Let Me Live

Acht Monate später.

Nick stand auf wie immer.
Früh. So früh, dass er zur Zubereitung seines Espressos das Küchenlicht anschalten musste. Frühstück ist bekanntermaßen die wichtigste Mahlzeit des Tages – Also gönnte er sich zum Espresso zwei Pop-Tarts. Dabei stellte er fest, dass er die letzte Packung im Küchenschrank angebrochen hatte.
Macht nichts, dachte er bei sich. Er musste nachher sowieso wegen der Post bei Lou vorbei.
Mit seinem üppigen Mal setzte er sich auf die Bank auf der kleinen Veranda und beobachtete wie jeden Morgen die Sonne beim aufgehen, während er frühstückte.
Danach stellte er das Geschirr zusammen und räumte es in die Geschirrspülmaschine.
Dann ging er die kleine Treppe hinauf in sein Arbeitszimmer, weckte seinen Rechner auf und begann weiter zu schreiben.


Je kleiner die Ziffern auf den Strassenschildern wurden, als sie Santa Rosa näher kam, desto unruhiger wurde Sam.
Sie war seit Jahren nicht mehr dort gewesen. Sie erinnerte sich noch verschwommen an ein trauriges, stilles Thanksgiving bei ihrer Großmutter.
Das Herbstlicht war eigentlich so warm und farbenfroh wie jetzt gewesen.
Doch ihre Herzen waren es nicht. Sie hatten gerade ihren Vater zu Grabe getragen und Teile ihrer Herzen waren mit ihm begraben worden.
Nun kehrte sie zurück und ein weiterer Teil ihres Körpers reiste nicht mir, obwohl sie ihr Bein immer noch spürte.
Sam hatte von dem Phänomen des Phantomschmerzes gelesen, hatte aber an seine Existenz nicht glauben wollen.
Eines Nachts, noch im Krankenhaus war sie eines besseren belehrt worden. Ihr nicht mehr vorhandenes Bein juckte plötzlich wie verrückt.
Die Erklärung waren natürlich die abgetrennten und langsam heilenden Nervenenden.
Doch im ersten Moment hatte Sam geglaubt den Verstand zu verlieren.
Doch dann hatte sie beschlossen, dass sie schon genug verloren hatte. Am Tag darauf hatte sie sich aufgerappelt und aufgehört sich selbst zu bemitleiden.
Nach einer harten und schmerzvollen Phase des Trainings beherrschte sie nun die Prothese fast besser als ihr altes Bein.
Sam steuert den Leihwagen so sicher, als wäre die Explosion im Gerichtsaal nie geschehen.
Sie hatte beschlossen einen Umweg zu fahren, um auf der Rustridge Ranch in St. Helena ein paar Flaschen Zinfandel zu kaufen.
Als sie auf den Koppeln rechts und links des Haupthauses die Pferde dahintraben sah, wurde ihr wieder bewusst, was für eine wertvolles Geschenk es war sich frei und ungehindert fortbewegen zu können. Ihr kam wieder ihr Lauftraining in den Sinn.
Sie hatte es ruhig angehen lassen.
Aber im nächsten Jahr wollte sie wieder kräftig genug sein, um den New York Marathon mitzulaufen.
 

Mit einer Kiste Zinfandel auf dem Rücksitz setzte Sam ihre Fahrt fort. Sie verließ das Chiles Vally und näherte sich der Stadt nun vom Westen her.
War es Zufall, dass sie die Route gewählt hatte? Sie wusste es nicht. Plötzlich kannte sie wieder jeden Baum und jeden Strauch, jede sanfte Biegung die die Straße vollführte.
Sie war auf dem Weg zu ihrem Elternhaus.
 

Das Haus ihrer Eltern stand noch. Es war in den letzten Jahren noch weiter verfallen, aber das Dach war noch intakt. Einige der Scheiben an der Front waren eingeworfen. Kinder offenbar.
Sam hatte sich in all den Jahren nicht entschließen können was sie mit dem Haus und dem Grundstück anfangen sollte.
Mach dir nichts vor, dachte sie. Du hast es nur erfolgreich verdrängt. Du hast geglaubt dieser Ort würde verblassen, wie Deine Erinnerung dann ihn.
Die Schaukel gab es auch noch, doch sie baumelte nur noch an einem Seil. Das Andere lag im hohen Gras, zusammengerollt wie eine schlafende Klapperschlange.
Eigentlich wollte sie nicht auf die Wiese hinter das Haus, doch ihre Beine setzten sich ganz von allein in Bewegung. Ein paar Vögel zwitscherten in den Bäumen.
Das Gras stand hoch und wild. Bis auf eine ganz bestimmte Stelle. Dort gab es eine kleine Lichtung,
die fast wie einer diesen magischen Kornkreise wirkte, als hätte Gott dieser Wiese seinen Stempel aufgedrückt. Nun, in gewisser Weise war es ja so gewesen.
Mühsamer als noch vor ihrem Unfall legte sich Sam auf die Stelle wo ihr Vater sie wieder ins Leben geholt hatte. Sie starrte in den Herbsthimmel.
»Rumble Bumble« murmelte sie leise.
Doch ihre Eltern waren nicht mehr da um über den alten Witz zu lachen.
Sie würde ohne sie klar kommen müssen, so wie sie ohne rechts Bein klar kommen musste.
Dann begann sie plötzlich hemmungslos zu weinen.
Sam weinte sonst sie. Aber dieser Ort hier war etwas anderes. Hieß es nicht, dass der Blitz nie an derselben Stellen einschlägt?
Dann war dies hier ein sicherer Ort und ein daher ein guter Ort um Tränen zu vergießen.
 

Als Nick das nächste Mal vom Schirm aufsah, stand die Sonne schon hoch am Himmel.
Er reckte sich, ging hinunter und machte sie wieder einen Espresso, zu dem er die letzte Packung Pop-Tarts aufriss
(und die ihn immer ein wenig an Weltraumnahrung denken ließ) und verzehrte diese.
Doc Simpson hielt ihm immer einen Vortrag über schlechte Kohlenhydrate, die angeblich in Pop-Tarts sein sollten.
So ein Blödsinn. Er war nach ... nun, nach dieser Sache ein wenig in die Breite gegangen, sah aber immer noch so gut aus, dass die Presseabteilung sein Foto nicht ändern lassen musste.
Er ging wieder hinauf und schrieb weiter bis in den frühen Nachmittag. Als er dann erneut hinunterging und vor dem nun leeren Küchenschrank stand,
beschloss er, dass es endgültig Zeit wurde, Lou einen Besuch abzustatten.
Er griff sich seine Brieftasche. Natürlich konnte er bei Lou auch anschreiben lassen. Doch er zog es vor seine Rechnungen sofort zu bezahlen.
Es hatte Zeiten in seinem Leben, in denen er hatte anschreiben müssen. Nun, diese Zeiten waren Gott sei Dank lange vorbei.
Er ging durch die Küche in die Garage, wo neben einem restaurierter kaffeebrauner Kharman Ghia mit schwarzem Dach auch eine 'Göttin', ein perfekt erhaltener Citröen DS stand.
Er liebte alte europäische Wagen.
Doch er entschied sich heute für seine neueste Errungenschaft, einen nagelneuen Tesla, dem ersten Sportwagen mit reinem Elektroantrieb.
Aber Pop-Tarts liebte er noch mehr. Scheiß auf die Kohlenhydrate. Pete, sein schwuler Fitness-Trainer würde protestieren, aber egal.
Zeit zu fahren, dann schaffte er vor dem Abendessen vielleicht noch ein paar Zeilen Code.
Ende der Woche war Schluss, dann würde das neue Meisterwerk von Nicolas 'Nick' Shaw noch vor der CES,
der wichtigsten Messe für Computerspiele in den Regalen stehen. Es gab nicht viele Game-Designer, deren Name auf der Packung eines Computerspiels gedruckt wurden.
Nicks Name wurde mittlerweile größer gedruckt als der Titel des Spiels. Natürlich hatte er das ganze Spiel nicht allein geschrieben.
In seiner Firma im Silicon Valley arbeiteten bis zu einhundert Programmierer an der Fertigstellung. Doch
Er betätigte die den Einschalter des Tesla und der Motor erwachte mit dem so typischen, freundlichen Summen eines Elektromotors. Alle Wagen waren durchgecheckt und aufgetankt … immer bereit für die schnelle Flucht.
Sein iPod, den er sich für viel Geld in den Wagen hatte einbauen lassen, sprang ebenfalls an und spielte einen schnellen Lauf von Sonny Rollins.
Die Musik tönte laut aus den sündhaft teuren Bose-Boxen.
Nick Shaw liebte sein zweites Leben.


Etwa auf halber Strecke in die Stadt überholte ihn ein schneller Sportwagen.
Nick identifizierte ihn als einen 2000er Thunderbird - eine unkultivierte Dreckschleuder aus Detroit.
Am Steuer des Thunderbird saß eine attraktive Blondine.
Ihr langes Haar wehte im Wind und hatte die Farbe von nassem Stroh. Interessiert betrachtete sie kurz seinen Wagen.
Nun, der Tesla hatte gewöhnlich diese Wirkung auf Frauen.
Dann warf die Frau ihm ein Lächeln zu.
Ja, auch Nick hatte für gewöhnlich diese Wirkung auf Frauen.
Ja, ich weiß, netter Wagen. Und seit ich wieder Sport mache, sehe ich auch wieder ganz passabel aus. Danke.
Und nun verzieh dich, dachte er und lächelte nicht zurück.
Endlich gab Blondchen Gas und verschwand mitsamt ihrem Wagen hinter der nächsten Hügelkuppe.
Schon vor langer Zeit hatte er beschlossen, dass er nur noch drei Frauen in seinem Leben duldete: Seine Putzfrau seine Marketing-Leiterin … und Lou.
Kein anderes Weibsstück würde je wieder sein Leben aus dem Gleichgewicht bringen … oder es gefährden.
 

Lou's richtiger Name war Lois Simpson. Sie war Doc Simpsons Tochter. Das merkte man, wenn sie nörgelte. Ihr gehörte Nicks bevorzugter Gemischtwarenladen auf der Main Street in Sebastopol. Lois lebte zusammen mit einer Frau mit Namen Lana zusammen, was Nick immer wieder Gelegenheit für anzügliche Superman-Witze bot. Mit Lois konnte er sich solche Scherze erlauben, denn in seinen Augen war Lois, die wie er aufgrund genetischer Disposition auf Frauen stand jemand, denn er nicht als Frau sah, sondern als jemanden, der ihn mit Lebensmitteln versorgte und mit dem er ab und zu im X Billard spielte und ein Bierchen trank. Lou war sein Kumpel. Vielleicht war sie für Nick auch so etwas wie in Freund. Doch sicher war er sich dessen nicht.
Denn letztendlich war und blieb Lou auch nur eine  Frau - und daher konnte er ihr nicht trauen.
 

Sam hielt an dem kleinen Laden auf der Main Street in Sebastopol.
Der Tesla, den sie vorhin überholt hatte, parkte davor.
Ihr Vater hatte einen Karman Ghia gefahren. Sie konnte sich noch erinnern, wie stickig es manchmal auf dem Rücksitz gewesen war, wenn die Familie Risk einen Ausflug ins Napa Valley gemacht hatten. Doch sie hatte diesen Wagen geliebt. Sie musste Gran fragen, was mit ihm passiert ist. Sie saß noch einen Augenblick nur da und seufzte. Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Sollte sie wirklich dort hineingehen?
»Bringen wir es hinter uns.« murmelte sie. Sie reckte sich. Ihr steckte immer noch der Flug in den Knochen.
Dabei sah sie nach oben und suchte automatisch den strahlend blauen Himmel nach einer dunklen Wolke ab. Dann wurde ihr bewusst, was sie da tat, hielt inne und lachte leise in sich hinein.
Nein Sam, kein Blitz wird mehr treffen. Eher wirst du dich mit Lois Simpson aussöhnen.
Ja, ganz genau ... Und mein Schwein kann fliegen.
Sie holte eine Flasche Wein aus dem Kofferraum. Dann atmete sie tief ein und aus und ging zum Laden, um Lois Simpson 'Guten Tag' zu sagen.
 

Die kleine Glocke über der Tür klingelte immer noch so blechern wie Sam es in Erinnerung hatte. Lois stand hinter der Ladentheke und sprach mit einem Mann. Er war offenbar der Fahrer des Tesla, denn er war der einzige Kunde im Laden.
Auf dem Tresen stand eine große braune Papiertüte, aus der ein dutzend Pakete Pop-Tarts und Espresso hervorquollen. Der Mann sah zu Sam herüber und musterte sie.
Im ersten Moment fand Sam ihn ganz sympathisch. Männer die einen Tesla fuhren waren in Sams Augen grundsätzlich keine schlechten Menschen. Doch dieser Kerl war wohl eine Ausnahme.
»Wow.« sagte er. »Ein Krüppel.«
Sam hatte sich darauf eingestellt nicht besonders höflich in Santa Rosa empfangen zu werden. Doch sie hatte eigentlich damit gerechnet, dass die erste abweisende Bemerkung ihr gegenüber aus Lois Simpsons Mund kommen würde. Sie bemerkte, dass sie rot wurde. Sie schluckte. Dann hatte sie sich wieder in der Gewalt. Sie sah an sich herab und tätschelte sacht ihre Prothese.
»Offensichtlich ...« antwortete sie. Sie spürte, wie sie die Schultern hob und das Kinn vorstreckte. Sie war eine Risk. »... und was ist ihr Problem, Mister?«
Der Mann wurde wider erwarten nicht verlegen. Er zuckte einfach ebenfalls mit den Schultern.
»Kopfschuss.« sagte er, nahm die Papiertüte und ging. Er passierte Sam ohne sie weiter eines Blickes zu würdigen.
An der Tür blieb er dann noch einmal kurz stehen. Sam brauchte einen Moment um zu realisieren, dass er ihren Wagen betrachtete. Dann dreht er sich ungelenk zu ihr um.
»Ihr Wagen ist ein Haufen Scheiße.« sagte er.
Sam musste lachen.
»Ach wirklich? Nun, ihrer ist es nicht.«
»Ich weiß.« antwortete der Mann, drehte sich um und ging.
Sam sah dem komischen Kauz hinterher.
»Was ist denn sein Problem?« fragte sie Lois so unaufdringlich wie möglich.
Lois antwortete nicht. Sam sah sie an. Lois hatte die Arme verschränkt und starrte sie hasserfüllt an.
Sam sah nicht nach oben. Aber wenn sie jemals erneut von einem Blitz erschlagen werden sollte, dann wohl in diesem Moment.
Na, Halleluja, dachte sie.
 

Zum letzten Mal hatten sich Samantha und Lois auf dem Abschlussball der X gesehen. Sie hatten ihre Beziehung die ganze Zeit geheim gehalten.
Für Lois war Sam die ganz große Liebe. Für Sam war die Beziehung mit Lois eine interessante Erfahrung. In den letzten Monaten hatte sich für Sam immer mehr herauskristallisiert, dass sie Lois mochte. Sehr sogar. Aber im Grunde liebte Sam sie nicht. Sie hatte dies bemerkt als sie Lois mit einem Mann betrogen hatte. Lois wusste dies nicht, ahnte es aber. Sams Geliebter war ihr Professor in Staatsrecht. Er war ein verheirateter Mann und machte Sam keine Illusionen, dass er in ihr mehr als nur eine angenehme Ablenkung sah. Sam war dies Rechts. Sie liebte ihn nicht, aber sie bewunderte ihn. Und der Sex war fantastisch, soweit sie das beurteilen konnte, da sie nie zuvor mit einem Mann geschlafen hatte. Das eine Mal auf der High School auf dem Rücksitz von Todd Chambers klapprigen BMW zählte nicht. Dafür war die Sache zu schnell vorbei gewesen.
Lois, die Psychologie studiert hatte würde ihr sicher erklären, dass sie bei ihrem Professor X nur die Sicherheit ihres Vater suchte, doch Lois wusste ja nichts von Sam Betrug. Eigentlich wollte sie es Lois längst gesagt haben.
Nach den Prüfungen hatte sie es schon sagen wollen. Dann gleich nach dem Empfang der Graduierten.
Nach, nach, nach.
Doch anstatt es ihr dann zu beichten, hatte sie mit Lois geschlafen. Es war gut gewesen. Besser als die letzten, seltner gewordenen Male zuvor. Lois hatte eine Art verzweifelter Energie aufgewandt, um Sam ins Bett zu bekommen. So als würde sie spüren, dass das Ende ihre Beziehung nah war. Dies allein hätte Sam eigentlich zu veranlassen müssen nicht darauf einzugehen. Doch zu ihrer Überraschung hatte sie es als unheimlich anziehend empfunden so verzweifelt von jemanden gewollt zu werden.
Sie lagen erschöpft nebeneinander, die blauen Tuniken um sie geschlungen wie Seewasser. Einer der
Lois zündete sich einen Joint an.
»Was war dass denn?« fragte sie in den Raum.
»Ich weiss es nicht.« antwortete Sam. »Aber es war gut.« Sie musste es Lois jetzt sagen es ging nicht anders.
»Ja, das war es.« sagte Lois und küsste sie. Sie hielt inne, weil Sam den Kuss nicht erwiderte.
»Was hast Du?« fragte sie. Die Verzweiflung loderte wieder auf. Es tut mir so leid, dachte Sam.
»Ich habe eine Stelle.« sagte sie.
»Was? Aber ... das ... das ist großartig!«
»In New York.«
»New York? Wollten wir nicht eigentlich an der Westküste bleiben?«
»Ja, du hast Recht. Eigentlich schon, ja.«
»Ach egal« sagte Lois nachdem sie einen Moment überlegt hatte. »In New York gibt mehr Verrückte als in der Bay. Somit kein Problem für mich.«
Sie reichte den Joint an Sam weiter. Diese nahm einen kleinen Zug.
»Vermutlich.« sagte sie und musste husten.
»Was hast du bloß?« fragte Lois.
»Ich habe mich verschluckt.«
»Das meine ich nicht, Honey.« Sie strich Sam über die Wange. Sam konnte ihr nicht in die Augen sehen. Sie drehte den Kopf weg.
»Ich möchte nicht, dass du mitkommst, Lois.«
»Was?« fragte Lois leise.
Sam hatte noch nichts gesagt. Zumindest noch nicht genug. Doch dann öffnete ihren Mund erneut und die Wahrheit floss endlich aus ihr hinaus und riss Lois liebevollen Blick für immer mit sich.
 

Und nach all den Jahren schien er kein bisschen geschwunden zu sein.
»Hallo, Sam.« sagte Lois und musterte sie. »Hast dir ja scheinbar ein Bein ausgerissen um mich wieder zu sehen.
Es tat weh. Sam hatte nicht geglaubt, schließlich hatte sie es verdient. Aber dennoch, es tat weh.
»Es tut mir leid, Lois. Wirklich.«
Lois grinste schief. »Was ist das hier? So ne Art Vergangenheitsbewältigungsscheiße?«
»Nein.« sagte Sam und bemerkte, dass sie log. Nicht absichtsvoll, sondern weil sie sich selbst wohl nicht eingestehen wollte, dass die Samantha Risk einen Ort brauchte um sich zusammenzurollen und ihre Wunden zu lecken. Lois hatte sie durchschaut. Lois hatte das immer gekonnt, aber nur bei Menschen, die sie nicht liebte. Bei Menschen die sie liebte war Lois blind. Zumindest war es Lois mit ihr so ergangen.
»Na schön, Sam. Was willst Du dann?«
»Ich besuche Granny, das ist alles.«
»Na, dann willkommen Zuhause, Sam.«
Sam holte die Flasche Zinfandel hervor. »Hier, Lois. Für dich.« Lois lachte und drehte sich zur Seite. Hinter ihr im Regal stand eine ganze Wand mit X Zinfandel.
»Das eines klar ist. Ich brauche nichts mehr von dir, Samantha Risk. Nie mehr.«
Sam wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte.
»Mein Leben lang habe ich mich gefühlt als könnte nichts und niemand verletzen, Lois. Niemand konnte mich erreichen. Nicht mal jemand, der mich liebt. Aber ich bin jetzt anders Lois. Das wollte ich dir sagen. Ich wollte dich wissen lassen, dass ich nun weiss, wie sehr ich dir wehgetan habe. Und ich wollte dich bitten mir ...« Sie konnte nicht weitersprechen.
Wenn Lois von Sams Beichte gerührt war, dann zeigte sie es nicht, sagte nichts. Dann hatte sie es sich überlegt und sagte sie doch noch etwas.
»Warum verschwindest du nicht einfach, Krüppel?« fragte sie.
Ihre Stimme war dabei kalt und schneidend.
Sam schluckte, dann nickte sie. Sie hatte verstanden. Nur zu gut hatte sie verstanden. Sie wusste sich nicht weiter zu helfen, also stellte sie die Flasche einfach auf den Boden.
Dann ging sie ohne sich nochmals dem Blick von Lois zu stellen hinaus. Lois hörte, wie Sam in ihren Wagen stieg und davonfuhr.
 

Ein paar Minuten später hielt ein weiterer Wagen vor dem Laden. Es war Lois Freundin Lana. Sie hatte Seinfeld, ihren gemeinsamen Labrador dabei. Seinfeld trottete herein, wedelte zur Begrüßung mit dem Schwanz, bemerkte die Flasche und roch kurz daran. Er sah zu Lois, dann ging er in seine Ecke, soff ein wenig Wasser und machte es sich dann auf seiner Decke gemütlich.
Lana kam herein. Sie hatte Gemüse vom Markt und einen Strauss Feldblumen in der Hand, den sie sicher auf dem Weg gepflückt hatte. Sie bemerkte die Flasche, hob sie auf und stellte sie auf den Tresen.
»Was ist damit?« fragte sie Lois.
»Die Flasche ist von ihr.« antwortete Lois.
»Von wem?« Lana sagte es schneller, als sie den Ausdruck in Lois Gesicht deuten konnte. Doch sie kapierte sofort.
»Oh.« sagte sie. »Was macht sie denn hier?«
Lois lachte bitter.
»Sie wollte sich entschuldigen.«
»Aha.« Sie überlegte. »Und was hast du dazu gesagt?«
»Das sie zum Teufel gehen soll, was sonst.« Lana sagte nichts. »Was?«
»Nichts, Lois.«
»Nun sag schon.«
»Findest du das nicht ein bisschen hart? Ich meine ich weiß schon, sie ist deine große Liebe und all das. Aber das ist so viele Jahre her ...«
»Nein.«
»Nein, was?«
»Nein, ich finde nicht, dass das zu hart ist.«
Lana ging zu Lois und legte die Arme um sie.
»Dann solltest du dir nur eine einzige Frage stellen.« Lois hob fragend die Brauen.
»Liegt doch auf der Hand. Wenn du nach all den Jahren immer noch so sauer auf Samantha bist, dann solltest du dir die Frage stellen ob du nicht doch noch etwas für sie empfindest.«
»Nein. Ich empfinde nichts mehr für sie, Schatz. Ich liebe Dich.« Sie seufzte. »Aber der Grund für meine Wut ist, dass ich durch sie so viele Jahre gebraucht habe wieder jemanden lieben zu können.« Lois nahm die Flasche von Sam und warf sie in den Abfall.
 

Sam hatte es gewusst. Es war ein Fehler gewesen zurück nach Santa Rosa zu kommen. Sie stieß auf die Calistoga Road. Sam hielt an.
Bog sie rechts ab,würde sie das zu ihrer Großmutter führen. Links führte die Straße auf den Highway und zum Flughafen. Sie betrachtete das Signet des davonfliegendes Flugzeugs. Einfach wieder in den Flieger steigen.
Es war so einfach.
Warum verschwindest du nicht einfach, hatte Lois gesagt.
Sam setzte den Blinker ... und bog rechts ab. Keine dahergelaufene Lesbe konnte ihr vorschreiben, was sie zu tun oder zu lassen hatte.
Krüppel oder nicht. Letzend Endes war sie eine Risk.
Ein paar Jungs auf ihren Rädern radelten plötzlich von rechts haarscharf an Sams Kühler vorbei. Sam trat auf die Bremse und hupte den Jungen hinterher.
Wieder ein kurzer Moment des Zweifels ... Dann gab sie wieder Gas. Nein, sie würde bleiben.
Jetzt erst recht.
 

»Hast du die gesehen?« fragte Lucian.
»Nö.« erwiderte Martin und strampelte weiter.
»Die war hot.«
»Echt?« Martin hatte nicht darauf geachtet, ob die Frau am Steuer des Thunderbirds 'hot' gewesen war. Ihm fiel auf, dass in letzter Zeit Lucians Kommentare immer öfter um das Thema Mädchen kreisten. Martin konnte diese Veränderung noch nicht deuten. Ihn selbst interessierten Mädchen herzlich wenig. Da gab es eindeutig wichtigere Dinge im Leben eines 11-jährigen. Aber er hatte im Gegensatz zu Lucian ja auch zwei Schwestern. Da hielt sich die Faszination für weibliche Wesen
stark in Grenzen.
»Los jetzt.« rief er Lucian zu und trat fester in die Pedalen. Bis zu 'Shop Of Cool Stuff' auf der Farmers Lane waren es noch ein paar Meilen.
Der Laden war weit mehr als ein gewöhnlicher Spielzeugladen. Er führte elektronische Spielereien aller Art. Einen fernsteuerbaren R2-D2 Roboter, eine unheimlich realistische wirkende Elvis Büste die 'Jailhouse Rock' sang und einen kleinen Hubschrauber, den man im Klassenzimmer herumfliegen lassen konnte.
Aber was für Martin (und in Teilen auch für Lucian) am bedeutsamsten an 'The Shop Of Cool Stuff' war, wurde in Internet-Foren schon seit Wochen heiß diskutiert.
Nicolas Shaw, Erfinder der erfolgreichen Computerspiel-Reihe 'Witchhunter' lebte in der Nähe von Santa Rosa. Und in regelmäßigen Abständen besuchte er Mr. Lee, den Besitzer des Ladens um ein neues, sündhaft teures Spielzeug zu erwerben. Aber manchmal, vor der Veröffentlichung eines Spiels erlaubte er einen der sich dort aufhaltenden Jungen eine Beta-Version seines neuesten Werkes auszuprobieren. Das Problem war nur, sie waren viel zu spät dran, weil Lucian noch nicht mit dem Rasen mähen bei Mrs. Wilson fertig war und eine von Martins Schwestern wieder einmal heftig rumgezickt hatte. Daher hatte Lucians Mutter seine Schwester in die Shopping Mall kutschiert und nicht wie versprochen Martin zusammen mit Lucian zum Laden gefahren. »Nehmt doch die Fahrräder.« hatte Lucians Mutter vorgeschlagen und Lucians Schwester hatte den beiden Jungen das triumphierende Grinsen der Bevorteilten zugeworfen.
Würden sie nun Nick Shaw verpassen und eine Chance auf eine Partie Witchhunter VII unwiederbringlich versäumen?
 

Als die beiden Jungen den Parkplatz vor dem Laden erreichten, war dieser bereits menschenleer.
Es war Sonntag. Der Laden schloss um vier. Martin sah auf seine Snoopy-Uhr. Es war sechs Minuten vor Vier. Ein Hand, vermutlich die von Mr. Lee, dem Besitzer vom 'Shop Of Cool Stuff', drehte das 'OFFEN' Schild an der Ladentür um. Nun stand 'GESCHLOSSEN' an der Tür. »Verdammt, wir sind zu spät!« rief Martin. Er strampelte bis kurz vor den Eingang, sprang vom Rad und rannte zur Tür.
»Mr. Lee! Mr. Lee, bitte, warten sie!« Martin trommelte mit den Fäusten gegen die Tür.
Mr. Lee öffnete die Tür einen kleinen Spalt.
»Ja?« fragte er.
»Bitte, Mr. Lee! Wir sind gar nicht zu spät.« brach es aus Martin hervor. Lucian warf Martin einen bösen Blick zu.
Die Wahrheit einfach zu leugnen war eine bei Martins Eltern bewährte Strategie. Doch bei Mr. Lee schien diese nicht zu fruchten.
»Oh, doch Junge, das seit ihr. Über zwei Stunden. Ich habe alle Jungs die auf Mr. Shaw gewartet haben, nach Hause geschickt.«
»So ein Mist.« sagte Martin und seufzte. Mr. Lee zwinkerte ihm zu.
»Aber zu Eurem Glück ist Mr. Shaw ebenso so spät wie ihr.« Er deutete mit seinem großen Kopf mit der Nickbeard Frisur zum Parkplatz. Lucian und Martin drehten sich um und sahen, wie gerade der Wagen von Nick Shaw auf den Parkplatz fuhr. Martin sah Lucian an.
»Wir haben ihn nicht verpasst!«
Mr. Shaw stieg aus dem Wagen aus. »Hallo Jungs, seit ihr diesmal etwa die Einzigen?« fragte Shaw.
»Ich habe die Anderen vor einer halben Stunden nach Hause geschickt. Ich dachte du kommst nicht mehr.«
»Wieso denn das?«
Du bist zwei Stunden zu spät, Nick.«
»Oh. Echt? Naja, und was ist mit denen hier?« fragte Nick Mr. Lee.
»Wir wollen ...« begann Martin, doch Lucian unterbrach ihn mit einem Rippenstoß. »Wenn es ihnen nichts ausmacht, würden wir gern einen Blick auf Witchhunter VII werfen.«
»Was meinen Sie, Mr. Lee?« fragte Nick.
Mr. Lee grinste.
»Ich denke, sie haben es sich verdient.«
»Also schön Jungs.«
»Cool.« sagten Lucian und Martin unisono.
Da Nick viel mit Kindern und Jugendliche zu tun hatte, wusste er diese Form der Zustimmung zu deuten.
»Na, dann los. Mr. Lee, wärmen sie die Konsole schon mal an.«
Sie gingen alle hinein in den Laden.
Das ist der coolste Tag in meinem Leben, dachte Martin, überglücklich.
Leider sollte es auch sein Letzter werden.
 

Das Haus von Großmutter Risk lag in der kleinen, feinen Gegend um den North Park. Seit Sams letzten Besuch war es frisch getüncht worden und wirkte mit seinen frischen Technicolor-Farben wie ein Häuschen aus einem alten Disney-Film. Großmutter Risk kniete im Vorgarten vor einem Blumenbeet und beschnitt ihren geliebten Rosenbusch. Sie trug Jeans und Bluse und ein breitkrempiger Hut schützte sie vor der offenbar immer noch kräftigen Herbstsonne. Großmutter Risk lehnte sich zurück und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Dabei entdeckte sie ihre Enkeltochter.
»Überraschung.« sagte Sam.
Das Gesicht von Großmutter Risk zeigte eine erfreutes Lächeln, dass sich entfaltete wie ein Fächer.
»Liebes ...« sagte sie und erhob sich. Mühsamer als früher, aber immer noch sehr würdevoll.
Sie nahm Sam in den Arm und drückte sie.
»Oh, wie schön, dich zu sehen, Sam.« Dann bedachte sie ihr Enkelkind mit einem prüfenden Blick.
»Junge Dame, Du siehst aus wie durch den Wolf gedreht.« Sam zuckte mit den Achseln.
»Ich habe eben noch Halt bei Lois‘ Laden gemacht.«
»Oh.« Sie machte eine Pause. »Verstehe.« sagte Großmutter Risk. Sam war sich nicht sicher, wie viel Großmutter Risk über Sams lesbischen College-Eskapaden wusste. Aber wenn eine  Eigenschaft nicht auf Großmutter Risk zutraf, dann war es Dummheit.
Sie tätschelte Sam die Wange. »Na, komm Kind, wir machen uns erst einmal einen schöne Tasse Tee.« Sam bemühte sich, nicht zu lachen. Nichts hatte sich in Santa Rosa verändert. Zumindest nicht für Großmutter Risk.
Alle Probleme der Welt liessen sich mit einer guten Tasse Tee zwar nicht lösen, aber zumindest lindern.
 

Das Dorf Salem war dunkel, die schmalen Gassen verlassen und leer. Die Läden der Fenster waren geschlossen und die Türen verbarrikadiert. Nachdem die Hexen die Scheiterhaufen gelöscht, ihre Schwestern befreit und das Dorf angegriffen hatten, waren die wenigen Überlebenden geflohen.
Salem war nun ein weitere Stadt die in Hand der Hexenkönigin gefallen war. Doch das machte die Sache einfach.
Jedes lebendige Geschöpf in Salem war ein Hexe und konnte bedenkenlos ausgemerzt werden.
Das war ein Job für Quäker John, dem Witchhunter.
Lucian dirigierte mit dem Controller den Mann, der dass dunkle Gewand den breitkrempigen Hut und die Schnallenschuhe eines Quäkers trug, auf den Dorfplatz.
Die von den Hexen gelöschten Scheiterhaufen schwelten noch. Der volle Mond beschien den Szenerie. Einige Fackeln an Häuserwänden brannten und eine Katze miaute. Der Quäker fuhr herum. Die Katze machte einen Buckel und fauchte. John aktvierte an seinem Waffenarm den Flammenwerfer und verbrannte das Tier mit einem gezieltem Feuerstoß zu Asche. Den Waffenarm hatte Quäker John seit Teil Fünf der Witchhunter Reihe. Lucian besaß die limitierte Action-Figur und hütete sie wie einen Schatz.
Die Katze löste sich in einem Funkenregen auf. Quäker John musste so handeln. Das Tier hätte Alarm geschlagen und ihre Herrin und Dutzende von Hexen wären vom Himmel gefahren und hätten Quäker John angegriffen.
Plötzlich hörte man einen schrillen, markerschütternden Schrei.
Wieder drehte sich Quäker John, gesteuert von Lucian, herum.
Eine Hexe!
Sie trug einen Schönheitszauber und wirkte verführerisch wie ein Fotomodell. Doch Lucian aktivierte Quäker Johns Hexen-Visor und sah nun die echte, hässlich entstellte Fratze der Hexe. Diese zischte bereits einen todbringenden Fluch. Würde sie ihn vollenden, würde Quäker John eines seiner sieben Leben verlieren. Doch Quäker Johns Waffenarm rastete bei dem Elektroschocker ein. Ohne zu Zögern feuerte er einen metallischen Draht in die Brust der Hexe. Sie heulte auf. Automatisch löste sich das andere Endes des Drahtes vom Waffenarm und wurde Mittels einer kleinen Sprengkapsel in den Nachthimmel geschossen.
Wieder versuchte die Hexe ihren Zauberspruch zu vollenden, doch da zuckte vom Himmel eine Blitzstrahl den Draht entlang, Mitten in die Brust der Hexe.
Mit einem enttäuschtem Kreischen explodierte die Hexe und folgte ihrer Katze in die Hölle.

 

»Das war echt cool.« kommentierte Lucian und reichte den Controller an den schon ungeduldig zappelnden Martin weiter.
»Wieso hast Du bei der Hexe den Blitz-Draht angewandt und nicht den Flammenwerfer?« erkundigte sich Nick bei dem Jungen. Lucian sah ihn an, als hätte er gefragt ob Lucian keine Windeln mehr trug.
»Die Hexe hatte doch den Circe-Zauber für Schönheit angewandt. Eine Hexe die das kann, ist selbstverständlich resistent gegen Feuer.« verkündete Lucian mit dem Brustton der Überzeugung.
Mr. Lee gluckste.
»Du sprichst hier offenbar mit einem Experten, Nick.« Nick lachte.
»Scheint so.« Der Junge schien ein paar Zentimeter zu wachsen. »Wirklich, eine sehr gute Analyse der Situation.«
»Oh, das ist so cool!« rief Martin, ganz in den Kampf von Quäker John mit den Hexen vertieft.
Nick war zufrieden. Witchhunter VII schien auf dem richtigen Weg zu sein.
 

»Wie geht es dir?« fragte Großmutter Risk nach der ersten Tasse Tee. Sam hob überrascht die Brauen.
»Aber Gran, ich habe dir die Frage schon beantwortet.«
»Nein, mein Kind.« erwiderte Großmutter Risk. Das vorhin war belanglose Konversation.«
Großmutter Risk hob ihren Arm mit den schmalen, dünnen Fingern und drückte ihren Zeigefinger gegen Sams Brust.
»Jetzt frage ich dich, wie geht es dir wirklich geht, mein Kind. Und diesmal möchte ich nicht wieder eine höfliche Notlüge hören.«
Die Offenheit von Großmutter Risk trag Sam wie ein Schlag ins  Gesicht. Großmutter Risk hatte schon immer am Besten in Sams Herz sehen können. Vor dem Tod ihrer Eltern wäre eine solche Unterhaltung undenkbar gewesen. Doch irgendwie fühlte sich Großmutter Risk nun verpflichtet die von Sam Eltern hinterlassene Lücke zu füllen. Ein solch direkter Appell an Sams innere Gefühlswelt war eigentlich Sams Vater vorbehalten gewesen.
Somit war auch klar, dass Sam die Reaktion zeigte, die sie auch bei ihrem Vater gezeigt hätte.
Sie begann zu weinen und vergrub ihren Kopf in Großmutter Risks Schulter.
»Ich kann nicht mehr.« schluchzte sie. »Ich kann einfach nicht mehr.«
»Shhh.« machte ihre Großmutter. »Schon gut.« Sie schwieg.
»Aber du wirst wieder können.« sagte sie schließlich. »Denn du bist eine Risk.«
 

Martin wurde wach. Nicht mit einem Mal. Erst bemerkte er, wie kaltes Wasser auf seinen Kopf tröpfelte. Das störte ihn schliesslich so sehr, dass sein Bewusstsein aus dem Ruhezustand erwachte. Das Wasser rann seinen Kopf hinab, entlang seiner Augen und benetzte seine Lippen. Regenwasser. Immer mehr davon floss an ihm herab. Er wollte es wegwischen. Da bemerkte er, dass er an Händen und Füssen gefesselt war. Die Ketten rasselten. »Mmmmmartin.« sagte eine Stimme.
Jetzt war er wach. Er öffnete die Augen. Doch er konnte nichts sehen. Es war stockdunkel.
»Mmmartin, Wwwo sind wir?« Es war die zitternde Stimme von Lucian.
»Lucian? Lucian, wo bist Du?«
 

Merlin Lees Mobiltelefon klingelte. Verschlafen tastete er danach. Er sah auf die Anzeige: Unbekannter Anrufer. Er prüfte die Uhrzeit: 02:33.
Wer zum Teufel rief ihn um diese Uhrzeit an?
Er nahm den Anruf nicht entgegen. Sicher verwählt.
Doch zwei Minuten später klingelte das Telefon erneut.
Offenbar ein Idiot, überlegte er. Oder der Anrufer hatte sich doch nicht verwählt? Shit. Er ging rann.
»Ja?«
»Mr. Lee?« fragte die Stimme einer Frau. Sie klang erschöpft und schrill zugleich. Er kannte sie nicht, aber der angstvolle Ton ihrer Stimme liess Merlin aufhorchen.
»Ja?«
»Mein Name ist Amanda Wilkins. Ich bin die Mutter von Martin. Von Mrs. Harris habe ich erfahren, dass die Beiden zu ihnen in den Laden wollten.«
Sie entschuldigte sich nicht bei Matthew ihn aus dem Schlaf gerissen zu haben. Normalerweise würde ihn ein solches Verhalten verärgern. Doch dann fiel ihm ein, dass sie ja eine besorgte Mutter auf der Suche nach ihrem Kind war und vermutlich in dieser Nacht schon Dutzende solcher Telefonate geführt haben musste. Einer der Alpträume von Elternschaft. Matt lebte von seiner Frau getrennt und hatte die Kinder mitgenommen. Daher konnte er trotz seiner Müdigkeit Verständnis für Mrs. Wilkins aufbringen. Seine Wut verrauchte.
»Ja, die beiden kamen so um 15 Uhr in meinem Laden um mit Mr. Shaw das neue Spiel von ihm zu probieren. Dann sind sie so gegen 18 Uhr wieder los. Sie wollten wohl nach Hause.«
»Um 18 Uhr sagen sie?.«
»Das ist richtig.«
»Hmm. Dann danke ich ihnen, Mr. Lee. Wenn sie etwas hören … irgendetwas … wären sie so freundlich und ...?« Sie musste nicht weitersprechen.
»Natürlich. Ich melde mich sofort. Bitte geben sie mir ihre Rufnummer.«
Er notierte sie, verschrieb sich, strich sie durch und musste sie sich nochmals geben lassen. Dann beendete er das Gespräch.
Noch lange danach lag er im Dunkeln und konnte nicht einschlafen.
»Shit«, dachte er wieder.
Die Spottdrossel hatte ihm prophezeit, dass dies eines Tages geschehen würde.
Doch er hatte nicht damit gerechnet, dass es sobald geschehen würde.
 

»Ich bin hier.« schniefte Lucian, nicht weit von Martin entfernt. »Hier ...« Er weinte. Das Schluchzen hallte von den dunklen, kalten Wänden ihres Gefängnisses wieder.
Oh, Jesus, dachte Martin. Er musste dringend pinkeln. Martin kämpfte tapfer dagegen an, aber ehe er etwas dagegen tun konnte, verlor er auch schon die Kontrolle über seine Blase.
Toll, jetzt machst du dir in die Hose, wie ein Baby.
In diesem Moment war Martin dankbar für die Dunkelheit. Doch als der warme Urin seine Beine hinablief wurde ihm klar, dass er gar keine Hose mehr trug. Er war nackt. Erneut war er dankbar für die Dunkelheit. Lucian würde Lachen, wenn er ihn so sah. Obwohl … vielleicht auch nicht. Da er und Lucian sich in der gleichen Situation befanden, vermutete Martin das auch Lucian keine Kleidung mehr trug.
Seine Brust tat weh. Und durch die engen Ketten spürte er seine Arme und Beine nicht mehr.
Plötzlich war ihr Gefängnis erfüllt von einem hellen Licht.
Martins Vermutung war richtig gewesen. Lucian war wie er unbekleidet und ihm gegenüber mit Händen und Füßen an die Wand gekettet. Das flackernde Licht hielt nur einen Moment an. Dann folgte auch schon ein Tiefes Grollen.
Ein Gewitter!
Wo sind wir nur?, fragte sich Martin.
Plötzlich wusste er es.
Die hohen nassen Wände, die Ketten und das undichte Dach. Sie waren im Turm des alten Hexenmeisters gefangen!
Der Hexenmeister war der Endgegner des Bonus-Levels in Witchhunter VI.
Doch wie war das möglich? Wie konnte e