Logan (2017)

Das Jahr ist 2029. Es gibt kaum noch Mutanten. Die wenigen Überlebenden Leben im Verborgenen, an dem Rand der Gesellschaft. Amerika wird von Konzernen und ihren privaten Armeen beherrscht. Der ehemalige X-Men Logan (Hugh Jackman) ist alt geworden. Seine Selbstheilungskräfte schwinden. Zusammen mit dem Mutanten Caliban (Stephen Merchant) kümmern sie sich um den an Alzheimer erkrankten Prozessor X (Patrick Stewart). Zusammen lebt das Trio in einer verlassenen Fabrik an der US-Grenze zu Mexiko, die mittlerweile von Trumps Mauer ›geschützt‹ wird. Mit einem Job als Limousinen-Chauffeur hält er seine Freunde und sich über Wasser. Als die mexikanische Krankenschwester Gabriela (Elizabeth Rodriguez) ihn darum bittet das MädchenLaura (Dafoe Keen) und sie nach North Dakota zu bringen, gerät Logan in den Fokus des Mutanten-Jägers Donald Pierce (Boyd Holbrook), der sinistre Pläne für das Mädchen Laura und ihre besonderen Fähigkeiten hat …

›A little piece of you - The little peace in me - Will die (This is not a miracle) - For this is not America‹ heisst es in David Bowies ›This Is Not America‹.
Die traurige Wahrheit von James Mangolds ›Logan‹ ist, dass sich unsere Welt im Moment genau in die Richtung bewegt, die das alptraumhafte Amerika im Film zeigt. Autonome Robotergefährte ziehen ihre Bahnen über die Highways oder die endlosen Reihe der Felder mit Genweizen. Der neoliberale Alptraum des entfesselten Marktes regiert das Land. Die Armen und abgehängten der Gesellschaft (Mutanten inklusive) müssen sich an dessen Rändern verkriechen, um zu überleben, oder sich in das politisch sicherere Kanada retten. Aktueller könnte eine Film nicht sein. Dabei wurde das Drehbuch zu Logan vor der Wahl Donald Trump zum US-Präsidenten geschrieben.

›Logan‹ ist im Grunde ein Western, der zufällig im Milieu des Superheldenfilms spielt. Hugh Jackman spielt den alternden Logan wie Gary Cooper den Sheriff in Fred Zinnemans ›High Noon‹.Er will einfach nur seine Ruhe und irgendwie überleben. Aber auch für einen ausgemusterten Superhelden gibt kein richtiges Leben im Falschen. Er kann vielleicht Amerika nicht mehr aus der neoliberalen Umklammerung befreien, aber er kann dafür Sorgen, dass die nächste Generation von Mutanten die Chance erhält den Kampf wieder aufzunehmen. ›Logan‹ hält ein Plädoyer für das Gutmenschentum. Jeder der moralisch integeren Figuren im Film sind nicht zufälligerweise Vertreter von Minderheiten. Rechte, alte weiße Männer regieren das Land. Und Logan tritt diesen, wenn auch mit zunehmender Mühe in den Hintern, beziehungsweise rammt ihnen seine Adamantiumkrallen in den hohlen Schädel. Gewalt bleibt in diesem - ›Deadpool‹ sei Dank - von den Zwängen des PG-13 Kinderfilms befreiten Films nie ohne Konsequenz. Aber ›Logan‹ verkommt nicht zu einem Schlachtfest. Die Anwendung von Gewalt hat immer fatale Folgen. Und diese Logik wird in ›Logan‹ schonungslos durchdekliniert. Der Film ist kein Schwanengesang auf das Superhelden-Genre (wobei er die X-Filme Reihe sprichwörtlich zu Grabe trägt), sondern zeigt auf, wohin sich dieses Genre entwicklen kann, wenn die Themen, die es behandelt aus dem Kinderzimmer hinausführt werden und diese aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung koppelt. 

Mangold inszeniert den Film lakonisch und geerdet. Es ist schon im Gespräch, dass der Film in einer Schwarzweiss-Fassung erneut die Kinos kommt. Daher habe ich die Stills für diese Rezension schon einmal dahingehend bearbeite. Die Wucht des Films - und seine Nähe zu dem Western Genre - könnte sich durch eine solche Bearbeitung sicherlich noch stärker entfalten. Der Film hat Überlänge, aber nicht weil er vollgestopft ist mit überbordendem CGI-Feuerwerk, sondern weil der Film sich für seine Figuren und die Handlung Zeit lässt. Der moralische Verfall der amerikanischen Gesellschaft wirkt hier wie eine düstere Mahnung an alle, die die Welt und ihr System unbedingt brennen sehen wollen. Denn die Abkehr von Demokratie und Gemeinsinn bezahlen immer die Schwächsten und Hilflosesten der Gesellschaft mit Schmerz und Tod. Und wie der Film zeigt, kann man ganz schnell zu dieser Gruppe gehören …