eine wundervolle Entdeckung gemacht.«
Frau Bremers Finger ertasteten im Schirmständer neben der Tür einen Spazierstock, den eine Kundin einmal bei ihr vergessen und nie abgeholt hatte. Das musste genügen. Sie hatte nur einen Versuch. Sie umfasste den Stock
»Also trug Himmler bei seiner Verhaftung etwas bei sich und versteckte es im Haus, bevor er sich umbrachte.« sagte Frau Bremer. 
»Schlau«, sagte Diana und stupste ihren Zeigefinger gegen Frau Bremers Nase, »Schlau, schlau, schlau.«
Dianas Augen glühten. Frau Bremer zog den Stock hinter dem Rücken hervor, traf damit Dianas Bauch. Diese stolperte überrascht Rückwärts. Frau Bremer holte ein weiteres Mal aus und ließ den Stock auf Diana Schädel niedersausen.
Zumindest versuchte sie es.
Diana bewegte sich unheimlich schnell, hielt den Stock mit der Hand fest und zerbrach ihn dann, als wäre er nur ein Zahnstocher. Dann ließ sie sich nach vorn auf ihre Hände fallen. Noch bevor ihre Handflächen den Boden berührten, waren daraus krallenbesetzte Pfoten geworden.
Unmöglich, dachte Frau Bremer, drehte sich um, und versuchte zu fliehen. Es war kein Vollmond. Wie konnte sie sich verwandeln? Und wie konnte das so schnell geschehen? Diese Verwandlung hatte höchstens eine Sekunde gedauert.
Sie wird mich töten, dachte Frau Bremer noch, dann sprang sie der riesige Wolf an. Sie riss im Reflex ihren Arm hoch um sich zu schützen. Gewaltige Reißzähne vergruben sich darin.


Peter Ulbrich bog mit dem Streifenwagen in die Obere Schrangenstraße. Er machte sich große Sorgen um seine Chefin. Er wusste nicht genau, ob er richtig handelte, aber er wollte wenigstens versuchen für sie dazu sein.
Ein gewaltiges Scheppern vor ihm riss ihn aus seinen Gedanken. Eine Frau und ein großer Hund stürzten aus einer zerberstenden Schaufensterscheibe aufs Kopfsteinpflaster.
Soweit er das erkennen konnte, handelte es sich bei der Frau um Frau Bremer. Bei dem Hund handelte es sich um einen Wolf.
Ulbrich bremste scharf und stieg hastig aus.


 Frau Bremer war kurz weg gewesen. Als sie die Augen öffnete, bemerkte sie erstaunt, dass sie inmitten von Scherben ihres Schaufensters auf dem Kopfsteinpflaster vor ihrem Laden lag.
Diana Körber, jetzt wieder in ihrer menschlichen Gestalt, hockte bedrohlich über ihr. Ihr nackter Körper war voller dunkler Streifen, wie bei einem Tiger. Frau Bremer brauchte einen Moment um sie zu deuten.
Das ist Blut. Mein Blut, dachte Frau Bremer. Sie fühlte sich schläfrig. Grob umfasste Diana ihren Mund.
»Warum stirbst du nicht, alte Frau?« fragte sie und neigte den Kopf.
Bevor Frau Bremer etwas antworten konnte, wurden sie  helles Licht getaucht. Es waren die Scheinwerfer eines Streifenwagens. Ein junger Polizist sprang heraus, zog seine Waffe und zielte auf Diana.
»POLIZEI! HÄNDE HOCH!«
Diana bleckte die Zähne.


Peter Ulbrich konnte nicht anders. Sein Training war ihm so in Fleisch und Blut übergegangen, dass er nicht sofort auf eine nackte, blutüberströmte Frau mit glühenden Augen schießen konnte, auch wenn sie offenbar gerade im Begriff war, eine ältere Frau bei lebendigem Leib zu zerfleischen. Die nackte Frau gab ein tiefes Knurren von sich, das Ulbrich das Blut in den Adern gefror. Seine Stimme sollte fest und kräftig wirken, kam ihm selbst aber nur lächerlich vor. 
»ICH SAGTE, HÄNDE HOCH!« Die blonde, nackte Frau grinste ihn an und hob langsam die Hände. Blut tropfte von ihren Fingern. Ehe er realisieren konnte, wie ihm geschah, verwandelte sie sich vor seinen Augen in einen riesigen Wolf.
Was zum Teufel?, dachte er noch. Dann reagierte sein Gehirn auf eine, für einen Polizisten unrühmliche, aber durchaus menschliche Weise.
Er wurde ohnmächtig und rettete damit Ruth Marx das Leben.


Ruth erreichte die Szenerie beim zweiten Ruf von Ulbrich. Sie war kurz nach ihm bei ihrer Wohnung angekommen, hatte das Scheppern von Glas und das Bremsen eines Wagen gehört und war sofort die Obere Schrangenstraße hinaufgelaufen.
Ulbrich zielte gerade auf Diana. Dann war diese plötzlich verschwunden und ihre Stelle hatte ein riesiger Wolf mit strohfarbenem Fell eingenommen.
Nein. Das beschrieb es nicht richtig. Es sah aus, als entfaltete sich der Werwolf aus der Gestalt von Diana Körber wie ein aus seinem Kokon schlüpfender, todbringender Schmetterling.
Das Monstrum machte sich zum Sprung bereit. Daraufhin brach Peter Ulbrich ohnmächtig zusammen. Er sackte zusammen wie ein Sack Kartoffeln, die Waffe immer noch in der Hand. Der Werwolf zögerte. Es war nur ein Augenblick, aber ein entscheidender für den noch folgenden Verlauf der Ereignisse.
»Hey!« rief Ruth, ohne nachzudenken. Der Werwolf fuhr herum. Ruth hatte ebenfalls das Polizeitraining absolviert. Aber im Gegensatz von Ulbrich hatte sie bereits die Tatsache akzeptiert, dass so etwas wie eine Frau, die sich von einer Sekunde auf die andere in eine reißende Bestie verwandelte existieren konnte.
Außerdem war Ruth eine Polizistin, die während ihrer ganzen Laufbahn in schwierigen Situationen immer das Problem hatte, dem Protokoll den Vorrang vor ihren Emotionen zu geben. Das zahlte sich nun aus.
Der Werwolf setzte zum Sprung an. Ruth eröffnete ohne zu Zögern das Feuer. Alle Acht Kugeln trafen das Tier im Flug, aber die letzte war die entscheidende. Sie traf genau in das rechte Auge des Untieres. Das glühend gelbe Auge erlosch wie eine Kerze, dessen Docht man mit dem nassen Fingern losch. Der Werwolf strauchelte, gab ein schmerzverzerrtes Heulen von sich, rollte sich über den Boden und sprang dann mit einem gewaltigen Satz über Ruth hinweg, davon.
Ruth lief zu Frau Bremer. Sie blutete aus zahlreichen, erschreckend tiefen Wunden am ganzen Körper und aus Mund und Nase. Eine riesiger, in der Kälte dampfender roter See hatte sich um sie gebildet. Ruth streifte sich ihre Jacke ab, entledigte sich ihrer Pullovers und presste ihn dann auf die am stärksten blutende Wunde.
»Ulbrich!« rief sie ihm zu. Der kam erst langsam wieder zu sich.
»Ulbrich! Verdammt.« Ruth kramte nach ihrem Mobiltelefon. 
»Tut mit so leid.« flüsterte Frau Bremer, ihr Atem rasselte.
»Shht. Nicht sprechen. Alles wird gut.«
»Kalt. Tut mir so leid.«
»Bitte, nicht.« Bleiben sie.« flüsterte Ruth. » Halten sie durch ... Bitte.«
Ruth schluckte die ersten kommenden Tränen hinunter.
»Kämpfen sie! Sie schaffen das! Kämpfen sie!«
»Ach Kindchen.«, murmelte Frau Bremer und schloss die Augen.


Gunther steuerte das Wohnmobil über die Landstraße. Er fühlte sich nicht wohl. Er fühlte sich ganz und gar nicht wohl. Wenn er in den dunklen Schlund vor sich blickte, ging es besser. Er durfte nur keinen Blick nicht nach rechts auf den Beifahrersitz blicken. Seine Herrin saß dort. Sie war nackt. In jeder anderen denkbaren Situation hätte ihn das Freude bereitet. Aber nicht jetzt.
Da war jetzt diese Sache mit dem Taschentuch.
Echt. Nicht gut, dass mit dem Taschentuch. Die Herrin presste es gegen ihr rechtes Auge. Es war so blutdurchtränkt, dass es schon wie ein Stück blutiges Fleisch aussah.
Das war schlimm. Aber richtig schlimm war, wie es unter dem Taschentuch aussah. Da war nämlich nichts mehr. Er hatte einen Blick von diesem Nichts erhascht. Dort, wo sich einmal eines der wunderschönen, blauen Augen der Herrin befunden hatte, klaffte nun ein hässliches Loch. Mitten in ihrem perfekten Schädel mit den hohen, slawischen Wangenknochen. Starr blickte er auf die Straße vor ihnen. Nur kein weiterer Blick in die grauenhafte Leere der Augenhöhle der Herrin. Wütend spie die Herrin aus. Feiner, roter Nebel sprühte auf das Armaturenbrett.
»Duh shagscht jah ghr nihchts« zischte die Herrin. Eine Kugel hatte ihre vorderen Zähne zertrümmert. Wieder spuckte sie aus. Diesmal waren es blutige Klumpen. Wahrscheinlich war es Hirn. Sah aus wie Vanillepudding mit roter Grütze. Ein paar Zahnsplitter steckten darin wie kleine, weiße Kokosstückchen.
»Alles Bestens.«
Sie schwiegen.
Was war nur schief gelaufen? Die Herrin hatte gesagt, dass nie etwas schief laufen konnte. Erst der Junge, den die Polizei gefunden hatte, dann die Geschichte mit dieser Schwarzen und nun die alte Frau. Mitten in der Stadt auf Jagd zu gehen! Das lief alles nicht gut. Es lief aus dem Ruder. 
Was für ein Schlamassel. Die Herrin sah Scheiße aus. Kein Chirurg auf diesem Planeten konnte so eine Verwundung wieder herstellen.
»Ahlles lhäfft nahch Phlan« sagte sie.
Nach was für einem Scheißplan? Er wagte es nicht, es laut auszusprechen. Doch dieser Plan war für den Arsch. 
Dann hörte er die Geräusche. Es erinnerte ihn an die Geräusche, wenn seine Mutter ihre leckere Füllung in die Weihnachtsgans stopfte. Nun musste er doch schauen: Die Herrin stocherte mit ihren Fingern in ihrer eigenen, blinden Augenhöhle herum. Schließlich hatte sie eine blutige, zerschmetterte Kugel heraus gepult. Sie grinste aus ihren zahnlosen Mund.
»Dhah hhabhen whir dhehn khleihnehn Rhackhher!«
Das reichte. Er hielt mit auf der Landstraße an, riss die Fahrertür auf und kotzte mitten auf den Mittelstreifen. Als er fertig war, schlug er die Tür wieder zu, wischte sich mit dem Ärmel über den Mund und fuhr weiter.
Die Herrin sagte nichts. Sie fuhren eine Weile schweigend durch die Nacht. Schließlich konnte er nicht anders.
»Herrin. Ich schwöre bei meinem Leben, sie wird bezahlen für das, was sie euch angetan hat.« Plötzlich spürte er die dankbare Hand der Herrin auf seinem Schenkel. Er sah zu ihr. Zu seinem Erstaunen sah ihn die Herrin aus zwei vollkommenen Augen an.
»Oh ja, dass wird sie«, antwortete sie grinsend. Und sie hatte wieder ein perfektes Lächeln, denn ... ihre Zähne ... waren wieder da. Ebenmäßig und schön. Ihr Gesicht war noch blutverschmiert und in ihrem Haar klebte noch Blut und Hirn. Aber ansonsten war die Herrin wieder vollkommen hergestellt.
»Herrin? Wie ist das möglich? Ich meine ihr Auge …«
»Mein lieber Gunther, glaubst du ich nehme die ganzen Strapazen, den ganzen Ärger auf mich und fresse bei Vollmond Kinder nur so zum reinen Vergnügen?«
Sie musste husten. Wieder spuckte sie es auf das Armaturenbrett. Es landete klackend auf der Ablage - eine weitere blutige Kugel.
Gunther starrte auf dieses erneute, manifestiere Wunder vor sich.
Seine Augen glänzten voll Ehrfurcht über seine unverwundbare, unsterbliche Herrin.
»Wir sind noch lange nicht aus dem Spiel, Gunther.«

Am frühen Morgen des 24. Dezembers stand fest, dass Frauke Bremer das erste Opfer des Heidemonsters war, dass die Attacke überleben würde. Der behandelnde Arzt vernähte die letzte, klaffende Wunde die das Untier in den Leib der alten Frau gerissen hatte und blickte über die Gläser seiner Halbbrille zu seinem Assistenten.
»Ihnen ist hoffentlich klar, dass wir zum Überleben dieser Patientin nur marginal beigetragen haben.« Der Assistent nickte nur höflich. Er wusste nicht genau worauf sein Vorgesetzter hinaus wollte und war daher um eine Antwort verlegen. Der Chefarzt deutete auf den Talisman, den die Frau wohl schon seit Jahren um den Hals getragen hatte, und nun in einer stählernen Schale ruhte.
»Was immer das ist. Es scheint zu helfen.«
Eine der Schwestern bemerkte etwas an den Händen der Frau und zeigte es dem Assistenzarzt.
»Sehen sie Herr Doktor.« Auf den Innenflächen der Hände war ein zarter Haarflaum gewachsen. Der junge Arzt dessen hervorstechendste Eigenschaft aus Sicht der Schwester darin bestand, sich selbst für das größte Gottesgeschenk an die Menschheit zu halten, betrachtete die Hände der Patientin prüfend.
»Nun, das scheint eine hormonelle Störung zu sein. Eigentlich sollte sie bereits das Klimakterium hinter haben. Sehen sie.« Er zeigte der Schwester den Ansatz des Damenbarts, den die Patientin hatte.
»Aber ...« begann die Schwester. Der Assistenzarzt brachte sie mit einem Blick zum Schweigen.
So ein Schmock, dachte Angela wütend. Er war ihr wohl immer noch böse, dass sie seine Avancen als eine der wenigen Schwestern der Station widerstanden hatte.
Sie wusste, dass etwas mit dieser Frau neben ihren schweren Verletzungen nicht stimmte. Denn zu Beginn der Operation hatte diese Frau noch keine Haare auf den Händen und einen Damenbart besessen. Das wusste sie genau. Sie nahm den Talisman der Frau in die Hand. Er fühlte sich seltsam warm und irgendwie lebendig an. Sie packte sie in die Tasche ihrer Schwesterntracht und begann zusammen mit ihrer Kollegin den Operationssaal zu reinigen. Als die damit fertig waren, ging sie auf die Intensivstation um nach der operierten Frau Bremer zu sehen und ihr den Talisman zu bringen. Vor der Tür der Station wartete eine Besucherin. Sie war groß, größer als sie, hatte rotes Haar, eine helle Haut mit Sommersprossen.
Zu wem will denn diese Schickse? fragte sich Angela. Die Frau lächelte müde und nickte Angela zu. Sie nickte ihr zu.
»Meine Name ist Ruth Marx. Ich möchte zu Frauke Bremer.« Sie hielt Angela einen Polizeiausweis hin.
»Frau Bremer liegt auf meiner Station. Kommen sie.« Angela öffnete die Tür zum Zwischenbereich. Sie reichte Ruth den Kittel für Besucher, der die Patientin vor Keimen auf der Kleidung der Besucher schützen sollte. Angela ermahnte Ruth leise zu sein. Dann betraten sie die Station.
Sie standen vor Frau Bremers Raum. In Tür und Wand waren Scheiben eingesetzt.
Frau Bremer lag in einem einzelnen Krankenhausbett. Eine Batterie von Geräten und Schläuchen umgaben sie wie ein maschinengefertigtes Spinnennetz. Ruth hatte bei diesem Anblick eine Epiphanie ihrer sterbenden Mutter. »Es sieht schlimmer aus, als es ist. Sie ist eigentlich außer Lebensgefahr. Der Doktor will sie nur zur Sicherheit hier auf der Intensiv behalten. Sie hat wirklich großes Glück gehabt.«
Ruth nickte. »Das hat sie.«
»Kennen sie die alte Damen näher?« fragte Angela. Ruth nickte wieder. Tränen standen ihr in den Augen.
»Ja. Sie ist eine gute Freundin.« Ruth wunderte sich wie leicht das ihr über die Lippen ging. Aber es war wahr. Im Moment war Frau Bremer die einzige gute Freundin, die Ruth hatte. Angela sah zu der alten Frau.
»Wissen sie schon, wer ihr das angetan hat?« fragte sie, »Stimmen die Gerüchte über dieses wilde Tier in der Stadt?« Ruth sah sie an. Sah ihre Angst. Was sollte sie sagen?
»Wir tappen leider noch völlig im dunkeln.« sagte sie schließlich.
»Verstehe.« Sie steckte ihre Hände in die Taschen. »Oh.« sagte sie und brachte den Talisman von Frau Bremer zu Tage. »Wären sie vielleicht so freundlich ihr das zu geben? Es wird allerdings noch eine Weile dauern, bis sie aufwacht.« Sie deutete auf eine kleine Bank auf dem Gang.
»Sie können dort so lange warten, wenn sie möchten.« Sie sah auf ihre Uhr. »Und die Cafeteria hat jetzt auch schon geöffnet.« Sie reichte Ruth den Talisman und ließ Ruth dann allein.


Die Latte Macciato Revolution war offenbar noch nicht bis in den kleinen Aufenthaltsraum im Erdgeschoß des Städtischen Klinikums vorgedrungen. Der aufgebrühte Kaffee schmeckte genauso laff wie vor zehn Jahren, als Ruth ihn das letzte Mal genießen durfte.
Bevor sie die Intensivstation verlassen hatte, konnte sie noch mit dem behandelnden Arzt sprechen. Man konnte sich nicht erklären warum, aber Frau Bremer waren ihren schweren Verletzungen und dem Blutverlust nicht erlegen.
Im Gegenteil. Sie befand sich jetzt auf dem Wege wundersamer Genesung.
Ruth nahm einen weiteren Schluck, würgte ihn herunter und schob dann die noch halbvolle Tasse von sich. Über die Freude, dass es ihr besser ging, hatte sie ihn ganz vergessen. Sie würde ihn ihr gleich noch bringen. Es war ein steinernes Pentagramm. Der Stein schimmerte fast wie flüssiges Blei und schien sich in ihrer Hand schnell zu erwärmen. Das Material fühlte sich fast nicht wie ein Stein an, sondern mehr wie die rauhe Haut eines Tieres. Ruth betrachtete es gedankenverloren, als die sanfte Stimme eines älteren Herren sie aus ihren Gedanken riss.
»Ein schönes Stück.« bemerkte er. Ruth sah zu ihm auf. Er stand in militärisch gerader Haltung vor ihrem Tisch. Er war groß, schlank und äußerst attraktiv für sein fortgeschrittenes Alter. Er trug einen geschmackvollen und offenbar sehr teuren Anzug. Seine rechte Hand war zur Begrüßung ausgestreckt. Ruths geschultes Auge bemerkte, dass seine Fingernägel perfekt manikürt waren.
Schwuler Banker?, überlegte Ruth. Verwirrt und aus Höflichkeit schüttelte sie seine angebotene Hand. Sein Griff war ebenso sanft wie seine Stimme.
»Mein Name ist Robert Althen.«, stellte sich der fremde Herr vor. »Erlauben sie, dass ich mich kurz zu Ihnen setze, junge Dame?«
»Bitte.« entgegnete Ruth. Daraufhin setzte sich Herr Althen mit fließenden Bewegungen, die so gar nicht zu seinem fortgeschrittenen Alter zu passen schienen, ihr gegenüber an den Tisch. Er deutete interessiert auf den Talisman, den Ruth immer noch in der Hand hatte.
»Gehe ich vielleicht recht in der Annahme, dass dieser Anhänger Frauke Bremer gehört?« Ruth hob die Brauen.
»Ja. Kennen sie Frau Bremer?« Der Mann lächelte vielsagend.
»Das könnte man sagen.«
»Darf ich fragen woher?« Robert Althen lächelte. Seine Zähne wirkten gesund und schienen noch seine eigenen zu sein.
»Wir trafen uns einmal vor langer Zeit hier in Lüneburg. Damals habe ich ihr diesen Stein geschenkt.«
»Dann kannten sie sich als Kinder? Frau Bremer hat mir erzählt, sie trug diesen Talisman schon seit sie ein kleines Kind war.« Das Gesicht des Mannes schien sich zu erhellen.
»Sie war so ein hübsches, kleines Mädchen.«
»Sie können sich noch gut daran erinnern. Wie alt waren sie?« fragte sie. Irgendetwas hatte dieser höfliche Herr an sich, dass Ruths Misstrauen weckte.
»Jünger als jetzt.« antwortete der alte Mann.


Als Marie wieder erwachte, war sie allein in dem Raum. Sie lag immer noch auf der Pritsche. Doch als sie den Arm hob bemerkte sie, dass sie es irgendwie geschafft hatte sich loszureißen. Scheinbar mühelos gelang es ihr, auch den anderen Arm zu befreien. Nun konnte sie die Schnallen um ihre Knöcheln lösen. Marie schwang die Beine von der Pritsche und stand auf. Sie ging zu der stählernen Tür und versuchte sie zu öffnen.
Natürlich war sie abgeschlossen.
Obwohl Diana sie doch angeblich liebte, hatte sie Marie eingesperrt. War nur zu ihrem Besten, würde Diana zu ihrer Verteidigung anführen. Marie beschloss jetzt wieder selbst zu entscheiden, was für sie am besten war. Sie rüttelte einmal kräftig an der Tür. Nichts geschah. Wut stieg in ihr auf.
»Jetzt geh schon auf du verdammtes Mistding!« fluchte sie laut und drückte mit aller Kraft gegen die Tür. Mit einer Mühelosigkeit, die sie ein wenig vor sich selbst ängstigte, flog sie mit einem Ruck und dem Geräusch von reißendem Metall auf. Marie betrachtete verwundert die Tür. Der stählerne Riegel, der die Tür von Außen blockierte hatte, war verbogen und an der Kante des Türrahmens durch Maries schiere Kraft entzwei gebrochen.
»Das war ich.« flüsterte sie in die dunkle Leere. Vorsichtig trat sie auf einen schmalen Gang. Wo immer sie sich auch befand, es schien sich um einen lang verlassenen, unterirdischen Ort zu handeln. Irgendwo tropfte Wasser von der niedrigen Decke. Die Wände waren feucht und mit moosigen Flechten überzogen. Einige davon schienen fluoreszierend zu sein. Doch als sie näher herantrat, bemerkte sie, dass die schwach grünlich leuchtenden Flächen an der Wand aufgemalte Pfeile waren, die in Frakturschrift das Wort ›Labor‹ einrahmten. Es schien sich um eine Farbe zu handeln, die Radium enthielt. Die Pfeile deuteten nach links und Marie begann den schwach leuchtenden Wegweisern zu folgen.
Schließlich stieß sie auf ein Zeichen an der Wand, dass ihr ein Schauer über den Rücken lief. Es war der Wolfskopf, den Diana trug. Das immer noch leichte brennen auf ihrer Schulter erinnerten sie daran, dass auch sie nun Trägerin dieses Males war. Es war ebenfalls mit der Radiumfarbe an die Wand gepinselt worden. Ein letzter Pfeil zeigte nach rechts zum Ende des Ganges. Dort befand sich eine weitere, stählerne Tür. Sie ging zu ihr und drückte die schmutzige Klinke herunter. Entgegen der Tür ihrer Zelle ließ sich diese ohne jeden Widerstand öffnen. Helles, steriles Licht aus Neonröhren blendete sie. Die Pfeile hatten nicht zu viel versprochen. Es war ein Labor.
Der Raum bildete mit seiner Sauberkeit und Modernität einen starken Kontrast zu dem verfallenen Gang. Es gab mehrere Labortische, einen Kühlschrank für Proben, eine Vorrichtung zur Kühlung mit Stickstoff und mehrere Hochleistungsrechner, die in einem genormten Rack übereinander gestapelt waren, wie Backbleche in einem Ofen. Neben den Rechnern, auf einem der Labortische, stand ein Gerät, dass wie ein überdimensionierter Drucker oder Kopierer aussah. Es war ein Gerät zur Analyse von DNA der neuesten Generation. Auch ohne ihre akademischen Kenntnisse hätte Marie erkannt, was für ein Typ von Labor sie hier vor sich hatte. Neben dem Gene-Analysegerät stand ein Computerdrucker. Ein paar Bögen bedrucktes Papier lagen im Ausgabefach. Marie konnte die Informationen darauf schnell entziffern. Es waren Genanalysen verschiedener Proben. Auf jedem Blatt stand oben links stand ein Kürzel:
EB-702-M-Neg
stand auf dem ersten.
SD-495-M-Neg
auf dem zweiten. Auf dem Dritten stand:
CA-799-W-Pos
und schließlich eines mit der Signatur
WM-873-W-Pos.
Marie war es gewohnt, systematisch zu denken. Sie zäumte das Pferd zunächst einmal von hinten auf. ›Neg‹ und ›Pos‹ standen sicherlich für einen negativen oder einen positiven Befund.
Ein Befund von was? Das ›W‹ und das ›M‹ standen für weiblich und männlich. Die dreistellige Ziffer sagte Marie zunächst nichts. Aber die beiden ersten Buchstaben standen bestimmt für Initialen.
EB..., überlegte sie. Kannte sie jemanden in Diana Umfeld mit den Initialen EB? Nicht wirklich. Doch was war mit einer Frau mit den Initialen WM? Sie überlegte einen Augenblick, dann schlug sie sich mit der Hand gegen die Stirn. Natürlich! Wenn man Daten nach den Namen ordnete, dann benutzte man in der Regel zur Sortierung den Nachnahmen! WM gleich Weber, Maria. Sie hielt das Datenblatt ihrer eigenen, analysierten Gene in der Hand. Wozu brauchte Diana ein Genlabor, wozu untersuchte sie ihre Gene. Sie sah sich die anderen Blätter noch einmal an. Plötzlich hatte sie es. EB, männlich. Vielleicht stand es für Eggert, Björn. Das war der Name des ermordeten Jungen gewesen. Sein Befund war im Gegensatz zu ihrem eigenen Negativ. Musste er vielleicht deswegen sterben? Die Blätter fielen ihr aus der Hand...
Plötzlich realisierte sie all das, was ihr Unterbewußtsein bisher so erfolgreich vor ihr verborgen hatte.
Plötzlich wusste Marie, zu was sie geworden war - und was sie an Grausamkeiten begangen hatte.
Und sie realisierte, wer ihr das angetan hatte. Sie wollte schreien - vor Scham, vor Schuld und Wut. Sie atmete heftig und fühlte sich taub und steif.
Ich bin ein Monster. Eine Mörderin.
Sie konnte sich dunkel erinnern. Sie hatte getötet. Sie konnte sich nicht erinnern wen, aber sie hatte jemanden gehetzt und dann ... Sie erinnerte sich dunkel an eine Brücke. Da war kaltes Wasser gewesen und Blut.
Soviel Blut.
Mein Gott. Was habe ich getan?
Wie in Trance ging sie zu dem Computer. Sie bewegte die Maus und der Computer erwachte zum Leben. Auf dem Desktop gab es einen Link zu einer Datenbank. Sie öffnete sie. Eine Suchmaske öffnete sich. Ein Feld in der Maske hieß Signet.
Sie tippte ihre Signatur hinein. Auf dem Schirm erschien ihre elektronische Datei, von Diana Körber angelegt, inklusive einem Foto. Was immer Diana tat, sie tat es offenbar sehr gewissenhaft und gründlich. Sie ging wieder in den Suchmodus. Mit zitternden Fingern gab sie EB als Beginn der Signatur ein und klickte dann auf SUCHEN:
Die Datei von Björn Eggert erschien auf dem Schirm. Ihre Theorie über die Signatur war also richtig. Björn Eggerts Foto zeigte einen fröhlichen, aufgeweckten Jungen mit dunklem, kräftigen Haar. Seine Mutter war bestimmt stolz auf ihn gewesen.
Sie wäre es gewesen.
Blut.
Soviel Blut.


»Was wollen sie von Frau Bremer?« fragte Ruth.
»Wie ich schon sagte, Fräulein Marx. Sie ist eine alte Freundin. Ich mache mir sorgen um sie.«
»Frau Marx.« entgegnete Ruth.
»Entschuldigen sie bitte. Macht der Gewohnheit. Als ich in ihrem Alter war, redete man eine unverheiratete Frau mit Fräulein an, ganz egal zu welchem Geschlecht sie sich gerade hingezogen fühlte.«
Ruth stand abrupt auf.
»Ich muss jetzt gehen.« sagte sie. Er hielt sie am Arm zurück. »Ich möchte ihnen raten, jetzt noch nicht zu gehen.« Seine sanfte Stimme hatte nun einen harten Ton angenommen, der ebenso unnachgiebig war wie seine Hand, die ihren Arm umklammerte wie einen Schraubstock. Ruth fuhr herum.
»Lassen sie mich sofort los, alter Mann, sonst breche ich ihnen sämtliche Knochen.« zischte sie. Er lächelte amüsiert, ließ nicht los, lockerte aber seinen Griff. Er sah sich um. Ein paar Augenpaare im Aufenthaltsraum begafften neugierig die kleine Szene.
»Bitte setzen sie sich wieder.« bat Althen. »Es ist nur im Interesse von Frau Bremer, das sie bleiben.« Er hatte seine Stimme gedämpft. Ruth setzte sich wieder hin.
»Sie haben wirklich das Temperament ihres Vaters.«
»Sie kennen meinen Vater?« fragte Ruth überrascht.
»Ich habe noch vor kurzem mit ihm gesprochen. Er wollte zu ihnen reisen, was wir ihm aber leider verweigern mussten.«
»Haben sie meinem Vater etwas getan?« fragte sie.
»Nein. Ich kann sie da beruhigen. Er ist wohlauf.« Trotz ihrer Abneigung gegenüber ihrem Vater war Ruth erleichtert, dass zu hören.
»Nach unserem Gespräch werde ich veranlassen, dass er sie besuchen kann, wie er es ursprünglich vorgehabt hat.«
»Stecken sie mit Diana Körber unter einer Decke?« fragte Ruth.
»Nein. Frau Körber dient nur sich selbst.«
»Hat sie den Eggert-Jungen auf dem Gewissen?«
»Ich vermute ja.«
»Und die beiden entführten Kinder?«
»Wahrscheinlich benutzt sie sie, wie wir damals Kinder wie Frauke Bremer benutzt haben.«
»Was haben sie mit ihr getan?«
»Liegt das nicht auf der Hand? Wir haben versucht Werwölfe zu züchten.«


Angela Blum sah auf, als sich ein neuer Pfleger auf der Station meldete. Er sah auf eine unscheinbare Weise gut aus und hatte ein gewinnendes Lächeln,  das Angela an den jungen Robert Redford erinnerte.
»Ich habe mit Paula getauscht.« erklärte der junge Mann »Sie macht dann dafür für mich am zweiten Weihnachtsfeiertag.«
»Okay.« sagte Angela. »Aber sprecht das vorher auch mit der zuständigen Oberschwestern ab.«
»Ich habe Frau Keller bescheid gegeben. Vielleicht hat sie es vergessen in den Dienstplan einzutragen.« Frau Keller war die Oberschwester. Sie war eine etwas schusselige Person. Die Geschichte konnte also stimmen.
»Na schön. Dann fang mal bei Frau Bremer an.«
»Geht klar.« Er warf kurz einen Blick auf den Belegungsplan und ging dann zielstrebig zum angewiesenen Zimmer. 
Dieser Junge ist wirklich verboten nett, dachte sie und wandte sich wieder ihrem Tagesplan zu.


Althen hatte Ruth vorgeschlagen ein wenig frische Luft zu schnappen. Vor dem Klinikum war es kalt. Doch die Kälte vertrieb schnell Ruths Müdigkeit. Sie gingen vom Haupteingang zum Nebengebäude. Die Sonne begann goldschimmernd die Nacht zu vertreiben. Von der Ferne konnte Ruth das Rauschen des erwachenden Morgenverkehrs hören. Althen schritt neben ihr her.
»Sie haben Dinge herausgefunden, die drei verschiedene Nationen seit über sechzig Jahren als absolut Geheim einstufen.«
Ruth zuckte mit den Achseln.
»Das meiste davon hat Frau Bremer recherchiert.«
»Oh, stellen sie ihr Licht nicht unter dem Scheffel. Mit ihrem Foto von Diana Körbers Tätowierung haben sie die Ganze Sache erst ins richtig Rollen gebracht.«
»Sie haben das Foto gesehen?« stieß Ruth hervor. »Wie sind sie da heran gekommen?« Althen hob beschwichtigend die Hand.
»Die Zeit für Erklärungen ist aus verschiedensten Gründen knapp und daher kann und ich nicht all ihre Fragen erschöpfend beantworten.«
»Dann legen sie los.« entgegnete Ruth. Althen nickte.
»Also, wie sie bereits wissen begann alles mit Heinrich Himmler und seinem Interesse an allem Okkulten. Ab dem Jahr 1935 setzte Himmler bewusst die SS ein, um Okkulte Phänomene zu erforschen. Er war ein Phantast. Doch Heydrich, dem er den H-Sonderauftrag übertrug, war ein kühler, auf Karriere versessener Technokrat. Er nutzte Himmlers Vorlieben für die Stärkung seiner eigenen Position in der Partei und gegenüber Hitler. Er war es auch derjenige, der den F-Sonderauftrag forcierte und - natürlich unter Rücksprache mit Himmler - 1936 eine Expedition der SS nach Alaska beauftragte.«
»Alaska?« fragte Ruth. Althen nickte. 
»Die USA pflegten zu diesem Zeitpunkt noch gute Beziehungen zu Deutschland. Dennoch fand diese Operation streng vertraulich und im Geheimen statt. Ein Zoologe leitete die Expedition. Er glaubte Berichte gehört zu haben, die die Existenz einer besonderen Wolfsrasse in den Kenai Islands nahe legte. Aber deswegen hätte der Reichsführer der SS eine solche Expedition natürlich noch nicht finanziert. Womit dieser Professor für Zoologie und Biologie bei Heydrich warb, war nichts anderes als die Reaktivierung arisch-germanischen Blutes. Er glaubte aus dem Blut des Wolfes ein Serum zu gewinnen, dass in arischen Männern tief verborgene Tierdämonen freisetzen konnte.«
»Und Himmler hat das geglaubt? Das ist doch absurd!«
»Nicht im entferntesten. Mit heutigen Begriffen gesprochen, wollte dieser Professor mit Hilfe von den besonderen Genen des Wolfes dieselben tierischen Gene im Menschen reaktivieren und eine Veränderung des Metabolismus auf zellularer Ebene erreichen. Einfach gesagt: Er wollte Menschen in Wölfe verwandeln - wie in den germanischen Legenden.« Ruth schwieg. Sie hatte selbst gesehen, wie sich Diana Körber in einen solchen Wolf verwandelt hatte. Es war also möglich. Verrückt, aber möglich.
»Wollen sie raten wie der Professor hieß?« Ruth schüttelte mit dem Kopf.
»Nein.«
»Oh, jetzt enttäuschen sie mich, Frau Marx. Strengen sie ein wenig ihr hübsches Köpfchen an.« Ruth sah Althen wütend an. Er lachte.
»Na schön, sein Name war Wilhelm Körber.« Ruth war wie vom Blitz getroffen. »Dann ist…« Althen nickte.
»Diana Körber ist Wilhelm Körbers Enkeltochter.«  Althen lächelte. »Im übrigen war Wilhelm ein begnadeter Violinist. Aber das nur nebenbei.« 
Althen machte ein Pause, als sie ein Patient im Rollstuhl, der von einer Schwester geschoben wurde, passierte. Als niemand mehr in Hörweite war, fuhr Althen fort.
»Wilhelm war der Kopf der Operation. Ich meldete mich damals freiwillig.« Ruth blieb stehen.
»Moment. Sie wollen mir weis machen, dass sie bei dieser Expedition dabei waren?«
»Ja.« sagte Althen ruhig.
»Das war 1936.« sagte Ruth. Wie alt waren sie noch gleich?«
Althen grinste. »Damals war ich jünger.«
Ruth musterte ihn. »Selbst wenn sie 1936 erst Achtzehn waren, müssten sie jetzt über Neunzig sein!«
»Ich versichere ihnen, Frau Marx, ich war dabei.« Ruth blies sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie war nicht überzeugt.
»Schön, was haben sie in Alaska auf dieser Expedition gefunden?« Ein Tannenzapfen lag vor Althen im Schnee. Er kickte ihn weg. Er sprang umher und blieb dann im Schnee liegen.
»Die Expedition nach Kenai Island war ein voller Erfolg. Schon nach zwei Wochen gelang uns tatsächlich etwas zu fangen. Einer meiner Männer, Eissner, ging dabei drauf. Doch wir hatten, was Körber wollte. Er führte jede Menge Untersuchungen und Tests durch. Der Plan war es, das Tier mir einer mit Schwimmern versehenden Junkers K-45 auszufliegen. Wir hatten sie extra für diese Expedition von einer schwedischen Flugzeugwerft umbauen lassen. Offiziell wurde die Maschine als Torpedoflugzeug eingesetzt. Vor der Küste sollte dann ein deutsches U-Boot das Tier an Bord nehmen und es nach Wladiwostok bringen. Von dort sollte es dann mit der transsibirischen Eisenbahn bis nach Deutschland gebracht werden.«
Für Ruth hörte sich das wie der Plot für einen drittklassigen Abenteuerfilm an, behielt diese Meinung jedoch für sich. Althen setzte seine Erzählung fort:
»Alles verlief nach Plan. Wir starteten mit unserer kostbaren Fracht vom Kenai See aus. Wir überflogen gerade den Exit Gletscher, als das Tier plötzlich seinen Verschlag zertrümmerte. Es griff sofort an. Körber stand nah bei dem Tier wurde sofort von ihm getötet. Ich selbst konnte noch ein paar Schüsse auf die Bestie abgeben. Es schüttelte die Schüsse ab wie lästige Fliegen. Es erwischte es mich an der Schulter. Dann schoss der Pilot auf das Tier. Es biss ihm den Kopf ab. Er kugelte mit entgegen wie ein haariger Fußball. Der Rumpf des Piloten fiel zurück ins Cockpit, mitten in die Hebel für den Schub und das Steuerrad. Die Maschine begann zu trudeln. Wie ein Stein stürzten wir dann mitten auf das Eisfeld des Exit Gletschers.«
»Und sie haben diesen Absturz überlebt?«, fragte Ruth ungläubig. Althen scharrte mit der Spitze seines feinen italienischen Schuhs im Schnee.
»Nein. Niemand überlebt so etwas ...«

Zwischenspiel
»Was hat das Mädchen gesagt?«, fragte Ruth.
»Es bedeutet ›Weißer Mann‹.« antwortete Althen.
»Zwei Tage später fand ein Trapper das Wrack, die Leichen und mich durch reinen Zufall. Er war mit Schlitten und Hunden unterwegs. Er wollte die Maschine ausschlachten und unsere Kadaver gerade an seine Hunde verfüttern, als ich plötzlich die Augen aufschlug. Der Mann erlitt einen Herzschlag. Er war sofort tot - und im Gegensatz zu mir wachte er auch nicht mehr auf.«
Althens wasserblaue Augen richteten sich auf Ruth.
»Der Mann war einfach vor Schreck gestorben. Und aus irgendeinem Grund war ich wieder am Leben. Mit mir war irgendetwas geschehen. Mein Körper hatte sich offenbar selbst geheilt. Als ich mich wieder halbwegs bewegen konnte, verfütterte ich den Trapper an die Hunde und machte mich mit dem Schlitten auf nach Seward.
Mein Englisch war schon damals gut genug um mich durchzuschlagen. Dort gelangte ich an Bord eines Handelsschiffes nach Anchorage. Von dort heuerte ich auf einen Frachter an, der nach Japan fuhr. Auf hoher See machte ich dann eine weitere, äußerst interessante Entdeckung.
Wir hatten Vollmond. Die See war stürmisch. Während des Sturmes ging ein Mann über Bord. Die Besatzung und ich nahmen an, dass er bei der schweren See über Bord gegangen war. Ich konnte mich an nichts erinnern. Doch ein paar Tage später fand ich in der Kajüte die ich mir mit ihm geteilt hatte, ein paar ... Überreste von ihm. Da wurde mir endgültig klar, dass durch den Biss des Wolfes etwas von den Kräften des Tieres auf mich übergegangen sein musste.«
Er machte eine Pause und starrte nachdenklich in das Blau des Himmels.
»Nach meiner Rückkehr wurde der Fenrir-Sonderauftrag als Kriegswichtig eingestuft und jede Menge Geld wurde in das Projekt hineingepumpt.«
»Und was haben sie herausgefunden?« fragte Ruth.
»Oh, eine ganze Menge. Aber wir konnten nie die Abhängigkeit zum Mond in den Griff bekommen. Ein wichtiger Schlüssel fehlte uns. Wir haben ihn nie gefunden. Dennoch wurde bis zum Kriegsende daran weiter geforscht.«
»Wozu?«
»Sie verstehen es nicht, oder? Können sie sich nicht vorstellen, was eine Armee mit so unverwundbaren Soldaten wie mir hätte erreichen können?«
»Mein Gott.«, flüsterte Ruth.
»Wir waren nur eine Handbreit davon entfernt den wirklich unbezwingbaren Herrenmenschen zu schaffen. Den ersten Supersoldaten der Geschichte.«
Ruth schluckte.
»Stellen sie sich das vor: Der Krieg wäre zu Gunsten der Achsenmächte ausgegangen und die Weltsprache wäre heute Deutsch. Paris wäre ein Vorort von Berlin ... und Washington wahrscheinlich eine atomar verseuchte Wüste.«
Ruth schüttelte sich angewidert.
»Schätze, die Welt hat Glück gehabt.«
Althen grinste. »Ich stimme ihnen zu.«
»Aber wie passt Diana Körber da hinein? Sie sprechen von Ereignissen, die sechzig Jahre zurückliegen. Sie war damals noch nicht mal geboren.«
»Vor drei Jahren wurden überraschend die Überreste eines Flugzeuges deutscher Bauart vom Exit Gletscher ausgespuckt. Das Wrack war in den Jahren von dem Gletscher konsumiert worden und wanderte in seinem Bauch mit ihm hinab ins Tal.«
Althen lacht kurz auf.
»Das ist für mich nur ein weiterer Beleg, dass Gott ein echter Komiker ist. Ohne den globalen Klimawandel hätte der Gletscher das Wrack wohl erst in hundert Jahren freigegeben. Aber so war nicht alles von dem Flugzeug in kleinste Partikel zermahlen worden. Im Wrack des Rumpfes fand man das Tagebuch Werner Körbers und ein paar Papiere in einer stählernen Kassette. Man konnte nichts damit anfangen. Doch ein Parkranger mit Namen Paul Leitch fand über das Internet den nächsten, lebenden Verwandten des Besitzers des Tagebuch heraus.«
»Diana Körber.«, warf Ruth ein.
Althen nickte.
»Kurz nachdem Diana Körber das Tagebuch erhalten hatte, erklärte sie, dass sie einer erstaunten Musikgemeinschaft, dass sie eine künstlerische Pause einlegen müsse und organisierte eine Expedition nach Alaska.«
»Kennen sie den Inhalt des Tagebuchs?«, fragte Ruth. Althen schüttelte den Kopf.
»In Alaska angekommen begann sie eine Liaison mit dem Parkranger, Paul Leitch. Aber dann muss irgendetwas am Exit Glacier passiert sein. Zumindest wurden Diana Körber und Paul Leitch angeblich von einem Grizzly überrascht, und Paul Leitch dabei getötet. Später gab Diana dann bei der Polizei an, dass sie vergessen hatte ihre Binden von ihrem Schlafplatz getrennt aufzubewahren, wie es dort Vorschrift ist, wenn man in der Wildnis kampiert. Ich glaube aber vielmehr, dass dies aus Absicht geschah. Sie wollte mit ihrem Blut etwas anlocken.«
Die kalte Morgensonne war mittlerweile über die Bäume am Trakt für Kinder gestiegen und setzte die kahlen Äste in goldenen Brand. Ruth fröstelte. Alles was dieser unheimliche, alte Nazi ihr erzählte schien plausibel.
»Wie auch immer.« fuhr er fort. »Diana Körber kehrte aus Alaska zurück. Doch ihr fehlte das originäre Serum, das im Rahmen des Fenrir-Sonderauftrages hergestellt worden war. Uns war damit nie gelungen die Verwandlung zu kontrollieren, noch zu ergründen, warum ausgerechnet der Vollmond die eigentliche Verwandlung auslöste.
Nach Kriegsende galt das vom Widar-Orden erzeugte Serum als verschollen. Doch Gerüchten zu Folge hatte Himmler es noch kurz vor seinem Tod an einem geheimen Ort versteckt. Diana Körber muss es irgendwie gefunden haben und in Kombination mit ihrem eigenem Blut und moderner Gentechnik bei der Kreation des Supersoldatenserums Erfolg gehabt haben. Jedenfalls haben meine Auftraggeber vor zwei Wochen einen Anruf von Diana Körber erhalten. Sie behauptet, dass das Serum in ihrem Besitz ist und dass sie herausgefunden hat, wie man die Wandlung kontrollieren kann.«
»Was soll das alles?«
»Sehen sie nicht die Ironie? Die Selbstheilungskräfte eines indianischen Wolfsdämons soll nun der modernsten Armee auf diesem Planeten dienen. Nach dem 11. September wurden im Pentagon alle möglichen Verrückten Ideen durchgespielt, um das US-Militär für den Kampf gegen den Terrorismus zu stärken. Irgendjemand im Pentagon stieß auf längst vergessene Unterlagen der Briten und die Aufzeichnungen des F-Sonderauftrages. Meine Auftraggeber bekamen den Zuschlag die gefundenen Informationen auszuwerten und weiter zu entwickeln.«
»Also im Endeffekt sterben deswegen hier in Lüneburg Kinder? Weil ein paar Verrückte Wissenschaftler für das US-Militär Supersoldaten züchten wollen?«
»Frau Marx. Ein Krieg ist vorbei, ein neuer Krieg wartet. Ein amerikanischer Soldat mit Selbstheilungskräften wäre der entscheidende Vorteil in den bevorstehenden Konflikten des 21. Jahrhunderts.«
Ruth wurde schlecht. Das ganze war so unglaublich menschenverachtend und folgte zugleich einer solch erschreckenden Logik, dass ihr leerer Magen zu rebellieren begann. Sie dachte an Diana Körber.
»Das klingt alles vollkommen absurd. Aber ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie sich Diana Körber verwandelt hat. Wie hat sie das angestellt sich nun unabhängig vom Vollmond verwandeln zu können?«
»Wenn ich das wüsste, müsste ich sie nicht in all dies hier einweihen, meine Liebe.« Sie blieben stehen. Sie hatten die schmale Brücke erreicht, die zum Parkhaus des Klinikums führte.
»Warum erzählen sie mir das alles?« Er ging nicht auf die Frage ein.
»Langsam wird mir kalt. Wollen wir vielleicht zu meinem Wagen gehen?« Höflich hielt Althen Ruth die Tür zum Parkhaus auf.
»Ich würde lieber zurückgehen.«
»Ich möchte ihnen gern etwas zeigen, »Frau Marx.«
»Und wenn ich nicht will?«
Althen zuckte mit den Schultern.
»Dies hier ist, wenn auch bereits eingeschränkt, ein freies Land.« Er lächelte sie freundlich an.
»Um ihre Frage nun zu beantworten: Ich bin so offen zu ihnen, weil ich ihnen ein Angebot unterbreiten möchte.«
»Was für ein Angebot?«
»Damit sie alle Fakten kennen, muss ich ihnen etwas in meinem Wagen zeigen. Kommen sie.« Sanft führte er sie am Art zu einer großen, schwarzen Limousine. Es war ein VW Phaeton. Althen öffnete die hintere, linke Tür.
»Bitte, steigen sie ein.« Ruth zögerte. Althen lächelte.
»Hier drinnen lässt es sich doch viel angenehmer plaudern.« Zögerlich stieg Ruth ein. Der Innenraum war luxuriös und roch neu und sauber. Die verlockende Wärme prickelte auf Ruths Wangen. Althen drehte sich zu ihr. Er grinste.
»Keine Sorge, Frau Marx. Ich werde sie schon nicht fressen.« Er schloss die Tür. Mit einem satten Geräusch fiel sie zu und sperrte Kälte und Welt mit erschreckender Endgültigkeit aus.


Marie hatte sich in eine Ecke des Raumes verkrochen. Sie hatte die Knie angezogen und wiegte sacht vor und zurück. Sie hatte geweint.
Plötzlich hörte sie ein schlurfendes Geräusch. Jemand kam. Ohne groß zu überleben, griff sich Marie eines der Skalpelle von einem der Rolltische und verbarg es hinter ihrem Rücken.
Es war Diana. Sie stand in der Tür und sie war nackt. Überall auf ihrer Haut klebte getrocknetes Blut. Ihr sonst so schönes Haar klebte strähnig an ihrem Kopf. Eine weiße Substanz hing darin wie geschlagenes Eiweiß. Sie sah aus wie eine beschmutzte Statue Arno Brekers.
»Liebling«, hauchte sie und entblößte ihre Zähne. Es waren die Fänge eines gefährlichen Tieres.
»Du glaubst gar nicht, was ich für ein beschissenen Tag ich im Büro hatte.«


Althen hatte sich eine Zigarre angezündet. Er aschte aus dem Spalt des Seitenfenster, dass er geöffnet hatte, als Ruth in darum gebeten hatte. Grummelnd war Althen ihrer Bitte gefolgt. Ruth hatte die Ablenkung genutzt hinter ihrem Rücken ihre Waffe zu ziehen und so leise wie möglich das Magazin zu wechseln. Ruth war dankbar dafür, dass sich der Alte Mann offenbar so gerne reden hörte.
»Als ich nach Deutschland zurückgekehrt war, war Himmler ganz aus dem Häuschen als er von meinen Fähigkeiten erfuhr. Wie ich bereits sagte, im Grunde seines Herzens verabscheute Hitler Himmlers okkulte Spinnereien, aber nachdem Himmler nun möglicherweise etwas Konkretes für Hitlers geplante Feldzüge vorzuweisen hatte, bekam er alles was er wollte. Es wurden geheime Labors eingerichtet. Anfangs überirdisch, nach Ausbruch des Krieges 1939 unterirdisch. Sie alle bekamen Tarnnamen. Der Bunker in Lüneburg wurde wie alle geheimen, neu errichteten Bunkeranlagen nach Begriffen aus der Mineralogie benannt. Er bekam den passenden Code-Namen Hämatit ... Blutstein.«
»Ein Labor des Widar-Ordens befand sich hier, in Lüneburg?« Sie fühlte wie das neue Magazin einrastete.
»Hier gab es nur eine vergleichbar kleine Anlage. Sie gingen auf Pläne zurück, die Körber vorsorglich ausgearbeitet hatte. Der Standort des Bunkers ist bis heute ein gut gehütetes Geheimnis. Wir wissen nicht, wo er ist. Alle Unterlagen darüber sind vor Kriegsende vernichtet worden oder sind verschollen.«
»Aber Diana Körber hat ihn gefunden.«
»Wir vermuten es. Wahrscheinlich durch Hinweise im Tagebuch ihres Großvaters. Die Planungen für die Anlagen gab es schon vor Antritt der Reise.«
»Und sie wissen nicht wo dieser Bunker liegt?« fragte Ruth ruhig. Unbemerkt von Althen umfasste sie fester den Griff ihrer Waffe.
»Nein.«
»Sie lügen.«, sagte Ruth. Althen lächelte.
»Wie kommen sie darauf?« Mit einer blitzschnellen Bewegung zog Ruth Waffe und presste sie gegen Althens Herz.
»Ach, Kind, sie sind so impulsiv.«
»Und sie sind ein Lügner. Sie haben erzählt, dass sie Frauke Bremer in im Mai '45 in Lüneburg getroffen haben. Also kennen sie den Standort des Bunkers genau.« Althen schüttelte den Kopf.
»Das ist nicht richtig. Es stimmt, ich war Anfang Mai Lüneburg. Ich gebe gern zu, dass ich auf der Suche nach dem Bunker war.«
»Sie wollen mir weismachen, dass sie als leitendes Mitglied des Widar-Ordens nicht den Standort des Bunker kannten?«
»Genau das. Nur Himmler selbst kannte noch alle Standorte. Deshalb kam ich auch nach Lüneburg. Ich suchte ihn. Er versuchte getarnt als einfacher Soldat den Alliierten zu entkommen. Doch er wurde festgenommen. Ich machte mich aus dem Staub. Dann las ich Frauke mitten im Wald auf. Durch ihre Tätowierung wusste ich, dass sie zum Projekt gehörte. Ich bat sie mich zum Bunker zu führen, doch sie stand unter Schock und hatte sich im Wald verlaufen. Deshalb setzte ich sie in der Nähe eines Dorfes aus, um sicher zu gehen, dass man sich um sie kümmern würde. Zum Abschied schenkte ich ihr das Amulett. Seitdem bewahrt es Frauke davor, sich in einen Werwolf zu verwandeln.«
»Dieses Amulett schützt seinen Träger vor der Verwandlung?«
»Richtig. Als ich damals dem Indianermädchen das Amulett abnahm, konnte es sich in einen Wolf verwandeln. Aber das Amulett dämpft auch die Selbstheilungskräfte. Deshalb ist es gut, das Frauke Bremer ihn bis zu ihrer Genesung erst einmal nicht trägt.«
»Ich sollte sie erschießen«, sagte Ruth.
»Bitte, nicht.«
»Wenn alles stimmt was sie mir erzählen, passiert ihnen doch nichts.«
»Aber wissen sie, was dieser Anzug kostet?« Ruth sah ihn an. »Das ist mir ziemlich egal.«
»Das glaube ich ihnen sofort, Frau Marx. Für eine Frau legen sie erstaunlich wenig wert auf ihre Garderobe.« Ruth funkelte böse an.
»Sie sind ein Naziverbrecher und ein Schwein. Geben sie mir einen Grund ihren Anzug nicht zu ruinieren.«
Althen grinste.
»Ich geben ihnen zwei.«


Diana hatte begonnen sich zu säubern. Sie verwandte dazu Wasser aus einem der Laborwaschbecken. Sie rubbelte sich gerade ihr Haar trocken als Marie endlich die Kraft fand, zu sprechen.
»Warum?« fragte sie leise. Diana hielt inne.
»Warum?« Sie schien darüber nachzudenken. Dann rubbelte sie sich weiter die Haare.
»Ja, WARUM?!« kreische Marie. Diana warf das Handtuch beiseite. Marie hatte sie gebeten sich etwas anzuziehen. Daraufhin hatte sie sich einen der Laborkittel die an einer schmalen Garderobe links der Tür hingen, übergeworfen. Sie setzte sich auf eine der Liegen, fischte aus den weiten Taschen des Kittels ein Packung Zigaretten, nahm eine davon in den Mund und entzündete mit einem der Bunsenbrenner, die auf einem der Labortische standen. Tief sog sie das Nikotin ein.
»Mich wundert es, dass du mir diese Frage stellst, Marie.« Marie sagte nichts. Daraufhin fuhr Diana fort. »Da du sie mir stellst, glaubst du, dass ihr dir etwas genommen habe. Aber das Gegenteil ist der Fall. Ich habe Dir ein großes Geschenk gemacht.«
»Du hast mich zu einem Monster gemacht.«
»Nein, Marie. Ich habe dich zu einer Göttin gemacht.«
»Eine Göttin? Eine Göttin?! Für was hältst du dich?«
Diana stand auf, ließ die Zigarette fallen, zertrat sie mit ihren nackten Füßen, ging zu Marie und hockte sich vor ihr hin. Sie versuchte Marie zu streicheln. 
»Fass mich nicht an.« Diana hörte nicht auf sie.
»Ich sagte, fass mich nicht an!« kreischte sie. Auf dem Tisch neben ihr lag Chirurgiebesteck. Sie griff sich ein Skalpell und hieb damit nach Diana. Diese hob instinktiv die Hand. Marie hieb das Skalpell in Dianas Hand. Diana verzog keine Miene.
Erschrocken über sich selbst, fuhr Marie zurück.
Diana betrachtete ihre Hand mit dem Skalpell darin. Dann zog sie das Skalpell heraus. Sofort begann aus der Wunde Blut zu quellen. Diana betrachtete es amüsiert. Dann hielt sie die verwundete Hand Marie vors Gesicht.
»Liebling,« begann sie. Marie weinte. Mit ihrer unverletzten Hand wischte sie eine Träne von Maries Wange. »Schau dir an was du gemacht hast.«
Marie betrachtete Dianas Hand. Die klaffende Wunde wurde schmaler. Sie verjüngte sich zu einem roten Strich und schloss sich schließlich mit einem leisen Geräusch, dass wie ein Seufzen klang.
»Wie... wie ist das möglich?« fragte Marie.
»Das ist mein Geschenk an dich, Marie.« In Maries Blick lag nur Verachtung.
»Siehst du denn nicht, was das bedeutet?« fragte Diana.
»Egal, was es bedeutet. Es ist nicht wert, dass man dazu zu einem Monster wird.«
»Versteh' doch, Marie. Mein Großvater war nur seiner Zeit voraus. Sein einziger Fehler war es, im falschen Jahrhundert geboren zu sein. Das wirkliche Potential unserer Gene ist noch längst nicht erforscht. Wir haben die Macht uns über uns selbst zu erheben!«


Gunther betrachtete die schlafende Alte vor sich. Vorsichtig entnahm er die Kanüle mit dem Blutplasma. Dann nahm er eine leere Spritze aus seinem Pflegerkittel und setzte sie an der Kanüle ihrer Hand an. Plötzlich schlug Frau Bremer die Augen auf. Sie musterten Gunther.
»Du willst mich töten. Ich kann es riechen.« flüsterte sie.
»Oh ja.« flüsterte Gunther vergnügt und begann ihr tödliche Luft in die Adern zu injizieren.
»Du hast ein hübsches Lächeln« säuselte Frau Bremer benommen. Dann schloss sie ihre Augen wieder.


Althen hatte einen kleinen Tisch ausgeklappt. Darauf standen jetzt zwei kleine silberfarbene Patronen. Ruth betrachtete sie. Sie addierten sich zu all dem Wahnwitz hinzu, machten ihn jedoch auch zugleich ein wenig fassbarer.
»Wo haben sie die her?«
»Ich habe sie selbst gemacht.«
»Woraus?«
»Aus dem Silber ihres Talismans.«
»Aber den habe ich doch …« sie beendete den Satz nicht. Sie hob wieder ihre Waffe.
»Sie haben Selinas Grab geschändet!«
»Ich habe lediglich den Talisman ausgegraben.«
»Sie verrückter, kranker Bastard!«
»Hören sie mir zu, Ruth. Diese aus ihren Talisman gegossenen Kugeln sind im Moment das Einzige, was Diana Körber noch aufzuhalten vermag. Normales Silber richtet kaum Schaden an. Das Einzige, was einen Werwolf töten kann, ist ein Schuss mit einer solch geweihten, silbernen Kugel.«
»Ich glaube nicht an so einen Scheiß!«
»Aber ihre verstorbene Freundin glaubte daran. Und nur daher sind diese Kugeln so mächtig. Es wundert mich, dass Frauke Bremer sie darüber nicht informiert hat.«
»Das hat sie.« sagte Ruth bitter. Langsam senkte sie sie Waffe und starrte auf die beiden silbernen Patronen.


Angela Blum starrte auf den Monitor. Frau Bremer rührte sich nicht. Ihr Herzmonitor war normal, dennoch konnte sie auf dem Kontrollmonitor nicht  sehen, ob sich Frau Bremer Brustkorb hob und senkte. Sie stand auf. Sie hatte ungutes Gefühl. Sie lief schneller. Auf dem Gang kam ihr Gunther entgegen.
»Hast du nach Frau Bremer gesehen?
»Klaro. Alles bestens. Sie schläft.«
»Bist du sicher?« fragte Angela zweifelnd.
»Vor einer Minute hat sie jedenfalls noch geatmet.« Er lächelte sie an. Es war so rein und unschuldig wie einer Bergquell.
»Möchten sie nachsehen?« Angela entspannte sich. Nein. Sie konnte ihm vertrauen. Sie drehte sich um und ging zurück. Ruth Marx und ein älterer Herr betraten gerade die Station.
»Können wir zu ihr?« fragte sie die Schwester.
»Wer ist der Herr?«
»Ein Verwandter von Frau Bremer.«, sagte Ruth schnell. Angela nickte und führte die Beiden ins Zimmer. Sofort merkte sie, dass doch etwas nicht stimmte. Mit schnellen Schritten trat sie an Frau Bremers Bett und fühlte ihren Puls. Er war nicht vorhanden. Sofort drückte sie den Notrufknopf. Einer der Assistenzärzte stürzte ins Zimmer. Sofort begann er mit der Wiederbelebung. Der Arzt deutete mit einem Kopfnicken auf Ruth und Althen.
»Bitte gehen sie hinaus.« sagte der Arzt.
Auf dem Gang stießen sie fast mit einem jungen Pfleger zusammen. Althen sog plötzlich die Luft durch die Nase ein. Nein. Korrigierte Ruth sich selbst. Er schnupperte. Sein Griff um ihren Arm wurde fester. Er deutete mit dem Kopfnicken zu dem Pfleger.
»Er war es.« flüsterte er Ruth zu.
»Was?« fragte Ruth.
»Er hat eben versucht Frau Bremer zu töten. Er weiß nicht, dass sie so nicht umgebracht werden kann.« Wie zur Bestätigung hörten sie aus dem Zimmer von Frau Bremer ein lautes Rufen.
»Habe wieder Puls. Sieht gut aus.« Ruth drehte sich wieder zu Althen
»Woher wollen sie das wissen?« flüsterte sie.
»Ich kann es riechen. Der Junge riecht nach Verrat … und Tod.« Ruth fröstelte. Sie musste an ihre Begegnung mit Marie denken.
Ich kann dich riechen, so wie ich jetzt deine Angst rieche.
Sie ging zum dem Pfleger.
»Entschuldigen sie, bitte …« rief Ruth ihm zu. Der junge Pfleger drehte sich um. Er lächelte. Es war ein hübsches Lächeln.
»Ja?« fragte er unschuldig. »Waren sie eben in dem Zimmer von Frauke Bremer?«
»Ja.« sagte er.
»Haben sie nicht bemerkt, dass es ihr nicht gut ging?«
»Als ich drin war, ging es ihr noch gut.« Plötzlich wurde Ruth von Althen beiseite gewischt. Er packte den Jungen am Kragen.
»Wo ist deine Herrin?« fuhr Althen ihn an. Plötzlich verwandelte sich das Gesicht des Jungen. Fast war es, als wäre auch er ein Wolfsmensch, doch seine Verwandlung war fast noch grausamer. Sein Blick wurde verschlagen und sein Lächeln wurde zu einem zynischen Grinsen.
Der Junge zückte ein Messer. Ruth konnte nicht sehen, woher, so schnell ging alles. Er rammte es Althen in den Bauch.
»Scheiße.« stieß dieser gurgelnd hervor, dann sackte er auf die Knie. Das Messer steckte immer noch in seinen Eingeweiden. Der Junge zog es aus Althens Bauch, stieß den Mann mit einen Fußtritt beiseite und stürzte sich schreiend mit dem Messer auf Ruth. Er holte mit dem Messer zu einem tödlichen Hieb aus. Ruth machte einen Satz zurück. Die Messerspitze glitt durch Ruths Pullover, ihr Unterhemd und ritzte ihr die Haut auf. Geistesgegenwärtig zog Ruth ihre Waffe.
Ohne zu zielen, schoss sie. Sie traf den Jungen seitlich im Unterleib. Er flog nach hinten rutschte ein Stück über den glatten Linoleumboden, rappelte sich auf, ließ dabei das Messer fallen und lief davon.
»Was zum Teufel …« rief Angela und der Arzt, als sie auf den Gang traten. Weiteres Personal kam angerannt.
Alles hatte nur ein paar Augenblicke gedauert, doch Ruth war dieser zweite Schusswechsel innerhalb der letzten 24 Stunden nach fünfzehn Dienstjahren in denen sie die Waffe nicht mal hätte ziehen müssen, wie eine Ewigkeit vorgekommen.
»Einer der Pfleger hat den Mann und mich mit einem Messer angegriffen. Ich musste schießen. Er ist geflüchtet.« Ruth kniete neben Althen, der fluchend damit beschäftigt war seine Gedärme wieder in seine Bauchhöhle zu stopfen. Selbst in dieser Lage schien er nicht die Fassung zu verlieren.
»Ich bin ihnen im Augenblick wohl keine große Hilfe.«, sagte er schlicht. Er griff mit einer Hand in seine Hosentasche und gab Ruth seine Autoschlüssel. »Folgen sie ihm. Er wird sie zu Diana Körber führen. Sie wissen was zu tun ist.« Ruth nickte.
»Was ist mit ihnen?« Trotz Althens Erzählungen war sich Ruth nicht ganz sicher ob Althen bezüglich seiner Unverwundbarkeit nicht übertrieben hatte. Er lächelte grimmig.
»In einer halben Stunde bin ich wieder so gut wie neu, aber dann ist es zu spät. Gehen sie.«
Sie wandte sich an Angela, die inzwischen neben ihr kniete und begann Althen die Kleider vom Leib zu schneiden. »Passen sie doch auf«, fuhr er sie an.
»Na, sie sind mir ja ein Herzchen.« sagte sie nur knapp und machte ungeniert weiter.
Ruth sprang auf und rannte dem Jungen hinterher.


Es war leicht, dem Jungen zu folgen. Eine erschreckend große Blutspur führte durch das Krankenhaus bis zu einem Seitenausgang. Im Schnee hinterließen die roten Pfützen eine noch deutlichere Spur. Sie mündeten im Parkhaus.
Sie hörte einen Motor starten. Plötzlich raste ein weißes Monster auf sie zu. Ein Wohnmobil hielt genau auf sie zu. Ruth warf sich zwischen zwei geparkte Fahrzeuge. Das Wohnmobil rammte die Fahrzeuge und drohten Ruth zu zerquetschen. Sie hastete mit einem Hechtsprung weiter zurück. Das Wohnmobil setzte wieder zurück. Seine Front war unförmig deformiert wie das Maul eines Tiefseefisches. Hinter dem Steuer saß der Junge. Sein Gesicht war eine blasse, grimmige Maske. Mit einer Hand hielt er sich seinen Bauch. Seine Augen funkelten böse. Dann raste er aus dem Parkhaus, wobei es die massive Ausfahrtsschranke wegriss wie ein Streichholz. Vor dem Parkhaus gab es einen Beinahe-Zusammenstoß mit einem vorbeifahrenden Fahrzeug.
Ruth verlor keine Zeit sondern rannte das Parkdeck hinauf zum Phaeton. Noch im Laufen öffnete sie per Fernbedienung den Wagen und riss die Tür auf. Sie schloss sich mit einem satten ›Plopp‹. Zu Ruths Freude verfügte dieser Wagen noch über ein Zündschloss. Sie steckte den Schlüssel ins Schloss, drehte ihn herum und musste zweimal hinhören bis sie feststellen konnte, dass der Motor der Luxuskarosse bereits lief. Für wen Althen auch immer arbeitete, es schien sich wirklich zu lohnen. Sie schaltete die Automatik in den Rückwärtsgang und schoss aus der Parklücke. Der Wagen wies sie höflich darauf hin, dass sie beinahe mit einem Objekt am Heck zusammengestoßen wäre.
»Sag' nicht so was.«, murmelte sie. Sie schaltete in den Vorwärtsgang und raste die Rampe des Parkhauses herunter.


Teil Vier

Enke war in seinem Büro, als die Meldung reinkam. Schmitt steckte seinen Kopf durch die Tür.
»Was ist denn?«, fragte Enke ungehalten. Er las Ulbrichs Bericht über den letzten Angriff des Heidemonsters. Haarsträubende Geschichte. Im wahrsten Sinn des Wortes. Wölfe und nackte Frauen. Enke versuchte sich immer noch einen Reim darauf zu machen.
»Messerstecherei und Schusswechsel im Krankenhaus.«, meldete Schmitt.
Enke sah überrascht auf. Schmitt grinste.
»Eine der Beteiligten war Ruth Marx. Hat auf den Täter in Notwehr geschossen. Jetzt gerade verfolgt sie den Verdächtigen. Soll das Heidemonster zu sein.«
Jetzt grinste Enke ebenfalls.
Endlich.


Ruth hatte Probleme mit dem hochgezüchtetem Luxusauto dem Wohnmobil zu folgen. Erstens fuhr der Fahrer des Wohnmobils wie der Teufel und zweitens machte ihr das Fahrverhalten des Phaeton zu schaffen.
Ruth hatte es nicht geschafft alle Assistenzsysteme abzuschalten. Diese sollten eine möglichst angenehme Fahrt ermöglichen, waren aber nicht dafür geeignet einen Flüchtigen zu verfolgen. Sie wünschte sich, sie säße jetzt im Touareg.
Das Wohnmobil vor ihr machte auf einmal eine scharfe Rechtskurve und schoss in einen Feldweg. Ruth folgte. Oder besser: Sie versuchte es. Die Luftfederung des Phaeton protestierte. Er war nicht dazu gebaut, um verschneite Feldwege entlang zu rasen. Fast hätte Ruth es nicht geschafft, aber irgendwie bugsierte sie den schlitternden Phaeton auf den Feldweg.
Na also, dachte Ruth.
Doch ihre Freude währte nicht lange. Das Wohnmobil jagte mit halsbrecherischen neunzig Stundenkilometern in einen noch schmaleren Feldweg hinein. Plötzlich fanden die Reifen des Phaetons keinen Halt mehr. Ruth schnitt die Kurve und raste geradewegs auf einen Baum zu. Ruth trat die Bremse. Doch es war zu spät.
Mit hoher Geschwindigkeit knallte der Phaeton gegen den Baum. Ruth hörte den Knall des Aufpralls und fast zeitgleich explodierte vor ihrem Gesicht der Airbag. Dann war es still.


Ruth kämpfte sich aus dem Airbag und taste sich nach Verletzungen ab. Ihr Nacken schmerzte. Aber ansonsten schien sie okay zu sein. Sie öffnete die Tür. Die Front des Phaetons hatte sich vollkommen um den Baum gewickelt. In ihrem Beetle wäre sie jetzt wahrscheinlich tot, oder zumindest schwer verletzt. Sie griff nach ihrer Waffe. Dann tastete sie nach den beiden silbernen Kugeln in der Hosentasche ihrer Jeans. Sie waren noch da.
Vom Wohnmobil fehlte jede Spur. Ruth atmete schwer. Sie konnte ihren Atem sehen. Alles war still. Doch dann nahm sie das sich entfernende Geräusch eines Motors war. Ruth steckte ihre Waffe ein und folgte dem Geräusch.


Das plötzliche, helle Licht blendete ihn. Dennis hielt sich die Hand vor Augen.
»Nicht!« flehte er schwach. Er konnte sich nicht erinnern, aber er glaubte es waren ein paar Tage vergangen, dass er geschlagen worden war. Gunther hatte ihn jeden dritten Tag geschlagen. Nach jeder ›Session‹ wie Gunther es genannt hatte, wurde dann ebenso gründlich wieder gepflegt und verbunden. Vorsichtig hatte er Gunther gefragt warum er das mache. Gunther hatte ihn nur angegrinst.
»Falls die Herrin Appetit auf dich bekommt.«, hatte er gesagt. Fast hätte sich Dennis da wieder in die Hose gemacht, aber dass hätte nur wieder Schläge bedeutet. Dennis hatte nicht gewusst, ob Appetit bekommen bedeutete, was Gunther mit Alice im Dunklen machen wollte, als er sie gestört hatte. Doch jetzt stand eine Frau in der Tür. Sie trug einen Kittel wie eine Ärztin. Sie lächelte ihn an.
»Hallo Dennis«, begrüßte sie ihn. »Es ist Zeit.«
Das muss die Hexe sein, dachte er.
Hinter der Hexe stand eine andere Frau. Sie war nur in eine graue Decke gehüllt. Ansonsten war sie nackt. Die Frau starrte ihn entsetzt an. Er musste schlimmer aussehen, als er dachte. Die Hexe öffnete den Kittel und ließ ihn zu Boden gleiten. Dann ließ sie sich auf alle Viere fallen.
»Was hast du vor?« fuhr die andere Frau die Hexe an. Die Hexe drehte sich genervt zu ihr um.
»Die Rückbildung ernster Verletzungen kann nur mit der Energie vom Fleisch von Kindern gedeckt werden. Ich konnte noch nicht bestimmen, warum das so ist. Aber es ist die einzige Möglichkeit.«
Die Hexe wandte sich wieder zu Dennis.
»Komm her, mein Kleiner. Komm zu mir.« Dennis schüttelte mit dem Kopf.
»In Ordnung. Dann komm ich eben zu dir.« knurrte die Hexe mit tiefer werdender Stimme. In schneller Folge begannen ihre Knochen zu knacken. Mit einem Knirschen begannen sich ihre Gliedmaßen zu verändern. Haar schoss aus ihren Poren. Plötzlich stand ein riesiger Wolf vor Dennis und kam mit gefletschten Zähnen auf ihn zu.
»Nein!« schrie die andere Frau. Auch sie begann sich zu verwandeln. Es dauerte länger und schien ihr große Schmerzen zu bereiten. Ihr Fell war im Gegensatz zu der Herrin nicht hell sondern dunkel wie bei einem Raben. Der weiße Wolf setzte zum Sprung an. Da stieß ihn der schwarze Wolf von der Seite von seinen Pfoten. Die beiden Wölfe knurrten sich an und bleckten die Zähne. Ihre Ohren waren angelegt und ihre Nackenhaare standen starr nach oben. Dann begannen miteinander zu kämpfen.
Dennis rannte zur Tür. Der weiße Wolf versuchte ihm den Weg abzuschneiden. Seine Augen leuchteten orangerot. Seine Kiefer öffneten sich um ihn zu verschlingen. Da verbiss sich der schwarze Wolf im Fell des weißen Wolfs. Dennis konnte Blut spritzen sehen. Die beiden Tieren fielen wieder übereinander her. Schließlich bot sich eine Lücke und Dennis rannte hinaus. Dann fuhr er herum versuchte die Eisentür zu schließen. Der weiße Wolf bemerkte was er vor hatte und warf sich dagegen. Dennis flog durch die Luft und landete an der gegenüberliegenden Wand. Er sah Sterne vor seinen Augen flimmern. Dann rappelte er sich auf. Der schwarze Wolf biss in den weißen in den Hinterlauf. Er verschwand wieder von der Tür. Mit letzter Kraft warf sich Dennis gegen die Tür. Krachend fiel sie ins Schloss. Dennis schob den schweren Stahlriegel davor. Dann sackte er, an der Tür herab rutschend, zusammen.


Ruth erreichte schwer atmend eine Lichtung. Auf ihr stand das Wohnmobil. Der Motor knackte, kühlte ab. Vorsichtig näherte sich Ruth dem Fahrzeug. Sie suchte schnell den Boden nach Blutspuren ab. Doch vergebens. Sie bemerkte getrocknetes Blut an der Fahrerseite, doch das dem Grad der Trocknung  zu urteilen, stammte es vom Besteigen des Fahrzeugs, nicht vom verlassen. Also war Fahrer noch darin.
Ruth spähte vorsichtig durch die Windschutzscheibe. Im Führerhaus des Wagens schien er nicht zu sein. Er könnte sich vielleicht zwischen den Sitzen verkrochen haben. Sie ging um den Wagen herum zum seitlichen Zugang. Ruth entsicherte ihre Waffe. Dann tastete sie mit der freien, rechten Hand nach dem Türgriff. Sie atmete einmal tief ein und aus, dann riss sie die Tür auf. Kein verblutender Fahrer sprang sie wie in böser Kastenteufel an.
Sie drehte sich mit dem Rücken zum Eingang und ließ sich rücklings fallen. Schnell drehte sie den Kopf nach links und rechts und prüfte die Lage. Vorsichtig erhob sie sich und durchsuche schnell die Toilette, den Schlafbereich und das Führerhaus. Der Fahrer war verschwunden.
Auf dem Fahrersitz waren Unmengen von Blut. Wie konnte er mit einer solchen Schussverletzung fliehen ohne Spuren zu hinterlassen? Ruth wollte das Wohnmobil bereits verlassen, als ein Blutfleck am Boden Ruths Aufmerksamkeit erregte. Er schien an einer Stelle abgeschnitten zu sein. Ruth sah in sich näher an und bemerkte eine Luke im Boden des Wohnmobils. Blut war beim Einstieg auf den Rand getropft, was diesen abgeschnittenen Blutfleck zur Folge hatte, nachdem die Luke wieder geschlossen worden war. Ruth tastete die Luke entlang. Schließlich öffnete sie sich mit einem Klick und sprang auf. Sie konnte am Rand den schneebedeckten Waldboden sehen. Doch in der Mitte der Öffnung war eine weitere Öffnung - im Waldboden.
Sie führte an einer schmalen Leiter hinab in die Dunkelheit. Der Fahrer hatte sie, wie von Althen prophezeit, zu Diana Körbers Versteck geführt. Doch er hatte den Wagen nicht stehen gelassen, und war zum Versteck gelaufen, sondern hatte den Wagen auf dem Versteck geparkt.
Dies musste der geheime Bunker des Widar Ordens sein, aus dem vor über sechzig Jahren Frau Bremer geflohen war. Plötzlich hörte Ruth aus der Schwärze unter ihr das gewaltige Heulen eines Wolfes. Ihre Hände begannen zu Zittern. Sie nahm ihre Waffe, sicherte sie, entnahm das Magazin und leerte es. Dann fischte sie die beiden Silberkugeln aus der Hosentasche ihrer Jeans und lud damit das nun leere Magazin. Dann fügte sie dem Magazin noch vier normale Patronen hinzu. Ihr Plan war, einige Schüsse auf den Werwolf abzugeben um ihn dann mit den Silberkugeln zu erledigen. Wieder erklang das Heulen des Wolfes. Sie schluckte.
Sie zog ihre dicke Jacke aus. In Ermangelung eines Halfters steckte sie sich die Waffe wieder in den Rücken. Dann stieg sie so leise und vorsichtig wie möglich in das Loch hinab.


Endlich konnte Dennis aufstehen. Ihm war immer noch schwindelig und so registrierte er nicht sofort die rothaarige Elfenprinzessin die vor seinen Augen hinabstieg. Er war in einen Raum gekrochen aus dem ein wenig dem Licht drang. Das Licht kam aus einer Öffnung in der Decke. In der Ecke des Raumes waren zwei dutzend Müllsäcke gestapelt. Dennis blieb kurz am Eingang des Raumes liegen. Schließlich hatte er Geräusche gehört. So schnell er konnte war er zu den Plastiksäcken gekrochen und hatte sich zwischen ihnen versteckt. Gunther war halb kletternd, halb fallend die Leiter heruntergekommen. Er hielt sich den Bauch. Zwischen seinen Fingern quoll etwas hervor, was wie schlecht gewordene Spaghetti Bolognese aussah, aber schlimmer roch. Er hatte an der Leiter kurz verschnauft dann war er aus dem Raum gestolpert. Dennis wusste, dass er jetzt verschwinden musste. Eine weitere Chance würde es nicht mehr für ihn geben. Er machte sich Sorgen um Alice aber er musste einfach erst Hilfe holen. Gegen die Monstren in diesem Verlies kam er allein nicht an. Dann kam plötzlich die Elfenprinzessin die Leiter hinabgestiegen. Das Tageslicht von oben ließ ihr rotes Haar fast golden Leuchten. Es war ein sehr schöne Elfe, aber wohl auch eine moderne Elfe, denn statt eines Schwerts zog dieser Engel eine Pistole. Plötzlich kam einer der Plastiksäcke unter denen sich Dennis verbarg ins Rutschen. Die Elfe fuhr herum und zielte direkt auf Dennis.
»Nicht schießen.« rief er.
»Zeig dich!« rief die Elfe streng. Dennis kroch unter den Säcken hervor.
»Gehören sie zu denen?« fragte Dennis. Die Elfe verstand sofort.
»Nein. Bist Du Dennis?« fragte sie. Dennis, erfreut darüber dass sich wohl doch jemand um ihn sorgte nickte heftig.
»Ja.«
»Bist Du verletzt?« fragte sie vorsichtig. Sie kam näher und begutachtete seine Blessuren. Er begann zu weinen.
»Shhh.« tröstete sie ihn und drückte ihn kurz an sich. Er zuckte unvermittelt zusammen, Er hatte sich den Rücken beim Aufprall gegen die Wand aufgeschürft. Der Engel sah ihn ernst an.
»Pass auf Dennis. Schaffst du es allein die Leiter hochzusteigen?« fragte sie. Er nickte. »Ich glaub' schon.«
»Gut. Hör genau zu. Ich möchte, dass du jetzt die Leiter hinaufkletterst. Sie führt zu einer Luke in einem großen Auto. Wenn du dort bist möchte ich, dass du die Luke hinter dir schließt und dich in dem großen Auto versteckst, okay?«
»Und was ist mit dir?« fragte Dennis. Die Elfe lächelte. »Ich komme schon klar.«


Ruth betrachtete den kleinen Jungen in seiner schmutzigen Unterwäsche. Sie zog ihre Lederjacke aus und legte sie dem Jungen um.
»Mach dir um mich mal keine Sorgen. Bald kommen meine Kollegen. Solange musste du dich oben verstecken.« Ruth überlegte. Sie schätzte, dass es noch etwa zwanzig Minuten bis eine halbe Stunde dauern würde, bis Hilfe eintraf.
»Aber was  ist mit Alice?« fragte der Junge.
Das Mädchen lebte auch noch! Ruths Herz schlug schneller.
»Alice ist auch hier?« Der Junge nickte.
»Weißt du wo sie ist?«
»Das letzte Mal war sie in unserem alten Raum. Den Gang runter.«
»Danke Dennis. Du bist ein tapferer Junge. Jetzt steige bitte die Leiter hinauf. Und denk dran. Sofort die Luke hinter dir schließen.«
Dennis nickte stumm und kletterte die Leiter hinauf.


Gunther wusste, dass es vorbei war.
Er glaubte zwar, dass er die Polizistin abgehängt hatte, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis sie und ihre Kollegen hier eintreffen würden.
Ihm konnte das egal sein. Er war bereits so gut wie tot. Ihm hingen seine verdammten Gedärme aus dem Bauch. Nicht gut.
Er schlurfte den Hauptgang des Bunkers entlang und erreichte schließlich den Generatorraum.
Er passierte die erste, dann die zweite schwere Eisentür wo ihm das Dröhnen des Schiffsdiesels entgegen schlug.
Der alte Schiffsmotor versorgte den Bunker mit Energie. Die sechs Dieseltanks daneben waren gewaltig. Gunther hatte nur zwei der Tanks wieder in Betrieb nehmen können, aber deren Volumen reichte dennoch aus den Bunker monatelang mit elektrischer Energie zu versorgen.
Versteckt hinter den alten Tanks hatte er beim Aufräumen etwas gefunden, von dem er nie geglaubt hatte es je anwenden zu müssen.
Es war eine Vorrichtung zur Selbstzerstörung der Bunker-Anlage. Ein chemischer Zünder auf Säurebasis würde, einmal aktiviert, mittels Sprengstoff eine Explosion auslösen, die wiederum die Öltanks veranlassen würde hochzugehen. So die Theorie. Das Problem mit so alten chemischen Zündern war nur, dass man damit den Zeitpunkt der Sprengung nicht exakt bestimmen konnte.
Gunther wusste nicht, warum die Vorrichtung nicht  aktiviert wurde, als die Anlage am Kriegsende aufgegeben wurde. Es war ihm auch egal. Er hatte von der Herrin nur eine Anweisung bekommen, als er ihr die Vorrichtung zeigte, nachdem er sie entdeckt hatte. Sollte ihre kleine Unternehmung je publik werden, dann sollte er in den Generatorraum gehen und die Selbstzerstörung des Bunkers einleiten.
»Aber Herrin. Ihr seid unsterblich. Ich dagegen …« Er verstummte. Die Herrin tätschelte ihm die Wange.
»Dann sorge dafür, dass es nie soweit kommt, mein lieber Gunther.« Er hatte nur stumm genickt.
Jetzt hatte er Tränen in den Augen. Er hatte es soweit kommen lassen.
Er hatte versagt.
Nun schloss er die Augen und aktvierte die Selbstzerstörung.
›Klick‹
Nichts geschah. Keine Explosion. Gut.
Gunther wusste nicht, wie lange der Bunker noch hatte. Wie lange er noch hatte. Er vermutete eher Minuten, als Stunden.
An der Tür des Generatorraums standen ein paar alte Kisten, die Gunther beim Aufräumen des Bunkers dort abgestellt hatte. Darin hatte er ein paar alte Pistolen gefunden. Eine davon hatte er zerlegt, gesäubert, geölt und mit der immer noch trockenen Munition dort wieder hinterlegt.
Gewarnt sein, heisst gewappnet sein. Hatte seine Großmutter nicht immer gesagt. Er wußte es nicht mehr. Mit der Waffe schlurfte er hinaus.
Draussen im Gang hörte er, wie jemand die Leiter hinabstieg.
Die Polizistin war schneller, als er geglaubt hatte. Gunther entsicherte die Waffe.


Ruth hörte, wie Dennis die Luke des Wohnmobils zuschlug. Sofort wurde es in dem Raum dunkler. Ruth holte ihre kleine Maglite hervor und hielt sie zusammen mit der Waffe in einer Hand. Vorsichtig spähte sie auf den Gang. Alles war ruhig. Ruth suchte nach der Blutspur des Fahrers. Sie führte nach links, nicht nach rechts. Weg von dem vermutlichen Aufenthaltsort des Mädchens.
Gut. Ruth ging den Blutspuren nach. 
Sie erreichte die Ecke des Ganges und spähte um die Ecke.
Beinahe wurde Ruth der Kopf weggeschossen.
Eine Kugel schlug nur Zentimeter von ihrer Schläfe in die Wand. Putz und Teile der Wand stieben ihr ins Gesicht. Schnell zog sie ihren Kopf zurück.
Schwein gehabt. Sie hörte das gurgelnde Lachen des Fahrers.
»Fast erwischt!« krächzte er.
»Geben sie auf.« rief Ruth. »Meine Kollegen treffen jede Minute hier ein.« rief sie.
Prompt folgten weitere Schüsse.
Sie schlugen wieder an der Kante ein. Er musste in der hinteren linken Ecke des Ganges stehen. Oder kauern. Sie bezweifelte dass der Fahrer noch gerade stehen konnte. Ruth musste improvisieren. Irgendwo hier lauerte auch noch Diana Körber. Und vielleicht war auch Marie hier. Sie erinnerte sich an ihr Billardspiel. Vielleicht konnte sie ihn mit einem indirekten Stoß außer Gefecht setzten. Sie legte die Waffe auf den Boden und schob den Lauf der Waffe in einem Winkel über die Kante der Ecke, wo sie den Fahrer vermutete. Sie wartete darauf, dass der Fahrer die Waffe entdeckte, doch der zielte wahrscheinlich weiter auf die Höhe ihres Kopfes. Sie schoss. Die Waffe sprang etwas, aber es reichte. Sie hörte einen schmerzverzerrten Aufschrei. Sie griff ihre Waffe und trat in den Gang.
»Waffe weg!« rief sie. Der Fahrer hielt sich den blutenden Fuß, denn Ruths Kugel getroffen hatte. Er warf die Pistole von sich. Es war eine altmodische Luger, offenbar aus alten Wehrmachtsbeständen.
Der Fahrer sah fürchterlich aus. Sie glaubte nicht, dass er es schaffen würde. Sie kam langsam näher.
»Vermissen sie sie?« fragte der Fahrer. Er grinste.
»Was? Wen?« fragte Ruth verwirrt.
»Ihre Kleine. Leonie. Vermissen sie sie?«
Ruth erstarrte.
»Sie war nett. Ich war auch nett zu ihr. Anfangs.«
Bevor Ruth reagieren konnte, brach plötzlich die Hölle über sie herein.


Mit einem ohrenbetäubenden Scheppern flog einer der schweren Eisentüren in der Mitte des Ganges aus ihren Angeln. Zwei Wölfe schossen heraus. Der eine hatte dunkles, der andere helles Fell. Beide Tiere bluteten aus zahlreichen, tiefen Bisswunden. In dem schmalen Gang wirkten die Tiere noch gewaltiger.
»Herrin!« rief der Fahrer irre und kroch auf den Wolf mit weißem Fell zu. Ruth nahm ihre Waffe im Anschlag. Der Wolf hob die Lefzen und wollte auf Ruth losstürmen, doch dann bemerkte er den Fahrers, der ihn fast erreicht hatte. Er drehte sich auf der Stelle, sprang den Fahrer an und biss sofort zu. Der Kopf des Fahrers wurde vom Rumpf getrennt, flog gegen die Wand am Ende des Ganges, prallte davon ab, landete auf dem Boden und rollte Ruth vor die Füße.
Althen hat nicht übertrieben, schoss es Ruth wirr durch den Kopf. Der Wolf versank seine Schnauze in den bereits offen liegenden Eingeweiden des noch zuckenden Fahrers. Ruth zielte halbherzig und begann zu schießen. Der erste Schuss erwischte das Tier in seiner Flanke. Der schwarze Wolf versuchte den Wolf an der Kehle zu packen.
Noch drei bis Silber, dachte Ruth.
Der weiße Wolf fuhr herum. Eine weitere Kugel schoss dem Tier das rechte Ohr weg.
Noch zwei.
Kugel Nummer drei schlug wirkungslos in die Wand hinter der Bestie ein.
Noch eine. Ruth schoss erneut. Die Kugel traf wieder das Tier am Auge. Der Wolf schrie. Und brach zusammen.
Jetzt. Silber.
Ruth zielte sorgsam auf die Körpermitte des weißen Wolfs. Sie drückte ab. In diesem Moment drehte sich der weiße Wolf und der schwarze Wolf geriet in die Schussbahn der Silberkugel.
Ruth traf das Tier mitten in die Brust.


Ulbrich traf mit dem Touareg an dem Wrack des Phaeton ein. Mit einem schnellen Blick überprüfte er, ob noch jemand am Steuer saß, dann fuhr er weiter. Schließlich erreichte er die Lichtung und sah das Wohnmobil.
Ulbrich stoppte den Wagen, schaltete de Motor ab, und stieg aus. Die Kollegen würden in fünfzehn Minuten eintreffen. Er konnte Ruth nicht solange mit den Hollywoodmonstern allein lassen. Langsam ging er auf das Wohnmobil zu.


Der schwarze Wolf zerfloss vor Ruths Augen. Als Marie fiel das Tier zu Boden. Ruth rannte zu ihr. Sie spuckte Blut.
»Marie!«, rief Ruth.
»Es tut mir leid.« raunte sie Ruth zu. Ruth warf einen Blick auf den weißen Wolf.
Er war verschwunden.
Sie wandte sich wieder Marie zu. Sie blutete aus mindestens ein dutzend Wunden. Der kleine Finger ihrer rechten Hand fehlte. Aus ihrer Schulter und ihrer Wange waren große Stücke herausgerissen. Ihr Atem rasselte. Ruth hielt ihre Hand. Sie spuckte wieder Blut. Viel zu viel Blut.
»Es ist gut so.« Sie sah Ruth traurig an. »Ich … Ich habe Selina getötet.«
Nein. Das konnte nicht sein. In Ruths Kopf drehte sich alles. »Nein, Marie. Diana war es.«
Marie schüttelte den Kopf. Eine Träne mischte sich unter das viele Blut auf ihrem Gesicht und hinterließ eine rosa Spur auf ihrer Wange. Sie deutete auf ihre Schulter mit dem Symbol des Widar Ordens.
»Ich trage das Mal … Ich bin zum einem der Monster aus meinen Vorlesungen geworden. Und ich habe getötet.«
Ruth sagte nichts. Konnte nichts sagen.
»Vergibst du mir?« fragte Marie.
Ruth sah sie an.
»Marie?«
Ihr Blick brach. Marie war nicht mehr.
Ruth ließ ihre erstarre Hand los und schloss ihr die Lider.
Ruths Knie zitterten.
Reiss dich zusammen. Es ist noch nicht vorbei. Sie prüfte ihre Waffe. Nur noch eine silberne Kugel war übrig.
Das muss reichen, dachte sie grimmig.


Ulbrich setzte den Fuß auf den Boden am Ende der Steigleiter. Er hatte im Wohnmobil den verängstigen Dennis gefunden. Er hatte ihm erzählt, das Ruth herunter gestiegen war um Alice zu suchen. Er hatte den Jungen in den Touareg gebracht und ihn angewiesen die Türen geschlossen zu halten.
Die Verstärkung war immer noch nicht eingetroffen, als er Schüsse hörte. Daraufhin war er sofort herunter gestiegen. Wie zuvor Ruth folgte auch er der Blutspur am Boden. Der Gang mündete in einem Quergang. Ulbrich spähte vorsichtig um beide Ecken. Im rechten Gangabschnitt kauerte jemand am Boden und beugte sich über eine andere, am Boden liegende Person.
»Keine Bewegung, Polizei!«
»Ich bin's, Ruth.« rief diese. Ulbrich nickte, senkte seine Waffe und kam zu ihr.
»Das ist Marie Weber.« sagte er erstaunt. Ruth sah ihn an. Sie hatte Tränen in den Augen. »Ich weiß.«
»Hast du sie erschossen, Chefin?« Ruth nickte langsam. »Sie ist …« Sie verbesserte sich. »Sie war … ebenfalls ein Werwolf. Sie hat gesagt, dass sie Selina getötet hat.« Ulbrich schwieg einen Moment.
»Hast du sie deshalb erschossen?« Ruth schüttelte den Kopf.
»Nein. Ich habe auf den anderen Wolf gezielt.« Ulbrich nickte grimmig »Diana Körber.« Er erhob sich.
»Der Junge sagte etwas von dem Mädchen.« Ruth stand ebenfalls auf und deutete zu einer Tür auf dem Gang.
»Sie soll da drin sein. Aber wir müssen vorsichtig sein. Die Körber ist hier noch irgendwo.« Sie gingen zu der beschriebenen Tür. Sie war offen. Vorsichtig spähten sie hinein. Der Raum war leer. Bis auf einen gasbetriebenen Heizstrahler, eine schmutzige Matratze und ein paar Dosen Cola.
»Mein Gott, hier haben sie die Kinder eingesperrt.«
Ruth zog Ulbrich am Ärmel aus dem Raum.
»Komm, Ulbrich. Weiter.«


Gemeinsam mit Ulbrich durchsuchte Ruth rasch die übrigen Räume des Bunkers. Zum Schluss betraten sie den Generatorraum. Allerdings bemerkten sie nicht die Sprengvorrichtung, die Gunther aktiviert hatte.
Sie wollten den Raum gerade verlassen, als Ulbrich im hinteren Teil eine weitere schmale Tür entdeckte.
 »Hier ist noch eine!« rief er über das Dröhnen des Dieselmotoren hinweg. Vorsichtig öffnete er sie - und erstarrte. Ruth ging zu ihm.
Was der Raum unter dem Schein des Lichts ihrer Maglite preisgab, übertraf alles.
Sie hatten Golgatha gefunden.


Der gesamte Boden des Raumes war knietief bedeckt mit menschlichen Schädeln. Der Raum wirkte riesig, doch dann realisierte Ruth, dass der Raum nicht wesentlich größer als die anderen Räume des Bunkers war. Der falsche Eindruck rührte daher, dass Ruths Gehirn die vor ihr liegenden, hunderten von Schädeln automatisch der Größe eines Erwachsenen zuordnete.
Doch dem war nicht so.
Es waren die Schädel von Kindern.
Ruths Magen krampfte sich zusammen.
»Was … was haben sie mit diesen Kindern hier gemacht?« flüsterte Ulbrich.
»Experimente.« erklärte Ruth. »Um den perfekten Herrenmenschen zu züchten.« Ulbrich sah Ruth ungläubig an.
Plötzlich nahmen sie ein mahlendes Geräusch war. Es klang stumpf und mehlig. Es waren Knochen, die sich auf Knochen bewegten. Dann kam das Wimmern eines kleinen Mädchens hinzu.
»Weg! Geh weg!« kreischte das Mädchen. 
»Alice?« rief Ruth. »Kleines, komm bitte heraus!« rief sie. Es dauerte einen Moment, dann bewegten sich ein paar der Schädel und das blasse, verängstigte Gesicht von Alice erschien.
»Bist Du lieb?« fragte Alice vorsichtig.
»Ja.« sagte Ruth. »Ich bin lieb.« Alice kroch auf sie zu. Ruth nahm sie auf den Arm. Sie wog fast nichts. Sie klammerte sich so fest an Ruth, das sie fast keine Luft bekam.

 

Zu dritt gingen sie zu dem Raum mit der Leiter zurück. Ruth stieg mit Alice zuerst hinauf, gefolgt von Ulbrich. Oben angekommen kletterten sie in das Wohnmobil.
»Das wäre geschafft.« verkündete Ulbrich.
Plötzlich wurde es im Wohnmobil taghell. Ein halbes dutzend Scheinwerfer tauchten das Fahrzeug in gleißendes Licht.
»Hier spricht die Polizei.« rief eine durch ein Megaphone verstärkte Stimme. »Das Fahrzeug ist umstellt. Kommen sie mit erhobenen Händen heraus!« Es war Enkes Stimme.
»Wer sind die?« fragte Alice.
»Mein etwas beschränkten Kollegen«, flüsterte Ruth.
»Lass mich als ersten gehen. Ich rede mit Enke. Dann kommst du mit der Kleinen raus.« schlug Ulbrich vor. Ruth nickte.
»Enke! Ich bin's, Ulbrich! Ich komme jetzt raus!« rief er. Er öffnete die Tür des Wohnmobils und trat mit erhobenen Händen hinaus. Es dauerte ein paar Augenblicke, dann rief Ulbrich durch das Megaphon.
»Okay, Ruth, du kannst rauskommen!« Ruth trat, die kleine Alice auf den Arm tragend, aus dem Wohnwagen. Langsam schritt sie durch den Schnee auf Enke zu. Vorsichtig überreichte sie ihm das Kind.
Dieser verzog das Gesicht und reichte das Mädchen in der schmutzigen Unterwäsche sofort an Ulbrich weiter.
»Ist der Täter noch im Bunker?« fragte Enke. Er roch an seinen Handschuhen mit denen er das Mädchen angefasst hatte und rümpfte die Nase.
Ruth nickte. »Das ist sie.«
»Sie?«
»Der Fahrer war nur Mittäter. Diana Körber steckt hinter allem.«
»Die Pianistin?« stieß Enke ungläubig hervor. »Die Lesbenfreundin von deiner Ex?«
Ruth atmete die kalte Luft ein. »Genau die, Enke.«
»Und was ist mit diesen Hunden?« Er deutete mit dem Daumen auf Ulbrich, der dem Mädchen eine Decke umgelegt hatte und mit dem Mädchen Schere, Stein Papier spielte. »Ich habe seinen Bericht gelesen.«
»Hunde?« Ruth sah zu Ulbrich. »Ja. Hunde sind auch da unten.«
Wie aufs Stichwort ertönte aus dem Inneren des Bunkers das Brüllen eines Tieres.


Als die Geräusche verklungen waren, wagte Diana sich wieder zu bewegen. Die Kinderschädel um sie herum rochen nach verschwendetem Potential.
Sie hatte sich unter ihnen versteckt, genau wie die Kleine es getan hatte. Diana hatte eigentlich vorgehabt die Kleine zu fressen, um sich zu regenerieren. Doch die Polizistin war zu schnell gewesen. Und sie hatte Silberkugeln gehabt. Gefährliche Silberkugeln. Sie hatte das gefährliche Silber gerochen. Es hatte einen intensiven Geruch, wie frisch gemähtes Gras. 
Marie war Tod. Ebenso der Junge. Zutiefst bedauerlich aber jetzt musste sie erst einmal hier raus. Plötzlich drängte sich Diana ein weiterer Geruch in die Nase.
Gefahr. Höchste Gefahr.
Die Selbstzerstörung. Der Idiot hatte sie aktiviert!
Ohne es bewusst zu wollen, verwandelte sie sich wieder in einen Wolf. Diana schrie, doch ihrer Wolfskehle entwich nur ein Brüllen. Sie preschte aus dem Lärm des Generatorraums und hetzt den Gang entlang, dem Ausgang entgegen.
Gefahr! Gefahr! Gefahr! Gef …


Mit einer ohrenbetäubenden Knall explodierte der Bunker. Die gesamte Anlage schien sich aus dem dunklen Versteck erheben zu wollen, wie ein alter Mann aus einem alten, eingesessenen Sessel. Dann fiel alles wieder zurück und implodierte in einem gigantischen, rotzüngelnden Feuerball der die kleine Lichtung taghell erleuchtete. Riesige Betonteile flogen durch die Luft. Eines traf einen Streifenwagen. Ein Beamter wurde leicht am Arm, ein anderer schwer am Kopf verletzt. Ein Stahlteil zischte an Enkes linkem Ohr entlang und zerstörte das Seitenfenster eines Einsatzwagens hinter ihm. Er saß auf seinem Hinterteil, auf das ihn die Druckwelle verfrachtet hatte. Ruth und Ulbrich lagen vor ihm im Schnee und spuckten denselben aus ihrem Mund.
»Wow. Das war laut.«, sagte Alice, die neben Ulbrich im Schnee lag.

Das Verhör fand im Hauptkommissariat  statt. Ruth schilderte alles, was sich im Bunker zugetragen hatte. Doch wie zuvor bei der Schießerei vor dem Hexenhaus verschwiegen sie und Ulbrich den Sachverhalt, dass sie sich einen Kampf mit einem Werwolf geliefert hatten. Beide beschrieben Diana Körber als Wahnsinnige, die in dem alten, vergessenen Bunker in der Heide als ›Heidemonster‹ ihren perversen Gelüsten unter Mitarbeit des offenbar ebenso psychotischen Gunther gefrönt hatte.
Die Kinder bestätigten ihre Aussagen. Das beharrliche bestehen der Kinder darauf, dass Diana Körber eine echte, böse Hexe gewesen war, die sich in einen Wolf verwandelt hatte, schrieb der Polizeipsychologe dem posttraumatischen Stress ihres fünfwöchigen Martyriums zu.
Enke war nicht zufrieden. Er war ein zumindest so guter Polizist, dass er spürte, dass Ruth und Ulbrich nicht die ganze Wahrheit zu Protokoll gaben.
»Wir werden diesen Bunker ausgraben und dann werden wir ja sehen, ob eure Geschichte stimmt.«
»Sie stimmt, Enke.«
»Ich bekomme die Wahrheit heraus, verlass die drauf, Fräulein.« Dann war er hinausgestürmt. Ruth blieb zurück. Sie wollte nur nach Hause.


Nach dem ergebnislosen Verhören von Ruth Marx und Peter Ulbrich brauchte Enke frische Luft. Er beschloss, noch mal raus zu dem Bunker zu fahren. Es war bereits dunkel, als er losfuhr. Er bog gerade in den schmalen Waldweg ein, an dessen Ende die Lichtung mit dem schwelenden Loch des Bunkers lag, als ihn plötzlich von Rechts etwas vor das Auto rannte. Der Aufprall war heftig. Enke ging in die Eisen. Der Wagen kam schlitternd zum stehen. Beinahe hatte er das Schicksal von Ruth geteilt und wäre in einen Baum am Rand des Weges gerutscht.
Etwa zehn Meter vor ihn konnte er die Eiche erkennen. Den Phaeton hatte man mittlerweile abtransportiert. Jetzt sah man nur noch die aufgerissene Rinde durch die das helle Holz schien. Er hatte Glück gehabt.
»Scheiße.« fluchte Enke. Er blieb einen Moment sitzen, bis sich sein rasendes Herz ein wenig beruhigt hatte. Dann stieg er aus und begutachtete den Schaden am Wagen. Die Frontpartie des Passats war auf ganzer Länge eingedrückt. Er musste einen ganz schönen Brocken erwischt haben. Vielleicht einen Hirschbock.
»Scheißeeee!« fluchte er erneut. Dann ging er das Stück zur Kuppe des Waldweges herauf, wo er das Tier erwischt hatte. Es war verschwunden. Nur ein paar Spuren im Schnee und ein wenig Blut zeugte von seiner Existenz. Wahrscheinlich hatte es sich aufgerappelt und war in den Wald geflüchtet um dort irgendwo zu verenden.
»Scheiße«, sagte er ein drittes Mal. Das würde wieder jede Menge Papierkram bedeuten. Er ging zum Wagen und trat dann unvermittelt gegen den Kotflügel. Danach fühlte er sich besser. Auf eine Beule mehr oder weniger kam es jetzt auch nicht mehr an. Er ging noch mal nach vorne. Es würde für den Steuerzahler teuer werden, aber er würde weiterfahren können. Schließlich war er dienstlich unterwegs. Ein dumpfes, gongartiges Geräusch ließ ihn aufsehen. Auf dem Autodach seines vom Steuerzahler bezahltem Passat hockte die Gestalt einer Frau. Enke konnte sie nicht richtig erkennen. Die Scheinwerfer blendeten ihn. Er schirmte das Licht mit der Hand ab. Trotzdem erkannte er nur blondes Haar das sacht im Wind flatterte wie eine Fahne, nackte Haut - und Fell, das an einigen Stellen zu rauchen schien. Die Augen  der Frau glühten.
»Hi.« knurrte sie. Erst jetzt erkannte Enke sie. Er versuchte nach seiner Waffe zu greifen, doch da hatte sie sich bereits auf ihn gestürzt, ihn zu Boden geworfen und sich auf ihn gehockt wie eine hungrige Katze.
»Schenk mir dein Herz, ja?«, grunzte sie und hieb ihre Hand in seine Brust. Enke schrie und hörte das Knacken seines eigenen Brustkorbs. Dann wurde das Geräusch glitschig und nass, als sie sein Herz ergriff und es mit einem Ruck herausriss. Ein Platzregen seines eigenen Blutes übergoss ihn. Enke sah verblüfft wie die Frau gierig damit begann sein Herz zu verschlingen. Vollkommen belämmert starrte Enke auf seine aufgerissene Brust, doch sein Blick begann sich schon zu verengen. Der linke Fuß der Frau ruhte auf seinem Bauch. Er war zum Teil verkohlt. Ihre Nägel waren jedoch noch unversehrt und perfekt lackiert. Mit diesem verblüfften Ausdruck, starb er.
»Gott, genau das hab ich gebraucht.« schmatzte Diana zufrieden und biss herzhaft in das noch immer zuckende Organ.
Nicht so gut wie ein Kind, aber wie hieß es so schön? In der Not fraß der Teufel Fliegen.


Als Ruth endlich Zuhause ankam, war es weit nach Mitternacht. Müde verschloss sie die Wohnungstür, warf den Schlüssel in das Schälchen neben dem Telefon im Flur, trottete ins Badezimmer und ließ sich ein heißes Bad ein. Dann begann sie sich auszuziehen. Achtlos warf sie die schmutzige Kleidung einfach in Richtung Wäschepuff, trat mit den Füßen auf die bereits am Boden liegende Jeans, zog ihre Socken aus und streifte zuletzt Slip und BH ab. Dann versuchte sie sich die Haare hochzustecken, wobei es ihr fast gelang die stechenden Schmerzen, die sie dabei in ihren erschöpften Gliedern spürte, zu ignorieren. Sie prüfte kurz ihre Verletzungen. Ihre Augenbrauen waren durch die Explosion angesengt. Ansonsten war sie, bis auf ein paar blaue Flecken, unverletzt.
Aber das entsprach ja nicht ganz der Wahrheit, oder? Sie hatte heute mehr abbekommen.
Viel mehr. Sie drehte den Wasserhahn der Badewanne zu. Dann hob sie erst ihr linkes, dann ihr rechtes Bein über Rand und stieg mit einem wohligen Seufzer in das heiße Nass. Fast war es, als zischte es als die Hitze ihren Körper umfing. Sie schloss die Augen und tauchte mit dem Kopf unter, so dass nur ihre Nase aus dem Wasser ragte. Sie lauschte dem Rauschen ihres eigenen Blutes und versuchte an nichts mehr zu denken.
Natürlich gelang ihr das nicht. Erst jetzt bemerkte ihre Nase, dass die Badelotion, die sie so wie immer benutzt hatte, noch aus Selinas Beständen stammte. Sie hatten hier zusammen in der kleinen Wanne gelegen. Oh, Sil.
Dankbar bemerkte sie, wie die Strapazen des Tages ihren Tribut zollten und sie endlich müde wurde.
Doch dann hatte sie wieder Marie vor Augen. Sie hatte ihr Selina genommen. Aber dennoch konnte Ruth gegenüber Marie keinen Hass empfinden. Marie hatte sich auch nur nach Liebe und Nähe gesehnt - wie sie selbst. Nein. Sie empfand keinen Hass. Nur unendliche Traurigkeit über den Verlust ihrer beiden Geliebten. Hass empfand sie nur für Diana Körber. Doch auch die war jetzt tot. Ruth hatte ihr zwar keine Silberkugel ins Herz gejagt, wie Althen es von ihr verlangt hatte, aber dafür lag sie jetzt unter Tonnen von Stahlbetonplatten begraben. Das konnte nicht mal ein Werwolf überwinden.
Und wenn doch? Ruth würde sicher gehen. Sobald die Hitze im Bunker abgekühlt war, würde sie versuchen Dianas Leiche zu finden. Sie schuldete es den Opfern und Angehörigen, dass sie sicherstellte, dass die Mörderin zur Strecke gebracht worden war. Robert Althen war aus dem Klinikum verschwunden. Niemand im Krankenhaus konnte sich das erklären.
Ihre Gedanken wanderten weiter zu Frau Bremer. Sobald sie sich ein wenig ausgeruht hatte, würde sie Morgen nach ihr sehen.
Und dann? Was würde sie dann tun? Vielleicht würde sie ihren Beruf aufgeben. Obwohl sie zugeben musste, das ihr der Dienst mit Ulbrich fehlen würde. Letzten Endes hatte er sich als ein wirklich feiner Kerl erwiesen.
»Verliebt?« fragte John plötzlich. Sie sah auf. Er saß auf ihrem Klodeckel. Er hatte eine Akustik Gitarre umgeschnallt und ein Bein lässig über das Andere geschlagen.
Okay. Sie träumte und sie war zu erschöpft, um sich mit einem Hirngespinst über seine Existenz zu streiten.
»Eifersüchtig?« fragte Ruth daher nur.
»Natürlich.« Er grinste und spielte ein paar Noten. Ruth glaubte, es war ›She came in through the bathroom window‹ »Wenn du wieder im Schwanzgeschäft bist, bin ich der erste in der Schlange.« Statt wütend zu werden, lachte Ruth einfach nur müde auf.
»Charmant bis zuletzt, John.« Er sah sie wieder mit diesem merkwürdig ernsten Gesicht an.
»Darauf wollte ich gerade zu sprechen kommen, Ruth. So wie es im Moment aussieht, werden wir uns wohl nicht mehr sehen.« Erst jetzt viel Ruth auf, dass an Johns Schläfe getrocknetes Blut klebte. Seine dunkle Jacke wies an einigen Stellen weitere rostbraune Flecken von Blut auf. Es trug das Outfit, indem er vor dem Dakota Apartment Gebäude von Mark David Chapman erschossen worden war.
»Mein Job hier ist getan…« Er sah auf seine Finger und kratzte ein paar Spritzer seines eigenen Blutes von einem seiner Nägel. Dann sah er auf. Er hatte Tränen in den Augen.
»…und deiner auch.« Er begann sich aufzulösen.
Ruth öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber ihr Mund füllte sich mit seifigem Wasser.

»Mist!« rief Ruth und hustete Wasser aus. Sie war in der Wanne eingeschlafen.
Dumme Gans, dachte sie. Sie hätte ertrinken können! Das Wasser war bereits klamm. Ihre Fingerspitzen waren verschrumpelt. Ruth hiefte sich aus der Wanne. Die Wärme, die ihr das Bad gegeben hatte, war wieder gänzlich aus ihrem Körper gewichen. Frierend und mit klappernden Zähnen rubbelte sie sich mit einem großen Handtuch wieder etwas warm und schlüpfte dann in das nächst Beste, was an den Haken neben den Handtüchern hing. Es war der blauen Seidenkimono, den Selina so gemocht hatte. Aber das löste im Moment nur einen kleinen Stich in Ruths Herzen aus. Mit einem kleineren Handtuch trocknete sie sich die Haare. Dabei betrachtete sich im Spiegel.
Sie hatte wirklich schon mal besser ausgesehen. Ihr ausgemergeltes Spiegelbild verschwand dankbarerweise aus ihrem Blickfeld, als sie das Türchen des kleinen Spiegelschranks öffnete um nach ein paar Kopfschmerztabletten zu suchen. Ihr Kopf schmerzte. Kein Wunder das ihr imaginärer Popstar so einen Stuss daher geredet hatte. 
»Schwachsinn!«  murmelte sie vor sich hin. Sie fand eine Packung Aspirin. Sie nahm davon zwei und schloss wieder das Türchen.
Diana Körber stand hinter ihr.
»Kopfweh?«, fragte sie grinsend. Ruth fuhr herum. Diana umklammerte mit ihrer blutigen Hand Ruths Kehle, hob sie hoch und legte den Kopf schief. Dann schleuderte sie Ruth wie eine Puppe durch die Badezimmertür. Im Flug sah Ruth das kleine, geöffnete Oberlicht des Badezimmers.
Dann prallte sie zusammen mit der Tür auf ihr Bett und verlor das Bewusstsein.


Etwa zur gleichen Zeit als Ruth Marx mitsamt ihrer Badezimmertür durch ihr Schlafzimmer segelte, beobachte Angela Blum im Schwesternzimmer von Station 2.1. den heldenhaften, recht gut aussehenden und schnarchenden Polizisten Peter Ulbrich und beschloss genau in diesem Moment, dass es wohl eine gute Idee wäre, mit einem Mann wie ihm den Rest ihres Lebens zu verbringen.
Er hatte noch einmal nach der kleinen Alice gesehen. Sie war wie der kleine Dennis zur Beobachtung ins Krankenhaus gebracht worden. Die Mutter der kleinen Alice Cornelsen war schon  eingetroffen und schlief nun in einem Stuhl neben ihrer kleinen Tochter. Sie hatte sich überschwenglich bei dem Polizisten bedankt, was Angela einen kleinen Stich versetzt hatte.
Daraufhin hatte sie  Peter Ulbrich einen Kaffee im Schwesternzimmer angeboten. Er hatte ihn dankbar angenommen und er schilderte ihr, wie er zusammen mit Ruth Marx das Heidemonster zur Strecke gebracht hatte. Dann war er einfach eingeschlafen. Selbst müde und erschöpft sah er zum Anbeißen aus.
Sein Mobiltelefon klingelte. Er schlug die Augen auf, und sah sie verschlafen an. Er ging ans Telefon. »Ja? Ulbrich hier.« Sein Gesicht wurde ernst
»Verstehe.« sagte er und nickte, obwohl das der Teilnehmer wohl nicht sehen konnte. Die Ernsthaftigkeit machte Angela Sorgen. »Ich bin unterwegs.«, sagte er und legte auf.
»Was ist?«
»Jemand hat Heiner Enke, den Leiter der Mordkommission ermordet und sein Auto gestohlen.«
»Was?« Sie überlegte. »Aber ich dachte, ihr habt dieses Monster erledigt.«
»Das dachte ich auch. Ich muss los. Es gibt eine Ringfahndung. Wir brauchen jeden Mann.«
»Und jede Frau.«, fügte Angela hinzu, um irgendetwas zu sagen. Ulbrich nickte zustimmend dann erstarrte er.
»Ruth!« rief er aus. Er sprang auf.
Angela sah ihm nach und bemerkte sein Mobiltelefon auf dem Tisch. Sie schnappte es sich und lief ihm nach. Sie erwischte ihn am Fahrstuhl.
»Warten sie! Ihr Handy!« Sie reicht es ihm. Er packte sie kurz bei den Schultern und wollte ihr wohl einen Kuss auf die Wange drücken, doch Angela drehte in diesem Moment ihren Kopf und statt ihrer Wange trafen sich ihrer Münder.
Ups. Küssen kann er auch, dachte Angela. Ulbrich lief knallrot an.
»Bitte entschuldigen sie.« sagte er hastig. Die Türen des Fahrstuhls öffneten sich.
»Schon okay.« sagte Angela.
»Hey.« sagte Ulbrich, als sich die Türen schlossen. »Wenn das hier vorbei ist, könnten wir uns vielleicht ja mal auf einen Kaffee treffen.«
Jetzt war an Angela rot zu werden.
»Ähm. Gern. Sehr gern.«
Er winkte noch zum Abschied, dann schlossen sich die Türen.
Yep, dachte Angela und leckte sich verwirrt die Lippen. Definitiv Material zum heiraten.


Etwas Feuchtes wischte Ruth über das Gesicht. Es war eine Zunge. Ruth schlug die Augen auf. Diana leckte ihr das Gesicht. Selinas Hund Draven hatte das früher auch immer mit ihr gemacht.
»Hallo«, begrüßte sie Diana. Kurzerhand griff Diana in Ruths noch feuchtes Haar und riss mit einem Ruck ein Büschel davon aus.
Ruth schrie. Diana lachte und begutachtete ihre Beute. An den ausgerissenen Haarwurzeln konnte Ruth kleine Blutstropfen erkennen. Ihr Blut.
»Also, meins war hübscher«, urteilte Diana. Sie drehte ihren Kopf ins Licht, damit Ruth sie sehen konnte. Die ganze linke Seite von Dianas Kopf war verbrannt. Ihr Haar war auf dieser Seite bis an die Wurzeln versenkt. Ihr Körper war übersät von struppigen Inseln aus Fell. Teilweise war es dicht und weiß. Doch an den meisten Stellen war es verbrannt und roch nach Ruß. Ihr rechtes Bein zeigte Ansätze eines Wolfslaufs. Ihre linke Brust war verkümmert und hatte drei Zitzen, umrahmt von Fell. Diana bemerkte Ruths entsetzten Gesichtsausdruck und sah an sich herab.
»Die Explosion.« sagte sie knapp. »Ich habe versucht mich wieder zu verwandeln. Dann gab es den Knall und seitdem hänge ich mitten in der Transformation fest.« Sie seufzte. »Jetzt muss ich wohl einen ganzen Kindergarten fressen, um zu regenerieren.« Sie beugte sie zu Ruth hinab. »Wie sie vielleicht verstehen, bin ich darüber ein klein wenig ungehalten.« Ruth versuchte zu lächeln. »Gern, geschehen.«
Diana holte aus und schlug Ruth mit aller Kraft in Gesicht. Ihr Kopf flog zu Seite. Ruth schmeckte Blut und die Ecke eines zerbrochenen Zahns auf der Zunge.
»Leck mich.« flüsterte Ruth und spuckte Diana den blutverschmierten Splitter ins Gesicht. Diana schüttelte den Kopf.
»Kein Interesse.« Mit nur einer Hand packte sie Ruth am Hals und warf sie, wie ein nasses Handtuch, im hohen Bogen ins Wohnzimmer.
Ruth landete hart auf ihrem Ikea-Couchtisch. Beim Aufprall hörte sie irgendwelche Knochen in sich brechen. Die Splitter eines Windlichts und die Fernsehfernbedienung bohrten sich in ihren Rücken. Ihre Hüfte stand vor Schmerz in Flammen. Sie war wahrscheinlich gebrochen.
Diana kam vom Schlafzimmer auf sie zu geschlendert. Selbst in dieser Form eines grotesk verzerrten Halbwesens hatte sie immer noch die Erhabenheit und Grazie, die Ruth schon bei ihrer ersten Begegnung aufgefallen war.  
»Haben sie wirklich  geglaubt, sie könnten mich mit ein paar Kugeln und einer kleinen Explosion aus dem Weg räumen?« fragte Diana.
»Um ehrlich zu sein, ja.« antwortete Ruth. Sie bereute es jetzt, dass sie Ulbrich noch ihre Waffe ausgehändigt hatte. Ohne die Silberkugel hatte sie keinerlei Chance gegen Diana.
Ich werde sterben, dachte sie. Der Gedanke hatte etwas Befremdliches an sich. Aber sie fühlte, wie ihr Geist einen seltsamen Zustand von Ruhe annahm. Sie dachte an ihren Vater. Er würde sie vielleicht sogar vermissen.
Sie sah Diana an. Fast fühlte sie Mitleid für diese Frau. Doch dann dachte sie an alle, die durch diese Frau den Tod fanden. In ihrem Kopf bildete sich eine Frage: 
»Warum?« fragte sie Diana. Ruth konnte nicht wissen, dass Marie Diana dieselbe Frage schon einmal gestellt hatte. Diana lächelte schief.
»Sie und Marie sind sich in ihrer Kleingeistigkeit sehr ähnlich.«
Ruth stöhnte. Die Schmerzen setzten ein. Überall. Sie hatte sich wohl mehr gebrochen als nur die verdammte Hüfte.
»Unschuldige zu töten … Kinder zu töten zeugt nicht von großem Geist.«
»Sie irren sich.« antwortete Diana und hockte sich vor ihr hin. »Die Polizistin möchte also einen Grund hören?« fragte sie. Dann strich sie mit einer  zärtlichen Geste Ruth eine Strähne aus dem Gesicht. »Sie können nicht einmal sterben, ohne einen Grund, nicht wahr?«
Ruth nickte.
»Mein ganzes Leben hatte ich immer gespürt, dass mir etwas fehlte. Ich suchte danach fand es aber nicht. Nicht in der Musik, nicht im Geld und nicht einmal in den Armen einer Frau.« Sie machte eine Pause. Ihr Gesicht wirkte für Ruth jetzt fast menschlich. »Dann wurde die Aufzeichnungen meines Vater gefunden. Ich reiste nach Alaska und dort …« Sie machte ein Pause. »Dort fand mich etwas. Und ich fand endlich meine Bestimmung. Ich werde das Werk meines Großvaters fortsetzen. Ich werde die Fehler der Geschichte korrigieren.« Sie grinste.
Ruth schüttelte traurig den Kopf.
»Gott, sie sind es nicht mal Wert, dass man sie hasst.«
Dianas Grinsen gefror.


Ulbrich hielt mit quietschenden Reifen vor Ruths Haus. Er sprang aus dem Touareg und rannte zur Haustür. Aus dem Augenwinkel nahm er eine Bewegung war und drehte sich herum. Am Hauseingang gegenüber stand ein junger Mann mit einem schmalem, blassen Gesicht und einer altmodischen, mit Nieten besetzten Lederjacke. Er rauchte.
»Hey, Mann.« rief ihm der Junge zu. Er hatte einen englischen Akzent.
»Polizei!« rief Ulbrich nur als Erklärung zurück. Der Junge nickte, warf die Zigarette auf den Boden und zertrat sie mit seinem Lederstiefel. Das war eigentlich eine Ordnungswidrigkeit, aber er hatte jetzt wirklich andere Sorgen.
»Vergiss die Knarre nicht.« rief der Junge ihm zu. Ulbrich winkte ab und nickte. Trotzdem griff er rückversichernd an sein Halfter. Nein. Er hatte seine Waffe nicht vergessen. Doch plötzlich überkam ihm das Gefühl, das der Junge eine andere Waffe gemeint haben könnte.
Blödsinn. Das bildete er sich nur ein. Doch er zögerte. Er ging zum Wagen zurück und nahm aus dem Handschuhfach Ruths Waffe. Er steckte sie sich hinten in den Hosenbund und sah nach dem Jungen. Er war verschwunden.
Egal. Er rannte zur Haustür. Natürlich war sie abgeschlossen. »Was würde der Chef tun?« fragte er sich selbst laut. Er seufzte. Die Antwort darauf gefiel ihm nicht.
Plötzlich hörte er ein lautes Scheppern aus Ruths Wohnung, vom Dachgeschoß. Kurz entschlossen zog er seine Waffe, zielte auf den Zylinder des Schlosses und feuerte zweimal. Dann trat er die Tür ein und stürmte nach oben.


Bei ihrer letzen Landung hatte Ruth eines ihrer Billy-Regale einmal näher kennen lernen dürfen. Es war umgestürzt und sie lag darin wie in einem billigen, mit Krimi- und Kochbüchern gefütterten Holzsarg.
»Dauert das hier noch lange?« krächzte  Ruth.
»Ich werde sie schon töten. Keine Sorge.«
»Im Moment stellen sie sich dabei ziemlich ungeschickt an.« Ruth hustete. Mindestens eine Rippe war gebrochen.
Plötzlich hallten zwei Schüsse wie Kanonenschläge durchs Treppenhaus.
»Wir bekommen Besuch. Dann muss ich wohl langsam zur Sache kommen.« stellte Diana fest und bleckte ihre Zähne. Sie waren lang und spitz wie Fänge.
Die Wohnungstür flog auf. Peter Ulbrich stürmte hinein, die Waffe im Anschlag.
Diesmal folgte er nicht dem Protokoll. Er sah Diana, wie sie über Ruth kniete und schoss sofort. Dianas Leib zuckte durch die Einschläge der Projektile. Es regnete Blut auf ihr Laminat.
»Ruth!« rief UIbrich. »Fang!« Er warf etwas durch die Luft, auf sie zu. Wie konnte er nur glauben, dass sie noch in der Lage war etwas zu fangen? Es landete irgendwo rechts von ihr. Den schreienden Schmerz in ihrer Hüfte überhörend, rollte sich auf die Seite tastete nach dem Etwas. Ihre Finger schlossen sich um eine Waffe. Ihre Waffe.
Dianas Wunden begannen sich bereits wieder zu schließen. Sie gab ein tiefes Knurren von sich. Nichts Menschliches lag mehr darin. Sie fuhr herum und wollte sich auf Ulbrich stürzen.
Ruth umklammerte ihre Waffe, entsicherte sie und zielte auf Diana.
»Diana!« rief sie. Diana wandte sich wieder zu ihr, sah die Waffe und lachte kehlig. 
Ruth feuerte.
Die Kugel schoss aus dem Lauf und traf Diana genau unterhalb der untersten, grotesken Wolfszitze.
Diana riss überrascht die Augen auf. Das böse Feuer in ihnen flackerte auf, und erlosch.
Stumm sah sie von der sich nicht verschließenden Wunde zu Ruth.
Dann brach sie tot zusammen.


Ulbrich lud sicherheitshalber nach und näherte sich vorsichtig Dianas Leiche. Ruth schob sich mit dem gesunden Bein auf dem Boden entlang zur Wand und lehnte sich dann erschöpft dagegen.
»Ist es vorbei?« fragte Ulbrich. Ruth sah ihn an
»Ich hoffe es.« antwortete sie.


Diana spürte das magische Silber in ihrer Brust. Es zersetzte die bösen Energien, die in ihr tobten, seit der riesige Wolf damals nachts in ihr Zelt getreten war und seine Kiefer in ihre Schulter versenkt hatte. Der Mond war voll gewesen und entgegen der Mythen hatte die Herrin sofort nach ihr gerufen. Zunächst mit Grauen hatte sie gespürt, wie sie sich verändert hatte. Das Tagebuch ihres Großvaters hatte davon gesprochen. Doch es selbst zu erleben, war etwas ganz Anderes gewesen. Sie hatte sich in Krämpfen gewunden. Sie hatte geschrien. Doch dann hatte sie begonnen zu lernen, das Feuer in sich zu Nutzen. Sie musste vollenden, was ihr Großvater begonnen hatte.
Zurück in Deutschland hatte sie nach langer Suche einen der geheimen Bunker gefunden. Sie setzte ihn in Stand. Sie nahm die Forschungen ihres Großvaters wieder auf. Sie nahm Kinder gefangen, testete sie, tötete und verspeiste, diejenigen, die unwürdig waren, das Mal zu tragen. Und dann hatte sie von dem Ort erfahren, an dem sich Himmler selbst getötet hatte. Es war in dem Haus geschehen, dass nun Marie Weber gehörte. Irgendwie musste er es geschafft haben, die kostbaren Ampullen zu verbergen. Sie hatte sie gefunden - und endlich Erfolgt gehabt.
Diese Narren. Sie wollten damals unbedingt Herrenmenschen züchten. Doch das Geheimnis war am Ende so banal wie unvereinbar mit dem, beschränkten Gedankengut der Nazis.
Es darf nicht so enden.
Nicht so.


Ruth starrte auf Diana Körbers Leiche. Die Muskeln ihrer Hand zitterten.
Sie lebt noch, dachte Ruth.
Dann sprang Diana auf, ergriff Ruths Schulter und vergrub ihre Zähne darin.
»Scheiße!« rief Ulbrich und feuerte. Die Kugel traf Diana Körbers Kopf.
Er wurde herumgerissen. Die in Ruths Schulter verbissenen Zähne klappten zusammen und schälten ein Stück Fleisch heraus. Dann brach Diana endgültig zusammen. 
Mit Schrecken verfolgten Ruth und Ulbrich wie Diana sich zu verändern begann. Die Kopfwunde schloss wich wie von Geisterhand und gebar, wie auch die Einschüsse in ihrem Leib, die Kugeln. Doch die Wunde in ihrem Herzen blieb. Die Verbrennungen verblassten... Fell zog sich zurück... Haar spross wie im Zeitraffer aus ihrem Kopf. Dann begann eine neue Phase der Veränderung. Alle wölfischen Merkmale begannen sich zu verändern. Tote Knochen knirschten in ihr wie altes, arbeitendes Holz. Mit einem flüsternden Seufzer endete der Prozess der Rückverwandlung und Diana lag nackt da, so schön, wie zuvor.
»Jetzt ist es gut.« kommentierte Ulbrich.
»Ich hoffe es.« flüsterte Ruth und ließ die Waffe fallen, die sie immer noch verkrampft umklammert hielt. Prüfend stieß Ulbrich Dianas Leiche mit seiner Schuhspitze an.
»Wirklich eine garstige kleine Maid.« kommentierte er.
»Was?« fragte Ruth. Ulbrich schüttelte den Kopf und grinste.
»Ein Filmzitat. Ghostbusters. Wir müssen dringend etwas für deine Bildung tun, Chefin.«
Ruth hörte nur halb zu. Sie untersuchte ihre Schulter und tastete nach der Wunde. Sie brannte. Nein. Sie selbst war es, die brannte.
»Hilf mir bitte auf.«, bat sie Ulbrich. Er half ihr auf.
»Du musst dich setzen., du bist schwer verletzt.«
»Gleich. Ich muss an den Schrank da.« Ulbrich führte sie hin. Sie bat ihn, den Schuhkarton herunterzugeben, indem sie die Waffe aufbewahrt hatte.
»Was hast du vor?« fragt er. Sie nahm eine Schachtel mit Munition heraus, setzte sich auf einen Stuhl, den Ulbrich ihr hingestellt hatte und begann das Magazin neu zu bestücken. Sie würde wahrscheinlich nur eine Patrone brauchen, aber sie musste auf Nummer Sicher gehen.
»Hey, was wird das?« Er deutete zur toten Diana am Boden. »Die tut keinem mehr was, Ruth.«
»Weiß ich.« sagte sie ruhig und lud die Waffe durch. Sie schluckte. »Aber ich.«
»Was redest du da?« fragte Ulbrich. Sie streckte ihre Schulter vor, und zeigte die von Diana zugefügte Wunde. Sie blutete kaum noch.
»Sie hat mich gebissen, Ulbrich. Jetzt trage ich das Mal. Wie Marie vor mir.«
»Bullshit.« entgegnete Ulbrich fluchend. »Ich ruf dir erstmal einen RTW.« Er griff nach seinem Sprechfunk.
Ruth entsicherte ihre Waffe und hielt sie sich dann an ihre Schläfe.
»Ruth, hör auf mit dem Scheiß!« rief Ulbrich. Er wusste sich nicht anders zu helfen, als seine eigene Waffe zu heben und auf sie zu richten. Seine Hände zitterten.
»Es tut mir leid. Es muss sein.« sagte Ruth.
»Ich schieße, Ruth, das ist mein voller Ernst.«
»Es ist gut so. Bitte besuche Frau Bremer für mich. Und sage meinem Vater…« Sie hielt inne. Selbst jetzt kam ihr das nur schwer über die Lippen.
»Oh, nein.« sagte Ulbrich. Es klang wie ein Flehen.
»Sag ihm, dass ich in liebe.« schloss Ruth.
»Ich sage dir das nur einmal, Ruth.« Seine Stimme klang wieder fester. »Nimm die Waffe runter, oder ich schwöre dir, ich werde dir eine Kugel verpassen«
Ruth lächelte. Sie senkte die Waffe. Einen Moment entspannte er sich.
Er musste noch so viel lernen.
Sie riss die Waffe wieder hoch, presste sie gegen die Schläfe und drückte ab.
»NEIN!« hörte Ulbrich rufen.
Als die Kugel durch den Schädel in ihr Gehirn drang, sah Ruth für den Bruchteil einer Sekunde Ulbrichs zu einem Schrei verzerrtes Gesicht als Negativ. Dann fraß das gleißende Helle alles Schwarz in dem Nachbild auf ihrer Netzhaut, als das Feuer ihrer Neuronen erlosch.



Ruth Antonia Marx
1969-2010

Und am Ende ist die Liebe die du nimmst
gleich der Liebe die du gibst
Leonie hatte die Inschrift auf Ruths Grabstein laut vorgelesen.
Mit stummer Faszination betrachtete Ruth ihr eigenes Grab. Er war aus weißem, italienischem Marmor und ragte aus dem Zebrastreifen der Abbey Road. Es war der Streifen, auf den John auf dem Cover des Abbey Road Albums seinen Fuß gesetzt hatte. Der senkrechte Strich des Steines vermittelte den Eindruck, als versuche der Zebrastreifen aufzustehen.
»Das ist schön.« sagte Leonie, die Inschrift studierend, die sie vorgelesen und deshalb nicht so sehr auf dessen Inhalt geachtet hatte.
»Ja.« sagte Ruth. »Komm, lass uns Tee trinken.«
Ruth folgte ihr zu der gemütlichen Sofagarnitur mit Couchtisch auf denen Marie, Selina und John saßen und schon auf sie warteten.
Sie tranken Tee. Earl Grey. Ruth fragte nach Kaffee und John war entsetzt darüber, dass sie dies auch nur zu fragen wagte. Ruth musste schmunzeln. Hinter Johns rebellischer Fassade verbarg sich ein kleiner, spießiger Junge aus Liverpool. Zum Tee aßen sie köstliche Gurkensandwiches und plauderten über das Wetter.
John trug den weißen Anzug aus dem ›Imagine‹ Video. Seine Haare waren lang und mit seiner Brille wirkte er wie ein gepflegter, spitzbübischer Gandalf, der seinen großen Zauberhut für einen kleinen Plausch mit Bilbo Beutlin beim Tee in Beutelsend beiseite gelegt hatte.
»Was ist mit Diana?« fragte Ruth die kleine illustre Runde aus Toten, der sie nun ebenfalls angehörte. Marie und Selina tauschten Blicke. John faltete die Hände und starrte ins Leere.
»Darüber sprechen wir hier nicht.«
»Wieso? Sie haben grauenhafte Dinge getan!« John hob mahnend die Hand.
»So funktioniert das nicht, Ruth. Das ist Angelegenheit der Ewigen.«
»Wer sind diese Ewigen?« fragte sie. John lächelte.
»Alles zu seiner Zeit.« Erwartungsvoll sah er in die Runde.
Leonie riss erschrocken die Augen auf: »Muss sie denn wirklich schon gehen?« fragte sie in die Runde.
»Ich muss gehen?« Ruth war verwirrt, »Wohin?« Sie wollte nicht gehen. Das war nicht fair. Marie und Selina hielten ihre Hand.
»Du hast deine Sache wirklich gut gemacht, Ruth.« sagte Marie.
»Ja, mein Schatz« bestätigte Selina. »Wir sind stolz auf dich.«
»Und wir lieben dich.« versicherte ihr Marie.
Sie begannen zu verblassen. 
»NEIN!« rief Ruth, »Bitte, nehmt mich mit! Lasst mich nicht allein!«
John nickte ihr zum Abschied noch einmal zu. Dann war auch er fort. Das silberne Tablett mit den Teetassen und den Sandwiches schwebte einen Augenblick in der Luft, dann löste es sie auch in Luft auf. Zuletzt verschwand ihr Grabstein. Die Schrift darauf verschwand. Der marmorne Block wurde erst opak dann verschwand er zur Gänze. Schließlich veränderte sich die Abbey Road. Weiße Wände rückten näher und Ruth öffnete in der diesseitigen Welt die Augen.

»Liebling.« sagte eine tiefe Stimme. Es war ihr Vater. Er hielt ihre Hand. Mit der anderen strich er ihr zärtlich über die Wange. Er wirkte älter und erschöpfter, als sie ihn in Erinnerung hatte. Seine Falten schienen sich tiefer in sein Gesicht gegraben zu haben.
Mein Vater sorgt sich um mich? Vielleicht war sie in der verkehrten Welt aufgewacht.
»Vater?« fragte Ruth. Doch es war nur ein tonloses Krächzen. Ihre Kehle war furchtbar trocken. Sie räusperte sich. Schwester Angela war da. Sie hielt ihr eine Trinkflasche mit Halm hin.
»Hier, trinken sie, Ruth. Aber langsam.«
Ruth trank. Es war Wasser. Es tat gut und sie sog kräftiger. Sie verschluckte sich sofort. Dann ging es besser.
Die Tür öffnete sich. Frau Bremer kam herein. Sie trug einen Bademantel. Offensichtlich war sie immer noch Patientin und offensichtlich ging es ihr schon viel besser, was Ruth mit Erleichterung zur Kenntnis nahm.
Als sie sah, dass Ruth wach war, ließ sie die Zeitschrift fallen, die sie unter dem Arm geklemmt hatte und stürmte auf sie zu.
»Ruth, Gott sei Dank.«
»Geht es ihnen gut?« erkundigte sich Ruth.
»Ob es mir …?« Frau Bremer rollte mit den Augen. »Gott, Kindchen. Wir dachten alle sie wären…« sie begann zu schluchzen. Sie griff in die Tasche ihres Bademantels, holte ein Tempo hervor und schnäuzte sich lautstark.
»Was ist passiert?« fragte Ruth.
»Sie haben versucht sich das Hirn wegzupusten.« rief Schwester Angela wütend und warf einen Blick auf Ruths Vater. »Nichts für ungut, aber das musste mal gesagt werden.«
Stuart Marx tätschelte die Hand seiner Tochter.
»Ich habe ein langes Gespräch mit Frau Bremer geführt. Daher glaube ich zu wissen, warum du versucht hast, dir das Leben zu nehmen.«
»Wie lange war ich denn ... nun … weg?«
»Wir haben Neujahr. Frohes Neues Jahr, mein Schatz.«
Ruth lächelte.
»Danke, Dad.«
Dad. So habe ich ihn das letzte Mal genannt, als sie zwölf war.
Die Unterlippe ihres Vaters zitterte. Doch er wäre kein echter Marx, wenn er sich nicht gleich wieder unter Kontrolle hätte.
»Ich bin nur froh, dass du noch lebst.«
»Wo ist Ulbrich?« fragte Ruth.
»Peter,« Schwester Angela wurde rot. »Ihr Kollege Ulbrich hat Dienst. Er will danach vorbeikommen und sehen, wie es ihnen geht.«
Zwischen den beiden läuft doch etwas, dachte Ruth, schmunzelnd. Sie freute sich für Ulbrich. Angela Blum schien ein nettes Mädchen zu sein. Ruth kam sich vor, als hätte sie ein ganzes Jahr im Koma gelegen, und nicht nur eine Woche.
»Und wie lange kannst du bleiben?« fragte sie ihren Vater. Er drückte ihre Hand.
»Solange du willst.« sagte ihr Vater. Sie sah ihn verdutzt an. Er machte eine Pause. »Ich war dir nie ein guter Vater, Ruth. Aber als die Ärzte anfangs sagten, dass keine Hoffnung…« Seine Stimme brach mitten im Satz. Ruth drückte fest seine Hand.
»Ist schon okay. Ist schon okay, Dad.« sagte sie.


Später am Abend war nur noch Frau Bremer in ihrem Zimmer. Ihr Vater hatte sich  nur unter Protest und durch den energischen Einsatz von Schwester Angela dazu bewegen lassen, in sein Hotel zu gehen, um ein wenig zu schlafen.
Ruth wusste nicht recht, was sie von ihrem ›neuen‹ Vater halten sollte. Sie beschloss, ihm eine Chance zu geben. Jetzt sprach sie mit Frau Bremer über die Möglichkeit, dass Diana Körbers Biss Ruth nun auch zu einem Werwolf gemacht hatte.
»Oh, dass habe ich ganz vergessen.« Frau Bremer reichte ihr eine rote Pappbox mit einer grünen Schleife. Ruth öffnete die Schleife und hob den Deckel der Box. Sie hielt den Atem an.
»Was ist?« fragte Frau Bremer.
In der Box lag das steinerne Amulett von Frau Bremer.
»Das kann ich nicht annehmen.« sagte Ruth und gab die Box an Frau Bremer zurück. 
»Oh, doch, Kindchen. Sie werden. Das wird sie beschützen.« sagte Frau Bremer.
»Aber ... was ist mit Ihnen?«
»Oh, machen sie sich über mich keine Sorgen. Unser gemeinsamer Freund aus Liverpool hat mir eine Luftveränderung empfohlen: New Mexiko. In Santa Fé habe ich ein paar Freunde.« Sie zwinkerte Ruth zu. »Dort in der Wüste habe ich jede Menge Auslauf.« 
Eigentlich wollte sie nicht, aber Ruth musste darüber lachen, was durch die gebrochene Rippe wehtat, wovon sie noch mehr Lachen musste. Frau Bremer lachte mit.
»Ich akzeptiere ihr Geschenk.« sagte Ruth. »Aber nur unter einer Bedingung: Dass ich sie in New Mexiko besuchen darf.«
Frau Bremer streckte Ruth die Hand entgegen.
»Deal?« Ruth schüttelte die angebotene Hand.
»Deal.«
Dann stand Frau Bremer auf und stellte die Schachtel mit dem Amulett auf Ruths Nachttisch.
»Ich werde sie jetzt ein bisschen schlafen lassen.«
»In Ordnung.« antworte Ruth, die merkte, dass sie begann sich wirklich ein wenig schläfrig zu fühlen. Frau Bremer winkte zum Abschied und Ruth erwiderte schwach den Gruß. Ihre Augen wurden schwer. Dann hörte sie das Zwitschern von Sperlingen.
Irgendwo in ihren Träumen schlug Ruth die Augen auf, umgeben von Liebe.

 


Epilog

Alice hörte ein Geräusch und öffnete die Augen. Sie hatte sich noch nicht richtig daran gewöhnt, allein zu schlafen. Die letzten drei Wochen hatte sie bei ihrer Mama im Bett geschlafen. Doch heute Abend hatte sie ihre Mutter gebeten, dass sie mal versuchen sollte, in ihrem eigenen Bettchen zu schlafen.
Ihre Mama hatte das Nachtlicht angelassen und die Tür soweit aufgelassen, das sie fast ganz offen war. Trotzdem konnte sie lange nicht einschlafen. Irgendwann war es doch passiert und sie war von einem Geräusch wieder wach geworden. Sie rieb sich den Schlaf aus den Augen.
Ein Mann stand in ihrem Zimmer. Sie wollte schreien, doch sie hatte zu sehr Angst. Der Mann führte eine Hand zu seinem Mund und machte:
»Shhh.«
»Ggg...Gunther?« fragte Alice ängstlich.
»Nein. Keine Angst. Gunther kann dir nichts mehr tun«, sagte der Mann.
»Wer bist du?«
»Mein Name ist Robert«, antwortete der Mann, »Robert Althen.«
»Ich bin gekommen, um dich mitzunehmen.«
»Wohin?« fragte Alice.
Er bedeutete ihr aus dem Fenster zu sehen. Der Mond stand hell und klar am Nachthimmel.
»Zum Mond?« fragte sie aufgeregt. Der Mann nickte.
»Zur Herrin.«
»Ist es weit bis dahin?«
Robert schüttelte den Kopf. Alice überlegte. Was für Schwierigkeiten konnte es noch geben?
»Ist es anstrengend? Wird es wehtun?«
»Ich will ehrlich zu dir sein, Alice. Am Anfang wird es wehtun. Aber dann wird es richtig schön.«
»Okay.« sagte Alice prompt. Althen hielt ihr die Hand hin.
»Wollen wir?« fragte Robert. Plötzlich erschrak Alice. 
»Moment! Wir müssen Mama Bescheid sagen. Sonst weint sie.«
»Oh«, sagte Althen »Da hast du vollkommen Recht. Das wollen wir doch nicht! Lass uns zu ihr gehen!«
Hand in Hand gingen sie aus dem Zimmer.
»Ist es heller geworden?« fragte Alice und sah sich neugierig um.
»Nein, Kleines.« sagte Althen. »Deine Augen sind nur besser geworden. Geh nun. Verabschiede dich.«
Alice schlüpfte durch die offene Tür in das Schlafzimmer ihrer Mutter.
Alice stand lange an dem Bett ihrer Mutter und wartete. Sie wartete auf den Ruf ihrer neuen Herrin.
Ihre kleinen Augen glommen gelb in der Nacht.