Und wieder ist es Nacht - Sprache & Subtext

sprache-subtext.jpg

Die Sprache, die ich in der Eröffnungsszene von ›escape‹  gewählt habe, ist roh und unanständig. Einerseits wollte ich damit die ausweglose Situation von Lisa Arnold illustrieren, andererseits die Gefahr unterstreichen, die von den beiden Figuren Spyder und Donkey Kong (die wir später als Ronald und Lacey kennenlernen) ausgeht.
Ein Bekannter von mir fühlte sich durch diese Sprache persönlich beleidigt: »Die Geschichte ist gut, aber diese Ausdrücke!« Um dies kurz klarzustellen: Als Autor muss man die Sprache wählen, die man für seine Figur als angemessen erachtet. Wenn man den ›Ton‹ einer Figur falsch trifft, ›hört‹ der Leser, dass die Figur ›unecht‹ klingt. (Die Dialoge zahlreicher Telenovelas und Soaps - und leider auch viele deutsche Fernsehspiele - verwenden (leider) diese Methodik. Die Figuren darin sagen ihren Text auf, der gedruckt vielleicht gut aussieht, ein normaler Mensch aber nie in dieser Situation so sagen würde. Der Grund dafür ist, dass der Zuschauer dieser Sendungen dem Inhalt auf Folgen können soll, wenn er beim Bügeln auch mal nicht auf den Schirm sieht. Nun, ich persönlich würde dafür plädieren Geschichten zu kreieren, die einen so fesseln, dass man das Bügeleisen beiseite legt, aber leider halten viele deutsche Fernsehmacher ihr Publikum für genauso dumm wie sie selbst für dumm halten. Daher sind auch so viele amerikanische Serien in Deutschland beliebter als deutsche Serien.) Meine beiden bösen Buben sprechen die Sprache, die meiner Vorstellung solch ungehobelte Figuren sprechen sollten. Seitdem Roland Barthes mit dem Mythos in seinem Buch »Der Tod des Autors« damit aufgeräumt hat, dass der Autor eines Textes so wichtig ist wie der Text selbst, muss man eigentlich diese Fragen nicht mehr diskutieren, aber an dem Beispiel mit meinem Bekannten habe ich selbst erlebt, dass man immer wieder erklären muss, dass man Ansichten und Sprache von Figuren in seinen Geschichten, die man sich ausdenkt nichts mit den eigenen Ansichten und der eigenen Sprache zu tun haben müssen.
Um meinen Punkt zu illustrieren, hier wieder ein paar Beispiele:

Zunächst eine Szene aus Thomas Thiemeyers ›Medusa‹ (2004). Wir sind   in der Sahara. Die Archäologin Hannah Peters bekommt Besuch von der Expeditionsleiterin Irene Clairmont:

»Dr. Peters, endlich lernen wir uns kennen.« Ihre Stimme klang tiefer als im Fernsehen. »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich mich freue.« Sie tauschten einen warmen Händedruck. »Es ist mir furchtbar unangenehm, dass wir hier so hereinplatzen. Ich kann mir vorstellen, wie das auf Sie wirken muss. Und dann noch mit diesen scheußlichen Kisten«, sie deutete auf die Autos. »Sponsoring von American Motors General. Da kann man nichts machen.« Sie zuckte mit den Achseln. »Aber kommen wir zu angenehmeren Dingen. Darf ich Sie mit Vornamen anreden?«
»Gerne«, antwortete Hannah, ehe sie sich darüber im Klaren war, ob sie das überhaupt wollte. Doch die Offenheit dieser Frau war auf positive Art überwältigend. Irene Clairmont verfügte über Charisma, so viel war sicher. Die Falten um ihren Mund ließen zwar auf eine gewisse Härte schließen, aber ihr Auftreten war rundherum sympathisch.
»Ich freue mich ebenfalls, Irene. Wir haben euer Flugzeug bereits vor zwei Tagen gesehen. Gab es Schwierigkeiten mit den Behörden?«
Die Expeditionsleiterin winkte ab. »Das Übliche. Umständliche Anmeldeformalitäten, teure Expeditionsfreigabescheine, Drehgenehmigungen und jede Menge Versorgungsprobleme. Sie sehen die Ausrüstung, und dann geht das Feilschen los. Dadurch, dass sich das Land praktisch im Bürgerkrieg befindet, sind die Formalitäten noch komplizierter geworden. Präsident Bouteflika und die Generäle, zu deren Marionette er sich gemacht hat, haben den Kuchen zwar längst unter sich aufgeteilt, aber sie können sich nicht einigen, wer das größte Stück bekommen soll. Im Grunde wird das Spiel in den meisten Ländern der Welt auf dieselbe Art gespielt. So oder so. Kommen wir lieber zu angenehmeren Dingen.«

Im Grunde ist mit dieser Szene alles in Ordnung. Zwei Frauen treffen sich, stellen sich vor und halten eine gepflegte Konversation. Nebenbei werden Informationen über das ›Setting‹, das Umfeld der Geschichte eingeflochten. Thiemeyer ist nicht umsonst ein erfolgreicher Autor. Doch was mich persönlich an dieser Form von Dialog stört ist, dass er keinerlei Subtext enthält.
Der Subtext einer Szene ist das, worum es eigentlich bei einer Szene geht, was im Dialog aber nicht gesagt wird. Wir als Leser müssen den Subtext einer Szene erraten, bzw. Fühlen.
Thiemeyer muss uns erklären, dass Hannah sich von Irene ein wenig überfahren fühlt. 
Es werden Informationen (die zweifellos für die Geschichte wichtig sind, oder zumindest für den Autoren so wichtig sind, dass der Leser sie lesen muss) ausgetauscht, aber wenig über die Emotionen der Figuren verraten. Um klar zu stellen, was ich meine, hier eine Szene aus David Baldaccis ›Der Killer‹ (2012) 

Wir sind in Washington. Der im geheimen als Auftragskiller arbeitende Robie trifft beim Training im Fitnessraum seines Apartmentgebäudes eine junge Frau mit Namen Annie Lambert. Hier ein Auszug aus dem Dialog. Robie beginnt:

»Ein harter Tag im Büro? Wo arbeiten Sie?«
»Im Weißen Haus.«
»Tatsache? Ganz schön beeindruckend.«
»An manchen Tagen kommt einem das alles andere als beeindruckend vor. Was ist mit Ihnen?«
»Investments.«
»Sind Sie bei einer dieser großen Beraterfirmen?«
»Nein, selbstständig. Immer schon gewesen.« Robie legte sich das Handtuch über die Schultern. »Tja, dann will ich Sie mal Ihrer Entspannung überlassen.« In Wahrheit wollte er noch nicht gehen.
Vielleicht spürte sie es. Sie stand auf und sagte: »Ich bin Annie. Annie Lambert.«
»Hallo, Annie Lambert.«
Sie schüttelten sich die Hände. Ihre Finger waren schlank und überraschend kräftig.
»Und Sie heißen?«
»Robie.«
»Ist das Ihr Vorname oder Nachname?«
»Nachname. Er steht auf dem Briefkasten.«
»Und Ihr Vorname?«
»Will.«
»Das war jetzt schwieriger als nötig.« Sie lächelte.
Unwillkürlich erwiderte er ihr Lächeln. »Ich bin nicht gerade der kontaktfreudigste Mensch auf Erden.«

Baldacci gelingt es hier mit ein paar Zeilen Dialog einen Tanz der beiden Figuren zu beschreiben. Was die Figuren nicht sagen, ist was genauso wichtig, was sie sagen.
Für mich ist der Subtext der Szene, das Robie, der einsame Wolf eigentlich niemand in sein Leben lassen will, aber aus irgendeinem Grund fühlt er sich zu Annie Lambert hingezogen, was über das offensichtliche (Sie ist eine attraktive junge Frau) hinausgeht.
Bei Thiemeyer schütteln sich die beiden Frauen die Hände:

Sie tauschten einen warmen Händedruck.

Das kann man schon so schreiben. Es soll wohl heißen, dass sie an dem Händedruck nichts unangenehmes ist. Mit anderen Worten: neutral.

Bei Baldacci heisst es:

Sie schüttelten sich die Hände. Ihre Finger waren schlank und überraschend kräftig.

Mit einer kleinen Ergänzung erfahren wir, wie sich die Hand von Annie Lambert für Robie anfühlt. Schlank. Also, typisch für eine Frauenhand. Aber auch überraschend kräftig. Annie Lambert ist kein schüchterner Mensch. Sie arbeitet im Weißen Haus. Sie weiß was sie will und drückt das mit ihrem Händedruck aus.
Damit weiß man sehr viel über die Figur, ohne viel Erklärung.
Bei Thiemeyer wird das für die Figur der Irene über die Falten um ihren Mund herum geklärt. Das eine ist Optik, das andere ist Haptik. Ich persönlich kann mir als Leser einen festen Händedruck besser vorstellen als über die Falten um den Mund herum auf die Persönlichkeit eines Menschen zu schließen. Aber jedem das seine.