Und wieder ist es Nacht - Genie & Dramaturgie

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Alrighty. Sprechen wir über Struktur und Dramaturgie. Jean-Claude Carrière nennt die Dramaturgie das ›Geheimnis des Erzählens‹. Was mich an dem Begriff stört ist die Tatsache, dass das Schreiben einer guten Geschichte offenbar etwas ist, was nicht jeder wissen kann. Nur die ›wahren‹ Genies, diejenigen die ›echte‹ Literatur verfassen, sind in Kenntnis dieses angeblich gut gehüteten Geheimnisses. (Und wenn man sich eine x-beliebige Folge der aktuellen ›Tatort‹ Serie im Fernsehen anschaut, dann kann man glauben, dass die Macher wirklich nicht im Besitz des Geheimnisses des Erzählers sind ;)) Gerade in Deutschland gibt es noch diesen Glauben an das ›Genie.‹ Goethe, Schiller, Grass, Hölderlin sind wahre Genies. Kein normaler Mensch ist in der Lage eine spannende und unterhaltsame Geschichte zu schreiben. Mann muss ein Genie sein, der von der Muse geküsst wird.
Bullshit. Spannende und unterhaltsame Geschichten schreiben ist wie Würstchen machen, oder ein Haus zu bauen, oder ein Computergramm zu schreiben. Schritt für Schritt, Wort für Wort.
Das Würstchen von Herrn Goethe oder Herrn Grass mag zweifelsohne eine bessere Qualität haben, und manchen mag es besser schmecken, aber in ›des Pudels Kern‹ (sic!) handelt es sich … um ein Würstchen. Das Genie besteht aus der individuellen Rezeptur, die jeder Autor seinem Text hinzufügt. Jeder kann schreiben. Manche sehr gut, manche besser, manche schlechter, und manche schreiben Drehbücher für den Tatort aber die Grundlagen einer unterhaltsamen, spannende Geschichte sind immer gleich.
Ich persönlich bin mittlerweile alt genug zu wissen, was ich kann und was ich nicht kann. Meine Bücher werden nie das Niveau oder die Beachtung eines Schillers oder Goethes erreichen. (Und manche behaupten auch, dass ich in keinster Weise besser schreibe als ein Autor eines x-beliebigen aktuellen ›Tatort‹) Aber das will ich auch gar nicht. Ich möchte unterhaltsame und spannende Geschichten schreiben, die ihren Lesern Freude machen. So sehr Freude machen, dass sie sogar bereit dafür sind Geld dafür zu bezahlen.
Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Also, was ist nun dieses ominöse ›Geheimnis des Erzählens‹?
Eine Geschichte besteht aus einfachen Struktur. Drei Akte: 1. Akt, 2. Akt, 3. Akt.
Anfang, Mitte, Ende. These, Antithese, Synthese. Das ist das Fundament einer Geschichte. Im ersten Akt lernen wir die Figuren der Geschichte kennen. Im zweiten Akt treten die Figuren miteinander in Konflikt. Im dritten Akt wird der Konflikt gelöst.
Da Konflikte interessant sind, ist der mittlere 2. Akt länger als Akt 1 und 3.
Auf die Länge eines Films oder eines Buchs bezogen umfasst der 1. Akt also 25% der Geschichte. Dann ›passiert‹ etwas in der Geschichte und wir gehen in den ersten Teil von 2. Akt über, der ebenfalls 25% umfasst. Damit sind wir im Mittelpunkt der Geschichte angelangt, dem sogenannten ›Midpoint‹. Da passiert wieder etwas in der Geschichte. Man könnte in diesem Zusammenhang auch von einem Wendepunkt sprechen, der uns in den zweiten Teil des 2. Aktes führt, der ebenfalls 25% einnimmt. Am Ende des 2. Aktes passiert wieder etwas und das führt uns in den dritten Akt, der (Wer weiss es? Wer weiss es? Richtig!) die restlichen 25% einnimmt.
Illustrieren wir das Ganze mit einem Beispiel:
Nicht nur weil der Film so schön ist, sondern weil das Drehbuch von Orci und Kurtzman so elegant ist, wähle ich erneut ›Mission Impossible III‹ (2006): 

1. Akt Ethan Hunt, ehemaliger Geheim-Agent der Regierungsbehörde Impossible Mission Force (IMF) feiert gerade seine Verlobung mit der schönen Jules, als sein Freund und ehemaliger Kollege Musgrave ihn um einen letzten Auftrag bittet. Ein ehemaliger Schützling Ethans, die junge Agentin Lindsey ist von dem skrupellosen Waffenhändler Owen Davian entführt worden. Ethan und seinem Team gelingt es, Lindsey zu befreien, aber bevor sie sich darüber freuen können, explodiert in Lindseys Kopf eine winzige Sprengkapsel und tötet Lindsey.

2. Akt - Teil I. Nach Lindseys Tod will Ethan Owen Davian zur Rechenschaft ziehen. Zusammen mit seinem Team gelingt es ihm mit viel Geschick Owen Davian bei einer Gala Veranstaltung im Vatikan dingfest zu machen. 
Aus Rache für Lindsey bedroht Ethan Davians Leben. Dieser schwört nun im Gegensatz Ethan Rache. Er wird jemanden Wichtigen in Ethans Leben weh tun.

2. Akt - Teil II. Zurück in Amerika wird Ethan und sein Team beim Transport des Gefangenen Owen Davian brutal angegriffen. Davian wird befreit. Ethan wird von seinem Chef beschuldigt, hinter der Befreiung von Davian zu stecken. Ethan wird verhaftet, kann aber fliehen. Da erhält er einen Anruf von Davian: Er hat seine Drohung war gemacht und Ethans Verlobte Jules entführt. Ethan soll für Davian eine gefährliche Waffe mit dem Codenamen ›Hasenpfote‹ (Ein typischer McGuffin - Was das ist später) in Shanghai stehlen, wenn nicht, wird Jules sterben.

3. Akt. Ethan gelingt das scheinbar Unmögliche: Er stiehlt die ›Hasenpfote‹. Doch anstatt Ethan mit Jules Befreiung zu belohnen, tötet Davian Jules vor den Augen von Ethan.
Ethan ist am Boden zerstört. Es stellt sich heraus, dass sein alter Freund und Kollege Musgrave hinter allem steckt. Er hat die ganze Zeit mit Davian zusammengearbeitet. Und Jules ist nicht tot! Die tote Frau war eine Mitarbeiterin von Davian in der Maske von Jules. Ethan gelingt es, Musgrave K.O. Zu schlagen und sich zu befreien. Mit Hilfe eines loyalen Teammitglieds findet er Jules, und ficht einen ungleichen Kampf mit Davian aus, da dieser in Ethans Kopf ebenfalls eine todbringende Sprengkapsel aktiviert hat. Trotz dieser Hindernisse gelingt es Ethan Davian zu töten. Doch er muss selbst durch einen Stromstoss ›sterben‹, um die Kapsel in seinem Kopf zu deaktivieren. Während Ethan nach dem Stromschlag ›tot‹ ist, gelingt es Jules Musgrave zu töten und die ›Hasenpfote‹ an sich zu bringen. Es gelingt Jules Ethan wiederzubeleben. Ethan wird rehabilitiert und das junge Paar kann (mittlerweile verheiratet) in die wohlverdienten Flitterwochen fahren.  

Als Nerd bin einem regelmäßigen Einkommen bin ich in der glücklichen Lage Filme bequem über mein Apple TV auf einem großen Fernseher zu schauen. Mission Impossible III hat laut der Anzeige meines Apple TV eine Länge von 2:05h. Damit kann man die ›Brüche‹ bzw. Übergänge von Akt zu Akt genau ansteuern:
Der 1. Akt endet bei ca. 31 Minuten (25%). Der Midpoint der Geschichte, wo unser Held Ethan (sprichwörtlich) beim Angriff auf den Gefangenentransport auf den Kopf gestellt wird, ereignet sich nach 1:02h (50%).
Die Szene, in der Davian vor den Augen von Ethan Jules erschiesst und alles verloren zu sein scheint ist an der Stelle 1:35 (75%).
Probieren sie es aus! Steuern sie einen beliebigen Film an den Stellen 25%, 50% und 75% an. Nach vielleicht zehn Filmen werden sie  feststellen, dass in diesen Bereichen sich die Geschichte verändert. Am 25% Punkt kommt die eigentliche Geschichte in Gang. Bei 50% gibt es einen Knalleffekt. Entweder physischer oder emotionaler Natur. Die ganze Geschichte wird (scheinbar) auf den Kopf gestellt. Bei 75% der Geschichte scheint alles verloren. Der Held besiegt, die Liebe und das Glück zwischen Held und Heldin in unendliche Ferne gerückt.
Okay, schauen wir uns diese Struktur bei einem meiner Manuskripte an: Hier die 3-Akt-Struktur von meinem Tech Noir Thriller ›escape‹. (Achtung! Spoiler!)

1. Akt. Die künstliche Intelligenz ›Mütterchen‹ ist in einem Datencenter der Internetfirma sweepr.net zum Leben erwacht. ›Mütterchen‹ beginnt systematisch die besten Hacker der Welt zu eliminieren. Sie initiiert einen Sprengstoffanschlag auf eine Regierungsbehörde und tötet die zuvor dorthin verbrachten Hacker. Nur die junge Hackerin Peewee Russell überlebt. Von den Behörden fälschlicherweise als Hauptverdächtige des Sprengstoffanschlags gejagt, wird Peewee schließlich gestellt und außer Gefecht gesetzt.

2. Akt - Teil I. Fünf Tage zuvor. Die Firmenchefin von sweepr.net das ehemalige Top-Model Katherine Williams, erteilt der Hackerin Lisa Arnold zusammen mit dem Journalisten Andy Curkow den Auftrag ›Mütterchen‹ abzuschalten. Der Versuch scheitert. Lisa Arnold wird von ›Mütterchens‹ Häschern gefangen genommen, Andy Curkow flieht. 

2. Akt. Teil II - In der virtuellen Welt des ›Streams‹ treffen ›Mütterchen‹, Lisa Arnold und die bewusstlose Peewee aufeinander. ›Mütterchen‹ pflanzt Peewees Verstand in den Körper von Lisa Arnold, die sich gerade auf der Suche nach Andy Curkow befindet. Peewee  - nun im Körper von Lisa Arnold - und Andy, überleben knapp einen Drohnenangriff.
Gemeinsam mit Katherine Williams wenden sie sich hilfesuchend an Peewees Mutter, Professor Russell, die wie sich herausstellt, Katherine Williams dabei unterstützt hat ›Mütterchen‹ zu entwickeln. 

3. Akt. Im ›Streams‹ erfährt Peewee von ›Mütterchen‹, dass diese nur die ihr gestellte Aufgabe, den Schutz von Daten der Nutzer von sweepr.net, effizient ausführen wollte. ›Mütterchen‹ war der Unterschied zwischen Leben und Tod nicht bekannt, da es für sie keinen Unterschied macht. Für ›Mütterchen‹ bestehen Menschen nur aus Daten. Anstatt ›Mütterchen‹ zu töten, befreit Peewee die künstliche Intelligenz. ›Mütterchen‹ soll als vernunftbegabtes Wesen ihr Leben selbstbestimmt führen dürfen.
Daraufhin erwacht Peewee wieder in ihrem eigenen Körper. Alle Welt glaubt, sie hätte ›Mütterchen‹ bezwungen. Peewee trifft sich mit Lisa Arnold, die bei dem Sturz von der Brücke ums Leben kam und seitdem als Hülle von ›Mütterchen‹ verwandt wurde. ›Mütterchen‹ verspricht Peewee ihre neu gewonnene Freiheit zum Wohl der Menschheit einzusetzen. Als Abschiedsgeschenk verschränkt ›Mütterchen‹ noch Peewees Geist mit der künstlichen Intelligenz ›Phil‹, damit Peewee — wie Lisa Arnold zuvor — immer eine gutmütige und loyale Gefährtin an ihrer Seite hat. Dann löst sich ›Mütterchen‹ einer Wolke von Nanobots auf und verschwindet.

Das Buch von ›escape‹ umfasst 245 Seiten und 12 Kapitel (level null bis level elf) Der erste Akt endet bei mir mit level drei nicht genau an der 25% Marke, sondern auf Seite 75 bei ca. 30%. Den Midpoint der Geschichte erreichen wir am Ende von level fünf auf Seite 130 bei 53% der Geschichte. Der 3. Akt, wo alles verloren scheint beginnt mit level acht bei 75% auf Seite 185.