Iron Man - Der neoliberale Held

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Eine Retrospektive der Superhelden Filme des ›Marvel Cinematic Universe‹. Basierend auf den Artikel von Matt Goldblatt im Collider Magazin, April 2015.

Die Geschichte des Marvel Filmuniversums, des sogenannten ›Marvel Cinematic Universe‹ beginnt im Jahr 2008. In diesem tritt das Filmgenre der Comicverfilmung und dessen Unterkategorie, der Superheldenfilm in eine bedeutsame Phase ein. Superheldenfilme sind ab diesem Jahr nicht mehr Nischenprodukte, sondern erreichen ein breites Massenpublikum. Zudem wurde das transmediale Konzept des Filmuniversums etabliert und es wurden für einen bestimmten Typ von Protagonist zwei tonal vollkommen unterschiedliche Entwürfe vorgestellt.

›Iron Man‹ (R: Jon Favreau) kam am 1. Mai 2015 in die deutschen Kinos, ›The Dark Knight‹ (R: Christopher Nolan) am 21. August. Beide Filme haben den modernen Superheldenfilm bedeutsam geprägt. Ersterer vertritt eine leichtere, naivere Seite der Comicverfilmung, letzterer steht für eine dunklere, mehr in der Realität verankerten Perspektive.
Beide Seiten dieser Medaille der Comicverfilmung werden durch einen bestimmten Typus von Superhelden repräsentiert - den des Milliardärs, der rein formal eigentlich kein Superheld ist, der aber seinen Reichtum und seine Genie dazu verwendet, um, nach einem persönlich tragischen Schicksalsschlag, ein Superheld zu werden.
Während ›The Dark Knight‹ nur für sich genommen ein bedeutsamer Film wurde, legte Iron Man durch Einfallsreichtum, Risiko und glücklichen Zufällen den Grundstein für ein filmisches Universum, das bis dato zehn weitere Filme zur Folge hatte.

 Der spätere 'Iron Man' Tony Stark (Robert Downey Jr.)

Der spätere 'Iron Man' Tony Stark (Robert Downey Jr.)

Der Film, der wegen einer chaotischen Vorproduktionsphase als Arbeitsgrundlage nur über eine grobe Gliederung und improvisierte Szenen verfügt, beginnt rasant mit einer ›kalten Eröffnung‹, einem ›Cold Open‹. In weniger als zwei Minuten erfahren wir alles, was wir über den Protagonisten, Waffenhändler Tony Stark (Robert Downey Jr.) wissen müssen. Er ist furchtlos, schlagfertig, charmant und arrogant - und das Publikum liebt ihn sofort.
Und dann greifen Terroristen seinen Militärkonvoi an.

Regisseur John Favreau skizziert mit groben, intelligent gesetzten Strichen Tony Starks Charakter und kreierte damit ungewollt die Formel für jede, diesem Film folgende, Episode in der Meta-Erzählung des Marvel Filmuniversums:
Ein Marvel Film ist unterhaltsam, heiter aber auch spannend und individuell und wird von einem perfekt besetztem Ensemble getragen. Obwohl im Fall von Iron Man die Idealbesetzung für Tony Stark nicht gerade die erste Wahl des damals noch jungen Studios war.

 Vom Waffenhändler zum Waffenschmied

Vom Waffenhändler zum Waffenschmied

Die Rolle des Tony Stark mit Robert Downey Jr. zu besetzen, bedeutete ein hohes Risiko, den Downey war praktisch nicht zu versichern, eine wichtige Voraussetzung für ein Filmstudio, um etwaige Produktionsausfälle durch einen Schauspieler abzufedern.
Downeys Schauspielerkarriere war eine Aneinanderreihung von Drogenexzessen. Vor Gericht wegen seines Drogenkonsum sagte er aus: »Es ist als hätte ich den Lauf einer Schrotflinte in meinem Mund, den Finger am Abzug und ich genieße dabei den Geschmack des Metalls in meinem Mund.« Dieser lebenden Zeitbombe, diesem Schauspieler, so talentiert er auch auf der Leinwand war, wurde nun also damit betraut die Hauptrolle im ersten unabhängig produzierten Film der Marvel Studios zu spielen und um darin einen, bis dato dem Filmpublikum vollkommen unbekannten, Superhelden zu verkörpern.

Stellen Sie sich einen anderen Schauspieler in der Rolle des Tony Stark vor: Richtig. Sie können es nicht. Viele glauben, dass Downey Tony Stark gar nicht ›spielt‹, denn der Schauspieler dehnt sein Rollenspiel als Tony Stark gern auch bis in die Gespräche mit der Presse aus. Downey wirkt als Tony Stark menschelnd, charismatisch und sympathisch, aber mit der richtigen Prise von Arroganz, die aus irgendeinem Grund auf den Zuschauer einnehmend wirkt. Robert Downey Jr. war die perfekte Besetzung für Tony Stark und John Favreau wusste dies, nicht nur durch Downeys Spiel, sondern auch durch das Privatleben des Schauspielers. Er war ein talentierter Typ der tief gefallen war und nun den Versuch eines Comebacks wagte.
In der ersten Einstellung in der wir Tony Stark auf der Leinwand sehen, hält er einen Drink in der Hand und verweist damit auf eine der wichtigen Erzählungen der Iron Man Comics, ›Demon in a Bottle‹.

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Doch für den Rest des Film legt Iron Man eine mögliche Düsternis der Erzählung beiseite und verfällt in einen leichteren Tonfall, wobei die beunruhigenden Schattenseiten von Reichtum und Erfolg durchaus noch anklingen.
Tony Stark ist Bruce Wayne ohne brütende Bitterkeit und darin liegt eine erfrischende Ehrlichkeit. Beide Helden sind selbstverliebte Männer die sich hinter Masken der Selbstlosigkeit verstecken. Doch Tony Starks Egovisier bleibt immer offen. Immer und jederzeit ist Tony Stark davon überzeugt davon, dass seine Waffen der Wahl die Besten sind, nur er der richtige Held für jedwede Mission ist, und er dabei natürlich auch am besten aussieht. Wenn es Tony nur um die Mission ginge, würde er in den Anstrich seiner Superhelden Rüstung kein ›Ferrari-Rot‹ mit hinein mischen. Für Tony Stark geht es immer nur um Selbstbeweihräucherung, aber Dank Downey und Favreau, empfinden wir diesen Ego-Trip als unwiderstehlich.

Filme des Marvel Studios stehen heute für unterhaltsame Kassenschlager, die ihre Wurzeln im Medium Comic nicht verleugnen und wenn sie auch zeitweise düstere Töne (wie z.B. das Thema eines NSA-Überwachungsstaates im Staate in Filmen wie ›The Return of the First Avenger‹ (2014)) anschlagen, so bestehen sie vornehmlich aus sympathischen Charakteren, grellbunten Farben und viel Humor.
›Iron Man‹ setzt hierbei den Ton für das gesamte Marvel Filmuniversum, dem Marvel Cinematic Universe (kurz MCU). Alles, was diesen Ton nicht trifft (z.B. ›Der unglaubliche Hulk‹) wirkt im Nachhinein seltsam deplatziert.
Jon Favreau kreierte mit ›Iron Man‹ einen poppigen, faszinierenden Stil, der die Entwicklung von Sam Raimis ›Spider-Man‹ und ›Spider-Man 2‹ fortsetzte, indem er die in den Comics enthaltenden Elemente aus ihrer bunten, vierfarbigen Welt in eine Welt mit realistischen Zwischentönen transferierte.

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Eine der besten Superheldenfilm-Momente ist der, in der Tony Stark seine ›Repulsoren‹ für den Flug testet. Nachdem er gegen eine Wand, auf seine Sammlung klassischer Oldtimer und sein Labor gefallen ist, gelingt es ihm seinen Flug unter Kontrolle zu bekommen und bemerkt dazu lapidar: »Ja. Ich kann fliegen.« Diese Szene ähnelt der, wenn Peter Parker (Tobey Maguire) beginnt sein erstes Spinnennetz zu weben, aber hier liegt mehr Hybris in der Feststellung, was wiederum den Charakter der Figur von Tony Stark entspricht und Iron Man von jedem anderen Superhelden unterscheidet.

Diese Form des lässigen Auftretens ist einer der zahlreichen Errungenschaften des Films. In vielerlei Hinsicht ist Tony Stark eine viel düstere Figur als Bruce Wayne, denn Tony brütet nicht vor sich hin. Er zaudert nicht. Seine Selbstsicherheit ist nicht seine Achilles Ferse, aber sie wirkt dennoch angenehm und verstörend zugleich.
Iron Man ist kunstvoll genug inszeniert um dem Zuschauer vergessen zu lassen, dass Tony Stark Menschen ohne mit der Wimper zu zucken, tötet und geht weit über Batmans Tätigkeitsfeld, in der düsteren Metropole Gotham die Verbrecher den Autoritäten zu übergeben, hinaus.
Tony Stark nimmt es mit der ganzen Welt auf, tötet Menschen wie es ihm gefällt und verantwortet sich dafür vor niemanden. Wenn in seiner Mission auch ein nobler Kern steckt - Er versucht die in seiner Vergangenheit als Waffenhändler begangenen taten zu sühnen und begibt sich dabei nun selbst in Gefahr - so bleibt sein Handeln auch immer reiner  Ego-Trip.

›The Dark Knight‹ wird als Post-Nine-Eleven Superheldenfilm definiert, da es sich bei dem Filmbösewicht ›Joker‹ um einen Terroristen handelt und stellt die Frage, wie man mit dem Phänomen Terrorismus umgehen soll, wenn der reale Krieg gegen den Terror in Übersee Amerika deutlich gemacht hat, dass die US-Armee nicht in der Lage ist in einem Land wie dem Irak Frieden zu schaffen.
uperhelden Filme können hier als Wunschmaschine fungieren — In der Welt nach dem 11. September wirkt es zu mickrig nur ein paar Ganoven auf der Straße dingfest zu machen. 

Sowohl ›The Dark Knight‹ als auch ›Iron Man‹ kommen für dieses Problem zur selben Lösung. Zur Heldentümelei braucht es immer noch einen einzelnen, eigenmächtig Handelnden. Aber während ›The Dark Knight‹ die Schattenseiten von Selbstjustiz bearbeitet, (um dann am Ende des Films dieses Handeln wieder triumphierend zu feiern), bedient  ›Iron Man‹ ganz die Schiene des neoliberalen Hurra-Patriotismus, wenn Tony Stark vor Militärs erklärt: »Die bösen Jungs werden sich nicht aus ihren Höhlen trauen.«
Iron Man fliegt in seiner ersten, selbstgewählten Mission in den Mittleren Osten und erledigt dort selbst, was das US-Militär nicht vermag. Wenn Amerika einen echten ›Iron Man‹ zur Verfügung hätte, dann würde dieser den Krieg gegen den Terror gewinnen und Tony Stark würde nicht zögern ein ›Mission erfolgreich!‹ Banner hinter sich her zu ziehen.

Favreau und Marvel Studios Chef Kevin Feige haben sicherlich nicht beabsichtigt aus Tony Stark eine idealisierte, neoliberale Figur nach Ayn Randscher Prägung zu kreieren. Man darf eine solche Ideologie selbstverständlich nicht gut heißen. Aber es ist gut, dass sie eine Schicht im Sediment des Filmes bildet, die vom bunten Zuckerkuss der Comicverfilmung nur unzureichend bedeckt wird.
Der Stil des Films war eine große Sorge sowohl bei den Machern als auch den Fans des Comics und das Ergebnis ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass der Film kein Drehbuch zur Grundlage hatte.

Ein fertiges Drehbuch wurde als Priorität hinten angestellt, als das Studio beschloss mit zahllosen Szenen und notwendigen Neudrehs den Film erst am Schneidetisch entstehen zu lassen. Aber genau diese lockere Form des Filmemachens verleiht dem Film seine freche Qualität, die allerdings, gerade im letzten Akt des Films, an der Grenze des Lächerlichen balanciert, die aus Tony Starks Partner Obediah Stane, der sich als Bösewicht entpuppt, zu einer Karikatur schrumpfen lässt, die seine Geheimpläne auf seinem Laptop mit ›Geheim‹, ›Streng Geheim‹ und ›Ultra Geheim‹ kennzeichnet und in dieser Rolle Jeff Bridges zu Sätzen verdonnert wie: »Tony Stark hat das ja auch hinbekommen! In einer Höhle! Mit einem Haufen Schrott!«

Doch ›Iron Man‹ hat auch eine Menge netter Kleinigkeiten zu bieten. Wie z.B. JARVIS (gesprochen im Original von Paul Bettany) als eine neue Form des ›Sidekick‹ und eine köchelnde Attraktion zwischen Pepper (Gwyneth Paltrow) und Tony, die nicht einmal in einer Superhelden typischen Kussszene mündet.
Außerdem erlebt man mit diesem Film die Geburtsstunde zweier wichtiger, wiederkehrender Tropen die in zukünftigen Marvel Filmen immer wieder auftauchen werden:
Da wäre zunächst: »Der weise Wissenschaftler/Mentor, der sterben muss, um den Helden die Motivation für den Übergang in den nächsten Akt zu ermöglichen«, sowie
»Der Held bekämpft eine dunklere Version seiner selbst.«

Aber ›Iron Man‹ hat als Superheldenfilm mehr zu bieten, als nur eine Aneinanderreihung generöser Tropen. Es war ein Film voller Risiken, fand eine eigenständige Sprache, weitab von den herkömmlichen Superheldenfilmen und ließ seinen Helden am Schluss verkünden: »Ich bin Iron Man.«
Tony Stark ist am Ende des Film derselbe geblieben, hat durch den Sieg gegen innere und äußere Dämonen jedoch dazu gelernt und ist bereit dazu Verantwortung zu übernehmen und amerikanische Interessen in der Welt zu vertreten (wenn auch diese amerikanischen Interessen nicht zugleich automatisch im Interesse der Weltgemeinschaft liegen und damit nicht ausschließlich fröhlicher und demokratischer Natur sind.)
Tony Stark ist kein Dunkler Ritter. Er ist nicht einmal im klassischen Sinn ein Held. Aber genau das macht den Reiz des Films aus, dass er sich den klassischen Vorgaben einer Comicverfilmung entzieht und aus dem Stand Marvel zu einer Marktmacht katapultierte, mit der man zu rechnen hat.

Doch die Geschichte war noch nicht am Ende angelangt:

»Ich bin Iron Man. Glauben sie, dass sie der einzige Superheld auf dieser Welt sind? Mr. Stark sie wurden Teil eines größeren Universums von dem sie bisher noch nichts wussten.« erklärt der ominöse, einäugige Nick Fury (Samuel L. Jackson) dem verdutzen Tony nach dem Abspann des Films. »Ich möchte mit Ihnen über die Rächer-Initiative reden.«
Mit dieser Szene begann das größte Wagnis der bisherigen Filmgeschichte.
Doch der nächste Marvel Film hatte von diesem Wagnis noch nichts mitbekommen.


Nächster Film: Der unglaubliche Hulk