Der Kuaför aus der Keupstrasse (2015)

Am 9. Juni 2004 erschütterte eine Bombenexplosion die Kölner Keupstraße. Eine Nagelbombe detonierte in der vorrangig von türkischstämmigen Anwohnern bevölkerten Geschäftsstraße und verletzt 22 Menschen, 4 davon schwer. Der Kuaför aus der Keupstraße, ein türkischer Frisiersalon, trug die schwersten materiellen Schäden davon.
Doch nach der Explosion folgt die Implosion des Glaubens der Bewohner der Keupstraße. Die polizeilichen Ermittlungen richten sich zunächst ausschließlich gegen die Anwohner der Straße selbst. Ein rechtsradikaler Anschlag wird rigoros ausgeschlossen.

Erst die 2011 aufgenommenen Ermittlungen gegen die Mitglieder des Nationalsozialistischen Untergrunds machen schnell klar, dass die jahrelang geäußerten Vermutungen der Anwohner, Opfer eines Terroranschlags geworden zu sein, der schrecklichen Wahrheit entsprechen.
Zehn Jahre nach dem Anschlag besucht Dokumentarfilmer Andreas Maus die Anwohner und Betroffenen in der Keupstraße und lässt sie in ruhigen und anrührenden Bildern, zum Teil unterstützt durch die Einsatz von Schauspielern, die die Verhörprotokolle der Polizeiermittlungen wiedergeben, ihre Geschichten erzählen.
Maus trifft damit genau den richtigen Ton, denn die Bewohner der Keupstraße sind in erster Linie keine ›Ausländer‹, sondern Bürger der Bundesrepublik Deutschland, die ihrem Alltag als kleine Geschäftsleute nachgehen wie jeder andere Bürger dieses Landes auch. Das einzige, was die Anwohner der Keupstraße besonders macht, ist der Generalverdacht, unter den sie automatisch seitens des Rechtsstaates standen. Der Film bezieht keinerlei Position, hat aber bei mir den Eindruck hinterlassen, dass bei den polizeilichen Ermittlungen eindeutig mit zweierlei Maß gemessen wurde. Und mehr als einen feuchtwarmen Händedruck vom Bundespräsidenten bekamen die unter Generalverdacht stehenden Oper des Anschlags auch nicht.
Zurück bleibt beim Zuschauer das ungute Gefühl, dass die freiheitliche demokratische Grundordnung weitaus instabiler ist, als bisher angenommen.
Allein schob für diesen Erkenntnisgewinn ist der Dokumentarfilm von Andreas Maus sehenswert.